Wie uns die Pharmaindustrie ausnimmt

Das Problem ist allgegenwärtig. Drei Viertel aller bundesdeutschen praktizierenden Ärztinnen und Ärzte e bekommen wöchentlich und 20 Prozent täglich Besuch von einem Pharmavertreter. Dieser legt ihnen gezielt die Verschreibung bestimmter Medikamente an ihre Patienten ans Herz. Um nachzuhelfen, bringt der freundliche Mann oder die freundliche Frau Werbegeschenke und Arzneimittelmuster mit.


Das Problem ist allgegenwärtig. Drei Viertel aller bundesdeutschen praktizierenden Ärztinnen und Ärzte e bekommen wöchentlich und 20 Prozent täglich Besuch von einem Pharmavertreter. Dieser legt ihnen gezielt die Verschreibung bestimmter Medikamente an ihre Patienten ans Herz. Um nachzuhelfen, bringt der freundliche Mann oder die freundliche Frau Werbegeschenke und Arzneimittelmuster mit.

Solche Hartnäckigkeit macht sich bezahlt, haben Ärztinnen und Ärzte festgestellt, die sich in der pharmakritischen Initiative MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst“) zusammengeschlossen haben. Dieser Zusammenschluss umfasst rund 200 „unbestechliche“ Mediziner, die sich „ihr Verschreibungsverhalten nicht von vielfältigen großzügigen Geschenken der Pharmaindustrie beeinflussen lassen“ wollen.

Denn die subtile Abhängigkeit endet nicht bei Werbegeschenken im Rahmen des Vertreterbesuchs in der Praxis. Auch mit Essen, Hotelaufenthalten, Reisen und kostenlosen Weiterbildungsveranstaltungen lassen sich viele Ärzte (unterschwellig oder ganz bewusst) beeinflussen. Viele Arztpraxen arbeiten zudem mit Pharma-gesponserter Praxissoftware. Immerhin 50 Prozent der Ärzte sehen diese Entwicklungen zumindest tendenziell und kritisieren Aufdringlichkeit und Beeinflussungsversuche der Pharamavertreter sowie den dadurch entstehenden Zeitverlust. Die andere Hälfte jedoch scheint sich mit diesen Zuständen abgefunden zu haben, kritisiert auch der Mainzer Medizinprofessor Klaus Lieb die „Einlullung“ und „Gewöhnung“ vieler Ärzte im Alltag.

Neues Etikett - alter Inhalt

Um ihren Umsatz zu steigern und neue Produkte unter das Volk zu bringen, lässt sich die Pharmaindustrie viel einfallen. Dabei sind nach verschiedenen Untersuchungen zwischen der Hälfte und zwei Drittel aller neu zugelassenen Arzneimittel „Analogpräparate“, die absolut „nichts Neues“ enthalten. Nur eine Minderheit der neuen Präparate hat tatsächlich ein neues Wirkprinzip.
Um also, salopp formuliert, „alten Kack im neuen Frack“ zu verkaufen, muss eine umso größere Werbemaschinerie her, die nicht nur die Ärzte, sondern auch die breite Masse der Bevölkerung als potenzielle Patienten und Kunden anspricht. So setzen nach einer Untersuchung der industriekritischen Bielefelder BUKO-Pharmakampagne riesige industriegesponserte PR-Apparate darauf, durch die Erfindung von Krankheiten, versteckte Werbung, Beeinflussung redaktioneller Texte und Internetplattformen wie Twitter, Facebook oder Blogs ihre Produkte anzupreisen. Studierende können sich ein Zubrot verdienen, wenn sie in Internet-Blogs anonym bestimmte Produkte anpriesen. Hinter scheinbar neutralen Info-Websites für verliebte Teenager, für Frauen in den Wechseljahren oder um Haarpracht und Männlichkeit besorgte Männer steckt oftmals das Interesse am Verkauf bestimmter Präparate. Die Werbung für solche Produkte ist dabei oftmals raffiniert in scheinbar „objektiven“ Texten oder Quizspielen und Preisrätseln versteckt. Männern mit Geheimratsecken und zunehmend kahlem Schädel wird dabei etwa gezielt und wider besseres Wissen eine „Mangelerkrankung“ eingeredet, die angeblich mit einem bestimmten Mittel zu beheben sei.
Weil Laienwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente eigentlich verboten ist, operieren viele Pharmakonzerne hier in einer rechtlichen Grauzone. Kommen dann manipulierte Patienten in die Arztpraxis und bitten den Arzt um die Verschreibung eines ganz bestimmten, medial angepriesenen Mittels, so wird nicht jeder Arzt so stark sein, sich dem zu widersetzen, weil er damit eventuell Patienten bzw. Kunden verliert.

Medizinisch-industrieller Komplex

Der Bremer Pharmazeut und Industriekritiker Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheitswesen, spricht in diesem Zusammenhang von einem „medizinisch-industriellen Komplex“ und sieht eine wesentliche Triebfeder im Interesse von Großverlagen wie Burda und Springer. Diese hätten angesichts sinkender Anzeigenumsätze die zahlungskräftige Pharmaindustrie mit ihrem riesigen Absatzmarkt entdeckt. „Ein Euro Werbeausgabe bringt 4,20 Euro Umsatz. Das lohnt sich für die Pharmaindustrie allemal“, so Glaeske, der einem Teil der Ärzteschaft vorwirft, wider besseres Wissen völlig wirkungslose Medikamente zu verschreiben. Die Pharmaindustrie finanziert, so Klaus Lieb, auch viele Studien über die Wirksamkeit von Arzneimitteln und übt damit auch den entsprechenden Druck aus, um unliebsame Ergebnisse nicht zu veröffentlichen und objektive Vergleiche mit anderen Präparaten zu verhindern. Dass die Interessen der Pharmalobby bei der schwarz-gelben Bundesregierung gut aufgehoben sind, zeigt auch die Ablösung des bisherigen Leiters des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Peter Sawicki. Dieser gilt als profilierter Pharmakritiker und muss daher gehen. Dies ist ein weiterer Etappensieg der Pharmaindustrie.

Solche Zustände zeigen, wie krank dieses System ist. Letztlich zahlen wir alle als Kassenpatienten diesen Irrsinn mit. Die einzige Alternative: Die Pharmaindustrie gehört in öffentliche Hand und unter demokratische Kontrolle durch abhängig Beschäftigte, kritische Ärzte und unabhängige Fachleute. Nicht maximaler Profit, sondern unser Interesse an maximaler Gesundheit muss bestimmend sein.

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