Kategorie: Geschichte

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Die SPD vor dem ersten Weltkrieg: Reformistische Anpassung und Kriegseintritt

Mit dem Bismarck'schen Sozialistengesetz hatte die herrschende Klasse versucht, durch brutale staatliche Unterdrückung die aufstrebende Arbeiterbewegung zu schwächen, zu lähmen und zu demoralisieren. Doch alle diese Versuche Bismarcks schlugen schließlich völlig fehl. Nach anfänglichen Rückschlägen erholte sich die organisierte Arbeiterbewegung recht schnell, und in jenen Jahren der Unterdrückung wuchs die Stimmen - und Mitgliederzahl der Partei auf ein vielfaches an. Der Kaiser selbst sah sich schließlich gezwungen, das Verbot der Sozialdemokratie 1890 aufzuheben.

Aufschwung

Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren gekennzeichnet von einem ungeheuren strukturellen Aufschwung des Kapitalismus, der nur von kleineren Rezessionen unterbrochen war.

Deutsche Industrieproduktion

1867 - 1875 20 1876 - 1886 27 1887 - 1893 39 1893 - 1902 57
Tabelle: deutsche Industrieproduktion von 1867 bis 1902 im vergleich zu 1913(=100)

Meistens kann man die Stahlproduktion als einen guten Maßstab für die Entwicklung der Wirtschaft ansehen. Der Aufschwung des deutschen Kapitalismus war so stark, daß die deutsche Stahlproduktion die englische in sehr kurzer Zeit überholte.

Deutschland England
1870 0,2 0,2
1880 0,6 1,3
1890 2,2 3,6
1900 6,6 4,9
1910 13,7 6,4
1913 18,3 7,7
Tabelle: Stahlproduktion (in Mio. t)

Man darf auch nicht vergessen, daß sich in jener Zeit die deutsche Industrie stark konzentrierte und monopolisierte. Es war dies die Zeit, in der viele Firmen gegründet wurden, die noch heute manche Branchen in der BRD beherrschen: Krupp, AEG, Siemens...
Dies alles schlug sich natürlich in einem starken Anwachsen der Arbeiterklasse nieder. Die Zahl der Industriearbeiter stieg von 4,1 Mio. (1882) über 5,6 Mio. (1895) auf 7,8 Mio. (1907) an, und ihr Anteil an der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung machte schließlich ein Drittel aus. Durch zahlreiche harte Kämpfe konnte die Arbeiterbewegung den Lebensstandard in gewissem Maße steigern.

1870: 77
1881: 78
1891: 91
1900: 100
1910: 121
1914: 134
Tabelle: Geldlöhne 1870-1914, Auszüge (1900=100)

Natürlich stiegen auch die Lebenshaltungskosten erheblich an, aber dennoch ging es mit den Reallöhnen bergauf. Dies war aber kein gütiges Geschenk des Herren Kapitalisten, sondern ein Ergebnis großer, harter und zäher Streikbewegungen. 1888 streikten beispielsweise die Bergarbeiter im Ruhrgebiet, streikende Hamburger Arbeiter wurden ausgesperrt. Die Arbeiter forderten im Rahmen der Aktion der Sozialistischen Internationale den 8-Stunden-Tag. Diese Kämpfe wurden von den stark anwachsenden Gewerkschaften geführt, deren Mitgliederzahlen zwischen 1897 und 1913 von 412.359 auf 2.548.763 anstiegen.

Stärkung der SPD

Die erfolgreichen Kämpfe brachten nicht nur eine Lohnerhöhung, sondern auch eine Arbeitszeitverkürzung von 11 Stunden täglich (1893) auf 9,5 Stunden (1914). Die SPD umfaßte 1913 eine Million Mitglieder und wurde zur stärksten Partei im Reichstag.

Hier ein Überblick der SPD Wahlergebnisse der Reichstagswahlen:

Wahljahr absolut
(in Mio. Stimmen)
relativ
1893 - 23,3 %
1898 2,10 27,2 %
1903 3,01 31,7 %
1907 3,20 28,9 %
1912 4,20 34,8 %
Tabelle: Ergebnisse für die SPD bei den Reichtagswahlen (1893 bis 1912)

Bei den preußischen Landtagswahlen zeigte sich besonders die starke Ungerechtigkeit des Dreiklassenwahlrechts: Von der SPD wurden mit 600.000 Stimmen ganze 6 Abgeordnete gestellt, während die Konservativen für 212 Abgeordnete nur ganze 418.000 Stimmen brauchten.

Bürokratisierung

Für viele Genossen ist die Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg ein Musterbeispiel einer mächtigen und vorwärtsschreitenden sozialistischen Partei. Aber der Schein trügt: Die SPD war jetzt nicht mehr die sozialrevolutionäre Partei, die sie nach dem Fall des Sozialistengesetzes gewesen war. Obgleich sie immer noch an den Worten von Marx und Engels festhielt, war sie jetzt in der Praxis ein reformistische Partei mit starken bürokratischen Tendenzen.
Die SPD gab 90 Tageszeitungen heraus, die insgesamt 1,4 Millionen Abonnenten hatten. Die Partei rühmte sich einer großen Frauenbewegung, einer Jugendbewegung, eines reichhaltigen Erwachsenenbildungsprogramms und sogar einer Schule für die Ausbildung der Parteisekretäre. Die verschiedenen Unternehmen der Partei hatten einen Gesamtwert von 21,5 Millionen Mark und beschäftigten 3.500 Leute.
Die Anfänge einer Bürokratisierung lagen aber schon weit zurück. Schon 1879 beklagte Engels in einem Brief die Verbürgerlichungstendenzen gewisser SPD-Reichstagsabgeordneter (z.B.: Kayser, der für die Steuergesetzvorlage Bismarcks stimmte). Da die Reichstagsabgeordneten damals keine Diäten bekamen, konnten nur Kandidaten mit privaten finanziellen Mitteln gewählt werden, wie z. B. Rechtsanwälte. Die Reichstagsfraktion setzte sich so sozial ganz anders zusammen als die Masse der SPD- Wähler.
Ab 1904 wurde der Vorstand der SPD ermächtigt, hauptamtliche Sekretäre auf allen Ebenen der Organisation einzustellen. Solche Sekretäre verdienten mit 2.000 Mark jährlich schon damals doppelt so viel wie ein gelernter Arbeiter. Gewerkschaftsfunktionäre kamen auf 5.000 bis 6.000 Mark pro Jahr. Der Lebensstandard eines solchen Funktionärs entsprach dem eines mittleren Beamten oder gar eines Kleinkapitalisten.
Indem die Arbeiterorganisationen jetzt mehr Spartenorganisationen, Angestellte, Eigentum und Einkommen bekamen, wurden sie immer mehr in die bestehende Gesellschaft eingeflochten. Jetzt hatte die SPD mehr als ihre Ketten zu verlieren.

Erfurter Programm

Die aktivsten Parteimitglieder hatten ab 1878 in voller Wucht die Unterdrückungsmaßnahmen des Staates am eigenen Leib zu spüren bekommen. Diese Erfahrungen trugen maßgeblich dazu bei, daß die marxistische Auffassung vom Staat als Unterdrückungsinstrument in den Händen des Kapitals sich durchsetzte.
Diese marxistische Vorherrschaft schlug sich auch im Erfurter Programm nieder, welches sich die Partei nach dem Fall des Sozialistengesetzes im Jahre 1891 gab. Dieses Programm markiert einen gewaltigen Schritt nach vorne auf dem Weg der SPD als sozialdemokratische Massenpartei. Verfasser des theoretischen Teils war Karl Kautsky, damals lange Jahrzehnte hindurch der theoretische Sprecher des Parteivorstandes und "marxistischen Zentrums". Allerdings zeigte das Programm schon eine wesentliche Schwäche und Einseitigkeit der Weltanschauung der Parteiführung auf, die später noch einmal zu fatalen Konsequenzen führen sollte. Das Programm beschrieb zwar im allgemeinen die Aussichten für die weitere Entwicklung des Kapitalismus: Einerseits eine immer weiter voranschreitende Anhäufung und Konzentration des Kapitals, andererseits ein ständiges Wachstum von Größe und Organisierungsgrad der Arbeiterklasse. Diese Widersprüche, so das Programm, spitzen sich immer weiter derart zu, daß schließlich zwangsläufig das System zusammenbricht und die Arbeiterklasse die sozialistische Revolution durchführen muß.

Tagespolitik

Für die Verfasser des Programms war die Frage der sozialistischen Umwälzung eine rein mechanische Frage. Sie verließen sich letzten Endes darauf, daß die Machteroberung durch die Arbeiterklasse automatisch eintreten würde - in der fernen Zukunft - und deshalb beschränkte sich die Praxis der Partei auf reine Tagesforderungen ohne Verbindung mit der Perspektive, daß eines Tages sich die sozialistische Umwälzung als praktische Aufgabe stellen würde. Engels kritisierte damals die steife Trennung zwischen dem kurzfristigen (Minimal-) und langfristigen (Maximal-) Programm und umriß die Gefahren:

"Eine solche Politik kann nur die eigene Partei auf die Dauer irreführen... Dies Vergessen der großen Hauptgesichtspunkte über den augenblicklichen Interessen des Tages, dies Ringen und Trachten nach dem Augenblickserfolg ohne Rücksicht auf die späteren Folgen, dies Preisgeben der Zukunft der Bewegung um der Gegenwart willen mag 'ehrlich' gemeint sein, aber Opportunismus ist und bleibt es... ."
(Engels, Kritik am Erfurter Programm,1891).

Engels war sich im klaren darüber, daß in dieser vergleichsweise ruhigen kapitalistischen Aufschwungszeit die Aufgabe darin bestünde, in Teilkämpfen um selbst die kleinsten Verbesserungen die Kraft von SPD und Gewerkschaften zu stärken. Dieser Periode würde jedoch unmittelbar ein Zeitabschnitt von Kriegen und revolutionären Umwälzungen folgen, in dem diese Macht der Arbeiterbewegung sich entscheidend auf die politische Machteroberung als dringende, unmittelbare Aufgabe umorientieren müßte.

Bernstein

Eduard Bernstein, der denjenigen Teil des Erfurter Programms schrieb, in dem die Tagesforderungen enthalten sind, gilt heute als "Erfinder" des Revisionismus. Bernstein gab aber lediglich der reformistischen Tagespraxis der SPD theoretischen Ausdruck. Er ließ sich von dem langen Aufschwung blenden und zog die Schlußfolgerung, daß der Klassenkampf überflüssig sei, weil der Kapitalismus ständig den Lebensstandard der breiten Masse verbessern könne. Er erklärte den Marxismus für "überholt". Die praktische Arbeit der SPD müsse sich ausschließlich beschränken auf parlamentarische Arbeit und den Ausbau von Reformen auf der Grundlage des Kapitalismus. Die Ideen Bernsteins sind vor allem auch wieder in der Nachkriegs-SPD aufgewärmt worden, was in den Reden der heutigen Parteiführer und im Godesberger Programm seinen Ausdruck fand.

Luxemburg

Auf der Linken entstand die Strömung der sogenannten "Linksradikalen". Rosa Luxemburg entwickelte zu Beginn des Jahrhunderts ihre politischen Ideen unter dem Eindruck einer sich verschärfenden nationalen und internationalen politischen Krise. Die Massenstreiks im Ruhrgebiet 1905 führten dazu, daß sie forderte, daß solche Bewegungen von SPD und Gewerkschaften aufgegriffen werden müßten. 1910 kam es wiederum zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Arbeitern, und Rosa Luxemburg stellte damals fest, die Partei könne einen Massenstreik weder ausrufen noch blockieren, sondern wenn er ausbricht, müsse sie ihn anführen.
Im Gegensatz dazu war für Karl Kautsky der Massenstreik nur dazu nützlich, um Druck auf das Parlament auszuüben. Die drei Fraktionen innerhalb der SPD (Linksradikale, Marxistisches Zentrum und Revisionisten) waren die Grundlage für die spätere Herausbildung der drei Parteien KPD, USPD und MSPD unter dem Eindruck von Weltkrieg und Revolution.
Es war jedoch eine entscheidende Schwäche des linken Flügels, daß er zwar örtlich einige Hochburgen in der Partei hatte, jedoch keine zusammenhängende Kraft darstellte wie das Zentrum und die "Bernsteinianer", die sich auf den Parteiapperat bzw. die Reichstagsfraktion stützen konnten. Der Linken fehlte eine einheitliche Stimme.

Kriegsvorbereitungen

Gegen Ende des Zeitabschnitts 1900-1913 fing die Wirtschaft an zu stagnieren. 1913 brach eine Rezession (Überproduktionskrise) aus, die bis zum Kriegsausbruch 1914 andauerte. Die Kapitalkonzentration und Verflechtung zwischen den Monopolen und Banken nahm ständig zu. Es war der Übergang vom freien Konkurrenzkapitalismus zum Imperialismus, in dem die Großkonzerne einen entscheidenden Einfluß auf die Staatsgeschäfte ausübten. Die Eisen- und Stahlkonzerne, Schiffswerften, Chemiekonzerne hatten einen Riesenhunger auf Rüstungsaufträge. Es wurden von verschiedenen Teilen der Kapitalistenklasse Interessenverbände gegründet, wie etwa der Flottenverein, der Wehrverein oder der berüchtigte Alldeutsche Verein. Diese Vereine betrieben Propaganda für Aufrüstung, Patriotismus, Kolonialismus und Krieg.
Deutschland stieg erst viel zu spät in die allgemeine Jagd nach Kolonien ein und mußte so zwangsläufig in scharfen Konflikt kommen mit anderen imperialen Mächten, vor allem im Balkan. Mit dem Bau einer großen Kriegsflotte ab 1898 wollte die herrschende Klasse nicht nur langfristige Aufträge für die Schwerindustrie sicherstellen, sondern auch England gegenüber drohend auftreten und einen "Platz an der Sonne" (Reichskanzler von Bülow) sichern.
Ab 1912 fielen die Interessen der westdeutschen Schwerindustrie und der ostelbischen Junker zusammen. Ihre Kriegsziele waren nicht gerade bescheiden: Eroberung weiter Teile Westrußlands (für die Junker), ein großes Kolonialreich in Afrika (zwecks Rohstoffen), deutsche Herrschaft, mittel- und westeuropäische Wirtschaftsunion, Besetzung West- und Nordfrankreichs und Belgiens. Besonders die westdeutschen Kohle- und Stahlbarone Krupp, Kirdorf und Stinnes hatten schon zuvor in Lothringen und Nordfrankreich Anteile an Bergwerken erworben und wollten sich diese natürlich absichern.

Widerstand

Die zunehmende Kriegsvorbereitung der Imperialisten stieß auf den einhelligen Widerstand der internationalen Arbeiterbewegung. Inzwischen konnte sich die Sozialistische Internationale auf stattliche sozialistische Parteien in vielen Ländern stützen. Auf internationalen Sozialistenkongressen bekannten sich die Delegierten zum internationalen Zusammenhalt der Arbeiterklasse. 1907 in Stuttgart und 1912 in Basel wurden Resolutionen verabschiedet, in denen die Internationale sich verpflichtete, einen ausbrechenden Weltkrieg auszunutzen, um den Sturz der kapitalistischen Gesellschaft zu beschleunigen. Der VORWÄRTS, Zeitung des Parteivorstandes der SPD, druckte noch am 25. Juli 1914 in einer Sondernummer einen flammenden Appell ab, der mit den Worten schloß: "Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter mißbrauchen. Überall muß den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Hoch die internationale Völkerverbrüderung!"
Am 28. Juli 1914 folgten Hunderttausende von Arbeitern in so gut wie allen Städten diesem Aufruf und demonstrierten gegen die Kriegsgefahr.

Leere Worte

Doch wenige Tage später kapitulierten SPD und Gewerkschaften vor dem Druck und der bürgerlich nationalen Kriegsbegeisterung und zogen mit. Die SPD-Fraktion billigte am 4.8.1914 im Reichstag die kaiserlichen Kriegskredite, und der ADGB (Gewerkschaftsbund) verzichtete im "Burgfrieden" auf irgendwelche selbständigen gewerkschaftlichen Aktionen während des Krieges. Am 2. August wurden alle noch andauernden Streiks abgebrochen und die Zahlung von Streikgeldern eingestellt.

Zeitraum Anzahl Beteiligte
Arbeiter
Jan.-Juli 1914 1199 94.014
August 1914 0 0
Sep.-Dez. 1914 24 1.126
1915 141 12.866
1916 240 124.188
1917 562 651.461
1918 773 1.304.248
Tabelle: Streikstatistik 1914-1918

Die Bekenntnisse zur internationalen Solidarität verhallten wie leere Worte: Die Sozialdemokratischen Parteiführungen fast aller Länder stellten sich auf die Seite ihrer eigenen nationalen Kapitalistenklasse, und Arbeiter wurden ins Schlachtfeld geschickt, um dort Arbeiter anderer Nationen zu ermorden. Dies bedeutete nichts anderes als einen politischen Zusammenbruch der Sozialistischen Internationale.

Krieg!

Die Tatsache, daß sich die eigene Partei- und Gewerkschaftsführung so voll und ganz auf die Seite des nationalen Kapitals gestellt hatte und jegliche Grundsätze des Internationalismus über Bord geworfen hatte, bewirkte natürlich bei der Parteimitgliedschaft wie auch der marxistischen Linken in der Partei einen unvorstellbaren Schock. Die Kriegsbegeisterung der ersten Tage, die noch große Teile der Arbeiterklasse angesteckt hatte, verflog sehr schnell als sich das wahre Gesicht des Krieges zeigte. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe, Preise stiegen sprunghaft an, dementsprechend sanken die Löhne und die Kaufkraft drastisch.

1913: 130
1914: 134
1915: 168
1916: 221
1917: 329
1918: 407
Tabelle: Lebenshaltungskosten im Vergleich (1900 = 100)

Ab Dezember 1914 begann sich die Antikriegsopposition zu bilden. Es wurden Stimmen in der SPD laut gegen den Krieg. Allmählich brachten verschiedene SPD-Blätter Artikel, die den Krieg verurteilten. Unterdessen wurde der "Vorwärts" zweimal von den militärischen Oberbefehlshabern verboten. In Stuttgart erklärte eine Vertrauensleuteversammlung die ganze Reichstagsfraktion für "Lumpen und Schufte, die 40 Jahre lang die Partei belogen" hätten.
Am 18. März 1915 demonstrierten 500 Frauen vor dem Reichstag gegen den Krieg. Es war dies ein erster offener Ausdruck der Unzufriedenheit. Der Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht, der inzwischen für seine Ablehnung der Kriegspolitik bekannt geworden war, wurde besonders begrüßt.

SPARTAKUS-Gruppe

1916 traten bereits zehnmal so viele Arbeiter in den Streik wie 1915. Im selben Jahr kam es auch zu den ersten politischen Streiks, die in der Forderung nach Frieden gipfelten. Die staatliche Gewalt versuchte mit aller Schärfe, den aufkommenden Widerstand zu ersticken. Die SPD-Fraktion zog hierbei mit und schloß sogar im Januar 1916 Liebknecht aus ihren Reihen aus. Dieser war einer der Gründer der SPARTAKUS-Gruppe am 1.1.1916. Am 1. Mai desselben Jahres wurde er bei einer Kundgebung verhaftet, worauf zahlreiche Solidaritätsstreiks und Demonstrationen organisiert wurden, so in Berlin, Kiel, München, Braunschweig, Jena, Magdeburg und Hannover. Hierbei war besonders erfolgreich der Braunschweiger Jugendstreik 1916, der 2.000 junge Fabrikarbeiter umfaßte. Die Antikriegsopposition wurde immer mehr aus den Reihen führender Gewerkschafter gestärkt.
1917 erreichte die Streikbewegung einen neuen Höhepunkt. Die wirtschaftlichen und politischen Streiks erfaßten mehr Arbeiter als im Rekordjahr 1905. Unter dem Einfluß der russischen Februarrevolution wurde im April 1917 die USPD gegründet, die sehr rasch zu einer Massenpartei der Anti-KriegsOpposition wurde.

Anti-Kriegs-Opposition

Im Sommer kam es zu ersten Matrosenunruhen. In Wilhelmshaven meuterte die Besatzung des Panzerkreuzers "Prinzregent Luitpold", zwei berühmte Matrosen wurden daraufhin hingerichtet: Reichpietsch und Köbis. Erstmals wurden auf deutschem Boden (bzw. Hoheitsgebiet) Matrosenräte gegründet... .
Große Streikbewegungen gab es auch in Oberschlesien, Rheinland-Westfalen und Mitteldeutschland, nicht zuletzt auch im Saarland.
Das Jahr 1917 brachte auch eine Wende in der militärischen Lage. Die USA warfen 1,2 Millionen frische Soldaten gegen Deutschland in die Front. Der deutsche Imperialismus war im Innern wie im Äußern auf dem Rückzug. Im Januar 1918 streikten 400.000 der 650.000 Berliner Industriearbeiter. Die Forderung nach Frieden hallte durch das ganze deutsche Reich, ebenso wie weitere zentrale politische Forderungen gegen die Militärdiktatur. In immer mehr Betrieben wurden Arbeiterräte gebildet.
Im Sommer 1918 kamen führende Generäle zur Schlußfolgerung, daß nur noch eine Liberalisierung von oben eine Revolution, von unten verhindern könne. Sie drängten den Kaiser zum Rücktritt. Der sozialdemokratische Führer Friedrich Ebert meinte in jenen Tagen vor der revolutionären Explosion: "Ich hasse die soziale Revolution wie die Sünde!"

Hans-Gerd Öfinger

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