Interview mit Ken Loach: „Wir machen Klassenkonflikte sichtbar“

Auf Einladung des DGB-Landesbezirks Hessen-Thüringen nahm der britische Filmregisseur Ken Loach Ende April 2009 in Frankfurt am Main an der Aufführung seines Films „It’s a free world“ teil und stellte sich anschließend im voll besetzten Kinosaal einer Diskussion mit dem Publikum und Vertretern von DGB, IG Metall, ver.di, NGG und IG BAU. Über die im Film vermittelte Botschaft und seine politischen Standpunkte sprach Hans-Gerd Öfinger anschließend mit Ken Loach (aus: Der Funke Nr. 75).


Auf Einladung des DGB-Landesbezirks Hessen-Thüringen nahm der britische Filmregisseur Ken Loach Ende April 2009 in Frankfurt am Main an der Aufführung seines Films „It’s a free world“ teil und stellte sich anschließend im voll besetzten Kinosaal einer Diskussion mit dem Publikum und Vertretern von DGB, IG Metall, ver.di, NGG und IG BAU. Über die im Film vermittelte Botschaft und seine politischen Standpunkte sprach Hans-Gerd Öfinger anschließend mit Ken Loach (aus: Der Funke Nr. 75).



„It´s a free world“ ist einer von vielen Filmen über Konflikte in der Arbeitswelt. Woher bekommen Sie die Anregungen für Ihre Filme?

Eigentlich ist es in der heutigen Situation schwierig, nicht in Kontakt mit dem Alltag zu stehen. Der alltägliche Kampf der meisten Menschen spielt sich hauptsächlich in Familie und Arbeitswelt ab. Die Arbeitswelt bleibt allerdings in Film und Theater völlig unterbelichtet. Ausgangspunkt unserer Filme ist der Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital. In den Filmen leuchten wir diesen Konflikt aus und widersprechen der Behauptung, dass es in der modernen Gesellschaft keine Klassen mehr gebe und wir alle die selben Interessen hätten. Wir machen Klassenkonflikte sichtbar.

Wie wirkt sich die aktuelle Wirtschaftskrise auf die Zustände in der Arbeitswelt aus, die Sie in „It’s a free world“ so treffend schildern?

Wir produzierten den Film 2007, also noch vor der großen Krise. Damals gab es eine große Nachfrage nach billiger Arbeit in Landwirtschaft, Industrie, Gastronomie und auf Baustellen im ganzen Land. Jetzt sinkt die Nachfrage nach Arbeit. Aber Immigranten bieten ihre Arbeitskraft immer noch billiger an.

Vor 25 Jahren fand der britische Bergarbeiterstreik statt. Von den Angriffen in der Ära Thatcher haben sich die Gewerkschaften bis zum heutigen Tage nicht erholt. Nun stecken wir in der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Welche Folgen hat das?

Die ist eine Krise des Systems, mit Angriffen auf Arbeitsplätze und Druck auf Löhne und den gesetzlichen Mindestlohn. Von den Gewerkschaften wird aber verlangt, sie sollten „verantwortungsvoll“ handeln und niedrige Löhne, Arbeitsplatzabbau und Präkarisierung akzeptieren. Wenn aber mein Feind schwach ist, muss ich stark sein. Daher müssen die Gewerkschaften jetzt ihre Forderungen gegen eine Verschlechterung der Löhne und Arbeitsbedingungen aufrecht erhalten. Wenn der Arbeitgeber behauptet, „das können wir nicht zahlen“, dann müssen wir fordern: Legt uns Eure Geschäftsbücher und Konten offen und zeigt uns, wo das ganze Geld hingeflossen ist. Wenn die Industrie zusammenbricht, dann gehört sie in Gemeineigentum überführt. Wenn wir auf solche Forderungen verzichten, dann lassen wir zu, dass die Angriffe einfach ungebremst so weitergehen. Ein solcher Ansatz ist aber den offiziellen Gewerkschaftspositionen weit voraus.

Sie gelten als Trotzkist und haben sich mit dem Film „Land and Freedom“ bei manchen auch heftige Kritik eingehandelt. Was bedeutet für Sie Trotzkismus im 21. Jahrhundert?

Vor allem: Keinen Kompromiss mit rechten Sozialdemokraten. Die werden uns immer verraten. Sie schlucken den „Sachzwang“, dass die Arbeitgeber zuallererst Profit machen müssten. Der Stalinismus war ein Irrweg der Geschichte, aber das ist nicht das Ende des Sozialismus. Der Kapitalismus ist gescheitert. Er ist nicht in der Lage, uns einen angemessenen Lebensstandard zu bieten.

Mit ihren Filmen transportieren Sie stets auch eine politische Botschaft. Lässt sich diese vielleicht in den Worten ausdrücken „Aufstehen und organisieren“?

Ich halte mich an den alten Leitspruch „Ausbildung – Agitation – Organisation“. Wir sind gut in der Agitation, wir sind nicht sehr gut in der Ausbildung und wir sind hoffnungslos in der Organisation. Aber es kommt letztlich auf die Organisation an.
Wir müssen uns auf der Grundlage bestimmter spezifischer Forderungen organisieren – etwa gegen Lohnsenkungen, für Sozialwohnungen, Renten, Gesundheitswesen – und daraus die Forderung nach einer sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ableiten. Die ökologische Frage kommt heute noch mit aller Gewalt hinzu.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus der Diskussion mit deutschen Gewerkschaftern mit?

Es hat mich schockiert, erfahren zu müssen, dass es in ihrem Land nicht einmal einen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Ein Mindestlohn sollte allerdings die Existenz absichern. Wir haben einen Mindestlohn in Großbritannien, der aber so niedrig ist, dass man davon nicht leben kann. Wir brauchen Behörden, die die Einhaltung des gesetzlichen Mindestlohns überprüfen, denn viele britische Arbeitgeber zahlen ihn nicht. Ein korrekt umgesetzter Mindestlohn ist eine absolute Notwendigkeit. Wir haben auch Gesetze für Lohngleichheit, aber die werden nicht angewandt, denn Frauen werden nach wie vor durchweg schlechter bezahlt als Männer.

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