Interview mit Käthe Reichel

Weil sie „mit Hoffnung sterben“ will, reiste die 80-jährige Brecht-Schülerin und Schauspielerin Käthe Reichel kürzlich nach Venezuela. Hier ihre Eindrücke von der bolivarischen Revolution.


Weil sie „mit Hoffnung sterben“ will, reiste die 80-jährige Brecht-Schülerin und Schauspielerin Käthe Reichel kürzlich nach Venezuela. Hier ihre Eindrücke von der bolivarischen Revolution.

 

Mit Venezuela geht es mir wie mit meinem Garten, der zu Füßen der gewachsenen Hügel liegt, mit hohen Bäumenversehen, die hochhin an den Himmel stoßen und am Tag hinab sehen in einen großen See, wie in einen extra fürsie gemachten großen Spiegel, der den Bäumen im Herbst ihre welken Blätter zeigt. Über dieses Bild tief unten,wenn der kalte Wind den Blättern denTod bringt, können die Bäume imHerbst nur lachen; lachen weil siewissen es braucht nur kurze Zeit unddann arbeitet es unter den verborgenen Wegen so viel Saft aus den Wurzeln in die Äste rauf in die Zweige, dass der stolze Spiegel blamiert istund der Wind säuselt darauf fastfriedlich: „Sie kommen wieder, siekommen wieder! Seht nur, das erstegrüne Blatt ist aus der Rinde gesprungen!“

So rufe ich, wenn ich jetzt im Aprildas erste Blatt anmeinem Kirschbaum finde, „er ist nicht erfroren, der harte Winter hat ihn nicht umgebracht!“; und so rief ich am 25. Januar, als ich an der Humboldt-Universität den Film sah, der mit Hugo Chavézwährend des Staatsstreiches gedreht wurde.

Der Sozialismus kommt wieder im 21. Jahrhundert

Als wir am Ende des Films, auf denwir so lange gewartet hatten , endlichChavéz sahen, rief ich vollkommenunbeherrscht aus: “Da ist er, da ist er, er ist wieder da!“. Das Flugzeug der CIA blieb leer. Als ich auf diesesleergebliebene Flugzeug sah, habe ich mirgedacht: „Was für ein Volk, sie haben einfach den Präsidentenpalastgestürmt; haben ihn mit ihren Händen und Armen aus dem Keller geholt. Und die Putschistenhaben es nichtgewagt, vor den Augen des Volkesauf den Präsidenten zu schießen.“ So war es, so ist es.

Der Sozialismus kommt wieder im 21. Jahrhundert - kommt wieder nach einem Winter, der mehr als fünfzehnJahre dauerte; in denen den Menschenkalt wurde auf der Welt, nicht nurweil in den östlichen Ländern dieÖfen im Winter kalt blieben und ihrtägliches Leben plötzlich über Nacht ohne Arbeit in der Wärmestube der Suppenküche endete; jeder Tag , jede Woche, jeder Monat, jedesJahr: ohneZukunft. Aber von der kapitalistischen Demokratie mit der Freiheit von Vögeln ausgestattet, die nicht fliegen können.

Vögel, die sich nicht von der Erdeerheben können, Vögel ohne die wärmenden Federn, die die Natur ihnen schenkt, ohne Flügel um in ein Land zu fliehen, wo die Erkenntnis denVölkern nicht den Satz von HeinerMüller als Testament hinterlassen hat, als Menetekel jeden Tag an der Wand: „Das Böse ist die Zukunft“.

Wo aber jetzt nach 15 Jahren dieHoffnung einen erstenNamenin die Welt ruft: „Venezuela!“

Wo man mit seinem letzten Atem nicht die Welt verlassen, nicht sterben muss mit dem Gedanken, das Böse, das Herr Bush durch höchste Inspiration, und damit meint er Gott

persönlich, der Welt bescherensoll,für hundert Jahre ein Kreuzzug mitimmer neuenAngriffskriegen, da woÖl fließt. Dies böse ausgeheckteSpiel, ersonnen von fünfKanalien inseinem Kabinett, wird nicht die Zukunft für die noch ungeborenen Kinder sein, und nicht für die Kinder, diejetzt leben , da wo Chavéz atmet; die habe ich gesehen in Venezuela mit meinen eigenen Augen, als sie aus derSchule kamen in einer Schulkleidung, für alle gleich, für alle hübsch, so dass der Neid erst gar nichtseinebitteren Wurzeln schlagen kann. Aus diesen Schulen wo man Lehrer, dieaus Cuba kamen, ehrt.

Und dafür gehen viele feine Schuhejetztnach Cuba,wo man diese schönen Schuhe ehren wird, weil sie inVenezuela nicht für den Wegwurfzusammen geschustertworden sind, sondern für Freunde die man nicht bescheißt.

Frauen machen ihre Arbeit, und so fuhren wir in den Garten, wo ihre kleinen Kinder steckten. Die drängten, ohne sich zu stoßen, vor die Kamera und ich dachte: „So kleine gut erzogene Kinder habe ich das letzte Mal in der verpönten DDR gesehen. Unmöglich zu denken, dass die sich so entwickeln könnten wie die Kinder in Berlin in der traurigen Rütli-Schule, über die ich in der Zeitung lese, dass die Lehrer jetzt laut nach Hilfe rufen vor ihren Schülern.“ Und ich erinnerte mich auch an jenen 25. Januar in der Humboldt-Universität, als wir den Film über Chavez’ Rettung durch die Bevölkerung sahen. Da erhob sich am Ende des Films ein junger Mann in der Uni, der die klatschenden Hände in seinen Ohren nicht aushielt und sagte, er finde den Film nicht gut. Er sei jetzt in Caracas gewesen, die ganze Stadt wäre jetzt belagert, wäre bewaffnet, und in den Barrios, das ist der Ort für die Elenden, habe er tief gebückte Ratten gesehen, die vor ihm gekrochen seien auf den Straßen. Er meinte damit die alten Menschen.

Die Revolution von unten

Darum war ich froh, dass wir in Caracas gleich am zweiten Tag in die Barrios gingen. Wir trafen auf eine Gruppe junger Frauen, auf die, das wussten wir, Präsident Chávez stolz ist, weil sie das versuchen, was er sich wünscht: Die Revolution von unten. So haben also die Frauen beschlossen, dem Präsidenten Chávez einen Brief zu schreiben, in dem sie vorschlagen, das Geld des Staates, dass er für die Barrios liefert, nicht mehr, wie in einem Zwischenhandel, an eine Institution zu schicken, die es dann an die Barrios verteilt, sondern sozusagen vom Himmel auf die Erde nieder wie einen warmen Regen, der alles zum Wachsen bringt, also direkt an die Barrios schicken soll, weil die am besten wissen, was eine Gemeinde braucht. Dieser Brief wurde in diesen Tagen entwickelt, von allen Bewohnern beschlossen und unterschrieben und nun wird es spannend.

Spannend zu sehen, ob die direkte Verbindung zwischen ganz oben und ganz unten durchführbar ist. Dass der sogenannte Zwischenhandel, also die Institutionen, diese Bürokratien, auch eine gewisse Kriminalität verwalten in ihren Schubfächern, haben sie dem Präsident auch geschrieben, weil sie ihm vertrauen. Und ich fragte mich: „Gibt es noch irgendwo in einem letzten Zipfel dieser Welt einen Präsidenten oder einen Kanzler, von dem das Volk sagen würde: „Er ist kein Heuchler, auch kein Lügner, wir vertrauen ihm.“? Wie also ist das möglich, dass sie ihm vertrauen? Man kann, ja man muss das aus ihrer Geschichte erklären: So wie vor 2006 Jahren ganz unerwartet ein junger Mann Gott seinen Vater nannte, denn er hatte bei Hohenpriestern die Geschichte über die Erschaffung der Erde gehört. So hörte der junge Chávez über die Menschen auf der Erde, dass sie nicht Menschen, sondern Sklaven waren in seinem Land.

Bis Bolívar, der Held, auftauchte und die Sklavenherrschaft in drei aufeinanderfolgenden Kriegen abschaffte. Das begeisterte den jungen Hugo Chávez so, dass er Bolívar zu seinem Vater machte, dass er sein Sohn sein wollte im 21. Jahrhundert und den Kapitalismus und den Imperialismus, die mit noch größerer Sklaverei jetzt die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer machten, als Herrscher ihres Landes nicht mehr sehen wollen. Solch Ziel, aufs Innigste zu wünschen allen Völkern, ist der Grund, warum sein Volk ihm traut, als wäre er ihr Vater.

 

 

Wer ist Käthe Reichel?

 

Gibt es das: eine geborene Schauspielerin? Vielleicht ja. Denn Käthe Reichel, geboren am 3. März 1926 in Berlin, hat nicht die „soliden“ Lehrgänge einer Schauspielschule genossen. Sie kam aus so genannten einfachen Verhältnissen, aus der Hannoverschen Straße. Als Kind verkaufte sie Fisch in der Markthalle und wurde zunächst eine gelernte Textilkauffrau. 1945 erhielt sie ein Engagement als Elevin beim Theater am Schiffbauerdamm. Die Anfängerjahre in Greiz, Weißenfels und Gotha waren steinig, von 1948 bis 1950 hatte Käthe Reichel ein Engagement am Volkstheater Rostock.

Das sprichwörtliche Schicksal, das Käthe Reichels Laufbahn die Wendung ins Große und Wichtige gab, hatte einen Namen: Bertolt Brecht. Der holte sie 1950 an sein Berliner Ensemble, das damals noch im Deutschen Theater zur Untermiete wohnte. Der Stückeschreiber als Regisseur formte das Talent, das er auf Anhieb erkannt hatte, zur Verkörperung seines eigenen Stils und weckte in der damals 24-Jährigen jenes politische Bewußtsein, das bis in die Gegenwart ein wichtiger Charakterzug ihrer Person ist. Am Schiffbauerdamm spielte sie das Gustchen im «Hofmeister» in Brecht-Nehers Inszenierung, war dann das Gretchen im «Urfaust» in Egon Monks Regie. Die Jeanne d'Arc von Anna Seghers unter Benno Besson eröffnete die Reihe der Johannen verschiedener Dramatiker, die sie noch spielen sollte. Die Shen Te/Shui Ta in Benno Bessons Inszenierung wurde eine ihrer wichtigsten Rollen.

Sie hat 1976 Unterschriften gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann gesammelt und war unter den Organisatoren der unvergessenen Großdemonstration des 4. November 1989 am Berliner Alexanderplatz (vgl. dazu „Sozialismus ist machbar“, derFunke/55). Sie fuhr nach Bonn und übergab dort 30 000 Unterschriften mit dem Verlangen, die Menschenrechtsgruppe der im Tschetschenien-Krieg protestierenden russischen Soldatenmütter sollte den Friedensnobelpreis erhalten und erhebt auch heute, mit mittlerweile 80 Jahren vor allem dann ihre resolut-zärtliche Stimme, wenn der (Un-)Geist der Zeit seine destruktiven Spiele treibt. Sie war auch Rednerin bei der Abschlußkundgebung der Anti-Kriegs-Demostration „Aufstehen für den Frieden“ am 13. Oktober 2001 in Berlin.

 

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