Solidaritätsbesuch bei den streikenden Tekel-Arbeitern in Ankara

Nach einem mehrtägigen Solidaritätsbesuch bei den um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Arbeitern des privatisierten ehemaligen staatlichen türkischen Tabakmonopols Tekel Tekel sind sechs Bremer Gewerkschafter aus IG Metall, ver.di und NGG am Wochenende wieder in die Hansestadt zurückgekehrt.

Nach einem mehrtägigen Solidaritätsbesuch bei den um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Arbeitern des privatisierten ehemaligen staatlichen türkischen Tabakmonopols Tekel Tekel sind sechs Bremer Gewerkschafter aus IG Metall, ver.di und NGG am Wochenende wieder in die Hansestadt zurückgekehrt.

"Das ist echter Klassenkampf", zeigte sich Carsten Groenke, NGG-Vertrauensmann bei der Brauerei Beck`s, nach seiner Rückkehr tief beeindruckt. Die Delegation aus Bremen hatte in Ankara Spenden und Solidaritätsbotschaften überbracht und den dort seit gut zwei Monaten bei naßkalter Witterung versammelten und in provosorischen, notdürftig beheizten Zelten eines Protestcamps ausharrenden 3000 Arbeitern ihre Rückendeckung zugesagt. Die Resonanz der Gewerkschafter in Ankara war "überwältigend", berichtet Groenke.
Die Bremer besuchten auch die im örtlichen Gewerkschaftshaus untergebrachten Hungerstreikenden, deren Zustand nach Angaben der Ärzte inzwischen als "kritisch" gilt. "Keine Arbeit, kein Brot, kein Frieden", lautet ein Motto des Kampfes, das der Bremer Solidaritätsdelegation fest im Gedächtnis haften bleiben wird.
Groenke zeigte sich besonders beeindruckt davon, dass "kurdische und türkische Tekelarbeiter gemeinsam um ihre Rechte kämpfen" und dabei nationale und religiöse Unterschiede und verschiedene Parteizugehörigkeiten "diese Einigkeit nicht spalten" könnten. Die Bemühungen in Wirtschaft und Politik, die abhängig Beschäftigten nach dem Motto "Teile und Herrsche" auseinander zu dividieren, fruchteten nichts. “Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?”, lautete in Anlehnung an ein Zitat von Bertolt Brecht die Aufschrift auf einem Transparent, das mitreisende Beschäftigte der Bremer Daimler-Werks nach Ankara mitgenommen hatten.

"Kommerzielle Medien berichten kaum über den Tekel-Streik", kritisiert Groenke, der bei seinem Aufenthalt in Ankara nach eigenen Angaben einen "Motivationsschub" erfahren hat. Offenbar wollten die meisten Medien verhindern, dass dieses Beispiel weltweit Schule macht und als "Vorbild für die Arbeiterbewegung in ganz Europa" diene, kritisiert der Gewerkschafter. Er habe vor Ort auch festgestellt, dass viele in Europa vorhandene Klischees nicht zuträfen. Dies gelte insbesondere für die "selbstbewussten Tekelfrauen", deren aktive, maßgebliche Rolle im Kampf und in den beteiligten Gewerkschaften von den Männern voll akzeptiert werde.

Für sehr viele Tekel-Arbeiter gehe es vor allem auch um die Zukunft ihrer Kinder, für deren Ausbildung sie oftmals einen wichtigen Teil ihres Lohns opferten. Sie wollten "in Würde und Anstand arbeiten" und hätten erkannt, dass es auf Zusammmenhalt ankomme. Diese Kollegen hätten schon Tränengas und schmerzhafte Hiebe mit Schlagstöcken der Polizei erfahren und seien daher inzwischen ohne Angst. Dies gelte auch für die Drohung von Ministerpräsident Recep Erdogan, die „Zeltstadt“ der Streikenden in Ankaras Innenstadt gewaltsam aufzulösen, weil der Arbeitskampf den "Sturz der Regierung" anstrebe. Viele Tekel-Arbeiter seien ehemalige Erdogan-Wähler und würden jetzt eines Besseren belehrt, stellte Carsten Groenke vor Ort fest.

Die Bremer Solidaritätsdelegation berichtete bei einem Diskussions- und Filmabend am Dienstag im Bremer Gewerkschaftshaus über ihre Reiseeindrücke.



Hier der Reisebericht von Gerwin Goldstein, Vertrauensmann der IG Metall und Betriebsrat

Am Mittwoch, 10.2.2010, flogen drei Kollegen vom Mercedes Werk Bremen, zwei Kollegen von Beck's Bier Bremen und ein Kollege vom Gesamthafenbetriebsverein aus Bremerhaven nach Ankara zu den seit über 60 Tagen streikenden ArbeiterInnen. Seit über 60 Tagen halten dort mehrere Tausend KollegInnen ein Teil der Einkaufs- und Fußgängerzone mit Zelten besetzt. Damit protestieren sie gegen die türkische Regierung und vor allem gegen Ministerpräsident Recep Erdogan. Die Regierung hat die staatliche Zigarettenindustrie an den Konzern British American Tobacco verkauft und den Arbeitern neben geringen Abfindungen keine Weiterbeschäftigung im öffentlichen Dienst angeboten. Da der US-amerikanische Zigarettenkonzern nur neue Beschäftigte einstellen will, werden die Tekel ArbeiterInnen nach spätestens 11 Monaten (so lange bekommen die KollegInnen ein Teillohnausgleich) ohne Geld und Beschäftigung auf der Straße stehen. Bis zum 28. Februar sollen die KollegInnen ihre Zustimmung zu dieser Erpressung geben, ansonsten wird die Besetzung gewaltsam von Spezialkräften geräumt und es gibt keine Abfindung.

Am Donnerstagmittag fuhren wir zum Gewerkschaftshaus, vor dem die Streikenden ihre Zeltbesetzung anfingen. Nach Gesprächen mit mehreren Gewerkschaftsfunktionären, die uns den derzeitigen Verhandlungsstand erklärten, haben wir uns dann mit unserem Transparent vor dem Gewerkschaftshaus zu den streikenden ArbeiterInnen gestellt. Dort fand gerade eine Solidaritätskundgebung statt. Als wir sechs uns dann mit dem Transparent (Aufschrift: „Wer seine Lage erkannt hat, wer sollte den noch aufhalten?“ und „Kollegen von Mercedes, Becks und Hafen“ in deutscher und türkischer Sprache) auf der Treppe zeigten, wurden wir enthusiastisch von den ArbeiterInnen empfangen. In kurzen Solidaritätserklärungen bekundeten wir, warum wir hier sind und dass wir ihren Kampf um ihre Arbeitsplätze und gegen die türkische Regierung unterstützten. Ich persönlich habe selten so eine emotionale Kundgebung in meinen über 35 Jahren Gewerkschaftszugehörigkeit erlebt. Noch nie habe ich so eine entschlossene Arbeiterschaft gesehen, die bereit ist, bis zum Sieg zu kämpfen. Nach 60 Tagen Kampf gegen diese Regierung, die mit Polizeiknüppeln, Wasserwerfern und Tränengas auf die Forderungen bei Demonstrationen antwortete, habe ich den allerhöchsten Respekt vor diesen Menschen.

Nach der Solidaritätskundgebung wurden wir zu den 18 Hungerstreikenden ArbeiterInnen geführt. Im Gewerkschaftshaus, in einem großen Versammlungssaal, durften wir dann kurz einige Fragen an die Hungerstreikenden stellen. Es war eine seltsame Atmosphäre. Diese KollegInnen wollen mit dem Einsatz ihres Lebens erreichen, dass sie wieder arbeiten dürfen. Ich werde diesen Blick in den Augen der KollegInnen bestimmt lange nicht vergessen. Der Blick sagte nur eins: Wir brauchen Eure Solidarität. Ohne Eure Solidarität in Deutschland, eigentlich in der ganzen Welt, werden wir diesen Kampf nicht gewinnen. Dieses habe ich den KollegeInnen versprochen. Alle ArbeiterInnen müssen erfahren, wie das türkische Kapital und seine Regierung mit diesen ArbeiterInnen umgehen.

Kurz nach unseren Besuch bei den Hungerstreikenden wurde einer von der Ambulanz aus den Saal getragen. Er war vor Erschöpfung zusammengebrochen.
Wir konnten dann in zahlreichen Gesprächen in den Zelten immer wieder feststellen, dass alle bereit sind, diesen Kampf weiter zu führen. Türken und Kurden, Männer und Frauen, gemeinsam kämpfen diese ArbeiterInnen gegen ihre Entlassungen. Immer wieder wurden wir nach unserer Meinung zu diesem Streik gefragt. Immer wieder kamen Fragen, wie, ist unser Kampf in Deutschland bekannt, gibt es Solidaritätsaktionen in Deutschland? Leider mussten wir den KollegInnen mitteilen, dass die meisten unserer Medien diesen Kampf verschweigen.

Und unsere Gewerkschaftsführungen unternehmen alles in Deutschland, dass statt Klassenkampf gegen das Kapital Co-Management betrieben und mit dem Arbeitgeber verhandelt wird. Auch wir mussten berichten, dass unsere Gewerkschaftsführung, ohne Mandat der Belegschaften, Verhandlungen über Lohnverzicht zur angeblichen Arbeitsplatzsicherheit mit den Arbeitgebern führte und dass wir in Deutschland dieses Klassenbewusstsein wie hier bei den Tekel ArbeiterInnen nicht haben.

„Keine Arbeit, Kein Brot, kein Frieden“, diese Parole hörten wir immer wieder. In zahlreichen Diskussionen mit den Streikenden muss ich für mich feststellen: Diese KollegInnen haben ihre Lage erkannt. Nämlich, dass sie nur auf ihre eigene Kraft vertrauen dürfen und nicht auf Funktionäre, die nur ihre eigenen Absichten betreiben.

Am späten Abend zogen dann cirka 2500 Demonstranten mit Fackeln durch die riesige Fußgängerzone. Schwerbewaffnete Polizisten säumten unseren Weg zur Kundgebung. Uns wurde eine hohe Ehre zuteil, wir durften mit unserem Transparent an die Spitze des Zuges und wir wurden immer wieder von den KollegInnen beklatscht. Jeder wollte das Transparent berühren. Immer wieder wurden Parolen gerufen. Kein Trauerzug, wie die meisten Demos unserer Gewerkschaft, sondern ein Darstellen von Entschlossenheit und Kampfesmut.
Nach der Kundgebung diskutierten wir die halbe Nacht weiter und gegen 02.30 Uhr schliefen wir dann im Gewerkschaftshaus auf Matratzen erschöpft, aber mit der Erkenntnis ein, das wir hier mit unserer Solidarität einen kleinen Teil zur internationalen Solidarität unter ArbeiterInnen beigetragen haben.

Was nehme ich persönlich aus Ankara für meine Gewerkschaftsarbeit mit? Ganz einfach. Nicht mit Co-Management zwischen Gewerkschaft und Kapital, sondern nur mit Klassenkampf gegen das Kapital und Regierung kann die Arbeiterklasse ihre Situation ändern. Und diese ist nicht viel anders als in der Türkei und Ankara. Arbeitslosigkeit, Armut, Hartz IV und auf der anderen Seite Reichtum auf Kosten der arbeitenden Menschen. Ich habe meine Lage erkannt und ich werde gegen diese ankämpfen.

Gerwin Goldstein, Vertrauensmann der IG Metall und Betriebsrat
Einer der Mitfahrer von Mercedes Bremen

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