Klimakatastrophe - Eine sozialistische Perspektive

Laut den Verteidigern des Kapitalismus und des „freien Marktes“ sind der Sozialismus und speziell der Marxismus mausetot. Doch warten wir noch mit der Totenwache: Wenden wir uns einem der wichtigsten Umweltprobleme zu, das durch den freien Markt geschaffen wurde: die globale Erwärmung. Sie gilt als das größte Desaster, mit welchem die Menschheit – und mit ihr unzählige andere Arten – jemals konfrontiert war. Wenn sich die Voraussagen als richtig erweisen, stellt sich die Frage, ob das kapitalistische System eine globale Lösung dafür finden kann.


Laut den Verteidigern des Kapitalismus und des „freien Marktes“ sind der Sozialismus und speziell der Marxismus mausetot. Doch warten wir noch mit der Totenwache: Wenden wir uns einem der wichtigsten Umweltprobleme zu, das durch den freien Markt geschaffen wurde: die globale Erwärmung. Sie gilt als das größte Desaster, mit welchem die Menschheit – und mit ihr unzählige andere Arten – jemals konfrontiert war. Wenn sich die Voraussagen als richtig erweisen, stellt sich die Frage, ob das kapitalistische System eine globale Lösung dafür finden kann.



Vom 3. - 14. Dezember 2007 findet auf Bali die UN-Klimakonferenz statt. Die EU strebt an, einen umfassenden Verhandlungsprozess, die "Bali Roadmap" zu vereinbaren. In ihr sollen die wesentlichen Verhandlungsinhalte beschrieben und ein Verhandlungszeitplan festgelegt werden. Bis 2009 sollen die Verhandlungen für ein neues und umfassendes, auf dem Kyoto-Protokoll aufbauendes Klimaschutzregime abgeschlossen sein, damit nach dem Ende der ersten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls 2012 keine Lücke entsteht.

Die globale Erwärmung ist das Ergebnis des Treibhauseffektes. Wie in einem Treibhaus werden in den niederen Schichten der Erdatmosphäre die Sonnenstrahlen durch sog. Treibhausgase eingefangen. Unter normalen Bedingungen ist dieser Vorgang notwendig, um das meiste Leben auf diesem Planeten überhaupt zu ermöglichen. Ohne diesen natürlichen Prozess wäre die Globalmitteltemperatur um ca. 34 Grad Celsius kälter als jetzt. Die wichtigsten Treibhausgase sind Kohlendioxyd (CO2), Methan und Wasserdampf. Der normale Abbau von organischer Materie, in Wäldern und Wiesen, lässt 220 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre entweichen. Das entspricht 95% aller Emissionen. Dieses CO2 wird durch Bindung in den Ozeanen und durch den Prozess der Photosynthese und Umsetzung in Pflanzensubstanz recycelt. Es gibt ein Gleichgewicht zwischen Atmosphäre, Ozeanen, ozeanischen Strömungen und dem Klima – ein Prozess, von dem wir noch immer wenig wissen. Die restlichen 5% der CO2-Emissionen werden durch den Menschen (anthropogen) verursacht, der Großteil durch das Verbrennen von fossilen Energieträgern. Dieser Überschuss, zusätzlich zum natürlichen Kreislauf, hat in den letzten 200 Jahren zu einem 30%igen Zuwachs der CO2-Konzentration geführt. Dies hat wiederum einen Anstieg der Globalmitteltemperatur in Höhe von 0,3 bis 0,6°C in den letzten 100 Jahren bewirkt. „Na und?“, könnten wir uns fragen, warum sollte ein halbes Grad Celsius der Rede wert sein?

Erstens ist dieser Anstieg ein Durchschnitt vom ganzen Planeten und repräsentiert einen massiven Anstieg der zusätzlichen enthaltenen Energie. Zweitens sind die Auswirkungen des Anstieges der atmosphärischen Temperatur vielfältig: Manche Gebiete wurden kälter und feuchter, andere heißer und trockener. Drittens ist die Rate des Verbrauches der fossilen Brennstoffe exponential. Sechs der zehn wärmsten Jahre seit es Aufzeichnungen gibt (1860), waren in den 1990ern – und die anderen vier in den 1980ern!

Studien von Bohrungen im Eis sowie in Tiefseesedimenten zeigen, dass es Schwankungen in der CO2-Konzentration von Jahrhundert zu Jahrhundert gab, aber dass die im 20. Jahrhundert gemessene CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren nie erreicht wurde. Außerdem stieg der Meeresspiegel, je nach Lage, zwischen 10 und 25 Zentimeter.

Das Problem bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl,…) im großen Maßstab: Das CO2, welches Millionen von Jahren in diesen Brennstoffen gebunden war, wird innerhalb kürzester Zeit - im Verhältnis zu jener Zeitspanne, die für ihr Entstehen notwendig war – in die Atmosphäre abgegeben. Die Ozeane und die Vegetation, die normalerweise überschüssiges CO2 aufnehmen, sind nicht in der Lage, derart große Mengen zu absorbieren. Hinzu kommt das Problem intensiver Abholzung.

Die Globalmitteltemperatur muss nicht nur aufgrund des 30%igen Anstiegs der CO2-Konzentration ansteigen. Ebenso kann es sein, dass es zu verzögerten Wirkung kommt. Es ist, wie wenn man eine Dusche nimmt: Wenn man seine Hand unter die Dusche hält und beschließt, dass es nicht heiß genug ist, verstärkt er den Heißwasserzufluss. Erst nach einigen Sekunden erhöht sich die Temperatur. Es kann einige Zeit dauern, bis alle Effekte unseres Handelns auch tatsächlich in Kraft treten und spürbar werden. Eine solche Verzögerung könnte in einem ganz anderen Zeitmaßstab auch durch die Steigerung der CO2-Konzentration stattfinden. Sogar wenn wir die Nutzung von fossilen Brennstoffen auf der Stelle einstellen würden, könnten die Auswirkungen der jetzigen CO2-Konzentration noch einige Zeit auf sich warten lassen. Studien über durch Eisbohrungen zutage geförderten Bohrkerne lassen Rückschlüsse zu, dass in der Vergangenheit eine CO2-Konzentrationen vom heutigen Niveau vor Tausenden von Jahren mit weit höheren Temperaturen verbunden waren, als wir sie heute erleben.
Ein kürzlich erstellter Bericht untersuchte das Phänomen der schmelzenden Polarkappen. Ein Gebiet so groß wie die Niederlande verschwindet jedes Jahr. Die durchschnittliche Dicke des arktischen Eises ist von 3,1 Metern in den 1970er Jahren auf heute 1,8 Metern gesunken. Wissenschaftler vermuten, dass dieser Prozess einen drastischen Effekt auf die Zirkulationsströme der Ozeane haben wird und den Golfstrom ernsthaft stören könnte.

Der „Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen“

Das Umweltprogramm der Vereinte Nationen (UNEP) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) reagierten 1988 auf das Problem der globalen Erwärmung mit der Schaffung des „Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen“ (IPCC). Es wurden mehr als 2.000 Wissenschaftler von der ganzen Welt einbezogen. Die IPCC hat vorhergesagt, dass ein weiterer Anstieg der Globalmitteltemperatur von 1 bis 3,5 Grad Celsius bis zum Jahre 2100 stattfinden wird. Ein Ergebnis davon ist ein erwarteter Anstieg des Meeresspiegels 15 bis 19 cm. Das gewohnte regionale Wetter wird ernsthaft gestört werden. Für Großbritannien wird vorausgesagt, dass es wärmeres, feuchteres Klima mit stärkeren Stürmen zu erwarten hat. Andere Gebiete der Welt könnten zur Wüste werden, manche unter extremer Hitze und Überflutungen leiden. Die heute weltweit beobachteten Wetterkapriolen könnten nur ein Vorgeschmack sein.

Die führenden Industrieländer der Welt haben sich im Jahre 2005 in Kraft getretene „Kyoto-Protokoll“ geeinigt, die Emissionen von 1990 um durchschnittlich 6% bis zum Jahre 2010 zu senken (Zum heutigen Zeitpunkt können wir sagen, dass diese Ziele nicht einmal annähernd erreicht werden, Anm. der Red.). Die US-Regierung beabsichtigt bisher nicht das Protokoll zu ratifizieren. Große US-Firmen (Erdöl, Kohle,…) haben mehrere „wissenschaftliche“ Organisationen gegründet, um die Beweise für die globale Erwärmung anzufechten. Die Arbeit der IPCC wird momentan vor allem deshalb blockiert, weil ihr zu wenig Geld zur Verfügung steht. Die vorgeschlagenen Reduktionen der CO2-Emissionen des Kyoto-Protokolls würden allerdings die globale Erwärmung nur verlangsamen. Es wird geschätzt, dass für einen Stopp der Erwärmung eine ca. 50%ige Reduktion notwendig wäre (Anm. der Red.: Zwischenzeitlich wurden weitere Szenarien errechnet. Ein optimistisches Szenario geht von einer 80%igen Reduktion aus!).

Im Kyoto-Protokoll wurde vereinbart, dass eine Art Punktesystem eingeführt würde, dessen Details zu einem späteren Zeitpunkt noch ausgearbeitet werden sollten. Durch das Punktesystem könnten Länder wie die USA nicht benötigte CO2-Emissionszertifikate von anderen Ländern kaufen oder andere Länder dafür bezahlen, dass sie Bäume pflanzen, um CO2 zu binden. So möchte z.B. Japan ein solches Bäumepflanz-Programm in Australien umsetzen, um dessen Emissionsrechte zu erhalten. In Wirklichkeit kann das Pflanzen von Bäumen nur eine zeitlich begrenzte Lösung sein. Sobald diese Bäume alt werden, ihre Blätter verlieren und sterben, wird das CO2, das sie absorbiert haben, wieder in die Atmosphäre abgegeben (Anm. der Red.: Neuere Studien haben gezeigt, dass überhaupt keine positiven Effekte auftreten könnten: Da es durch den Klimawandel zu einer Veränderung der Vegetation kommen wird, werden nicht alle bzw. nicht die traditionell heimischen Bäume gut gedeihen. Hinzu kommt die Frage, wo man angesichts der weiteren weltweiten Veränderung der Klimaregionen diese Bäume pflanzen sollte.).
Im Endeffekt sind die wichtigsten kapitalistischen Länder ganz einfach nicht in der Lage, mit dem Problem der globalen Erwärmung umzugehen.

Internationale Lösung benötigt

Die ganzen Vorhersagen der zukünftigen CO2-Niveaus basieren auf der Annahme, dass die Kluft zwischen dem Verbrauch der westlichen kapitalistischen Länder und der unterentwickelten Welt gleich bleiben! Ganz abgesehen von der gesellschaftlichen Ungleichheit, die hier zynischerweise festgeschrieben wird, ist dies ein unwahrscheinliches Szenario. Länder wie Indien entwickeln ihre Industrie stetig und sind – Überraschung! – nicht gewillt, ihre Entwicklung zu bremsen, um die Probleme zu lösen, die in den letzten zweihundert Jahren durch die westlichen Länder verursacht wurden.

Die USA produzieren knapp ein Viertel der weltweiten Emissionen von CO2. Wenn der Rest der Welt pro Kopf so viel Emissionen erzeugen würden wie sie, würde sich die globale CO2-Konzentration jedes Jahrzehnt verdoppeln. Die Auswirkungen wären katastrophal.

Der Weltkapitalismus ist auf Gedeih und Verderb vom Angebot billiger fossiler Brennstoffe abhängig. Sogar das sehr moderat formulierte Kyoto-Protokoll hat sich als Farce erwiesen. Die Welt kann nicht warten, bis die wichtigsten kapitalistischen Länder eine Alternative in einer weit, weit entfernten Zukunft gefunden haben.

Das Problem der globalen Erwärmung kann nur auf einem internationalen Niveau gelöst werden. Der Verbrauch von fossilen Brennstoffen muss drastisch gekürzt und bis 2050 letztlich völlig gestoppt werden. Das kann nur durch die Verstaatlichung der wichtigsten Anbieter und Verbraucher von Energie erreicht werden. Dazu wird z.B. ein billiges oder kostenloses öffentliches Verkehrssystem benötigt. Wir müssen der Verschwendung von Energie ein Ende setzten, welche den jetzigen Produktionsprozess charakterisiert. Ein Ende von Sollbruchstellen von Produkten (Dinge werden bewusst mit eingeschränkter Lebensdauer produziert), ist dringend nötig. Der heutige Stand der Technik würde es uns erlauben Produkte zu produzieren, die sehr lange halten. Das kann allerdings nur bewerkstelligt werden, wenn die Produktion von den gesellschaftlichen Bedürfnissen ausgeht und nicht auf maßlosem Profitstreben beruht. Massive Investitionen in die Forschung und Entwicklung von Alternativen und erneuerbaren Energien sind überlebenswichtig.

Verstaatlichung der großen Produzenten und Verbrauchern von Energie

Der erste Schritt Richtung einer rational geplanten Energiepolitik muss die Wiederverstaatlichung des öffentlichen Verkehrssystems, der Wasser- und Gasversorgung sowie der Stromkonzerne sein. Der Gesamtverbrauch der Industrie muss genau überwacht werden. Örtliche Unternehmen müssen ihre Aufzeichnungen über Energieverbrauch veröffentlichen. Die ArbeitnehmerInnen in der Industrie, gemeinsam mit der örtlichen Bevölkerung, Konsumenten, Umweltaktivisten, lokalen Gewerkschaftern und anderen interessierten Gruppen müssen in einem lokalen Umweltkomitee vertreten sein, welches den Verbrauch und die Wahl der Energieträger in jedem Gebiet überschaut und wenn nötig, jede Form von Energieverschendung unterbinden kann. Die Produktentwicklung und die Produktionsmethoden könnten unter strenge Kontrolle gestellt werden.

Der Transport von Gütern auf der Straße müsste ernsthaft reduziert werden. Abgesehen davon, dass diese Art des Transports ein wichtiger Emissionsproduzent von CO2 ist, ruft der LKW-Verkehr eine Reihe von anderen schweren Umweltbelastungen hervor. Die im öffentlichen Besitz befindlichen Eisenbahnen müssten ein Monopol auf den Güterferntransport erhalten. Unternehmen, welche den Gütertransport auf der Straße benötigen, müssten um eine spezielle Bewilligung beim lokalen Umweltkomitee anfragen.

Schlussfolgerung

Die einzige wirkliche Lösung des jetzigen Problems der globalen Erwärmung kann nur eine Planwirtschaft sein, die im Weltmaßstab auf einer rationalen Arbeitsteilung und der neuesten Technologie beruht und für den gesellschaftlichen Bedarf produziert. Das würde die Menschheit vom Joch der Lohnsklaverei befreien und die Talente von mehreren Milliarden Menschen zum Wohle der Allgemeinheit freisetzen. Marx sagte, dass die Welt die Wahl zwischen „Sozialismus oder Barbarei“ habe. Die globale Erwärmung verleiht Marxens Worten neue Dringlichkeit.

Übersetzung und Anmerkungen: Georg Müller

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