“Trotzki verteidigte die wahren Traditionen des Leninismus"

Teil II des Interviews mit Alan Woods (Chefredakteur von www.marxist.com) über die Russische Revolution. Er wurde von Sudestada, einem argentinischen Monatsmagazin für Kunst, Kultur und Nachrichten, über die Russische Revolution und ihre spätere Entartung befragt. Alan Woods erklärte, dass nicht der Sozialismus versagt habe, sondern eine bürokratische Karikatur des Sozialismus.


Teil II des Interviews mit Alan Woods (Chefredakteur von www.marxist.com) über die Russische Revolution. Er wurde von Sudestada, einem argentinischen Monatsmagazin für Kunst, Kultur und Nachrichten, über die Russische Revolution und ihre spätere Entartung befragt. Alan Woods erklärte, dass nicht der Sozialismus versagt habe, sondern eine bürokratische Karikatur des Sozialismus.



Sie haben gesagt, dass man die Rolle des Individuums in der Geschichte nicht von der Hand weisen kann, aber die Persönlichkeit der Akteure sei nicht entscheidend oder vordergründig. Hatten Trotzki und die Linke Opposition in diesem Sinne überhaupt eine andere Alternative als die von ihnen verteidigte, um die Konsolidierung der Bürokratie im Staat zu verhindern?

Der historische Materialismus lehrt uns, über die Betrachtung der individuellen Akteure auf der Bühne der Geschichte hinauszugehen und nach tiefer liegenden Ursachen zu suchen. Das bedeutet nicht, die Rolle der Individuen in der Geschichte auszuschließen. In bestimmten Augenblicken kann die Rolle eines einzelnen Mannes oder einer einzelnen Frau entscheidend sein. Wir können mit Sicherheit sagen, dass ohne die Anwesenheit Lenins und Trotzkis (besonders des erstgenannten) 1917 die Oktoberrevolution nicht stattgefunden hätte
Die Individuen können allerdings eine solche Rolle nur einnehmen, wenn alle anderen Bedingungen vorliegen. Die Verknüpfung der Bedingungen im Jahre 1917 befähigten Lenin und Trotzki eine entscheidende Rolle zu spielen. Diese beiden Männer waren seit über zwei Jahrzehnten auf der politischen Bühne aktiv, konnten aber zuvor nicht dieselbe Rolle spielen. Gleichermaßen waren Lenin und Trotzki, trotz ihrer enormen persönlichen Fähigkeiten, nicht in der Lage die bürokratische Entartung der Revolution zu verhindern, als diese abebbte. Dies wurde durch objektive Faktoren verursacht, gegen die selbst diese großen Führer machtlos waren.

Zufälle spielen oft eine Rolle in der Geschichte. Wäre Lenin nicht schwer erkrankt gewesen, hätte er am Kongress teilgenommen und Stalin wäre wahrscheinlich abgelöst worden. Es ist jedoch unmöglich, große historische Prozesse im Sinne von Individuen, "großen Männern" etc. zu verstehen. Der Marxismus ist bestrebt, Geschichte hinsichtlich der Entwicklung der Produktivkräfte und der Klassenverhältnisse, die daraus entstehen, zu analysieren. Selbst wenn Lenin im Kongress eine Mehrheit errungen hätte, hätte das den Aufstieg der Bürokratie, deren Wurzeln objektiv bedingt waren, nur zeitweise verzögert. Bei einem Treffen der Vereinigten Opposition 1926 sagte Lenins Witwe Krupskaja: "Wenn Lenin heute noch am Leben wäre, säße er in einem von Stalins Gefängnissen."

Welche Auswirkungen auf die Sowjetunion hätte ein Sieg der Revolution in Deutschland 1923 gehabt?

Der Hauptgrund für die Entartung des Sowjetstaates war die Isolation der Revolution unter den Bedingungen einer extremen Rückständigkeit. Vor langer Zeit schrieb Marx in "Die deutsche Ideologie", dass Armut und Mangel wieder „die ganze alte Scheiße“ herstellen müsste. Damit meinte er Ungleichheit, Korruption, Bürokratie und Privilegien.

Lenin und Trotzki wussten sehr wohl, dass die materiellen Bedingungen für den Sozialismus in Russland nicht vorhanden waren. Vor 1924 stellte niemand diese Erkenntnis in Frage. Die Bolschewiki stützten sich auf die Perspektive einer Ausweitung der Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern Europas, besonders Deutschlands. Wäre die Deutsche Revolution erfolgreich gewesen, was im Jahre 1923 möglich gewesen wäre, hätte sich die gesamte Situation in Russland anders entwickelt.

Auf der Grundlage einer sozialistischen Förderation, welche die Produktivkräfte Deutschlands mit den immensen Rohstoffvorräten und den Arbeitskräften Russlands vereinigt hätte, hätten sich die materiellen Bedingungen der Massen verbessert. Unter diesen Bedingungen wäre der Aufstieg der Bürokratie gestoppt worden und die Stalin-Fraktion wäre nicht in der Lage gewesen die Macht zu ergreifen. Die Moral der sowjetischen Arbeiterklasse wäre gestärkt und ihr Glaube an die Weltrevolution wiederhergestellt worden.

Wir müssen im Gedächtnis behalten, dass im Zeitraum von 1923-29 der Prozess der bürokratischen Entartung auf keinem Fall gefestigt war. Das widerspiegelt sich in der Serie von Kursänderungen, welche Stalins Innen- und Außenpolitik in dieser Periode kennzeichnen. Von 1923-28 betrieb Stalin eine rechte Politik, die durch die Anpassung an die Kulaken (die reichen Bauern) und die NÖP-Leute (Spekulanten) in Russland und eine Anpassung an die Reformisten und die koloniale Bourgeoisie in der Außenpolitik gekennzeichnet war. Das brachte die Revolution in Gefahr. Im Inneren förderte diese Politik die Kulaken und andere bourgeoise Elemente auf Kosten der ArbeiterInnen. Nach außen führte sie die Kommunistische Internationale von einer Niederlage in die nächste.
Es war nicht so, dass Stalin die Niederlage der Deutschen Revolution 1923 oder die der Chinesischen 1923-27 bewusst organisierte. Im Gegenteil, er wünschte sich den Erfolg dieser beiden Revolutionen. Aber die opportunistische rechte Politik, die er der Kommunistischen Internationale im Namen des Sozialismus in einem Land aufgezwungen hatte, garantierte in jedem der beiden Fälle die Niederlage.

Dialektisch gesehen wird die Ursache zur Wirkung und umgekehrt. Die Isolation der Russischen Revolution war die entscheidende Ursache für den Aufstieg der Bürokratie und der Stalin-Fraktion. Die falsche Politik dieser Fraktion führte zu den Niederlagen der Deutschen und Chinesischen Revolution (und weiterer anderer in Estland, Bulgarien, Großbritannien etc.). Diese Niederlagen bekräftigten die Isolation der Revolution und führten zu einer tiefen Entmutigung der russischen ArbeiterInnen, die jegliche Hoffnung auf die Hilfe durch die europäischen ArbeiterInnen verloren.

Das führte auch zu einer Konsolidierung der Bürokratie und des Stalinismus, welcher nur der politische Ausdruck der materiellen Interessen der Bürokratie war. Dies wiederum hatte weitere Niederlagen der internationalen Revolution (Deutschland, Spanien) zur Folge und bereitete den Boden für den 2. Weltkrieg, der die UdSSR in extreme Gefahr brachte.

Welches waren ihrer Meinung nach die Erfolge und Fehler der Linken Opposition, als diese noch Bestandteil der Partei war?

In jeder Auseinandersetzung kann man stets auf diesen oder jenen Fehler verweisen. Aber es wäre falsch, die Niederlage der Linken Opposition auf Fehler in der subjektiven Beurteilung zurückzuführen. Trotzkis Einschätzung erwies sich in den grundlegenden Fragen, wie der Deutschen und Chinesischen Revolution, der Kulaken-Gefahr, der Industrialisierung und des Fünfjahresplans etc. als richtig. Andererseits machte Stalin in all diesen Fragen kolossale Fehler. Trotzdem besiegte Stalin Trotzki und die Linke Opposition. Wie ist das zu erklären?

1923 veröffentlichte Trotzki die Plattform der Linken Opposition, die auf der Verteidigung der leninschen Prinzipien der Arbeiterdemokratie und des proletarischen Internationalismus basierte. Er begann eine Auseinandersetzung gegen bürokratische Tendenzen im Staat und in der Partei. Das war der Beginn der Linken Opposition in der Sowjetunion und international. Der Kampf zwischen der Linken Opposition und der Stalin-Fraktion war im Grunde genommen ein Klassenkampf, der den Interessengegensatz der Arbeiterklasse und der aufsteigenden Bürokratie widerspiegelte.

Trotzki stützte sich auf die Arbeiterklasse, aber diese war von den langen Jahren des Krieges, der Revolution und des Bürgerkrieges erschöpft. Lange Arbeitszeiten in unbeheizten Fabriken, Hungerlöhne und allgemeine Entbehrung forderten ihren Tribut. Die sowjetischen ArbeiterInnen verfielen in einen Zustand der Apathie. Sie wirkten nicht länger in den Sowjets mit, die unaufhaltsam bürokratisiert wurden. Mit jedem Rückschlag in Richtung Weltrevolution wurden die ArbeiterInnen immer weiter desillusioniert und demoralisiert und die neue Kaste der Sowjetbürokraten wurde selbstbewusster und unverschämter.
Der Grund für Stalins Triumphe lagen nicht in den Fehlern der Opposition begründet, wie es sich oberflächliche bürgerliche Historiker ausmalen, sondern im breiteren Kontext der Klassenbeziehungen innerhalb der russischen Gesellschaft. Ich werde nur ein Beispiel zitieren, um dieses Argument zu belegen. 1927, nach der Niederlage der Chinesischen Revolution, kamen einige Studenten, welche die Opposition unterstützten, zu Trotzki und behaupteten, dass jetzt, wo jeder feststellen konnte, dass Trotzki Recht gehabt habe, die Opposition die Mehrheit in der Partei gewinnen könnte. Trotzki widersprach. Er zeigte ihnen auf, dass für die sowjetischen ArbeiterInnen die objektiven Folgen der Niederlage der Chinesischen Opposition wesentlich wichtiger seien als die Frage, wer mit seinen Perspektiven Recht oder Unrecht gehabt habe.

Trotzki wusste genau, dass die Opposition keinen Erfolg haben konnte. Die ungünstige objektive Situation verdammte sie zur Niederlage. Warum kämpften sie trotzdem weiter? Warum kapitulierte er nicht wie Sinowjew, Kamenjew und Radek? Die Antwort lautet: Er versuchte seine Ideen, sein Programm und seine Tradition für zukünftige Generationen von Kommunisten in der UdSSR und international zu begründen. Er war der Einzige, der das tat, trotz der schrecklichen Verfolgung, die das Leben der meisten GenossInnen, FreundInnen und Familienangehörigen forderte.

Inmitten des schrecklichsten Verrats, der Niederlagen, der Demoralisierung und der Abtrünnigkeit hielt er die Fahne hoch und verteidigte die wahren Traditionen des Leninismus, des Oktober und der bolschewistischen Partei. Deshalb hatte er mit seinen Zielen Recht. Und das war keine geringe Leistung. Wer erinnert sich heute an die Schriften von Sinowjew und Kamenjew? Aber in den Schriften von Leo Trotzki finden wir ein unschätzbares Erbe, welches seine gesamte Wichtigkeit, Relevanz und Vitalität bewahrt, besonders nach dem Zusammenbruch der UdSSR, der eine unvermeidliche Konsequenz aus den Verbrechen des Stalinismus war. Trotzkis Werke repräsentieren das echte Banner des Bolschewismus und der Oktoberrevolution – die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit.

Übersetzung: Tony Kofoet

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