100 Jahre Deutsche Revolution: Die Spaltung der SPD - und was daraus wurde

Deutsches Reich, 28. Juli 1914. Im ganzen Reich demonstrieren (vorsichtig geschätzt) hunderttausende Arbeiter gegen den drohenden Krieg. Allein im Treptower Park von Berlin versammeln sich 200.000 Menschen: Die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung! Sie waren Aufrufen des SPD-Parteiapparats gefolgt.


Deutsches Reich, 28. Juli 1914. Im ganzen Reich demonstrieren (vorsichtig geschätzt) hunderttausende Arbeiter gegen den drohenden Krieg. Allein im Treptower Park von Berlin versammeln sich 200.000 Menschen: Die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung! Sie waren Aufrufen des SPD-Parteiapparats gefolgt.



Am 25. Juli z.B. war im zentralen Parteiorgan, dem „Vorwärts“, zu lesen: „Das klassenbewusste Proletariat Deutschlands erhebt im Namen der Menschlichkeit und Kultur flammenden Protest gegen das verbrecherische Treiben der Kriegshetzer. Es fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe, und, falls der schändliche Krieg nicht zu verhindern sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung zu enthalten. Kein Tropfen Blut (...) darf (...) den imperialistischen Profitinteressen geopfert werden. (...) Nieder mit dem Kriege. Hoch die internationale Völkerverbrüderung!“ Das alles entsprach allen Beschlusslagen der Partei und auch denen der II. Internationale. Und es macht verständlich, warum Lenin es zunächst für einen Scherz hielt, als er erfuhr, dass die sozialdemokratische Reichstagsfraktion am 3.8. geschlossen für die Bewilligung von Kriegskrediten stimmte. Der Abgeordnete Karl Liebknecht hatte während einer Probeabstimmung der Fraktion energisch für deren Ablehnung durch die SPD gestritten. Zur Stärke der SPD gehörte ihre Geschlossenheit. Mit Zorn im Bauch stimmte also auch er dafür.

1915/16

Währenddessen zieht das fanatisierte Kleinbürgertum jubelnd in den „Ausflug nach Paris“. Gymnasiallehrer kommandieren ganze Schulklassen direkt an die Front ab. Der Ausflug endete Anfang September 1914 jäh. Seitdem herrschte Stellungskrieg in Frankreich. Auch im Osten ging der Ausflug flugs in das bekannte Schützengraben-Gemetzel über. Vor diesem Hintergrund durchbricht Liebknecht im Dezember die Fraktionsdisziplin: Er stimmt als einziger Reichstagsabgeordneter gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite, um den Ausflug nicht noch unnötig zu verlängern. Es folgt sein Rausschmiss aus Fraktion und Partei. Noch bis in das Jahr 1916 hinein stimmen die SPD-Abgeordneten weitgehend geschlossen und regelmäßig für die Bewilligung immer neuer Kriegskredite. Währenddessen hungern die nun oft weiblichen Arbeiter, die Männer sterben oder werden zu Invaliden geschossen und vergast. Es kommt zu Streiks. Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und viele andere entschiedene Linke stellen sich auf die Seite der Streikenden und agitieren gegen den Krieg: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ (Liebknecht) Viele Kämpfer, u.a. Luxemburg und Liebknecht, werden verhaftet. Im SPD-Apparat kommen langsam Debatten darüber auf, ob man vielleicht einmal einem Kriegskredit nicht zustimmen sollte. Im März 1916 bildet sich in der Reichstagsfraktion eine der Parteileitung gegenüber oppositionelle Arbeitsgemeinschaft. Doch es ist zu spät. Viele Genossen ertragen das prinzipienlose, bluttriefende Hin- und Her nicht mehr. Außerdem wurden die Mitglieder der innerfraktionellen oppositionellen Arbeitsgemeinschaft am 18. Januar 1917 aus der SPD ausgeschlossen.

1917

Russisches Reich, Februar. Revolution! Der Zar, ebenso wie die englische Königin übrigens ein Verwandter des deutschen Kaisers, wird abgesetzt. Der Funke springt über ... Die Streiks, insbesondere auch in der Reichshauptstadt, nehmen immer größere Ausmaße an. In Berlin gründet sich eine zu allem entschlossene Geheimorganisation aus gewerkschaftlichen Vertrauensmännern in den Metall- und Rüstungsbetrieben: Die „Revolutionären Obleute“.

Im April 1917 gründen enttäuschte SPD-Mitglieder die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Viele finden in ihr vorübergehend eine neue Heimat: Die ausgeschlossenen Abgeordneten der Reichtagsfraktion, alte Antimarxisten, die einfach nur menschenfreundlich-pazifistisch gestimmt waren wie Eduard Bernstein oder Hugo Haase, antirevolutionäre Schulmarxisten wie Karl Kautsky, aber auch revolutionäre Marxisten wie Liebknecht und Luxemburg. Die mit ihrem klaren Antikriegskurs linkere der beiden Sozialdemokratien zieht von Beginn an die fortschrittlichsten Schichten der Arbeiterklasse an. Bis 1918 steigt die Mitgliederzahl auf ca. 100.000, ein Jahr später auf 300.000 und 1920 schließlich auf 893.000 an. Die marxistische Tendenz, die sich seinerzeit den Gruppennamen SPARTAKUSBUND gibt, arbeitet von Beginn an loyal am Aufbau der USPD mit. Ihr Ziel: Die zentristische, d.h. zwischen sozialdemokratischem Reformismus und revolutionärem Marxismus hin- und herschwankende USPD nach links treiben und so eine entschieden sozialistische Partei aufbauen. Die „Revolutionären Obleute“ knüpfen derweil feste Kontakte zu Sozialisten in beiden sozialdemokratischen Parteien und arbeiten besonders eng gerade auch mit der Spartakusgruppe zusammen.

1918

Noch immer kämpfen fanatische Kleinbürger an allen Fronten für das „Vaterland“. Sie schwärmen aber nun von keinem Ausflug mehr, sondern von „reinigenden Stahlgewittern“ (Ernst Jünger), denen sie sich möglichst für immer hingeben möchten. Die seit 1916 um sich greifenden Streiks machen klar, dass man das in den Arbeitervierteln ganz anders sieht. Die Toten, die Verstümmelten, Vergasten, der Hunger, das Blut. Alte sozialdemokratische Lieder machen wieder lauter die Runde: „Ewig der Sklaverei ein Ende, heilig die letzte Schlacht!“. Immer mehr reift die Einsicht: Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Zumal die Regierung der im Oktober 1917 errichteten Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik im März einen für die russische Seite fast unerträglichen Frieden mit dem Deutschen Reich schließt. Im August brechen die letzten Fronten der Mittelmächte zusammen. Hektisch versuchen SPD-Führung und Oberste Heeresleitung noch ein paar demokratische Reformen anzuordnen. Doch das hilft nichts mehr. Ende Oktober: In norddeutschen Hafenstädten übernehmen Arbeiter- und Matrosenräte faktisch die Macht. Wie in Russland 1917 fegt die Revolution innerhalb von Tagen durch das Land. Arbeiter- und Soldatenäte (Sowjets) werden vor allem in Industriestädten gegründet. Am 9. November stürzt die Monarchie. In Berlin ertönt auf Demonstrationen lautstark die Internationale. Rote Fahnen auf den Rathäusern landauf, landab. Die SPD-Bürokratie will eine parlamentarische Demokratie errichten. Teile der zentrischen USPD-Führung wollen eine „Mischform“ aus Räten und Parlamenten erschaffen. SPD-Chef Ebert, der eigentlich noch nicht einmal den Kaiser absetzen wollte, setzt schon am 10.11. eine sechsköpfige „provisorische Regierung“ – demagogisch „Rat der Volksbeauftragten“ genannt – ein. Er steht ihr vor. Drei Mitglieder kommen aus der SPD und – siehe da! – drei aus der USPD-Führung! Den Arbeitern erzählt Ebert, er und die „gute alte Tante“ SPD werden das schon machen mit dem Aufbau des Sozialismus. Die gemäßigten USPD-Leute dienen ihm dabei als Feigenblatt gegenüber den kritischeren Schichten der Klasse. Ebert weiß: Die deutschen Arbeiter haben der Vorkriegs-SPD in der Tat viel zu verdanken. Dieses Massen-Gefühl wird in den nächsten Monaten durch den SPD-Apparat demagogisch und zynisch bis zum Letzten gegen die Hoffnungen der Arbeiter ausgespielt werden. Gleichzeitig mit der Errichtung seiner seltsamen Privatregierung schließt Ebert ein Abkommen mit der Obersten Heeresleitung: Diese soll die Ebert-„Regierung“ gegen revolutionäre Bestrebungen mit Waffengewalt schützen. Mit Billigung der SPD-Führung organisiert General Gröner aus durch den Krieg entwurzelten Menschen und aus fanatisierten Kleinbürgern, denen es gar nicht passt, dass das Bad in den Stahlgewittern nun zu Ende sein soll, paramilitärische Verbände, sogenannte „Freikorps. Als es Ende Dezember in Berlin zu ersten Provokationen gegen die Linken kommt, treten die USPD-Mitglieder aus der Ebert-Regierung aus.

1919/20

Das Hin und Her reicht der marxistischen Tendenz in der USPD und den „Revolutionären Obleuten“ schon lange. Am 1.1. wird die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gegründet. Von Ungeduld getrieben und in Überschätzung der tatsächlichen Möglichkeiten stellt sich Liebknecht in Berlin an die Spitze des so genannten Spartakusaufstands. Doch dieser Aufstand endet mit einer absehbaren, blutigen Niederlage und der Ermordung der revolutionären Führung der deutschen Arbeiterbewegung, Liebknecht und Luxemburg, am 15. Januat 1919. Die Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar brachte einer Koalition aus SPD, katholischem Zentrum und linksliberaler DDP eine Mehrheit. Das revolutionäre Berlin war den Abgeordneten zu heiß, so zogen sie lieber ins beschauliche Weimar. Das ganze Jahr hindurch kommt es zu Streiks und der Gründung neuer Räterepubliken. Ebert und die OHL schicken ihre „Freikorps“. Die SPD zieht nun eine Blutspur hinter sich her. Versprochene Sozialisierungsmaßnahmen bleiben aus. Die Arbeiter des Ruhrgebiets besetzen daraufhin kurzerhand die Betriebe und lernen Eberts Mörderbanden kennen. Immer mehr macht sich das Gefühl breit: „Die SPD verarscht und verheizt uns.“ Dieses erklärt die rasch wachsenden Mitgliedszahlen der USPD. Gleichzeitig radikalisiert sich die USPD. Sie nähert sich mehr und mehr den Positionen der KPD an. Im März 1920 schlägt die entschlossene, gemeinsame Gegenwehr aller Arbeiterorganisationen, ein Generalstreik im ganzen Reich, die Putsch-Regierung Kapp aus dem Amt. Na also ... es geht doch ...

Das Ende der USPD

Im Herbst 1920 stimmen auf dem Hallenser Parteitag der USPD 2/3 der Delegierten für den Anschluss an die Kommunistische Internationale. Somit wird die bis dahin ziemlich schwache KPD zu einer Massenpartei. Rund 400.000 USPD-Mitglieder werden KPD-Genossen. Der verbleibende Rest kehrt mehrheitlich im September 1922 zur SPD zurück, die nun wieder deutlich linkere Töne von sich gibt. Sie regiert allerdings auch nicht mehr. Als Kuriosum freilich bleibt die nun in jeder Hinsicht zu einer Sekte verkommene Rest-„USPD“ weiter bestehen. Karls Bruder Theodor Liebknecht steht ihr vor. Diese Organisation kann sich einerseits nicht dazu entschließen, mit den Verrätern der Revolution (SPD) zusammenzugehen, andererseits möchten ihre Anhänger aber auch keine entschiedenen Kommunisten sein. Im politischen Niemandland versandet, schließt sich das hoffnungslos gewordene Häuflein 1931 der neu gegründeten kleinen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAPD) an. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Was bleibt?

Verschiedenes – und manche Bewertung wird strittig bleiben. Eines aber ist klar: Einfach eine neue Partei mit einer linkeren Aura, kombiniert mit einigen sehr richtigen programmatischen Aussagen, zu gründen und dann darauf zu vertrauen „dass das jetzt schon irgendwie werden wird“, hilft nichts. Man braucht den Willen, ein entsprechend klares Programm und eine geschickte Strategie, um gezielt die Macht zu erobern. Ansonsten entsteht schnell ein Machtvakuum, das dann – in diesem Fall von den Ebert-Leuten – demagogisch gefüllt werden wird: „Wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der Proletarier sein Recht verloren.“ (Max Weber am 28.1.1919 vor revolutionären Studenten in München)
Jedes Nachgeben, jedes Weichsein, jedes Nettsein wird sich immer bitter rächen. Denn die Freikorps-Eberts, die sind auch nicht nett. Ihr Recht hat sich durchgesetzt, weil die Mehrheit der politischen Führung des Proletariats zu unvorbereitet war, gleich in den ersten Tagen der Revolution die Macht zu erobern, das Recht des revolutionären Proletariats durchzusetzen und sich stattdessen auf Kompromisse mit dem rechten SPD-Flügel einließ. Man überließ den Ebert-Leuten ganz einfach das Feld.

Da konnten sich die USPD‘ler in der Ebert-“Regierung“ noch so sehr um deren Freundlichkeit bemühen. Es half nichts. Das deutliche Abstimmungsergebnis des Hallenser Parteitages zeigte, dass sich diese schlichte Wahrheit 1919/20 mehr und mehr auch in der USPD durchgesetzt hatte.
Für den Ausgang der deutschen Revolution und exakt damit für den Fortgang der Zivilisation in Europa wäre es allerdings sehr wichtig gewesen, dass man dieser Einsicht schon früher gefolgt wäre.

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