Endstation Obdachlosigkeit: Millionen US-AmerikanerInnen stehen vor dem Rauswurf

Im Zuge der Finanzkrise droht Millionen US-AmerikanerInnen die Zwangsräumung und der Verlust der Wohnung. Dies trifft Menschen, die nicht imstande sind, ihre Kredite zurückzubezahlen genauso wie solche, die zwar regelmäßig ihre Miete bezahlen, deren Zahlungen vom Eigentümer aber nicht an die Bank weitergeleitet werden. Die Situation ist inzwischen so prekär, dass ein Sheriff aus Illinois beschlossen hat, keine weiteren Zwangsräumungen vorzunehmen.

Im Zuge der Finanzkrise droht Millionen US-AmerikanerInnen die Zwangsräumung und der Verlust der Wohnung. Dies trifft Menschen, die nicht imstande sind, ihre Kredite zurückzubezahlen genauso wie solche, die zwar regelmäßig ihre Miete bezahlen, deren Zahlungen vom Eigentümer aber nicht an die Bank weitergeleitet werden. Die Situation ist inzwischen so prekär, dass ein Sheriff aus Illinois beschlossen hat, keine weiteren Zwangsräumungen vorzunehmen.

Tom Dart erklärt seine Weigerung so: „Der schwierigste Teil unserer Arbeit ist zweifellos der, den unsere Räumungseinheiten erledigen müssen. Jederzeit können unsere PolizeibeamtInnen aufgefordert werden, Familien vor die Tür zu setzen. Die finden sich und ihren ganzen Besitz dann auf der Straße wieder, ohne Schutz vor Diebstahl. Wo die Kreditanstalten nur einen Wisch Papier sehen, sehen meine KollegInnen Menschen.“ Und der Sheriff fährt fort: „So hart es auch sein mag, Zwangsräumungen sind Bestandteil unserer Arbeit. Aber es ist nicht Teil unserer Arbeit, die Aufgaben der Banken und Versicherungen zu übernehmen.

Viel zu oft sehen sich unsere BeamtInnen bei den Wohnungsräumungen mit Menschen konfrontiert, die ihre Miete jeden Monat bezahlen und die gar nicht wissen, dass ihre VermieterInnen aufgehört haben, dieses Geld für die Rückzahlung der Kredite zu verwenden. Diese Leute werden nicht einmal vorgewarnt, dass ihre Wohnungen geräumt werden. Und das alles passiert, weil sich die Banken und Kreditanstalten nicht die geringste Mühe machen, um herauszufinden, wer in der betroffenen Immobilie wohnt – obwohl sie laut Gesetz dazu verpflichtet wären. Die Banken gehen von dem Prinzip aus, dass es Aufgabe der lokalen Behörden – also letztendlich der Steuerzahler – ist, die Kosten für diese notwendigen Untersuchungen zu übernehmen. Aber wir werden die MieterInnen nicht mehr mit solchen Räumungsbefehlen überraschen.“(The Chicago Sun-Times, 09.10.2008).

2008 wurden in den Vereinigten Staaten fast 750.000 Menschen auf die Straße gesetzt – 107.500 davon allein im September. Diese Zahlen zeigen die enorme Beschleunigung der Hypothekenpfändungen. Nach einer Analyse von Market Watch „sind die Pfändungen zwischen August und September um 6,6% gestiegen, zwischen dem zweiten und dem dritten Quartal um 25,8% und im Vergleich zum Vorjahr um 82,6%. Alles deutet darauf hin, dass die Grenze von einer Million Pfändungen am Ende des Jahres überschritten sein wird.“ Derselbe Bericht offenbart auch, dass die Zahl der potentiellen Pfändungen – darunter fallen verschiedene Formen von Warnungen und Mahnungen – am Jahresende die noch nie erreichte Höhe von zwei Millionen betragen wird.

Das Wall Street Journal berichtete am 8.10.2008, dass bei fast einem Sechstel der ImmobilienbesitzerInnen in den USA die Höhe ihrer Kredite den aktuellen Wert ihrer Immobilien übersteigt. Diese Situation ist die Folge des enormen Immobilienpreissturzes, der in manchen Regionen des Landes mehr als 30% beträgt. 16% der 12 Millionen BesitzerInnen sind von dieser absurden Situation betroffen, im Gegensatz zu lediglich 4% vor zwei Jahren.

Beim Lesen dieser Zahlen fällt es nicht schwer zu verstehen, wieso so viele US-amerikanische ArbeiterInnen mit großem Unmut auf die Ankündigung des Banken-Rettungspakets reagierten, das vom Kongress beschlossen wurde. Am härtesten treffen die Hypothekenpfändungen die Opfer der räuberischen und betrügerischen Methoden der VerkäuferInnen von sog. Subprime-Krediten, also Krediten, die un- oder unterbesichert sind.

„Wenn ihr kommen werdet, um mich rauszuwerfen, werde ich tot sein“

Am 3.10.2008 hat die 90-jährige Rentnerin Addie Polk aus Akron, Ohio, zwei Mal versucht, sich mit einer Schusswaffe das Leben zu nehmen, als die Sheriffs gekommen sind, um sie aus ihrer Wohnung zu werfen. Sie lebte dort seit 1970. 1982, kurz vor ihrer Verrentung, hatten sie und ihr Ehemann ihren Immobilienkredit abbezahlt. Angesichts finanzieller Schwierigkeiten hat sie 2004 einen neuen Immobilienkredit über 45.620 Dollar auf 30 Jahre, sowie einen Konsumkredit über 11.380 Dollar bei Countrywide Home Loan aufgenommen.

Sie war zu diesem Zeitpunkt 86 Jahre alt. Ab 2007 konnte sie den Kredit nicht mehr abbezahlen und Countrywide hat einen Räumungsprozess gegen sie angestrengt. Ihre Wohnung wurde infolgedessen in einer Auktion für 28.000 Dollar an Fannie Mae verkauft, und die Sheriffs fingen an, Räumungsbescheide zu schicken. Countrywide ist eine jener Firmen, die am meisten mit den sog. Subprime-Krediten spekuliert hat. 2007 brach das Unternehmen zusammen. Addie Polk hat glücklicherweise überlebt, und Fannie Mae stimmte schließlich sogar zu, den Kredit weiter zu stunden.

Im Juli dieses Jahres hat die 53-jährige Carlene Balderrama aus Tauton, Massachusetts, ein Fax an ihr Kreditunternehmen geschickt: „Wenn ihr kommen werdet, um mich aus meinem Haus zu werfen, werde ich tot sein.“ Als die PolizeibeamtInnen vor Ort angekommen waren, hatte sie sich mit der Pistole ihres Mannes umgebracht.

Die Krise trifft aber auch die Mittelschicht. Am 6. Oktober berichtete der Sender CBS über die Geschichte von Ross DeMona. Vor zwei Jahren hatte sie ein luxuriöses Haus mit fünf Schlafzimmern, drei Badezimmern und einem Hausswimmingpool gekauft. Sie arbeitete als Immobilienmaklerin und konnte es sich leisten, 2.700 Dollar im Monat für die Abbezahlung des Kredits auszugeben. Doch ihr Geschäft brach im selben Moment zusammen, in dem ihre monatlichen Kreditraten auf 4.900 Dollar erhöht wurden. Heute steht ihr ein gerichtliches Räumungsverfahren bevor. „Bush kümmert sich nur um die AIGs (Anm. der Übersetzerin: American International Group – größtes multinationales Versicherungsunternehmen der Welt) dieser Welt“, sagt sie. „Für die ist das eine win-win-Situation. Ich aber kann dabei nur verlieren.“

Im wohlhabenden Santa Barbara hat die Stadtverwaltung zwölf spezielle Parkplätze für all jene zur Verfügung gestellt, die in ihrem Auto schlafen. Unter ihnen finden sich Craig und Page Miller mit ihren beiden Kindern, die jetzt in einem Wohnwagen leben. „Diese Familie hat in einem großen Haus mit vier Schlafzimmern und einem Swimmingpool gewohnt. Aber sie haben alles verloren, als Craigs Geschäft den Bach runter ging“, erzählt ein Journalist des BBC.

Barbara Harvey, 67 Jahre, Mutter von drei Kindern, war Führungskraft in einem Kreditinstitut. Doch im März diesen Jahres wurde sie entlassen. Seither lebt sie in einem kleinen Honda auf ebendiesem Parkplatz in Santa Barbara.

Ein Sozialarbeiter von Santa Barbara kommentiert die Lage: „Die Leute haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet, um ein Haus zu haben und jetzt zerfällt alles zu Staub. Das ist nicht der amerikanische Traum, das ist der amerikanische Albtraum.“

Zeltstädte sprießen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden: in Fresno, Reno, Seattle, San Diego, Portland, Columbus, etc. Diese Krise ist noch lange nicht zu Ende und sie legt schon jetzt die Basis für eine tief greifende und dauerhafte Infragestellung des kapitalistischen Systems in den Vereinigten Staaten.

Übersetzung: Anna Götsch

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