„Die Kollegen blicken jetzt über den Tellerrand hinaus“

Über „Arbeiterbewusstsein“ haben viele mehr oder weniger kluge Köpfe schon massenhaft Bücher und Artikel verfasst. Doch die allerwenigsten haben sich in den letzten Wochen die Mühe gemacht, den Arbeitskampf in den Druckereien genau zu verfolgen, den Streikenden zuzuhören und die Veränderungen im Bewusstsein zu registrieren.


Über „Arbeiterbewusstsein“ haben viele mehr oder weniger kluge Köpfe schon massenhaft Bücher und Artikel verfasst. Doch die allerwenigsten haben sich in den letzten Wochen die Mühe gemacht, den Arbeitskampf in den Druckereien genau zu verfolgen, den Streikenden zuzuhören und die Veränderungen im Bewusstsein zu registrieren.

Hat der über sechseinhalb Wochen lange Arbeitskampf in der Druckindustrie Spuren im Bewusstsein hinterlassen? Für Emmanuel Korakis, freigestelltes Betriebsratsmitglied bei der Frankfurter Societätsdruckerei (FSD) und ver.di-Vertrauensmann, besteht da kein Zweifel: „Wir haben ein Signal gesetzt in der BRD und die 35 Stunden-Woche verteidigt. Wenn wir kämpfen, können wir gewinnen.“

Jörg Tenholtern, Sprecher der ver.di-Vertrauensleute bei der FSD, bekräftigt: „Im Streik hat sich ein Gemeinschafsgefühl entwickelt. Nach dem Tarifabschluss habe ich von Kollegen mindestens 15 SMS bekommen, die mich alle persönlich zum Tarifabschluss beglückwünschten , als hätte ich Geburtstag.“

Auch wenn Korakis und Tenholtern innergewerkschaftlich immer wieder vor „faulen Kompromissen“ warnten und einen „bitteren Beigeschmack“ in Form von einzelnen Zugeständnissen an die Arbeitgeber im neuen Manteltarifvertrag für die Druckindustrie „nicht schönreden“ wollen, so hat sich für sie der Streik nicht nur wegen der Verteidigung der 35 Stunden-Woche gelohnt.

Einen Hauptgewinn aus der Streikbewegung sehen sie auf einem anderen Gebiet. „Früher sah jeder im Betrieb nur die eigene Abteilung und nicht das Ganze. Jetzt blicken die Kollegen über Tellerrand hinaus und haben verstanden, dass es um alle Beschäftigten in der ganzen Druckindustrie geht“, berichtet Korakis. Zudem hätte gleich am Tag 1 nach dem Streik die in den Arbeitsalltag zurückgekehrte Belegschaft voller Tatendrang gefragt: „Was machen wir jetzt als nächstes. Sollen wir nicht zu anderen Betrieben hingehen, die Probleme haben und unsere Hilfe brauchen?“ Eine solche Einstellung sei noch vor wenigen Monaten unvorstellbar gewesen.

Auch Tenholtern hat bei seinen Kollegen als Folge des Streiks viel mehr „gemeinschaftliches Denken“ entdeckt: „Jetzt sind wir endlich eine Firma. Die Kollegen kennen sich viel besser und Konkurrenzdenken und Hierarchien spielen jetzt im Betriebsalltag keine Rolle mehr. Die Solidarität und Kollegialität im Alltag ist besser geworden. Abteilungen respektieren sich besser als früher.“

Der Arbeitskampf bei der FSD hatte auch dadurch eine besondere Brisanz, dass hier die Frankfurter Allgemeine gedruckt wird und FSD-Geschäftsführer Dr. Roland Gerschermann als Mitglied der Verhandlungskommission im Arbeitgeberverband bvdm fungierte. Ebenso wie die Druckereiarbeiter machte auch Gerschermann in diesen Wochen besondere Lernprozesse durch. So ist der Gewerkschafter Korakis davon überzeugt, dass Gerschermann angesichts von 5 Millionen Arbeitslosen und früherer Entlassungswellen im Betrieb „von der hohen Streikbereitschaft völlig überrascht“ wurde und sich daher – anders als bei der 13 Wochen andauernden Streikbewegung 1984 – auch nicht praktisch auf eine Eskalation des Kampfes einstellte.

Dass der erfahrene und gewiefte Gerschermann höchstpersönlich die Streikenden immer wieder besuchte und sie umstimmen wollte, ist nichts Neues. Doch anders als früher zeigten die Streikenden ihrem obersten Chef gegenüber diesmal „keine Angst vor großen Tieren“ und verwickelten ihn in stundenlange Diskussionen. Kein einziger fiel um. „Gerade auch Kollegen, die früher nie mitstreikten, haben selbstbewusst mit dem Chef diskutiert, der stellenweise sprachlos war. Sie führten Argumente an, die er nicht einfach wegwischen konnte“, berichtet Tenholtern. So drängte Gerschermann, der nach Insiderangaben aus dem Arbeitgeberlager wörtlich feststellte, er wolle „nicht mehr der Leuchtturm der Nation sein“, unter dem Eindruck der Stimmung im eigenen Betrieb in der entscheidenden Verhandlungsrunde im bvdm auf einen raschen Abschluss.

Solche Erfolge sind nicht vom Himmel gefallen. Die FSD-Vertrauensleute wissen, dass sie mit „Stellvertreterpolitik“ und ohne Aufklärung und aktive Einbeziehung aller Streikenden keinen Erfolg gehabt hätten. „Wir haben den Kollegen immer die Wahrheit gesagt, die Schwierigkeiten nie verheimlicht und klargemacht, dass es auf jeden einzelnen ankommt“, so Tenholtern.

Dementsprechend stark war die Resonanz und sind viele Arbeiter in diesem Arbeitskampf über sich selbst hinausgewachsen. „Auf einmal hat sich Bewusstsein weiter entwickelt. Die Kollegen haben gesehen, dass jeder gefordert ist und Präsenz zeigen muss. Es meldeten sich Freiwillige für Streikposten und fragten nach, wie sie helfen könnten. Viele hatten frei und sind trotzdem gekommen. Ein Kollege hatte das Auto zur Reparatur in der Werkstatt und wollte sich sogar einen Leihwagen nehmen, um herzukommen“, so Tenholtern.

Auch gegenüber dem eigenen Gewerkschaftsapparat, der in diesen Wochen zahlreiche Neueintritte aus Streikbetrieben zu verzeichnen hatte, zeigen die FSD-Vertrauensleute Selbstbewusstsein: „Wir als Vertrauensleute sind nicht von oben gesteuert, sondern ver.di hat das zu machen was wir wollen. ver.di hat das kapiert und uns auch entsprechend unterstützt“, betont der Vertrauensleutesprecher.

. 1906 stellte Rosa Luxemburg in ihrer Schrift „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ fest: „Die Gewerkschaften können sich selbst nicht auf die Dauer anders erhalten als gerade im Kampf. (...) Die lebendige dialektische Entwicklung lässt die Organisation als ein Produkt des Kampfes entstehen.“

99 Jahre später zeigt sich die ungebrochene Aktualität dieser Ideen.

Hans-Gerd Öfinger

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