Kuba: "Ein Blockadetag bedeutet 139 Stadtbusse"

Auf dem großen Schild auf der Mauer heißt es: "Ein Blockadetag bedeutet 139 Stadtbusse“. Es besteht kein Zweifel darüber, dass Kuba an den Folgen der von den USA verhängten Blockade leidet. Obwohl man dem kubanischen Volk lebenswichtige Ressourcen verweigert, hat dieses eine bemerkenswerte Ausdauer und Erfindungsgabe an den Tag gelegt. Man sagt hier: "Todo se resuelve." Für alles gibt es eine Lösung.

Auf dem großen Schild auf der Mauer heißt es: "Ein Blockadetag bedeutet 139 Stadtbusse“. Es besteht kein Zweifel darüber, dass Kuba an den Folgen der von den USA verhängten Blockade leidet. Obwohl man dem kubanischen Volk lebenswichtige Ressourcen verweigert, hat dieses eine bemerkenswerte Ausdauer und Erfindungsgabe an den Tag gelegt. Man sagt hier: "Todo se resuelve." Für alles gibt es eine Lösung.

Wenn man durch die Straßen der Hauptstadt geht, kann man, ungeachtet aller Schwierigkeiten, überall Beispiele für diese Kreativität sehen. Busse werden oft aus Blechbüchsen zusammengebaut und anschließend auf die Ladefläche eines LKW gesetzt. Kinder bauen Roller aus alten Fahrradteilen. Alte Autos aus der Zeit vor 1958 zockeln auf gut Glück über die Straßen. Diese alten Modelle und LKWs stoßen dicken schwarzen Rauch aus, der die Straßen verpestet.

Im Bereich der Medizin und des Gesundheitswesens jedoch hat die Blockade den größten Tribut gefordert. Kindern, die an Nierenerkrankungen leiden, werden lebensrettende Medikamente verweigert. Dies ist nur ein Beispiel. Anfang der 1990er, nach dem Zusammenbruch der Subventionen durch die Sowjetunion im Tausch mit kubanischem Zucker, litten Menschen an Blindheit, die durch Vitaminmangel hervorgerufen wurde. Diese wurde mit den spärlichen Ressourcen geheilt.

Kubas Fähigkeit damit fertig zu werden und gleichzeitig anderen zu helfen, ist bewundernswert und ein Zeichen dafür, dass die Revolution trotz aller auftretenden Schwierigkeit am Leben ist. Obwohl das Land auf Geheiß der USA isoliert ist, hat Kuba eine Arzt-Patienten-Relation, die sogar bei den so genannten entwickelten Ländern Neid erweckt. Und während Kuba im Bereich der Gesundheitsfürsorge für sich selbst sorgen kann, exportiert es auch seine Fähigkeiten und sein Personal in andere Länder.

Die Zeitung Granma vom 28. Oktober berichtete folgendes Beispiel: Der pensionierte bolivische Offizier Mario Teran, der den tödlichen Schuss auf Che Guevara abgab, wurde in Bolivien bei der Operacion Milagro, die von kubanischen Ärzten durchgeführt wird, von seiner Blindheit geheilt. Seit 1963 hat Kuba medizinische Arbeitskollektive in Länder gesandt, denen es noch schlechter geht. Etwa 42.000 Angehörige aus medizinischen Berufen sind in 102 Ländern auf der ganzen Welt im Einsatz und 53.000 junge Menschen werden zu Medizinern in Kuba und in ihren eigenen Ländern von kubanischen Ärzten ausgebildet. 60 Millionen Menschen profitieren weltweit von dieser medizinischen Hilfe und seit Beginn des Hilfsprogramms sind ungefähr 300 Millionen behandelt worden. Seit Daniel Ortega im Januar erneut gewählt wurde, haben sich in Nicaragua etwa 10.000 Menschen einer Augenbehandlung durch kubanische Ärzte unterzogen und viele von ihnen sind jetzt erstmals in der Lage zu sehen.

Die gesamte Misión Barrio Adentro, welche arme Gemeinden in Venezuela medizinisch grundlegend versorgt, wäre ohne die 20.000 kubanischen Ärzte und Schwestern nicht möglich gewesen.

Das Votum der UN, das die USA aufforderte die Blockade zu beenden, wurde auf Kuba begrüßt. 184 Länder stimmten gegen die Blockade und nur vier waren dafür. Den USA gelang es drei Alliierte für ihre Politik aufzutreiben: Israel, die Marshall Inseln und Palau. Es bleibt aber die Frage, warum die Blockade nicht längst beendet wurde, obwohl die UN seit 1992 mehrheitlich dagegen gestimmt haben. Einerseits ist es klar, dass gegen UN-Entscheidungen durch mächtige Staaten ein Veto eingelegt werden kann und die Weltorganisation ein Instrument des Status quo auf globaler Ebene ist, das als Feigenblatt benutzt wird, wenn sie mit den Interessen des Imperialismus übereinstimmt und ausgeschaltet wird, wenn sie diesen Interessen widerspricht. Andererseits besteht die Notwendigkeit zur Schaffung einer von Arbeiterorganisationen initiierten Kampagne für eine wirkliche Verteidigung der Ziele der kubanischen Revolution.

Trotz der heroischen Versuche des kubanischen Volkes unter extrem schwierigen Bedingungen weiterzumachen, bleiben die Probleme bestehen. Unzählige Gebäude in Havanna, in denen viele Kubaner wohnen, sind baufällig. Straßen sind voller Schlaglöcher und wenn es regnet sind sie längere Zeit mit stehendem Wasser gefüllt, eine Brutstätte für Moskitos. Private Geschäftsräume werden regelmäßig durch die Anwendung von Rauch desinfiziert. Die Blockade Kubas hat auch dazu geführt, dass viele traditionelle Industrien, wie die Zuckerverarbeitung, vor dem Zusammenbruch stehen. Anders als in kapitalistischen Staaten sind die ArbeiterInnen aus der Zuckerindustrie aber in anderen Bereichen untergekommen oder man hat ihnen die Möglichkeit einer Vollzeitausbildung gegeben.
Den ZuckerarbeiterInnen Kubas ging es wie den BergarbeiterInnen in Großbritannien. Thatcher machte sich daran, den Bergbau zu zerstören, um die Bergarbeitergewerkschaft NUM zu zerschlagen. Die Zuckerindustrie auf Kuba ist durch das Ende der subventionierten Käufe durch die Sowjetunion und den Einsturz der Preise auf dem Weltmarkt zusammengebrochen und hat dazu geführt, dass der kämpferischste Teil der Arbeiterklasse in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurde.

Es gibt zwei konkurrierende Währungen, die offizielle nationale Währung und der konvertierbare Peso, der dem Dollar bei einem Wechselkurs von 1:1 gleich gestellt ist. Die nationale Währung wird verwendet, um Zeitungen, die öffentlichen Verkehrsmittel und Lebensmittel und Kleidung in bestimmten Geschäften zu bezahlen. Selbst wenn man arbeitet und seinen Lohn in der nationalen Währung ausbezahlt bekommt, finden es die meisten schwierig, damit über die Runden zu kommen. Wenn man Schuhe und bestimmte Kleidungsstücke kaufen will, braucht man den konvertierbaren Peso. Wie kommen normale Kubaner in dessen Besitz?
Erstens gibt es Geldsendungen, die kubanische Familien von Kubanern aus dem Ausland erhalten. Zweitens bekommen die Beschäftigten in der Tourismusbranche Trinkgelder von Ausländern. Drittens gibt es das Anquatschen, das "jineterismo" - die kubanische Variante von Prostitution, Schwarzmarkt, Drogenhandel. Meistens nähern sich junge Männer, aber auch immer häufiger Frauen den Touristen, und fragen nach der Uhrzeit. Wenn man antwortet, geht das Spiel weiter, bis man angebissen hat. Und das ist das Problem. Wie weiß man, dass ein Kubaner oder eine Kubanerin mit dir sprechen will, weil sie sich dafür interessieren, was du denkst oder herausfinden wollen, woher du kommst. Man weiß es nicht, bis man allmählich hinter die wahren Motive kommt.

Es gibt auch Menschen, besonders ältere, die sich mit dem Verkauf von Sandwichs an Straßenständen oder mit Betteln über Wasser halten.
Am schlimmsten ist der Anblick von Zuhältern und Prostituierten, die man an fast jeder Straßenecke im Touristenzentrum von Havanna sieht, während an der gegenüberliegenden Ecke Polizisten stehen, die nach Belieben jeden anhalten und seine Identität überprüfen können. Die Prostitution ist illegal und wird schwer bestraft.

Ein weiteres zunehmendes Problem sind die Straßendiebstähle, bei denen physische Gewalt angewendet wird, etwas was früher nicht existierte. Aber die Menschen wenden alle möglichen Mittel an, um zu überleben.

An jeder Straßenecke und in jedem Eingang stehen Gruppen von jungen Leuten, vor allem Männer, die nichts zu tun haben. Einige von ihnen scheinen Geld von Verwandten im Ausland zu bekommen, so dass sie ohne Arbeit leben können. Die Armut kann man daran erkennen, welche Nahrungsmittel und Kleidung sich die Menschen leisten können. Teile der Gesellschaft sind an den Rand gedrängt worden und suchen nicht nach Problemlösungen durch kollektives Handeln, sondern als Individuen gegen das System.

Vor fast jedem Gebäude stehen ein bis zwei Wachleute, die eingreifen, falls jemand versucht, etwas zu stehlen. Ich ging an einem Biogarten in der Altstadt vorbei, der von einem Wachmann mit einem Hund kontrolliert wurde. Er erklärte, es sei seine Aufgabe zu verhindern, dass keine Pflanzen gestohlen würden.
Diese Angst vor Diebstählen reflektiert eine wachsende Unruhe und Unwohlsein. Die Menschen müssen überleben und finden alle möglichen Wege dies zu tun.
Diese Probleme bestehen auf Kuba, sind aber relativ gering, wenn man sie mit der Armut, den Entbehrungen und der Kriminalität in jedem anderen südamerikanischen Land vergleicht, und der Lebensstandard in Bezug auf die Gesundheitsfürsorge, den Zugang zur Bildung und die Lebenserwartung ist auf Kuba immer noch höher.

Was einem weiterhin ins Auge fällt, ist, dass zwischen den Versprechen der Regierung und dem wirklichen Leben auf der Straße eine Lücke klafft, die wächst. Die Zeitungen sind voller Ziele, die in den verschiedensten Bereichen der Wirtschaft erreicht wurden, aber viele grundlegende Bedürfnisse wurden an der Basis nicht umgesetzt. Selbst im Fernsehen wird gelegentlich Kritik geäußert, wenn z.B. ein Theater wegen kleinerer Reparaturen, die innerhalb weniger Wochen zu erledigen gewesen wären, für sechs Monate geschlossen bleibt, weil das nötige Holz nicht zu beschaffen war.

Den Leuten auf der Straße ist bewusst, dass viele der bestehenden Mängel Folgen der Blockade sind, jedoch fangen sie an zu begreifen, dass die Art und Weise, wie die Gesellschaft organisiert ist, auch viel damit zu tun hat.

Einerseits hat die Planwirtschaft Kuba ermöglicht, den Menschen eine kostenlose Erziehung, eine kostenlose Gesundheitsfürsorge, sehr billige Wohnungen und ein öffentliches Verkehrsystem, das so billig ist, dass es praktisch gratis ist, bereitzustellen. Andererseits haben die normalen Menschen auf Kuba kaum die Möglichkeit, sich an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. Der Sozialismus braucht den Sauerstoff der Arbeiterdemokratie, in der jede(r) das Recht hat, auf allen Ebenen der Politik mitzubestimmen.

Die Diskussion über den weiteren Weg Kubas und die Rolle des Einzelnen wächst. Man hört nicht sehr oft den Wunsch, das Modell der kapitalistischen Entwicklung, das in den Ländern der sowjetischen Einflusssphäre existierte, nachzuahmen, aber Chinas Einfluss wächst mit drei Fernsehsendern, die alle Kubaner empfangen können. Ist das ein Zeichen dafür, dass Teile der Bürokratie auf das chinesische Modell der kapitalistischen Entwicklung, die von einer "Kommunistischen" Partei kontrolliert wird, als Ausweg aus der Sackgasse schielen?

In diesem Kontext rief der kürzliche Besuch von Hugo Chávez einige sehr interessante Reaktionen hervor. In seiner Rede, die im Fernsehen direkt übertragen wurde, erklärte er, er sei ein Trotzkist. Als diese Rede erneut übertragen wurde, ließ man diesen Teil weg, ohne dass die Presse sich dazu äußerte, obwohl Millionen die Rede gehört hatten. Es war genau wie mit dem alten Foto von Lenin auf einem hölzernen Podium, auf dessen Stufen Trotzki zu sehen war, was unter dem Stalinismus übertüncht wurde.

Das alles hatte eine elektrifizierende Wirkung. Diejenigen, die nach einem revolutionären marxistischen Ausweg auf der Grundlage einer geplanten Wirtschaft und die Notwendigkeit der Ausdehnung der Revolution auf andere Länder und den Kampf für eine echte Arbeiterdemokratie suchen, wurden ermutigt. Diejenigen, die vielleicht nur von Trotzki gehört hatten, aber nichts von ihm wussten, fragten, wie man in den Besitz seiner Schriften kommen kann. Chávez ist hier ein Held, sollte er Trotzkist sein, so sollten sie es auch. Sogar innerhalb des Militärs gibt es Kräfte, die Leo Trotzki auf der Suche nach einer Lösung lesen.

Es gibt eine Öffnung Kubas. Fidel verfasste eine Rede, die am 27.Oktober in der Granma, dem offiziellen Organ der kubanischen KP, veröffentlicht wurde. Anlass war der 48. Todestag des Revolutionärs Camilo Cienfuegos. Fidel zitierte Abraham Lincoln: " Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht." Diese Worte waren an die USA gerichtet, hätten aber auch an die Bürokratie, die in der Vergangenheit oft von Fidel kritisiert worden war, gerichtet sein können.

Ich nahm am 31. Oktober an einer Veranstaltung teil, die das verkörperte, was derzeit passiert. Sie war als Diskussion über den Oktober 1917 angekündigt. Das eigentliche Thema war der Einfluss verschiedener sozialistischer Ideen auf die KP Kubas bis 1953. Zwei von drei Sprecher erwähnten die Bedeutung von Leo Trotzki und seiner Werke, wobei ein Sprecher besonders erwähnte, dass die Entwicklung der KP Kubas nicht ohne Menschen verstanden werden könne, welche die Ideen Trotzkis gelesen hätten. Etwa 70 Leute nahmen an der Veranstaltung teil.

Wir sind hier erst ganz am Anfang. Es ist erst zu einer kleinen Öffnung gekommen, die durch Vorgänge wie den Besuch von Chávez größer wird. Auf allen Ebenen der Gesellschaft gibt es einen Bedarf an Ideen. Ideen, welche die Ziele der kubanischen Revolution verteidigen, was nicht ein Zurück zum Kapitalismus bedeutet, sondern einen wachsenden Einfluss der Ideen von Leo Trotzki. Das Konzept vom Sozialismus in einem Land hat sich als Trugschluss erwiesen, genauso die Theorie von den zwei Revolutionsetappen. Nur die Vorstellung von der permanenten Revolution von Marx, Lenin und Trotzki wird die Antwort für die kubanische Revolution geben.

Havanna, 1. November 2007.

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