Kategorie: Jugend

Bundesweit Schulstreiks und Demos gegen Klimakatastrophe

Bundesweit gingen am Freitag 300.000 Menschen gegen die Klimakatastrophe auf die Straße, die allermeisten waren streikende Schülerinnen und Schüler. Sie eint ein tiefes Misstrauen gegenüber der vorherrschenden Politik. Diese Bewegung ist Teil der weltweiten Kampagne „Fridays for Future“ (FFF), die am Freitag auf allen Kontinenten ein Echo fand. Erste Berichte aus Würzburg, Berlin, Wiesbaden, Magdeburg und Hamburg.


Würzburg

What do we want? Climate justice! When do we want it? Now!“ – Unter diesem Motto kamen am weltweiten Klimaprotest „Fridays for Future“ (FFF) auch in Würzburg wieder zahlreiche Schülerinnen und Schüler zusammen, um gemeinsam gegen die Untätigkeit der Regierung in Bezug auf den Klimaschutz zu protestieren. Trotz der Androhung von Verweisen seitens der Schulleitungen und Versuchen der Demoralisierung durch Politikerinnen und Politikern à la Christian Lindner waren es am Ende bis zu 1500 SchülerInnen, die vom Hauptbahnhof über den Marktplatz vor das Gebäude der Bezirksregierung von Unterfranken zogen.

Viele Schülerinnen und Schüler wurden bereits für die Beteiligung an vorhergehenden Streiks mit Schulverweisen bestraft. Doch das hielt sie nicht davon ab, am Freitag der Schule fernzubleiben, mutig für ihre Zukunft einzustehen und den Protest auf die Straße zu tragen. Sie haben erkannt, dass die Klimakatastrophe unaufhaltsam ist, wenn jetzt nicht sofort gehandelt wird. Die Jugendlichen zeigten große Kreativität bei der Gestaltung ihrer Plakate und Transparente und trotz des schlechten Wetters ließen sie sich ihre Motivation und ihren Enthusiasmus nicht nehmen, lautstark ihren Unmut kundzutun.

Die Passanten an den Straßenrändern bekundeten immer wieder Begeisterung und Solidarität für die Bewegung von Schülerinnen und Schülern. Sichtlich beeindruckt von dem Engagement der Jugendlichen schlossen sich vereinzelt auch Erwachsene und Studierende spontan der Demo an. Mit Sprüchen wie „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ machten die Demonstrierenden klar, gegen wen sich ihr Protest richtet: Gegen die Regierung, die entgegen des Wissens um den menschengemachten Klimawandel keine effektiven Maßnahmen ergreift, gegen die Politiker und Politikerinnen, die Klimaschutz den „Profis“ wie sich selbst überlassen wollen und gegen diejenigen, die den Klimawandel leugnen.

Anfangs wurde in den Reden der Organisatoren noch hauptsächlich das individuelle Konsumverhalten angeprangert und persönlicher Verzicht gepredigt. Als die Demo am Regierungsgebäude ankam und die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit hatten frei zu reden, wurden die Reden kämpferischer. Dabei verurteilten sie vor allem die Untätigkeit der bürgerlichen Politik und die Repression der Schulleitungen gegen ihr Engagement in dieser Bewegung. „Individuelle Änderungen des Komsumverhaltens lösen das Problem nicht. Die Monopole sind für den Klimawandel verantwortlich und gehören in unsere Hand, damit wir planen können wie und was produziert wird. Was wir dafür brauchen sind nicht lediglich Appelle an die Regierung, sondern eine Revolution“, erklärte Alexander Kalabekow in seinem Redebeitrag bei der Abschlusskundgebung.

Deutlich wurde an diesem Tag aber auch, dass die Schülerinnen und Schüler wissen, wie sie es schaffen können, etwas gegen diese Repressionen zu unternehmen: Je größer die Bewegung wird, desto machtloser werden die Schulleitungen und schließlich auch die Regierenden. So macht diese Bewegung Hoffnung auf die Zukunft. Ansätze von Schülerkomitees, die die Teilnahme an den Streiks planen und organisieren, bestehen bereits. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einige von den heutigen Demonstrierenden zu radikalen Schlussfolgerungen kommen werden, denn nur eine Revolution kann die Menschen von einem System befreien, das die eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Berlin

berlin8 oIn der Bundeshauptstadt versammelten sich ab 10 Uhr am Freitag rund 25.000 SchülerInnen aller Jahrgänge, um an der weltweiten Aktion von FFF ihren Anteil zu leisten. Sie zogen gemeinsam vor das Bundeskanzleramt.

Die Auftaktkundgebung am Invaliden-Platz war dem aufkommenden schlechten Wetter des Tages zum Trotz das mit Abstand meistbesuchte Event mit politischem Hintergrund, das maßgeblich von der Jugend getragen wurde. In den Redebeiträgen wie auch durch die Aufschriften auf Transparenten und Schildern wurde deutlich, dass viele explizit nicht nur die Politik, sondern auch und insbesondere die Macht der Banken und Konzerne als maßgeblichen Auslöser für die menschengemachten Umweltprobleme sehen und dass diese dafür zur Verantwortung zu ziehen seien.

Dies spricht für sich. Viele wollen sich in ihrem Leben schon lange bevor sie unter den immer prekärer werdenden Bedingungen nicht nur des Arbeitsmarktes direkt zu leiden haben, nicht mehr von Politikerinnen und Politikern bevormunden lassen, die angeblich „nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet sind“ und faktisch kein Interesse an einer lebenswerten Zukunft zeigen. Die Jugendlichen wollen wirkliche Lösungen und sind offen für radikale Alternativen. Im Bezug auf die von Menschen verursachten Emissionen kann eine wirkliche Lösung nur in einer Vergesellschaftung von Industriekonzernen und Banken und einer von den Arbeitenden und der Allgemeinheit ausgehenden kontrollierten Planung der Energieerzeugung bestehen auf dem höchsten Wissenschafts- und Technologiestand liegen. Doch dafür gilt es nun, die Bewegung der Lernenden mit denen der Arbeitenden zu verbinden. Damit hat der Impuls der FFF Bestand und kann eine größere Bewegung auslösen.

Wiesbaden

Neben Kassel, Frankfurt am Main, Gießen, Darmstadt, Marburg und weiteren hessischen Städten fand nicht zuletzt auch in der Landeshauptstadt Wiesbaden am 15. März auch eine FFF-Demonstration statt. Kurz zuvor hatte die hessische Kultusbürokratie noch einmal alle streikbereiten Schüler vor den Konsequenzen ihres Handelns gewarnt.

Dennoch zog es an diesem Freitagmittag in großer Zahl Schülerinnen und Schülern aus Wiesbaden und den umliegenden Orten aus den Klassenzimmern zum Wiesbadener Hauptbahnhof, wo die Demonstration begann. Hier löste die Auftaktkundgebung bei den rund 1000 Teilnehmern große Begeisterung aus. Herausstechend waren vor allem die von den Schülern selbstgebastelten Schilder und Transparente. "There Is No Plan(et) B", "System Change, Not Climate Change!", "I don`t want Global Warming", "Die Erde hat keinen Reset Knopf!" oder "What we stand for is what we stand on" waren hier die Parolen, um nur einige zu nennen. Diese zeugten von Herzblut, Engagement, Entschlossenheit und Fantasie der anwesenden Schüler aus der Mittel- und Oberstufe.

Darauf ging der Demonstrationszug durch die Wiesbadener Innenstadt. Mit lauten Parolen wie "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft raubt!" oder in Anlehnung an die alte APO-Parole "Bürger, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein!" machte die Klimademo auf sich aufmerksam. Diese stieß bei Anwohnern und Passanten auf Sympathie und Zustimmung. Das regnerische Wetter tat der Stimmung keinen Abbruch.

Der Demonstrationszug endete am Schlossplatz zwischen dem Wiesbadener Rathaus und dem Hessischen Landtag mit einer Reihe von kurzen und prägnanten Reden. „Wir sind hier nicht wegen einer Kleinigkeit, sondern wir sind hier in Notwehr“, rief Julian Danker den Anwesenden zu und schloss in seine Kritik führende Köpfe der Regierungen in Berlin und Wiesbaden mit ein. „Wenn der FDP-Vorsitzende Lindner sagt, Klimaschutz sei etwas für Profis, dann ignoriert er, dass Wissenschaftler deutlich stärkere Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern als bisher geplant.“ Das Land brauche „eine Politik, die den Mut hat, nicht nur Stammtische zu bedienen und die sich nicht hinter Ausreden und leeren Absichtserklärungen versteckt“, rief Danker unter Beifall aus. „Wir stehen hier und bleiben, solange die Politik ignorant ist“.

„Viele von Euch haben noch kein Wahlrecht, aber ihr habt ein Streikrecht“, rief der Wiesbadener Stadtverordnete Ingo von Seemen (LINKE) den Demonstranten zu. Er sprach sich für einen gemeinsamen Kampf mit allen Arbeitern, Angestellten, Beamten und Lehrern aus – „solange bis sich endlich etwas ändert und alle Regierungen der Welt handeln“. Eine weitere Rednerin sprach sich ebenfalls für den Schulterschluss von Arbeiterklasse und Umweltaktivisten aus und forderte den politischen Streik. Zum Abschluss kündigten die Organisatoren voller Zuversicht weitere öffentliche Aktionen und Demonstrationen im Rahmen von FFF an, mit denen sie insbesondere auch in den Wochen vor den Europawahlen am 26. Mai Flagge zeigen wollen.

Magdeburg

In Magdeburg, der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, waren über 900 Jugendliche zur Demo erschienen. „Der Klimawandel ist im bestehenden Wirtschaftssystem nicht aufzuhalten“, rief Maurice Thiele, Aktivist bei FFF Magdeburg, bei einem Zwischenstopp der Demo vor dem Wirtschaftsministerium den Anwesenden zu: „Den Energiekonzernen ist Umwelt im Zweifel egal. Sie wollen mit alten Kraftwerken viel Geld verdienen, obwohl sie das Geld hätten, um die Umrüstung von Kohle auf erneuerbare Energien zu finanzieren.“ Die vier bundesweit tonangebenden und den Markt kontrollierenden Konzerne Vattenfall, EnBW, Eon und RWE machten mit Umweltzerstörung Profit und könnten Politiker und Lobbyisten kaufen. Um ihr Potenzial zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen, müssten diese Konzerne endlich entmachtet, enteignet, vergesellschaftet und demokratisch kontrolliert werden, forderte Maurice unter Beifall der Anwesenden.

Hamburg

In Hamburg waren am Freitag insgesamt rund 9000 Menschen auf der Straße. Es gab am Nachmittag drei verschiedene Demonstrationen: die generelle FFF-Demonstration, eine Fahrraddemo und eine dritte Demo, die von Ende Gelände (Gruppe für Kohleausstieg) angekündigt war. Alle drei Demonstrationen vereinigten sich dann gegen 16 Uhr. Die eigentliche FFF-Demo war von SchülerInnen und Studierenden dominiert, aber auch Eltern und andere Privatpersonen marschierten mit. Die überwiegenden Positionen waren Konsumkritik und Kohleausstieg. Es gab aber auch vereinzelt Plakate mit Kritik am System. Die Ernsthaftigkeit der SchülerInnen hat mich sehr überrascht und es ist definitiv sehr viel Potential in dieser Bewegung vorhanden. Nun hat sich in Hamburg auch eine Arbeitsgruppe von Studierenden gebildet, die sich auch mit der Bewegung solidarisieren und nach den Demonstrationen zusätzlich Workshops an der Uni anbieten und dafür am Campus mobilisieren wollen.

Berichte von Adrian Siegler (Würzburg), Philipp Richter (Berlin), Jakob Riedel (Wiesbaden), Maurice Thiele (Magdeburg) und Tatjana Pinetzki (Hamburg).