Die Vogelgrippe und ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

Vogelgrippe. Kapitalistische Barbarei oder Psychothriller? Jeden Tag wird von neuen Fällen berichtet, immer näher scheint die Gefahr an Mitteleuropa heranzurücken. Mit dem stetigen Steigen der Spannung, stieg auch der Absatz an potenziellen Schutzmaßnahmen, wie Tamiflu, Grippeimpfungen und Atemmasken am Markt.


Vogelgrippe. Kapitalistische Barbarei oder Psychothriller? Jeden Tag wird von neuen Fällen berichtet, immer näher scheint die Gefahr an Mitteleuropa heranzurücken. Mit dem stetigen Steigen der Spannung, stieg auch der Absatz an potenziellen Schutzmaßnahmen, wie Tamiflu, Grippeimpfungen und Atemmasken am Markt.

Denn: Ottilia Normalbürgerin hatte Angst und ahnte gleichzeitig, dass sie sich auf die Schutzvorkehrungen ihrer Regierung nicht unbedingt verlassen sollte. Kritische (Medien-) KonsumentInnen vermuteten eine perfekte Inszenierung der Pharmaindustrie und blieben dementsprechend cool. Aber was steckt wirklich dahinter? Ist das Szenario einer Pandemie, d.h. einer weltweiten Grippeepidemie ausgelöst durch den Vogelgrippe-Virus realistisch? Oder doch nur ein Schreckgespenst der Pharmaindustrie, die so versucht ihren Absatz zu steigern? Welche Rolle spielt die Politik bei der Prävention und Bekämpfung des Virus? Welche Rolle der Kapitalismus? Diese Fragen stellt sich der marxistische Historiker Mike Davis in seinem neu erschienen Buch „Vogelgrippe. Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien“.

Barbarei

Schon in der von Davis sehr emotional gehaltenen Einleitung wird klar, wie viele Menschenleben im Fall einer Pandemie dem Virus zum Opfer fallen könnten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass die Vogelgrippe in den nächsten Jahren 100 Millionen Menschen töten könnte, also genau so viele wie bei der letzten großen Grippepandemie, der so genannten „Spanischen Grippe“ 1918.

Dabei drängt sich nun förmlich die Frage auf, warum fast 100 Jahre später, in denen sich die Möglichkeiten der Medizin massiv erweitert haben, die Opferzahlen beinahe gleich groß sein sollen? Die Antwort darauf ist einfach und offenbart gleichzeitig das barbarische Gesicht des Kapitalismus: Influenza-Impfstoffe sind bei Arzneimittelfirmen nicht gerade beliebt, da sie schwierig herzustellen, nach einer Grippesaison überholt und außerdem starken Nachfragefluktuationen unterworfen sind. Und so wurde von den großen Pharmafirmen auch nicht in die Weiterentwicklung von Grippe-Impfstoffen investiert. Einzig das kleine Kuba legt Wert darauf Impfstoffe gegen „Arme-Leute-Krankheiten“ weiter zu entwickeln und gehört mittlerweile zu den weltweit führenden Entwicklern. Bis jetzt wurden ihre Forschungsergebnisse von den großen Arzneimittelfirmen jedoch ignoriert.

Da sich der aktuelle Vogelgrippevirus H5N1 ständig verändert und ein Impfstoff de facto erst nach Ausbruch der Pandemie entwickelt werden kann, ist die Produktionsgeschwindigkeit ein entscheidender Faktor im Kampf um Menschenleben. Dass die Forschung dazu in den so genannten hoch entwickelten Staaten erst jetzt - sozusagen 5 vor 12 – beginnt, ist ein weiterer Ausdruck jener unfassbaren Gleichgültigkeit des Kapitalismus gegenüber Menschenleben. Denn, dass eine solche Technik irgendwann einmal über Sein oder Nicht-Sein von Millionen Menschenleben entscheiden wird, ist schon seit Jahren klar. Bloß, langfristig planen ist im gegenwärtigen Wirtschaftssystem nicht erwünscht, alles unterliegt den (kapitalistischen) Bedürfnissen des Augenblicks.

ALP-Träume werden Wirklichkeit

Wer an dieser Stelle immer noch darauf hofft, dass die Warnungen vor einer Pandemie nur ein übler Verkaufsgag der Pharmaindustrie sind, sei auf den - eher schwer verständlichen - naturwissenschaftlichen Part des Buches verwiesen. Als medizinisch nicht GebildeteR zermartert mensch sich zwar beinahe das Gehirn bei dem Versuch alles zu verstehen. Eines ist danach aber unausweichlich und unmissverständlich klar: Wir haben es nicht mit einer skrupellosen Panikmache der Medien zu tun, nein – die Vogelgrippe-Pandemie wird traurige Realität werden. Was bei der Lektüre des Buches ebenfalls klar wird ist, dass die Entstehung des H5N1 Virus nicht unabhängig von gesellschaftlichen Strukturen vonstatten ging, geht und gehen wird. Dabei wird deutlich, dass, neben dem Desinteresse der Pharmaindustrie und der nationalen Regierungen geeignete Verfahren zur raschen Impfstoffherstellung zu finden, besonders die Etablierung der modernen Massentierhaltung und die Verstädterung der Armut in der „Dritten Welt“ ihren Teil dazu beigetragen haben. Beide bieten dem Virus die besten Voraussetzungen um sich zu verbreiten, zu mutieren und wieder zu verbreiten. Sowohl Tiere als auch Menschen leben auf engstem Raum unter unhaltbaren Lebensbedingungen, wie mangelnder Hygiene und schlechter Nahrung, die ihre Abwehrkräfte immens schwächen, zusammen. Hinzu kommt noch, dass die verarmte Bevölkerung keinen Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Medikamenten hat.

Schon während der Pandemie 1918 war es so, dass ein Großteil der Opfer aus den Kolonialländern, hauptsächlich aus Indien, stammte. Sie waren ein gefundenes Fressen für den Virus, da sie auf Grund der kriegsbedingten Steigerung der Lebensmittelpreise schlecht ernährt und geschwächt waren. Außerdem lebten sie auf engstem Raum zusammen, was die rasante Verbreitung der Krankheit unterstützte. Gleichzeitig blieb ihnen, wie so oft, der Zugang zu den vorhandenen Arzneimitteln verwehrt. Die hohe Opferzahl von 100 Millionen Toten liegt also nicht nur am fatalen Vernichtungspotenzial eines solchen Virus, sondern auch an den gesellschaftlichen Bedingungen.

Dies zeigen auch die Erfahrungen mit einer weiteren pandemischen Influenza 1957, die zwar rechtzeitig erkannt und identifiziert wurde, deren Bekämpfung aber den Mechanismen des freien Marktes überlassen wurde. Trotz gegenteiliger Aufforderungen von GesundheitsexpertInnen gab es keine staatlich gelenkten Massenimpfkampagnen. Die Regierungen gingen davon aus, dass sich das Problem über das Prinzip von Angebot und Nachfrage selbst regulieren würde. Der Haken dabei war jedoch, dass der Impfstoff für eine Immunisierung in großen Mengen und mindestens ein Monat davor vorhanden hätte sein müssen, aber die Nachfrage von individuellen KonsumentInnen kam erst so richtig in Gang als die Epidemie bereits ausgebrochen war. Glücklicherweise war diese Grippeepidemie weit weniger gefährlich als jene von 1918 und außerdem gelang es ÄrztInnen einen wirkungsvollen Medikamentencocktail dagegen zu entwickeln. Trotzdem starben weltweit zwei Millionen, von denen möglicherweise viele durch eine rechtzeitige Impfung gerettet werden könnten. Die Schuld am Tod so vieler Menschen trug also wie 1918 nicht ausschließlich dieser verheerende Virus, sondern zu einem großen Teil das kapitalistische System!

Notfallpläne

Der aktuelle Notfallplan der WHO sieht zwar von den Regierungen geleitete Massenimpfkampagnen und eine strukturierte Verteilung von Medikamenten im Falle einer neuerlichen Pandemie vor, die Umsetzung selbst wird aber den einzelnen Staaten überlassen. Wozu dies führen wird, ist unübersehbar. Bereits jetzt sind die reichen Industriestaaten verhältnismäßig gut auf den Tag X vorbereitet. Die Menschen dort können sich also eigentlich in relativer Sicherheit wiegen und die oben erwähnte Panikmache der Medien ist sicherlich nicht angebracht. Die prognostizierte Zahl von 100 Millionen Toten wird also unter der Bevölkerung jener Erdteile zu finden sein, die nicht auf die Butterseite des Kapitalismus gefallen sind. Denn diese könnten sich einen solchen Notfallplan beim besten Willen nicht leisten. Internationale Hilfe wird – wenn überhaupt – erst dann anrollen, wenn es für viele zu spät ist. Und das Virus wird, wie schon 1918, jene Regionen am stärksten betreffen, wo es die besten Bedingungen antrifft: verarmte, schlecht ernährte Menschen, die auf engstem Raum zusammenleben.

Eine wirkungsvolle Strategie gegen die Vogelgrippe müsste also nicht nur einen international umsetzbaren Notfallplan beinhalten, der das Recht auf Leben aller Menschen achtet und dort ansetzt, wo der Virus entsteht und sich rasant ausbreiten kann. Eine Strategie, die wirklich greifen will, müsste – das zeigt auch das Buch von Davis - der Armut ernsthaft den Kampf ansagen und, bleiben wir realistisch, dazu ist es notwendig, den Kapitalismus zu überwinden.

Marion Hackl

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