„Das Rad nicht neu erfinden“

Der Funke sprach mit Alan Woods, Mitbegründer der Initiative „Hands off Venezuela“ und Chefredakteur des Internetportals www.marxist.com, über die Revolution in Venezuela.


Der Funke sprach mit Alan Woods, Mitbegründer der Initiative „Hands off Venezuela“ und Chefredakteur des Internetportals www.marxist.com, über die Revolution in Venezuela.



Im Zusammenhang mit der Parole vom Sozialismus des 21. Jahrhunderts schreibt Ingo Niebel in seinem Buch „Venezuela – not for sale“: „Marxisten wie Alan Woods sprechen von einer sozialistischen Strategie für die venezolanische Revolution und sehen neue Hoffnung für ihre in Europa geschlagene Ideologie.“ Wollen Sie tatsächlich die Venezolaner zu Versuchskaninchen für eine „in Europa geschlagene Ideologie“ machen?

Zuerst einmal: Der Marxismus ist keine geschlagene Ideologie. In der Sowjetunion ist nicht der Marxismus gescheitert, sondern seine bürokratische und totalitäre Karikatur – der Stalinismus. Vielmehr erleben wir in Venezuela, Europa und weltweit derzeit so etwas wie einen Zusammenbruch der Marktwirtschaft, die nur Kriege, Arbeitslosigkeit und Elend für Milliarden Menschen produziert. Es spricht von eurozentristischer Arroganz, wenn man die Menschen in Venezuela als noch nicht für den Marxismus ansprechbar darstellt. Das Gegenteil ist der Fall: die Menschen in Venezuela sind den Europäern derzeit voraus, weil sie immerhin damit begonnen haben, die Aufgaben der sozialistischen Revolution anzupacken. Ohne die Anwendung marxistischer Ideen ist nach meiner festen Überzeugung eine erfolgreiche sozialistische Revolution unmöglich. Es freut mich festzustellen, dass Präsident Chávez und viele andere Aktivisten der bolivarischen Bewegung sich nicht nur in Richtung sozialistischer Positionen bewegen, sondern die Ideen von Marx, Engels, Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg ernst nehmen.

Wird in Venezuela eine neue Form von Sozialismus entstehen oder wollen Sie den Venezolanern Ihr Sozialismus-Modell überstülpen?

Darauf gibt es zwei mögliche Antworten. Zum ersten ist jede Revolution anders, denn jede Nation und jedes Volk hat Besonderheiten und eigene Traditionen. Natürlich geht es nicht um die sklavische Nachahmung irgendeines Modells. Allerdings ist es nicht nötig, das Rad neu zu erfinden, denn das Rad wurde schon vor langer Zeit erfunden. Bei allen realen Unterschieden sind die grundlegenden Prozesse die gleichen. Daher müssen auch die gleichen grundlegenden revolutionären Ideen zur Anwendung kommen.

Ingo Niebel wirft europäischen Linken vor, sie hätten nicht verstanden, „dass die friedliche Revolution in Venezuela aus dem Bolivarianismo hervorgegangen ist, einer sich entwickelnden Idee, die ihren Ursprung in Lateinamerika hat (…) Die soziale Ausprägung des Bolivarianismus führt Chávez ausdrücklich nicht auf Marx zurück, sondern auf dessen lateinamerikanische Zeitgenossen Bolívar, Rodríguez und Zamora. Deren Vorstellungen verbindet die bolivarianische Idee mit konkreter Politik, wie sie unter den gegebenen Umständen nötig und möglich ist.“

Diese Aussage verkennt die wirkliche Lage der bolivarischen Bewegung. Nebenbei gesagt war Simon Bolívar kein lateinamerikanisches Phänomen, sondern seine Ideen wurden bei seinem Europaaufenthalt maßgeblich von der Französischen Revolution geformt. Frankreich, wo der junge Bolivar studierte, liegt in Europa und nicht in Lateinamerika. Er war ein großer Revolutionär, und seine Vision einer revolutionären Vereinigung Mittel- und Südamerikas unterstütze ich zu 100 Prozent.
Allerdings hat sich nach 200 Jahren Kapitalismus gezeigt, dass die lateinamerikanische Bourgeoisie unfähig ist, diese Aufgabe zu erfüllen und Lateinamerika vorwärts zu bringen. Simon Bolívar war in seiner Zeit, also der Zeit der bürgerlich-demokratischen Revolution, ein großer Revolutionär. Karl Marx war ein ebenso großer Revolutionär, dessen Ideen sich aus einer anderen Zeit heraus bildeten, dem Zeitalter des Kapitalismus und der proletarischen Revolution.
Die Aufgaben der bolivarischen Revolution sind einfach:
Es geht um die Entmachtung der Oligarchie, dieses reaktionären Blocks von Bankiers, Großgrundbesitzern und Kapitalisten, die ein massives Hindernis für den sozialen Fortschritt darstellen. Wie soll uns dies gelingen? Nur durch eine Revolution in der Revolution, wie Präsident Chávez sich ausdrückt. Konkret bedeutet dies:
Die bolivarische Revolution hat als bürgerlich-demokratische Revolution begonnen und muss in eine proletarische Revolution übergehen, die die sozialistischen Aufgaben anpackt und sich um die aktive Solidarität der Arbeiter und Bauern in ganz Lateinamerika bemüht.
Diese Vision hat auch Präsident Chávez bei vielen Anlässen vertreten. Wer dafür Marxisten wie Alan Woods kritisiert, der muss gleichermaßen Präsident Chávez und die Mehrheit der bolivarischen Arbeiter und Bauern in Venezuela kritisieren, die nachdrücklich die sozialistische Linie unterstützen.

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