Griechenland in Aufruhr

Seit Tagen gehen Bilder aus Griechenland um die Welt, die ein Land in Aufruhr zeigen und einen Staatsapparat, der die Lage nicht mehr im Griff hat, weil die herrschende Klasse sehr wohl weiß, dass ein härteres Durchgreifen eine noch härtere Gegenreaktion provozieren würde.
Ein Gastbeitrag.

Seit Tagen gehen Bilder aus Griechenland um die Welt, die ein Land in Aufruhr zeigen und einen Staatsapparat, der die Lage nicht mehr im Griff hat, weil die herrschende Klasse sehr wohl weiß, dass ein härteres Durchgreifen eine noch härtere Gegenreaktion provozieren würde.
Ein Gastbeitrag.

Ich habe im griechischen (Privat)-Fernsehen die Augenzeugen gesehen, die übereinstimmend gesagt haben, dass der Polizist gezielt auf die Gruppe jugendlicher Anarchisten geschossen hat und keinesfalls in die Luft bzw. auf den Boden wie er behauptet oder es ein "ballistisches Gutachten" der Polizei nun bestätigt.

Diese Augenzeugen sehen allesamt aus wie griechische „Normalbürger“, also keinesfalls Mitglieder oder Sympathisanten der griechischen Anarchisten, die zahlreich in Exarchia (ein linkes Szeneviertel im Zentrum Athens) wohnen. Selbst der griechische Staatspräsident Papoulias (Sozialist) spricht inzwischen von "Mord" und es geht eine Welle der Empörung durch das Land, deren sichtbarster Ausdruck die Zerstörungswut einiger Tausend Jugendlicher ist!
Es lag schon seit geraumer Zeit eine Menge Benzin auf den Straßen Griechenlands und es brauchte nur eines Funken, um ihn zu entzünden. Dieser Funken war die Ermordung des 15 jährigen Alexis durch einen Athener Polizisten, der im Kollegenkreis gerne auch mal "Rambo" genannt wurde und aufgrund guter "Beziehungen" seiner Familie zu irgendeinem Politiker der bürgerlichen Nea Demokratia (ND) oder der PASOK (Sozialisten) ein "warmes" Plätzchen im Staatsapparat fand und es ihm mit Loyalität und Wählerstimmen seiner Familie dankt.

Weit verbreitete Korruption

Womit ich zu einem der Grundprobleme der griechischen Verhältnisse komme, der allgemein weit verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft, das sogenannte "Rousfeti" (aus dem türkischen für "Geschenk“). "Rousfeti" heißt nichts anderes, als das was üblicherweise in der Mafia läuft. Der "Don", der Pate (in diesem Falle ein mächtiger Provinzpolitiker oder sogar Parlamentsabgeordneter) verschafft seinen Anhängern einen ökonomischen oder beruflichen Vorteil und sichert sich damit die Loyalität derselben. An der Spitze dieses Systems stehen seit sechs Jahrzehnten drei Familien: Die Papandreous ("Sozialisten"), Karamanlis (konservativ) und die Mitsotakis (konservativ).
Mit Ausnahme der Zeit der Militärjunta, die von 1967-1974 herrschte und vom CIA gefördert wurde, hat (fast) noch niemand anderes Griechenland regiert. Auf diese Weise hat sich der Staatsapparat zum wichtigsten Arbeitgeber entwickelt und fast 50 % aller Beschäftigten arbeiten im öffentlichen Sektor (Verkehr, Verwaltung, Energie, Wasser, Erziehung, Sicherheit, usw.) Wer einen Job im öffentlichen Dienst ergattert hat lebt zwar nicht üppig, aber immer noch besser als der Durchschnitt der Bevölkerung der sich mit 400-700 Euro im Monat durchschlagen muss.

So wie in Deutschland das Wort der "Generation Praktikum" die Runde macht spricht man in Griechenland von der "700-Euro-Generation". Eine meiner Cousinen ist gelernte Krankenschwester und lebt als alleinerziehende Mutter in Thessaloniki und muss sich und ihre Tochter mit 800 € im Monat durchschlagen.
Die Preise in Griechenland haben fast deutsches Niveau und viele Artikel sind
sogar teurer als hier. 20% der Bevölkerung leben unter der offiziellen Armutsgrenze und 23% der Jugendlichen unter 25 Jahren sind erwerbslos, was die höchste Quote in Europa darstellt. Jede griechische Familie muss einen nicht unerheblichen Teil des Einkommens für "Frondistiria“ (Nachhilfeschulen) aufwenden, damit die Kinder es durchs Gymnasium und durchs Lyzeum schaffen, bzw. die Aufnahmeprüfungen für die Universitäten schaffen, weil der Zustand der staatlichen Schulen miserabel ist.

Selbstverständlich wohnen diese jungen Erwachsenen in der Regel noch bei ihren Eltern und teilen sich mit ihren FreundInnen das Kinderzimmer, in denen sie aufwuchsen. Und wenn dann nach Jahren des Zahlens und der teilweisen Verschuldung der Eltern die Sprösslinge es endlich geschafft haben einen Universitätsabschluss zu erreichen (Griechenland hat eine der höchsten Akademikerquoten in der EU), dann warten auf die jungen AkademikerInnen schlechtbezahlte und prekäre Jobs, die in nichts ihrem Ausbildungsstand entsprechen. Dies ist die Lage im Kleinbürgertum, oder unwissenschaftlich "Mittelschicht" genannt, die auch in Griechenland immer mehr zerrieben wird und ins Proletariat abstürzt.

Das Industrieproletariat selbst, welches hauptsächlich auf dem Bau, den Werften und der Lebensmittel- und Textilindustrie arbeitet oder als Matrose oder Hafenarbeiter auf den zahlreichen Schiffen (die griechischen Reeder kontrollieren weltweit 25% der Transportkapazitäten) arbeitet, sind vor allem diejenigen, auf die sich die Aasgeier der bürgerlichen Gesellschaft stürzen.
Es sind die Arbeiter, die als einzige Steuern zahlen, weil sie keine Hinterziehungstricks anwenden können oder einen Kumpel im Staatsapparat haben. Während die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst von den „Sozialisten“ kontrolliert werden, sind es im "Privatsektor" hauptsächlich die Kommunisten, die die Vorstände bilden und eine wesentlich militantere Gangart bei den Klassenauseinandersetzungen anschlagen!

Kämpferische Tradition

In den griechischen Gewerkschaften werden Listenwahlen durchgeführt und jede politische Partei hat ihre eigene Liste. So kommt es, dass von 35 Vorstandsmitgliedern der griechischen Baugewerkschaft (mit ca. 100.000 Mitgliedern die größte Industriegewerkschaft) 27 Mitglieder der Kommunistischen Partei sind. 2-4 Generalstreiks im Jahr, an denen sich ca. 50% aller Arbeitnehmer beteiligen gehören seit Jahren zum Alltag.

Ob es um die Erhöhung des Rentenalters, Privatisierungen oder anderer "Wohltaten" geht, ständig erwehren sich die griechischen Arbeitnehmer ihrer Haut und verhindern durch ihren Widerstand das schlimmste! Auf der anderen Seite bereichert sich eine korrupte Clique von Politikern und Kirchenfürsten schamlos und glänzt durch eine ganze Reihe von Skandalen, die für die Beteiligten IMMER folgenlos bleibt!

Soziale Wirklichkeit

Noch drastischer als im Rest Europas geht die Schere zwischen Arm und Reich
auseinander und das Vertrauen in die Institutionen (Staat und Kirche) schwindet
bei einem immer größeren Teil der Bevölkerung immer mehr! Kaum eine Familie, die nicht hoch verschuldet ist und sich mit mehreren Jobs über Wasser halten muss, um Miete und den täglichen Lebensbedarf zu decken.

Das ist die soziale Wirklichkeit im "Mutterland der Demokratie", deren Bewohner sich täglich fragen wie oft sie noch betrogen und ausgeplündert werden sollen von einer korrupten und inkompetenten Bande, die die höchsten Staatsämter besetzt und kein einziges (Wahl)-Versprechen einhält. Skrupellose Bodenspekulanten fackeln seit Jahren die griechischen Wälder ab und korrupte Minister und Behörden geben ihnen anschließend die Baugenehmigungen für Immobilienprojekte und halten fleißig die Hand auf, um ihre Provision einzustreichen.

Das dabei auch tausende griechischer Bauern ihre Existenzgrundlage verlieren juckt die herrschende Klasse recht wenig. Ein Arbeitsimmigrant mehr oder weniger fällt bei sieben Mio. Auslandsgriechen doch kaum ins Gewicht. Mir hat vor 6 Jahren ein junger Bauarbeiter, der gerade seinen Militärdienst ableistete und nebenbei erzählte wie die Kommunisten statt mit Daumen-, Zeige- und Mittelfinger (so wie die Orthodoxen ihr Kreuz machen) im Stile des "Faschistengruss" den Schwur aufs Vaterland ableisteten, lieber die Faust ballten und statt der griechischen Hymne lieber die "Internationale" sangen! Was würde in Deutschland bei solchen Ereignissen geschehen? Ein Fall für den MAD!!!

In Griechenland werden linksorientierte Soldaten auf einsame Inseln abkommandiert, um dort das Vaterland zu schützen. So kann es schon mal passieren, dass von einer Einheit von 10 Soldaten auf einem ägäischen Außenposten von 10 Soldaten, 8 Mitglieder der Kommunistischen Jugend, ein Linkssozialist und ein Rechtsextremer ist, der die ganze Zeit brav die Fresse gehalten hat, weil er Angst hatte, ins Meer gestoßen zu werden.
So erzählt von einem meiner Cousins, der seinen Militärdienst auf einem Außenposten nahe der türkischen Grenze ableistete und davon berichtete wie ein Fischer, dessen Sohn seinen Militärdienst auf dieser Insel ableistete, ihn mit einer Gallone selbstgebrannten Schnaps versorgte, während der einzige Faschist dieser Militäreinheit um sein Leben bangte.

Womit ich zum Schluss meiner Ausführungen komme.
Sozialistische und kommunistische Ideen haben sehr tiefe Wurzeln im griechischen Volk und es gibt eine weit größere Empörung über die verblödeten Schergen des Staatsapparates als über die Verwüstungen radikalisierter Jugendlicher. Selbst der Vorsitzende des Athener Einzelhändlerverbandes hat erklärt: "Was sind unsere Sachschäden gegen den Tod eines Kindes?"
Während ich sehen muss wie ein völlig verblödeter und reaktionärer Journalist des ZDF dem deutschen Publikum stotternd erklärt, warum die griechische Polizei nicht auf das Universitätsgelände eindringen darf und etwas von "historisch bedingt" daherfaselt, ohne zu sagen, dass am 17.11.1973 die Panzer der griechischen Militärjunta die Proteste an der Uni niederwalzten und es ca. 80 Tote Studenten gab, erlebe ich gleichzeitig wie griechische Journalisten außer sich vor Empörung darüber berichten wie Bereitschaftspolizisten wahllos auf Jugendliche und Passanten einschlagen, die zufällig am falschen Ort auftauchten!
DAS habe ich in deutschen Medien noch NIE gehört!

Ich habe euch einiges vom Schatten der griechischen Gesellschaft geschrieben, aber neben dem schatten gibt es auch das Licht! Lenin hat einmal geschrieben, dass das "Kettenglied des Imperialismus immer an seiner schwächsten Stelle reißt!" Nun sind ein paar zerbrochene Scheiben und ein paar ausgebrannte Geschäfte noch lange keine Revolution, aber die Kette ist an dieser Stelle schon verdammt korrodiert und brüchig geworden! In den 1960er Jahren war die Situation schon einmal ähnlich gefährlich für die herrschende Klasse und sie beantwortete ihre Notlage mit einer sieben Jahre währenden Militärdiktatur. Könnt ihr einen solchen Weg 100 % ausschließen? Ich schließe lieber keine Wetten ab, sage aber, dass die Kapitalisten im "Notfall" IMMER zum Mittel der Diktatur greifen werden, um ihre Herrschaft abzusichern!

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