Ein perfekter Kreislauf

Die Weltwirtschaft ist so verflochten wie nie. Dem großen US-Außenhandelsdefizit stehen nie da gewesen hohe finanziellen Zuflüsse gegenüber. Der gegenwärtige private und öffentliche Konsum der USA sowie die Rüstungsaufgaben werden auf Kredit finanziert. Beunruhigend? Nicht für gewisse Ökonomen, die darin ein neues Zeitalter erkennen wollen. Michael Roberts von unserer britischen Schwesterzeitschrift "Socialist Appeal" analysiert.


Die Weltwirtschaft ist so verflochten wie nie. Dem großen US-Außenhandelsdefizit stehen nie da gewesen hohe finanziellen Zuflüsse gegenüber. Der gegenwärtige private und öffentliche Konsum der USA sowie die Rüstungsaufgaben werden auf Kredit finanziert. Beunruhigend? Nicht für gewisse Ökonomen, die darin ein neues Zeitalter erkennen wollen. Michael Roberts von unserer britischen Schwesterzeitschrift "Socialist Appeal" analysiert.


Es funktioniert so. Die Wirtschaft der entwickelten Welt, repräsentiert von den G7 Ländern (USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada – in dieser Reihenfolge) hat es nicht länger nötig, Dinge zu produzieren. In steigendem Ausmaß brauchen sie Dinge nur mehr zu erfinden, zu entwerfen und zu vermarkten. Das Produzieren überlassen sie den unterentwickelten Teilen der Welt, besonders China und anderen asiatischen Ländern, Mexiko und Brasilien. Die G7 (und andere, kleinere entwickelte Wirtschaften) können sich auf die Finanzierung der Investitionsprojekte in den unterentwickelten Länder konzentrieren.
Die Banken und Finanzinstitute von New York bis Genua, von London und Paris bis Frankfurt dürfen sich die enormen Ersparnisse, die durch die Produktion in China, Japan, Korea und den Erdöl produzierenden Ländern entstehen, einverleiben. Der globale Finanzsektor nutzt dieses Kapital, um Anleihen der G7-Regierungen, der großen Unternehmen und Hypothekenbanken, sowie Anteile an den wichtigsten Firmen der G7-Länder zu kaufen. Von der anderen Seite betrachtet bedeutet dies, dass die Regierungen und die großen Unternehmen sowie die Durchschnittshaushalte der G7 Länder sich riesige Geldsummen ausleihen können, um sich Häuser zu kaufen, Staatsausgaben für Rüstung, Bildung usw. zu finanzieren, sowie den Bau von Fabriken in der so genannten „Dritten Welt“ zu finanzieren.
Es ist perfekt. Die USA hat ein riesiges Handelsdefizit, in der Höhe von 7% des jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Außerdem haben sie Nettoschulden beim Rest der Welt in der Höhe von 25% des jährlichen Outputs. Aber alles kein Problem: Sie haben dieses Defizit, weil sie massenweise billige Produkte aus China importieren um ihre Geschäfte zu füllen. Man braucht diese Dinge nicht mehr im eigenen Land produzieren, wenn sie doch so billig im Ausland hergestellt werden. Und sie werden von amerikanischen, japanischen und europäischen Firmen hergestellt, die ihre Fabriken nach China und andere Billiglohnländer ausgesiedelt haben, wo reichlich Arbeitskraft vorhanden ist. Dies alles funktioniert, weil die von China generierten Exporterlöse von den ausländischen Unternehmen in chinesische Banken hineingesteckt werden, welche das Geld verwenden, um US-Anleihen und sonstige Finanztitel zu erwerben. Zwar hatten die USA 2005 ein Handelsdefizit von 700 Milliarden; sie empfingen aber auch 900 Milliarden durch Kredite, in Form durch Ausländer erworbener Regierungsanleihen, Unternehmensanteile und Hypothekenanleihen.
Als Resultat davon wird das US-Finanzsystem mit Geld überschwemmt. Geld kann an die US-Amerikaner zu historisch sehr niedrigen Zinsen verliehen werden, damit diese immer mehr teure Häuser oder chinesische Produkte kaufen können, oder High-Tech-Dienstleistungen aus Indien und Technikgeräte aus Korea, Taiwan und Japan. Das also ist der Kreislauf des kapitalistischen Erfolges. Er ist so perfekt, dass einige Kapitalstrategen überzeugt sind, dass einer florierenden kapitalistischen Weltwirtschaft nichts mehr im Wege steht. Sie nennen es ‘Our Brave New World’ – ‘Unsere Schöne, Neue Welt”.
In dieser Welt sind in den G7 so genannte „Plattform-Unternehmen“ angesiedelt. Sie stellen nichts selbst her: “Im neuen Wirtschaftsmodell muss nirgends mehr produziert, dafür überall verkauft werden…Plattform-Unternehmen organisieren einfach die Bestellungen der Kunden und die Lieferung durch die Produzenten…Sie sichern sich einerseits die Unternehmensaufgaben mit der höchsten Wertschöpfung wie Forschung, Entwicklung und Vermarktung, während sie andererseits den Rest an externe Produzenten ausgliedern.“
Stellen wir uns die „Schöne Neue Welt“ als neue Stufe der kapitalistischen Entwicklung vor: Zuerst war die Entwicklung des agrarwirtschaftlichen Kapitalismus im Europa des 17. und 18. Jahrhundert sowie im 19. Jahrhundert in den USA und Japan. Dann kam der industrielle Kapitalismus, der sich zuerst in Großbritannien entwickelte und dann von den USA, dem restlichen Europa und später Japan übernommen wurde. Der Rest der Welt wurde darauf reduziert Rohmaterialien und Nahrung zu liefern. Alles war auf die Bedürfnisse der Produktion in den Industrienationen ausgerichtet.
Daraus entwickelte sich der Finanzkapitalismus (ein weit gefasster Begriff, der auch das beinhaltet, was Marx den unproduktiven Sektor nannte, nämlich Finanzsektor, Marketing usw.). So erhöhen die G7-Länder ihren Wohlstand. Sie nehmen die Ersparnisse der gerade industrialisierten Länder und konsumieren bzw. investieren stellvertretend für sie!
Wenn man also das Argument weiterführt, hätte China keinen Markt, um seine Fernseher, Spielzeuge, Kleidung und alle anderen Produkte zu verkaufen, wenn die amerikanischen Haushalte nicht das Geld oder die Kreditmittel dafür hätten, diese zu kaufen. Bei dieser Sichtweise des Kapitalismus steht nicht die Produktion, sondern der Konsum im Vordergrund.
Es ist eine Wiederholung jener ironiereichen Geschichte, die im Jahre 1705 zum ersten Mal der dänische Ökonom Bernard Mandeville in seiner "Fabel von den Bienen" erzählt. Wie er in seinen wunderbar holprigen Versen zeigte, sind es nicht die Bienen (die ArbeiterInnen), die wichtig für das Funktionieren ihrer „Wirtschaft“ sind. Ohne den Faulenzer (die nichts tun als den Honig zu konsumieren) würde es keine Arbeiterbienen brauchen. Ohne jemanden, der dir den Kühlschrank leer frisst, braucht man auch nicht zu kochen oder einzukaufen – logisch, nicht? Also ohne die kurzsichtigen, überzogenen Konsumausgaben der US-Amerikaner könnte China nichts verkaufen oder sein Kapital jemandem verleihen.
Die US-amerikanischen Konsumenten/Schuldner halten also die kapitalistische Welt am Laufen –nicht etwa die chinesischen Sparer/Gläubiger. Da kann doch was nicht stimmen! Und da stimmt auch was nicht. Diese ganze Sicht des Kapitalismus läuft darauf hinaus, dass Profite irrelevant sind. Was wichtig ist, ist das die Kurse für Aktien und Anleihen im Steigen sind, dass der Wert des Eigentums steigt und der Zinssatz möglichst niedrig bleibt, und keine Profite gemacht werden. Wenn der Wert deines Hauses steigt, kannst du dir mehr ausleihen und so mehr ausgeben. Wenn der Wert von Beteiligungen steigt, kannst du dir mehr ausleihen, um es in Fabriken in China zu investieren und neue Dinge zu entwickeln, welche die Chinesen produzieren. Wenn der Zinssatz niedrig bleibt, können die Regierung und andere Geld leihen, um die Rüstungsausgaben zu erhöhen und trotzdem die Steuern relativ niedrig zu halten. Dies ist die Sichtweise der Banker und reichen Konsumenten. Aber es ist nicht die kapitalistische Realität. Denn der Wert des Eigentums, die Aktien und die Regierungsanleihen werden nicht ewig steigen, da sie von etwas andrem abhängig sind: den Profiten der Kapitalisten. Das eben ist der Lebensnerv des Kapitalismus. Wenn die Profite der großen Unternehmen abflauen, dann ist alles möglich. Investitionen in China werden zurückgehen, Aktienkurse werden fallen und weniger Produkte gekauft werden.
Die Wirtschaften der G7-Länder werden unter Druck geraten. Profite kommen nicht von Banker, die Geld verleihen, reiche Leute die Luxusgüter kaufen, Regierung die Aufrüsten oder Menschen die Häuser kaufen. Die Profite wurden bereits gemacht. Diese ökonomischen Akteuren verteilen nur die Profite neu, die von anderen erwirtschaftet wurden, nämlich den Produzenten in den USA und China. Das ist eine der fundamentalen Entdeckungen der marxistischen Ökonomie. Profite sind unbezahlte Arbeit der Arbeiterklasse und entstehen nur durch den Verkauf von Produkten, die die Menschen nachfragen. Marketing, Werbung und Vertrieb von Waren fügt dem Profit nichts hinzu. Dies sind nur (im Kapitalismus) notwendige Kosten zur Profitrealisierung für einzelne Kapitalisten im Wettbewerb untereinander. Genauso sind ArbeiterInnen im öffentlichen Sektor für den Kapitalismus notwendig, um die Arbeitskraft gesund, gebildet und funktionstüchtig zu halten. Sie produzieren allerdings keine Profite.
In diesem Sinn sind sie „unproduktiv“ für den Kapitalismus. Banker, Finanzanalysten und Börsenmakler mögen riesige Summen verdienen, aber sie erwirtschaften keine Profite für das kapitalistische Gesamtsystem – und zwar selbst dann nicht, wenn das Unternehmen, für das sie arbeiten, durch ihre Arbeit sehr wohl mehr Profite macht. Auch in dieser Hinsicht sind sie unproduktiv.

 

Dieser Kapitalismus der „Schönen, Neuen Welt“ behauptet also, dass es gerade die unproduktiven Sektoren des Kapitalismus sind, welche das gesamte System am Laufen halten. Dies wird sich als absolut falsch herausstellen, sobald die Rentabilität des kapitalistischen Systems fällt. Zur Zeit beträgt die Rentabilität der gesamten US Wirtschaft etwa 8,5% des jährlichen Outputs. Das ist sehr nahe am historischen Höchststand vor 25 Jahren, welcher 9% betrug. Aber sie beginnt bereits abzunehmen.

Es gibt drei Indikatoren dafür, dass die „Schöne Neue Welt“ in Tränen enden wird. Erstens werden die US-Immobilienpreise fallen. Wenn dies eintritt, wird sich der Anreiz für Ausländer in Anleihen auf Hypotheken zu investieren verringern. Dies wird wiederum die Zinssätze ansteigen lassen und es schwieriger machen das riesige Handelsdefizit zu finanzieren. Augenblicklich steigen die Immobilienpreise um etwa 15% jährlich. Aber dieser Trend beginnt sich nun abzuschwächen. Zweitens: Die Frage wird sein, inwieweit US- und G7-Unternehmen weiterhin in China investieren, um ihre Rentabilität zu steigern. Wenn die Investitionen abnehmen, haben die G7-Unternehmen entweder weniger zum Ausgeben oder erwarten keine ausreichenden Profite aus der Ausbeutung zusätzlicher chinesischer ArbeiterInnen. Im Jahr 2005 investierten ausländische Kapitalisten 58 Milliarden Dollar in China. Das ist sehr viel, aber es ist weniger als 2004 - ein erstes Warnsignal. Drittens sind die chinesischen Exporte in den Rest der Welt entscheidend. Wenn diese zurückgehen, haben die Konsumenten der G7-Länder weniger Geld für Produkte haben und/oder die ausländische Produzenten bemerken einen Rückgang oder Fall ihrer Exportprofite. 2005 waren die Exporte in China noch auf einem Rekordniveau.

Bis jetzt hält sich also der Kapitalismus Marke „Brave New World“ noch immer. Es scheint noch immer, dass die Banker und Rüstungsproduzenten der G7-Ländern erfolgreich und profitabel sind. Aber es gibt Anzeichen, dass wir an einem Wendepunkt stehen. Kommen wir noch einmal auf Mandevilles Fabel zurück. In der freien Natur spielen die Faulenzer natürlich eine wichtige Rolle. Sie mögen nichts tun und nicht einmal die Königin bewachen. Aber sie sind die einzigen Männchen im Bienenstock. Sie paaren sich mit der Königin und spielen somit eine Rolle bei der Fortpflanzung. Die Arbeitsbienen sind alle weiblich. Nach der Paarung werden die Faulenzer aus dem Bienenstock verstoßen und sterben. In der Welt der Menschen sind die Arbeiterbienen sowohl männlich als auch weiblich. Und sie wissen durchaus, wie Kinder gemacht werden... Faulenzer jedenfalls brauchen sie dafür keine!

Michael Roberts, www.marxist.com

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