Klasse gegen Klasse: Ein marxistischer Kommentar zum deutschen SchulUNwesen

In der heutigen Gesellschaft ist „Bildungs“erfolg in der Regel das Privileg von Kindern aus besitz- und bildungsbürgerlichen Elternhäusern. Daran hat sich seit Urgroßvaters Zeiten so gut wie gar nichts geändert - und vor allem hat sich in Deutschland in dieser Hinsicht nichts Grundlegendes geändert. Sogar die UNO hat den deutschen Bildungsskandal schon in aller Deutlichkeit benannt.

In der heutigen Gesellschaft ist „Bildungs“erfolg in der Regel das Privileg von Kindern aus besitz- und bildungsbürgerlichen Elternhäusern. Daran hat sich seit Urgroßvaters Zeiten so gut wie gar nichts geändert - und vor allem hat sich in Deutschland in dieser Hinsicht nichts Grundlegendes geändert. Sogar die UNO hat den deutschen Bildungsskandal schon in aller Deutlichkeit benannt.

„Erkämpft das Menschenrecht!“

Als der UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz vor einiger Zeit Deutschlands Schulen anschauen kam, um eine Antwort auf die Frage zu finden, warum das deutsche Schulwesen so hochgradig sozial und ethnisch diskriminierend funktioniert, fasste er seine Ergebnisse in dem Satz zusammen: „In Deutschland muss mehr Menschenrechtsunterricht stattfinden.“ Das ist sicherlich auch nicht die Lösung der Probleme, weist aber darauf hin, was das zentrale Problem der Bildung junger Menschen in Deutschland ist: Das deutsche Bildungswesen funktioniert menschenrechtswidrig. Diese schlichte Wahrheit jedoch darf man nicht sagen in einem Land, dessen Eliten dem Rest des Volkes die Ideologie ins Gehirn hämmern, dass hierzulande im Prinzip immer alles in bester Ordnung ist. Und auch die UNO soll das nicht sagen dürfen. Nun hat Herr Muñoz den in seiner Verantwortung erarbeiteten UN-Bildungsbericht zum Skandal des deutschen Bildungswesens völlig zu Recht vor dem Menschenrechtssausschuss der UNO zur Sprache gebracht. Hinter den Kulissen hat die deutsche Kultusbürokratie in den letzten Wochen nach besten Kräften alles versucht, Einfluss auf die Formulierung des Textes zu nehmen. Zentrales „Argument“ der deutschen Seite: Muñoz konnte bei seiner Kurzvisite „die Komplexität“ des deutschen Bildungswesens nicht „differenziert genug“ erfassen. So ist es - das deutsche Bürgertum mit seinem spießigen Bildungsgehabe: Kommt einer an und sagt mal drastische Wahrheiten, kommen sie mit irgendeinem Komplexitätsgeschwätz daher, das schlau klingt, aber absolut sinnfrei ist. Dass das deutsche Bildungswesen sozial und ethnisch mehr diskriminiert als alle anderen Bildungssysteme westlicher Industriestaaten, haben nicht Herr Muñoz und die UNO herausgefunden, sondern dieses ist das zentrale (und in Deutschland gerne verschwiegene) Ergebnis der von der OECD durchgeführten, wissenschaftlich soliden „PISA-Studie“. Die UNO tut nur das, was sie tun sollte: Menschenrechtsskandalen, die bekannt werden, nachgehen. Reaktion der deutschen Eliten: Was erlauben sich UNO?! Was erlaube sich Muñoz?! Was erlauben sich Ausland?!

„Leeres Wort des Armen Rechte,
leeres Wort des Reichen Pflicht …“

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu kam schon in den 1970er-Jahren zu dem Schluss, dass linke Reformpolitik lediglich die „Illusion der Chancengleichheit“ beschwört, wenn sie versucht, soziale Gerechtigkeit auf dem Weg von Schulreformen herzustellen. Die „Sozialisation“ ist der „Erziehung“/“Bildung“ von Kindern und Jugendlichen immer einen Schritt voraus. Erwerb, alltäglicher Zugang zu und kreativer Umgang mit den Produktionsmitteln der Herstellung von „Bildung“ sind von Geburt an unterschiedlich auf die Elternhäuser verteilt. Mehr noch: „Bildung“ – und das meint vor allem die „Reife“ unter Beweis zu stellen, die real existierenden Produktionsstätten der „Bildung“ (Kindergärten, Gymnasium, Hochschulen) gut meistern zu können – ist in der bürgerlichen Gesellschaft weniger als ein nachhaltiges Gut, denn vielmehr als ein Distinktionsmittel zu begreifen, das die scheinbar „harten, fleißigen, strebsamen Menschen“ von den Angehörigen der „Unterschichten“ in ihrem Habitus einerseits und in präsentierbaren Zeugnissen andererseits lebenslang abgrenzt.

Die bürgerliche Bildungsideologie anerkennt diese Tatsachen, versucht allerdings hartnäckig, ihren sozialen Charakter zu kaschieren und setzt dazu auf das altbekannte Muster der Biologisierung und Psychologisierung sozialer Tatsachen: Manche Kinder sind eben mehr, manche sogar höher- und höchst-, viele eben gar nicht „begabt“. Die einen werden dann eben so genannte Eliten, die anderen werden von diesen in der ein oder anderen Weise abhängig und ihrer Befehls-Gewalt unterworfen sein. So läuft das hier. Erfolg durch Bildung nennt die ach-Gott-so-moderne, neoliberale Polit-Mischpoke dieses durchaus recht traditionelle Ergebnis. Man sollte ihnen den Text der Internationale entgegenschmettern: „Leeres Wort des Armen Rechte, leeres Wort des Reichen Pflicht!“ Wobei sich „Armut“/“Reichtum“ eben nicht nur auf das liebe Geld beschränkt (Bildungsbürger z.B. verfügen häufig gar nicht über besonders viel monetäres Kapital), sondern ganz besonders auch auf mobilisierbare/nicht mobilisierbare habituelle Ressourcen.

„… Ertragt die Schmach nun länger nicht!“

Durch so genannte „Noten“, Zeugnisse und in Deutschland zudem durch Drei- bzw. bald evtl. Zweigliedrigkeit sanktioniert die heutige Schule – zumal wenn die Politik „Begabtenförderung“ großschreibt - lediglich die ihr vorgelagerten sozialen Schranken. Aufbrechen kann sie diese nicht.

Umso mehr muss sich vernünftige linke Politik ernsthaft darum bemühen, Schleichwege und materielle Rahmenbedingungen bereitzustellen, um den wenigen jungen Menschen niederer sozialer Herkunft, die es „trotzdem“ – d.h. gegen ihre soziale Prägung – schaffen, sich ernsthaft auf „Bildung“ innerhalb der offiziellen Produktionsstätten dieses Gutes einzulassen, konsequent unter die Arme zu greifen. Dieses wäre die zentrale Anforderung, die man an ein bildungspolitisches Programm mit sozialistischer Stoßrichtung stellen muss.

Obwohl Frauen inzwischen rund 50% der Studentenschaft in Deutschland stellen und im Schnitt sowohl die besseren Abiturzeugnisse als auch die besseren Uni-Examina ablegen, sind noch immer nur 14,3% der Hochschullehrer-Stellen mit Frauen besetzt. Vergleicht man die niedriger dotierten Professorenstellen (Besoldungsstufe C3) mit den höchstdotierten Posten (Besoldungsstufe C4/W3), fällt die Bilanz noch negativer aus: Nur 10% Frauen finden sich darunter. Aber auch für Karrieren männlicher Aufstiegswilliger hat die erste (!) repräsentative BRD-Elitenstudie des Darmstädter Soziologen Jürgen Hartmann ergeben: „Geschlossene Gesellschaft! – Für Spitzenkarrieren in Deutschland ist immer noch die soziale Herkunft ausschlaggebend, nicht individuelle Leistung“.

Die Linke bemüht sich selbstverständlich um bescheidene Verbesserungen des Lebensalltags der benachteiligten Menschen. Sie geht aber einen Schritt weiter und bemüht sich darum, den einfachen Leuten zu helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass die eigenen Lebenschancen innerhalb der bestehenden Ordnung sehr begrenzt sind.

Diese Überlegungen müssen von der Linken absolut unabhängig von den Bildungsdebatten der bürgerlichen Kräfte in der Arbeiterbewegung geführt werden. So wird derzeit in Hessen, wie in manchen anderen Bundesländern, von Politikern aller großen Parteien eine Debatte über die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu so genannten „Einheitsschulen“ geführt. Diese Überlegungen sind von ausschließlich wirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet. Pädagogische Überlegungen spielen dabei keine Rolle, vor allem dann nicht, wenn die Regierung Koch solche Gedanken anstellt. Es besteht sogar eher die Gefahr, dass die Aufteilung der Kinder und Jugendlichen in „Top“ und „Flop“ dadurch noch krasser zu Tage tritt. Es muss klar sein: Diese Debatten sind nicht unsere Debatten! Wir Sozialisten gehen grundsätzlich anders ran!


Lesetipps:

Jürgen Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/M. 2002; insbes.: Kap. 1 und 6.

Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, 1925; stw 37.

Genosse Bernfeld (1892-1953) war praktischer Pädagoge (Heimerzieher) und Psychoanalytiker, einer der Begründer der „analytischen Kinderpsychologie“, gedanklicher Vater der sogen. „antiautoritären Pädagogik“, KPD-Mitglied und ein Vertreter des vielfältigen Linksfreudianismus. Sein Sisyphos ist eine vernichtende Analyse des deutschen Schulwesens und insbesondere auch der durch die bürgerliche Philosophie geprägten, ja in ihr verwurzelten akademischen „Pädagogik“.
Leistungsorientierung, Strebsamkeit, Wertevermittlung – für Bernfeld alles nichts als das: „Die Kinder müssen lernen die bürgerliche Klasse zu lieben. Und dieser Unterricht muss so nachdrücklich, so sicheren Erfolgs sein, dass ein ganzes Leben, in Not und Sklaverei verbracht, nicht hinreicht, diese Liebe zu verlöschen. Was in Wahrheit gewaltsam erzwungene Ausbeutung ist, wir wissen es, soll ihnen als freiwillig dargebrachtes Opfer der Liebe erscheinen. Sie sollen Mehrwert leisten, aber sie sollen es gern tun aus innerem Liebeszwang, so wie wenn der Liebhaber seiner Geliebten, der Gläubige Gott opfert.“

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