Kategorie: Kapital und Arbeit

Pflege: Organisieren und kämpfen!

Interview mit Stefanie Wozniak (Name wurde von der Redaktion geändert), Gesundheitspflegerin in einem kommunalen Krankenhaus in Süddeutschland.


Du arbeitest als Krankenschwester. Wie läuft dein Arbeitstag ab? Welche Aufgaben hast du?

Ich arbeite seit 28 Jahren als examinierte Gesundheitspflegerin! Zurzeit auf einer chirurgischen Station im Schichtdienst. Früh-, Spät- und Nachtdienst folgen ohne bestimmten Rhythmus aufeinander. Nach einem Nachtdienst hat man kaum Ruhepausen. Das macht den Schichtdienst noch anstrengender.

Die Station wird in zwei Bereiche aufgeteilt und lediglich eine Examinierte ist für einen Bereich verantwortlich. Wenn wir besser besetzt sind, kommt eine Dritte hinzu, die Patienten zu Operationen und Untersuchungen vorbereitet. Dazu kommen PflegehelferInnen, Stationshilfe, SchülerInnen und eventuell PraktikantInnen.

Meine Arbeit sieht wie folgt aus: Übergabe, Visite, Durchführung dringender Anordnungen, Vitalzeichen und Blutzucker messen, Insuline spritzen, Verbände wechseln, Beine wickeln, Blut abnehmen, beim Frühstück helfen, Nahrung reichen, lagern, Inkontinenzmaterial wechseln. Je nach Dringlichkeit bestimme ich die Reihenfolge zum Teil selbst. Nach einer Frühstückspause geht es mit der Grundpflege weiter. Darunter fällt Patienten an die Waschbecken helfen oder diese im Bett waschen, Betten beziehen, beim Toilettengang helfen. Dazwischen klingelt es meist durchgehend. Man wird am Telefon verlangt, Angehörige haben Fragen, Ärzte haben noch mehr Fragen, Frau X hat Atemnot, Herr M Herzstolpern. Dann muss man Ärzte informieren, Ruhe bewahren, Sauerstoff anhängen, Patienten beruhigen, Anordnungen der Ärzte befolgen, Untersuchungen anmelden und organisieren. Es geht auf die Mittagszeit zu und das bedeutet erneut Blutzucker und Insuline, Mittagsmedikamente austeilen, Kurzinfusionen anhängen, beim Mittagessen helfen, lagern, etc. Jetzt wird es dringend Zeit, die Visite fertig auszuarbeiten, Krankenakten und den Übergabezettel zu aktualisieren, Dokumentationen und die Übergabe. Auch nicht zu vergessen: zwischen drin werden Patienten entlassen und es kommen Neuzugänge, die „aufgenommen“ werden müssen.  Das bedeutet befragen, messen, beim Ausziehen helfen, erneut Anordnungen, Akten anlegen usw. Wir hatten schon Schichten mit nur drei oder vier Pflegepersonen!

Anfang August kam es wieder zu einem Streik an der Universitätsmedizin Berlin (Charité). Die Streikenden warfen dem Unternehmen vor, Absprachen zur Personalerhöhung nicht eingehalten zu haben. Wie ist die Personalsituation in deinem Krankenhaus?

Auf meiner Station heißt es seien alle Stellen besetzt. Wie es klinikweit aussieht bin ich nicht ganz sicher. Ich weiß aber, dass eine Station komplett geschlossen wurde, bzw. nur noch ambulante Patienten aufnimmt! Wir hätten so viele Kranke und deshalb sei diese Maßnahme nötig! Selbst mit der Besetzung aller Stellen reicht das Personal nicht, weil wir seit Einführung der Fallpauschalen einen viel höheren Patientendurchlauf haben, mit dementsprechendem erheblichem Arbeitsmehraufwand. Sinn der Sache ist finanzieller Gewinn für das Krankenhausmanagement. Dazu kommt eine Zunahme an alten und dementen Patienten, die sehr viel Zuwendung brauchen.

Welche Auswirkungen hat zu wenig Personal für die Patienten und die Angestellten?

Wir Krankenschwestern wollen helfen und unsere Arbeit ordentlich und menschenwürdig verrichten. Um das unter dem Zeitdruck einigermaßen hinzubekommen, versuchen wir viel auszugleichen. Das Arbeitstempo wird z.B. erhöht: Beim Lagern wird keine Hilfe geholt. Es gibt KollegInnen, die sogar früher kommen „um fertig zu werden“ und so mancher verzichtet regelmäßig auf seine Pause und macht Überstunden. 2015 wurden in der Pflege massiv Überstunden geleistet, umgerechnet - ca. 600.000 Vollzeitjobs! SchülerInnen sind am meisten gefrustet: Sie können Gelerntes nicht umsetzen.

Warum sträuben sich die Krankenhäuser mehr Personal einzustellen?

Personal kostet Geld! Deshalb wird Personalabbau, Outsourcing und Tarifflucht betrieben!

Was kann man dagegen tun?

Keine weiteren Privatisierungen. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen müssen zurück in öffentliche Hand! Außerdem brauchen wir eine gesetzliche Personalbemessung, die kontrolliert wird und mindestens weitere 100000 Pflegefachkräfte!

Ver.di ruft jetzt zu einer bundesweiten Kampagne für mehr Personal in den Krankenhäusern auf, aber einige sind skeptisch, ob die Aktion Erfolg haben kann. Wie können die KrankenpflegerInnen ihre Forderungen durchsetzen?

Wir müssen endlich und viel mehr auf diese ernste Lage aufmerksam machen. Pflege ist mittlerweile gefährlich und das muss die Öffentlichkeit wissen! Wir müssen die Angehörigen dazu mit ins Boot nehmen. Ich persönlich werde ver.di in allen Aktionen unterstützen wo ich kann!

Was möchtest du deinen KollegInnen mitteilen?

Nichts mehr hinnehmen! Hinterfragen! Nicht aufhetzen lassen! Als Team zusammenstehen! Lasst euch nicht andauernd aus dem so dringend gebrauchten „Frei“ holen! Außerdem solltet ihr Überlastungsanzeigen abgeben.

Und nichts wie rein in die Gewerkschaft! Der Mitgliedsbeitrag kann von der Steuer abgesetzt werden. Die Gewerkschaft vertritt dich inklusive Rechtsberatung und Streikunterstützung! Zudem kommen ein kostenloser Lohnsteuerservice, telefonische Mietsrechtberatung und persönliche Rentenberatung. Das wichtigste ist aber, dass wir nur gemeinsam und organisiert etwas an den Verhältnissen ändern können.
Solidarität mit allen KollegInnen im Gesundheits- und Pflegebereich!

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