Internationaler Frauentag 8. März 2001

Zum Internationalen Frauentag wollen wir hier ein Interview mit einer langjährigen Aktivistin der kommunistischen Frauenbewegung in der Türkei abdrucken. Diese Genossinnen arbeiten aufgrund der staatlichen Repressionen in der Türkei unter extrem schwierigen und gefährlichen Umständen" weshalb wir an dieser Stelle auch nicht den vollen Namen unserer Interviewpartnerin wiedergeben können. Wir denken" daß dieses Interview aber sehr viele interessante Aspekte hat und ein gutes Beispiel liefert" wie SozialistInnen den Kampf für die Befreiung der Frau angehen sollten.

 


Zum Internationalen Frauentag wollen wir hier ein Interview mit einer langjährigen Aktivistin der kommunistischen Frauenbewegung in der Türkei abdrucken. Diese Genossinnen arbeiten aufgrund der staatlichen Repressionen in der Türkei unter extrem schwierigen und gefährlichen Umständen" weshalb wir an dieser Stelle auch nicht den vollen Namen unserer Interviewpartnerin wiedergeben können. Wir denken" daß dieses Interview aber sehr viele interessante Aspekte hat und ein gutes Beispiel liefert" wie SozialistInnen den Kampf für die Befreiung der Frau angehen sollten.

 

Funke: Kannst Du uns etwas über Deine politischen Erfahrungen in der Frauenbewegung in der Türkei erzählen?


S: 1973 faßte die Führung der Kommunistischen Partei (TKP)" dass wir die Partei im Untergrund organisieren sollten. Diese Taktik war verbunden mit dem Versuch" legale Massenbewegungen" wie Gewerkschaften" eine Jugendorganisation und auch eine proletarische Frauenbewegung" aufzubauen. 1975 gründeten wir dann die Frauenassoziation. Wir begannen diese Arbeit mit nur so wenigen Kräften" ausgehend von den Arbeitervierteln und den Vorstädten. Schon sehr bald kamen wir aber in Kontakt mit Arbeiterinnen aus verschiedenen Fabriken.


F: Wie konntet Ihr den ersten Kontakt zu diesen Arbeiterinnen herstellen?


S: Von den kommunistischen Aktivisten in den Gewerkschaften bekamen wir die Adressenlisten mehrerer Gewerkschaftsgruppen und wir fragten die organisierten Arbeiter" ob wir die Arbeiterfamilien in den Vorstädten besuchen können. Als wir ihre Erlaubnis bekamen" begannen wir mit unseren Aktivitäten.

Zu allererst boten wir diesen Frauen Kurse an" wo sie schreiben und lesen lernen konnten. Außerdem fragten wir kommunistische Ärzte und Krankenschwestern" daß sie für die Frauen und Kinder in den Arbeitervierteln kostenlose Gesundheitsvorsorge anboten.

Mit solchen Aktivitäten konnten wir das Vertrauen der Frauen gewinnen. Das war eine Voraussetzung für weitere politische Diskussionen mit diesen Frauen. Am Anfang besprachen wir Fragen" die für ihr eigenes Leben von Bedeutung waren" wie Frauenrechte.


F: Wie reagierten die Ehemänner dieser Frauen auf Eure Aktivitäten?


S: Nach einiger Zeit wurden wir von den Frauen zu ihnen nach Hause eingeladen" um mit ihnen über alle nur möglichen politischen Fragen zu diskutieren. Dabei wollten sie auch" daß wir mit ihren Männern diskutieren. In einer Gesellschaft" wie der türkischen" ist es eher ungewöhnlich" daß Männer Frauen zuhören. Durch geduldiges Erklären ist es uns aber gelungen" auch ihr Vertrauen zu gewinnen. Außerdem veranstalteten wir Picknicks für Arbeiterfamilien. Das waren alles Vorbedingungen dafür" daß wir größere Treffen mit Frauen organisieren konnten.

Bei allen unseren Aktivitäten betonten wir jedoch immer" daß die Frauenfrage auch eine Klassenfrage ist.


F: Kannst Du uns einen paar konkrete Beispiele von Eurer Arbeit geben?


S: 1977 gab es z.B. in den Metallfabriken große Streiks. Außerhalb der Fabrikstore errichteten die Arbeiter ein Camp" wo die Streikposten rund um die Uhr koordiniert und versorgt wurden. Da die Streikenden keine Löhne ausbezahlt bekamen" mußten wir eine Solidaritätskampagne organisieren" um Geld zu sammeln. Ihre Familien kamen ebenfalls und unterstützten die Streikposten und es wurde für die Arbeiter gekocht. Um Geld aufzutreiben" organisierten wir mit der Jugendorganisation Konzerte und Theateraufführungen. Diese Solidarität war eine gewaltige Erfahrung für uns alle.

In unserer tagtäglichen Arbeit in den lokalen Gruppen der Frauenassoziation hielten wir Seminare ab" um so das politische Verständnis der Frauen zu heben. In den Vorstädten setzten wir aufgrund der hohen Analphabetenrate zu diesem Zweck auch sehr viele audiovisuelle Mittel ein. Und mit unseren Betriebsrätinnen starteten wir eine Kampagne in den Fabriken. Bereits 1975 begannen wir mit der Herausgabe einer eigenen Zeitschrift in der Auflage von ca. 10.000 Stück" die zweimal im Monat erschien und vor allem frauenspezifische Fragen behandelte.


F: Gibt es in der türkischen Frauenbewegung auch andere Strömungen?


S: Die Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft sind ganz klar nach Klassen gespalten. Daraus resultiert auch die Spaltung der Frauenbewegung. Vor allem die Genossinnen in der Bürokratie der TKP kamen mit der Zeit sehr stark unter den Einfluß eines kleinbürgerlichen Feminismus und rückten immer stärker von der Arbeiterbewegung ab. Auch bei sehr vielen Frauen aus der linksradikalen Szene sehen wir eine wachsende Identifikation mit feministischen Ideen. Diese Feministinnen brachen mittlerweile mehrheitlich mit jeglichem marxistischen Gedankengut und unterstützen nun offen bürgerliche Frauenorganisationen. Bei den Wahlen machen sie sogar Kampagnen für die Wahl von bürgerlichen Kandidatinnen" Hauptsache es handelt sich um eine Frau!


F: Nach dem Aufstieg der türkischen Arbeiterbewegung in den 1970ern gab es eine reaktionäre Gegenoffensive. Wie hat das Eure Arbeit beeinflußt?


S: Am 1. Mai 1977 gab es in Istanbul eine riesige Demonstration mit über einer halben Million Arbeitern und Arbeiterinnen. Während der Demo töten Mitglieder einer offen antikommunistischen Organisation 35 Arbeiter/innen. Diese Provokation war direkt von der CIA unterstützt worden. Und das war der Wendepunkt in der gesamten Situation. Nach dem Massaker am 1. Mai ermordeten die Faschisten eine Reihe von kommunistischen Lehrern" Betriebsräten und Jugendlichen.

Als Antwort auf diese Verbrechen organisierten wir von der Frauenassoziation Kundgebungen mit dem Slogan "Stoppt die Leiden der Mütter!" Fast 50.000 Frauen kamen zu diesen Veranstaltungen. Die Frauen waren extrem wütend und entschlossen" deshalb konnten die Polizei und die Faschisten diese Veranstaltungen unmöglich verhindern.

Vor allem vor den Fabriken gab es auch immer wieder Auseinandersetzungen zwischen unseren Aktivistinnen und den Faschisten.


F: Wie siehst Du die Rolle der Frauen im Klassenkampf?


S: Ich denke" daß die Arbeiterbewegung nicht siegen kann" wenn die Frauen nicht eine aktive Rolle im Klassenkampf spielen. Sobald Frauen aktiv werden" sind sie sehr entschlossen und sie können eine entscheidende Rolle im Kampf spielen. Ich will Euch ein Beispiel geben. Ich kann mich da an einen großen Streik erinnern. Wir sahen" daß es enorm schwer sein würde" den Streik noch länger zu halten. Deshalb begannen wir mit einer Kampagne unter den Ehefrauen der Streikenden" großteils waren das Hausfrauen" und wir sagten ihnen" sie müßten ihre Männer unterstützen" sonst würden wir verlieren.

Ich wurde dann zu den Streikposten eingeladen" weil ich dort im Namen des Frauenkomitees eine Rede halten sollte. Meine Aufgabe war es den Streikenden wieder Mut zu machen. Nach meiner Rede sollte es eine Abstimmung geben" ob sie weiter streiken sollten oder aufgeben würden. Die Arbeiter waren bereits extrem demoralisiert" weil sie schon über längere Zeit hinweg kein Geld mehr erhalten hatten.

In meiner Rede gab ich dann ein Beispiel von einer der Hausfrauen" deren Mann auch unter den Streikenden war. Zu Beginn des Streiks war sie sehr skeptisch und wollte nicht" daß ihr Mann sich an dem Streik beteiligt. Durch unsere Arbeit in ihrem Stadtviertel änderte sie aber mit der Zeit ihre Meinung. Als ihr Mann eines Tages müde war und deshalb nicht zum Streikposten gehen wollte" würde sie wütend" sie nahm einen großen Stock und forderte ihn auf" sofort zu seinen Kollegen zu gehen" ansonsten würde sie ihn vor allen seinen Freunden und Arbeitskollegen verprügeln. Trotz Müdigkeit ging er dann trotzdem...

Nach meiner Rede stimmten die Arbeiter dann für die Weiterführung des Streiks!

Als Sozialisten und Sozialistinnen muß uns klar sein" daß der Kampf für die Emanzipation der Frau ein zentraler Teil des Klassenkampfes ist. Der Kampf für Sozialismus und der Kampf für Frauenbefreiung sind untrennbar miteinander verbunden. Das eine ist ohne das andere nicht möglich.

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