Erdbebenkatastrophe bringt tiefe Krise in Pakistan zum Vorschein

Interview mit Manzoor Ahmed, marxistischer Parlamentsabgeordneter der Pakistanischen Volkspartei (PPP) und Vorsitzender der Pakistan Trade Union Defence Campaign (PTUDC).

 


Interview mit Manzoor Ahmed, marxistischer Parlamentsabgeordneter der Pakistanischen Volkspartei (PPP) und Vorsitzender der Pakistan Trade Union Defence Campaign (PTUDC).

 

In unserer letzten Ausgabe sowie auf www.derfunke.de berichteten wir über die gewerkschaftliche Erdbebenhilfe, die von der PTUDC (Pakistan Trade Union Defence Campaign) gestartet wurde. Die Redaktion bedankt sich bei allen Leserinnen und Lesern, die in den letzten Wochen gespendet haben. Wir haben dieses Geld sofort weitergeleitet. Weiterhin gilt: Deine Spende zählt! Auch noch so kleine Summen können Leben retten und unseren Kolleginnen und Kollegen helfen.
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Die PTUDC kritisiert die Unfähigkeit des Staatsapparates nach der Erdbebenkatastrophe. Woran macht sich diese Kritik fest?

Um ein Beispiel zu geben: Nach dem Erdbeben waren sechs Schülerinnen unter den Trümmern ihrer Schule begraben. Vier Tage lang blieben sie am Leben. Ihr Rufe und Schreie waren gut zu hören. Danach sind sie gestorben. Die meisten Armee-Bulldozer in der Region waren zu dem Zeitpunkt defekt. Der Staat erwies sich als völlig unfähig zum Katastrophenschutz. Daher griffen viele Jugendliche in der Region, darunter viele Medizinstudenten, zur Selbsthilfe und nahmen die Bergung und Rettung in die eigene Hand. Weil wir uns auf diesen Staatsapparat nicht verlassen können, organisierten wir unsere Solidaritätskarawane. Dabei mussten wir feststellen, dass einige Lkw mit Hilfsgütern vom indischen Teil Kaschmirs aus von den pakistanischen Grenzern nicht durchgelassen wurden. Diese Lkw hatten wir in Zusammenarbeit mit indischen Kollegen und Genossen organisiert. Demgegenüber setzte das pakistanische Militär seine Transportkapazitäten ein, um die Nothilfelager der muslimischen Fundamentalisten zu versorgen.

Für den Wiederaufbau sind schätzungsweise 12 Milliarden Dollar notwendig. Das pakistanische Regime steht den westlichen Imperialisten sehr nahe. Doch bei einer Geberkonferenz mit westlichen Regierungen wurde nicht einmal dieser bescheidene Betrag zugesagt. Zudem soll ein Großteil der versprochenen Gelder nur als Kredit bereitgestellt werden.

Bürgerliche Medien sprechen von einem pakistanischen Wirtschaftsboom. Was ist da dran?

Das Problem ist nur, dass die Masse der Bevölkerung nichts von diesem Boom hat. Zudem ist das Wirtschaftswachstum letztes Jahr von 8,2 Prozent auf 6 Prozent zurückgegangen. Industrie und Wirtschaft stecken in chaotischen Verhältnissen. Pakistan ist auf Lebensmittelimporte angewiesen. Die Indikatoren der Wirtschaft zeigen nach unten. Armut und Arbeitslosigkeit nehmen zu. Und jetzt will dieses Regime alle noch verbleibenden Staatsbetriebe für einen Freundschaftspreis an die eigene Klientel verkaufen. Die größte Bank Pakistans wurde an Prinz Aga Khan verkauft. Er hat sie für 22 Milliarden Rupien eingekauft und erzielte damit schon nach zwei Jahren einen Profit von 24 Mrd. Rupien. Gegen die Privatisierung der Telekom gab es eine starke Widerstandsbewegung, die dann letztlich in einer Niederlage endete. Jetzt werden die staatlichen Stahlbetriebe verkauft. Dagegen machen wir derzeit eine Kampagne. Denn Privatisierung bedeutet Ausplünderung.

Aber der pakistanische Staat zeigt sich durch solche Proteste unbeeindruckt.

Es gibt eine tiefe Krise auch im Staatsapparat. Der Staat kann kein einziges Problem des Landes lösen und der Masse der Bevölkerung weder Bildung noch Arbeit noch Gesundheit noch sauberes Trinkwasser bieten. Das tiefe gesellschaftliche Unbehagen drückt sich auch im Aufflammen der nationale Frage aus. In Sindh, bei den Paschtunen im Nordwesten, in Wasiristan und Beluchistan, in Kaschmir und selbst in Punjab gibt es starke nationalistische und Zentrifugalkräfte. Die pakistanische Armee bombardiert Beluchistan und unterdrückt mit modernsten Mitteln die nationale Bewegung.

Wie schon Lenin erklärte, ist die nationale Frage letztlich eine Frage von Brot. Die Nationalisten haben keine Lösung für das einfache Volk. Die Führer dieser Nationalisten sind meistens selbst die regionalen Ausbeuter und Großgrundbesitzer und fordern mehr Geld von der Zentralregierung. Staat und Nationalisten haben keine Lösung für die Probleme der Massen.

Worin liegt dann die Alternative ?

Wir kämpfen in ganz Pakistan gegen die brutalen Militäreinsätze in Beluchistan. Aber gleichzeitig verbinden wir die nationale Frage mit der Klassenfrage. Die einzige Lösung für die am meisten ausgebeuteten Massen in diesen Regionen liegt in einem gemeinsamen Kampf gegen alle Ausbeuter und Unterdrücker in ganz Pakistan. Sonst droht ein Auseinanderbrechen Pakistans und Barbarei.

Und was sind die Perspektiven für die kommenden Jahre?

Die Krise macht übrigens auch vor den Fundamentalisten nicht halt. Ihr Parteienbündnis, das vor einigen Jahren unter Mitwirkung des staatlichen Geheimdienstes ISI geschmiedet wurde, ist kürzlich wieder auseinander gebrochen. Bei den Kommunalwahlen letztes Jahr haben sechs fundamentalistische Parteien gegeneinander kandidiert. Aber auch die Pakistan People´s Party (PPP) steckt in einer tiefen Krise. Die PPP hat die Massen schon dreimal an entscheidenden Wendepunkten verraten. Das wissen einige hunderttausend Menschen im Lande. Aber die Massen haben immer noch Illusionen in die PPP-Führung. So ist es durchaus möglich, dass deshalb Benazir Bhutto, die Führerin der PPP, in den kommenden Jahren wieder an die Regierung kommt.

Die Krise im Land spitzt sich derart zu, dass bald große Dinge passieren könnten. Manche halten ein Attentat auf Präsident Musharraf oder Manöver im Militär zur Amtsenthebung des Präsidenten für möglich. Ein solches Ereignis würde dann ein neues gesellschaftliches Erdbeben in Pakistan auslösen. Denn das Musharraf-Regime ist eine 1-Mann-Show. Wenn er geht, dann geht auch dieses Parlament, das ohnehin machtlos ist.

Derzeit gibt es allerdings keine Massenbewegung in Pakistan, sondern – besonders nach der Niederlage der Bewegung gegen die Telekom-Privatisierung – tiefe Niedergeschlagenheit. Aber in den kommenden Jahren kann es wieder eine explosive Bewegung geben. Viele Menschen im Lande haben die Nase voll von diesem System und wollen etwas ändern. Für die Jugend gibt es in diesem Land keine sichere Zukunft. 39% der Kinder in Sind besuchen keine Schule. Die chronische Arbeitslosigkeit wird durch die Privatisierungen, Betriebsschließungen und Personalabbau verschärft.

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