Unser Fußball?

"Hurra, hurra, die WM ist da" - so tönt der Chor der bürgerlichen Medien mit der Springer-Presse am Dirigentenpult. Und ausgerechnet jetzt sorgt die Wade von Deutschlands meist überschätztem Kicker, Michael Ballack, für Dissonanzen im Choral der Gleichgeschalteten. Auch die Viererkette vor Jens Lehmann dudelt fröhlich außer Takt. Doch während Bild, SAT.1, Die Welt u.a. weiterhin manisch "den Titel" holen wollen, tritt der Funke souverän einen Schritt aus dem medialen Getümmel zurück und beleuchtet einige der Schattenseiten dieses Mega-Events.

 


"Hurra, hurra, die WM ist da" - so tönt der Chor der bürgerlichen Medien mit der Springer-Presse am Dirigentenpult. Und ausgerechnet jetzt sorgt die Wade von Deutschlands meist überschätztem Kicker, Michael Ballack, für Dissonanzen im Choral der Gleichgeschalteten. Auch die Viererkette vor Jens Lehmann dudelt fröhlich außer Takt. Doch während Bild, SAT.1, Die Welt u.a. weiterhin manisch "den Titel" holen wollen, tritt der Funke souverän einen Schritt aus dem medialen Getümmel zurück und beleuchtet einige der Schattenseiten dieses Mega-Events.

 

Ein Global Player: Der Weltfußballverband Fifa

Die Fédération Internationale de Football Association (Fifa), 1904 in Paris als internationaler Überbau der wachsenden Zahl nationaler Verbände gegründet, speiste sich in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens im wesentlichen aus den Beiträgen ihrer Mitglieder. Mit der Wahl des brasilianischen Unternehmers Joao Havelange 1974 zum Fifa-Präsidenten änderte sich deren Ausrichtung Schritt für Schritt weg von dem etwas altbackenen Image des reinen Sportrepräsentanten hin zu einem Konzern, der ab Mitte der 1980er Jahre Rechte an TV-Sender und an Werbung treibende Unternehmen verkaufte. Mit ins Boot nahm Havelange damals Horst Dassler, den Sohn des Adidas-Gründers Adi Dassler, und den englischen Werbeexperten Patrick Nally, welcher für die "Idee, große Unternehmen als Sponsoren zu gewinnen"1, verantwortlich war. Beide besorgten Havelange einen Sponsorenvertrag mit Coca-Cola in zweistelliger Millionenhöhe.

Seit 1998 leitet der Schweizer und ehemalige Fifa-Generalsekretär Joseph Blatter die Geschäfte des Verbandes. Unter dessen Regie wandelte sich die Fifa endgültig zum "Fußball-Imperium". Allein 2004 wurde ein Überschuss von 100 Mio € erwirtschaftet, neuere Zahlen sind noch nicht vorhanden. Angesichts solcher Dimensionen mutet es grotesk an, dass eine ca. 130 Mio € teure Luxusunterkunft für Funktionäre am Fifa-Sitz Zürich als "Vereinsheim" bezeichnet wird. Überhaupt scheinen diese Herren ganz gut von ihren Jobs leben zu können.

Die Spesen sind bekanntermaßen üppig, Blatters Bezüge liegen bei geschätzten 1,5 Mio € jährlich, auch die Herren des Exekutivkomitees sind mit immerhin100.000 € pro Jahr nicht schlecht entlohnt. Außerdem sind Luxusreisen in sogenannte Entwicklungsländer, um dort den Fußballsport angeblich als Initiator für eine sozial-gesellschaftliche Entwicklung zu fördern, eher Regel denn Ausnahme. "Irgendjemand muss Afrika gegenüber Gerechtigkeit walten lassen", fasst Blatter dieses Engagement zusammen, welches als Fifa-Projekt den Titel "Goal" trägt. Afrika also Synonym für alles Elend auf der Welt, dem der wohlwollende Patriarch, als den er sich gerne in Szene setzt, und papsttreue Katholik aus Europa wohl gerne Abhilfe schaffen würde, denn "im Fußball steckt die Hoffnung, ein besserer Mensch zu werden". Normalerweise ist es aber mit "Entwicklung" nicht weit her, denn nicht selten bedienen sich nationale (Fußball-) Eliten an den Schweizer Geldern, um, Zürich lässt grüßen, Protzbauten in die Landschaft zu stellen und gehobene Funktionärsansprüche zu befriedigen.

Geldmaschine WM 2006

Die Weltmeisterschaft soll seriösen Schätzungen zufolge ca. zwei Milliarden € in die Taschen des Weltfußballverbandes spülen, allein für die Fernsehübertragungsrechte der WM 2002 und 2006 kassierte die Fifa 1,74 Milliarden €. Einen weiteren großen Teil des Finanzkuchens besorgen die 15 Topsponsoren der WM, darunter neben Coca-Cola auch Adidas, Mc Donald's und Deutsche Telekom, welche jeweils zwischen 40 und 50 Mio € zahlen um "offizieller Fifa-Sponsor" sein zu dürfen. Die Gegenleistung der Fifa dürfte sich für die Unternehmen auszahlen, denn die besteht darin, eventuelle Konkurrenten zu Phantomen zu degradieren. Im ehemaligen Hamburger Volksparkstadion zum Beispiel muss für die Dauer der WM der Schriftzug AOL Arena verschwinden, da AOL im Gegensatz zu Yahoo kein Fifa-Partner ist. Und für Hyundai Deutschland ist Fußball der tollste Sport überhaupt, wie auf deren Homepage zu lesen ist. Dort freut man sich, "exklusiv für die Mobilität von Sportlern, Funktionären und Fans" während der WM-Spiele zu sorgen, was heisst, dass an Spieltagen ausschließlich Hyundai-Shuttles in bestimmtem Umkreis der Stadien verkehren, lokale Taxiunternehmen beispielsweise dürfen sich potentieller Fahrgäste erst "out-of-area" annehmen.

Die 12 WM-Stadien: Ein teurer Spaß für Städte und Kommunen

Trotz des permanenten Mantras der politischen Eliten von den leeren öffentlichen Kassen, wurde (und wird) im Vorfeld der Weltmeisterschaft richtig "Geld in die Hand" genommen. Um die Austragungsorte der Spiele baute man 370 km neuer Straßen, allein Nordrhein-Westfalen investierte rund 200 Mio € in die Verbesserung der Straßennetze rund um die Stadien in Gelsenkirchen, Köln und Dortmund. Der Bund stellte für Ausbau und Erneuerung der Autobahnen rund um die WM-Standorte satte 3,7 Milliarden € zur Verfügung.

Als heftiger Kostenfaktor entpuppte sich auch der Umbau bzw. die Modernisierung einiger WM-Arenen. In Nürnberg zum Beispiel berappten Stadt und Land zusammen 56 Mio € für den Umbau des ehemaligen Frankenstadions, das Stuttgarter Gottlieb-Daimler Stadion wurde zu einem Drittel durch Ländlegelder WM-tauglich gemacht, den Rest übernahm die Kommune, Gesamtkosten hier: 51,5 Mio €. Auch die Stadien in Hannover (64 Mio) und Köln (119 Mio) könnten kritischen Zeitgenossen die Zornesröte ins Gesicht treiben, und für die 242 Mio €, die der Umbau des Berliner Olympiastadions gekostet hat, "haben andere Städte ganze Neubauten aus dem Boden gestampft".

Die Sonderwünsche des Blatter-Sepp

Wahre Kostentreiber sind zudem die Extrawürste der Fifa, Beispiel Kaiserslautern: Was hier zunächst eine Pfälzer Provinzposse zu sein scheint, hat den Steuerzahler noch einmal um Gelder in Millionhöhe erleichtert. Hier benötigen die Fifa-Bonzen einen Hubschrauberlandeplatz, um VIPs per Luftpost in unmittelbarer Nähe des Fritz-Walter-Stadions abzuliefern. Der Landeplatz der städtischen Berufsfeuerwehr im geographischen Mittelpunkt der Stadt war den Blatter-Brüdern zu weit ab vom Geschehen, im Stadtzentrum bot sich keine Möglichkeit, und südlich vom Stadion erstreckt sich nur schöner Pfälzer Wald. Glücklicherweise benötigte das Westpfalzklinikum (gerade mal 800 m Luftlinie von der Feuerwehr entfernt!) schon seit geraumer Zeit eine geeignete Landefläche für Rettungshubschrauber, so dass den Wünschen aus Zürich doch noch Genüge getan werden konnte. Fraglich, ob diese letztendlich wichtige Investition unter normalen Umständen verwirklicht worden wäre; die streikenden Klinikärzte und Krankenpfleger lassen grüßen. Außerdem müssen die oberen Räumlichkeiten des eigens nach Fifa-Vorgaben gebauten und am Stadion befindlichen Medienturms für viel Geld ästhetisch aufgemöbelt werden. Das riecht nach Schikane, genau wie die Installation höherer Rückenlehnen auf der Nordtribüne, Kostenpunkt hier: zusätzliche 300.000 €. War der Umbau des Lauterer Stadions eigentlich mit 48,3 Mio € veranschlagt, so haben sich die Kosten mittlerweile nahezu verdoppelt.

Jobmaschine Weltmeisterschaft?

Angesichts der oben beschriebenen Summen haben die Verantwortlichen in der Politik ein Legitimationsproblem. Zum einen ist die öffentliche Hand nicht mehr gewillt, befriedigend in die soziale Infrastruktur wie Kindergärten, Schulen oder Krankenhäuser zu investieren, für Prestigeobjekte wie eine WM-Arena scheint andererseits unbeschränkt Geld zur Verfügung zu stehen. Auch Erwerbslose im Südwesten der Pfalz oder in Gelsenkirchen, wo die Arbeitslosigkeit besonders hoch liegt, dürfte es wenig trösten, wenn durch die WM Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zufolge etwa 50000 Jobs entstehen könnten. Achim Neumann, Sprecher von ver.di Berlin-Brandenburg bezweifelt, dass dieser Effekt auch über die Weltmeisterschaft hinaus positive Impulse für den Arbeitsmarkt hätte. Ähnliche Veranstaltungen in der Vergangenheit würden diese eher negative Einschätzung bestätigen.

Darüberhinaus sucht das Organisationskomitee um Kaiser "Franz" Beckenbauer für die Zeit der WM 15.000 sogenannte Volunteers, die in 80 verschiedenen Arbeitsbereichen Dienstleistungstätigkeiten verrichten sollen - umsonst, versteht sich, aus reiner Freude am Fußballsport und zur höheren Ehre des Kaisers.

 

Torsten Tullius

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