Klimafragen sind Klassenfragen

Die Anfang Februar veröffentlichte neueste Bericht des UNO-Weltklimarats IPCC ließ für einige Tage aufhorchen und löste eine hektische Debatte über die Folgen der zunehmenden Erderwärmung aus. Wir haben es schwarz auf weiß: Nicht nur in Bangladesh oder der Sahelzone, sondern vor unserer Haustür spielt sich die Klimakatastrophe ab.

Die Anfang Februar veröffentlichte neueste Bericht des UNO-Weltklimarats IPCC ließ für einige Tage aufhorchen und löste eine hektische Debatte über die Folgen der zunehmenden Erderwärmung aus. Wir haben es schwarz auf weiß: Nicht nur in Bangladesh oder der Sahelzone, sondern vor unserer Haustür spielt sich die Klimakatastrophe ab.

Wenn der Meeresspiegel innerhalb weniger Jahrzehnte im 1-2 Meter ansteigt, werden auch Nordseeinseln wie Sylt verschwinden. Schmelzen die Gletscher weiter mit rasantem Tempo ab, dann werden viele Alpentäler unbewohnbar. Selbst wenn der weltweite CO2-Ausstoß sofort gestoppt würde, sei weiter mit einem Anstieg von Durchschnittstemperatur und Meeresspiegel zu rechnen, so der IPCC-Bericht.
Doch wer gehofft hatte, dass Politik und Industrie nun endlich „aufwachen“ und handeln, der sah sich bitter enttäuscht. Wenige Tage später verhinderten Kanzlerin Merkel und EU-Industriekommissar Verheugen unter dem Diktat der deutschen Autoindustrie verbindliche Höchstwerte für Auto-Abgase. Bekanntlich produzieren deutsche Hersteller wie BMW, DaimlerChrysler und Porsche massenhaft Protz-Karossen und Spritfresser mit großem Hubraum. Deutschland ist nach wie vor das einzige Land der Erde ohne generelles Tempolimit auf Autobahnen. So ist den Konzernen das Hemd des Profits stets näher als unser aller Umweltrock.
Der IPCC-Bericht bringt auf den Punkt, was schon seit 1980 bekannt ist, aber weitgehend verdrängt wurde. US-Präsident Jimmy Carter (1977-81) gab damals eine Studie in Auftrag, die unter dem Titel „Global 2000“ für die Jahrtausendwende all das prophezeite, was sich nun vor unseren Augen abspielt. Ob Rückgang der Urwälder, Waldsterben, Vordringen der Wüsten, Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, saurer Regen, Überfischung der Meere, Zerstörung der Ozonschicht, knappes Trinkwasser, Erderwärmung durch Kohlendioxid – alles stand schon in Global 2000 drin.
Entschlossen gehandelt wurde seither nicht – weil Profitinteressen dem im Wege stehen. Die technischen Mittel, mit denen allen Menschen sauberes Trinkwasser, gesunde Ernährung, menschenwürdige Wohnung, medizinische Versorgung, Bildung und umweltschonende Energieversorgung und eine Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen gewährleistet werden können, sind schon längst vorhanden und würden nur einen Bruchteil dessen kosten, was die ungebremste weltweite Aufrüstung verschlingt.
Schon vor über 100 Jahren beschrieb der 1913 verstorbene SPD-Vorsitzende August Bebel die Möglichkeiten regenerativer Energiequellen: „Unsere Wasserläufe, Ebbe und Flut des Meeres, der Wind, das Sonnenlicht liefern ungezählte Pferdekräfte, sobald wir erst ihre volle und zweckmäßige Ausnützung verstehen“, so Bebel. Auf dem Stand der damaligen Solar-Technik und Anfänge der Photovoltaik wagte der SPD-Pionier gar eine kühne Prognose: „Einige Quadratmeilen in Nordafrika würden für den Bedarf eines Landes wie das Deutsche Reich genügen.“ Bebel zitiert in seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ deutsche und US-amerikanische Wissenschaftler, die sich schon damals intensiv mit einer rationellen Anwendung der Solarenergie befassten.
Wenn heute hingegen die erneuerbaren Energien in Deutschland immer noch erst 6,4% der gesamten Endenergiebereitstellung (Strom, Wärme, Kraftstoffe) ausmachen, so ist das Folge des Drucks der machtvollen Energiekonzerne und Erdölindustrie, die alternative Energien klein halten, solange noch riesige Ölreserven vorhanden sind und die Autoindustrie weltweit immer weitere Überkapazitäten ausbaut.
Die Klimakatastrophe kann nur noch mit radikalen, beherzten Schritten abgebremst werden. Kapitalistische Marktwirtschaft und Profitprinzip haben völlig versagt. Wir brauchen eine demokratische Wirtschaftsplanung und massive Investitionen für den Ausbau umweltfreundlicher Energieerzeugung und Verkehrssysteme. Vor allem: Wer die Klimakatastrophe abwenden will, der darf die Deutsche Bahn gerade jetzt nicht in private Hände legen, sondern muss sie als Rückgrat eines umweltfreundlichen öffentlichen und der Allgemeinheit dienenden Verkehrssystems ausbauen und somit einen Großteil des Straßenverkehrs überflüssig machen.

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