Vor 100 Jahren: Kongress der Sozialistischen Internationale in Stuttgart

Vom 18. bis 24. August 1907 fand der internationale Sozialisten- kongress statt, an dem 184 Delegierte der verschiedenen Sektionen der Zweiten Internationale teilnahmen. Darunter so bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung wie Bebel, Kautsky, Mehring, Luxemburg (Foto), Liebknecht, Zetkin, Lenin und Trotzki. Es fanden leidenschaftliche Diskussionen auf hohem politischen Niveau statt, die man in dieser Art in keiner heutigen politischen Organisation mehr finden kann, schon gar nicht in den heutigen Sozialdemokratien.

Vom 18. bis 24. August 1907 fand der internationale Sozialisten- kongress statt, an dem 184 Delegierte der verschiedenen Sektionen der Zweiten Internationale teilnahmen. Darunter so bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung wie Bebel, Kautsky, Mehring, Luxemburg (Foto), Liebknecht, Zetkin, Lenin und Trotzki. Es fanden leidenschaftliche Diskussionen auf hohem politischen Niveau statt, die man in dieser Art in keiner heutigen politischen Organisation mehr finden kann, schon gar nicht in den heutigen Sozialdemokratien.

Aber es trat auf dem Kongress der tiefe Gegensatz zwischen Reformismus und Marxismus zutage, der sich zuvor schon implizit in der Zweiten Internationale gebildet hatte. In den Beschlüssen setzte sich der Marxismus noch einmal durch. Aber in der praktischen Politik siegte der Reformismus und lieferte somit die Erklärung für die Degeneration der Zweiten Internationalen.
Um die Ursachen für das Aufkommen des Reformismus zu erkennen, muss man sich mit der Entwicklung des Kapitalismus und Imperialismus im späten 19. Jahrhundert beschäftigen. Damit einhergehend auch mit der Entwicklung der Arbeitermassenorganisationen und im besonderen mit deren Führung.

Aufkommen des Reformismus

Der Kapitalismus hat im 19. Jahrhundert die Produktivkräfte bis an die Grenzen des Nationalstaats entwickelt. Die Folge davon war die Ausdehnung des Marktes über nationalstaatliche Grenzen hinweg und damit der Kolonialismus, der den Export von Kapital und Waren erlaubte. Damit wurde die Welt von den imperialistischen Mächten in fest gefügte Kolonialreiche aufgeteilt. Jede Änderung dieses Gefüges musste somit unweigerlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen.

Auf der anderen Seite schuf der Kapitalismus das Proletariat als Massenkraft. Dieses begann sich aufgrund der schlechten Bedingungen gewerkschaftlich und politisch zu organisieren. Daraus ging die Zweite Internationale als Arbeitermassenorganisation auf Grundlage des Marxismus hervor. Durch diese Stärke und durch die vermehrte Ausplünderung der Kolonien konnten höhere Löhne für die ArbeiterInnen in den imperialistischen Ländern durchgesetzt werden. Vor allem resultierte dies aber auch in einer Anhebung des Lebensstandards der parlamentarischen und gewerkschaftlichen FührerInnen der Arbeiterbewegung. Diese standen nicht mehr direkt im Arbeitsprozess, sondern lebten in einer kapitalistischen Umwelt und legten somit immer mehr ihre proletarischen Wurzeln ab. Die Folge war ein Marxismus in Worten aber Reformismus in Taten. Sie stellten sich immer mehr auf die Seite ihrer jeweiligen nationalen Bourgeoisien, was schließlich zu Beginn des ersten Weltkriegs offen zutage trat.

Besonders deutlich wurde dies in der ursprünglichen Vorzeigesektion der Zweiten Internationalen, der deutschen Sozialdemokratie. In dieser größten Massenpartei des Proletariats setzte sich immer mehr der bernsteinsche Revisionismus durch, wodurch der Reformismus ein theoretisches Fundament bekam. Dies brach schließlich der Zweiten Internationalen das Rückgrat.

Auch an der Tagesordnung des Kongresses war das Erstarken des Reformismus zu erkennen. Denn zwischen den Sozialistenkongressen in Amsterdam 1904 und Stuttgart 1907 lag eines der bedeutendsten historischen Ereignisse der damaligen Zeit, nämlich die russische Revolution von 1905. Damit befasste sich der Kongress allerdings nicht. Stattdessen standen folgende fünf Punkte auf der Tagesordnung:

1. Die Kolonialfrage
2. Das Frauenwahlrecht
3. Die Beziehung zwischen den sozialistischen Parteien und den Gewerkschaften
4. Die Migration von Arbeiter
5. Der Militarismus und internationale Konflikte

In allen Punkten setzten sich am Ende marxistische Positionen durch, trotz vieler reformistischer Anträge und einer reformistisch besetzten Antragskommission.
Hatten frühere Kongresse den Kolonialismus immer fundamental abgelehnt, so stand jetzt ein Antrag des reformistischen Flügels zur Diskussion, den Kolonialismus nicht kategorisch auszuschließen. Damit sollte die Einbeziehung der wirtschaftlich unterentwickelten Länder in das kapitalistische Wirtschaftssystem mit dem Argument gerechtfertigt werden, dass diese damit entwickelt würden. Es wurde damit argumentiert, dass kein direkter Übergang von der Barbarei zum Sozialismus möglich sei. Die Mehrheit des Kongresses folgte dem aber nicht und stimmte einer scharfen Verurteilung des Kolonialismus zu.
Bei der Frage des Frauenwahlrechts herrschte noch Konsens zwischen den Flügeln. So wurde die gleichzeitige Abhaltung einer internationalen Frauenkonferenz begrüßt, und der Kampf für das Frauenstimmrecht in allen Ländern festgeschrieben.

Zur Frage des Verhältnisses zwischen den Gewerkschaften und den sozialistischen Parteien wurde vor allem von deutschen Gewerkschaftsführern der Versuch unternommen die Neutralität der Gewerkschaften gegenüber politischen Parteien festzuschreiben. Sie wollten sich damit besonders radikaler Beschlüsse des Sozialistenkongresses entledigen. Dies wurde von der Mehrheit des Kongresses allerdings abgelehnt.

Auch in der Migrationsfrage wollte der rechte Flügel des Kongresses die bisherigen Beschlüsse zur Abschaffung aller Beschränkungen, welche bestimmte Nationalitäten betreffen, kippen. Sie wollten eine „Beschränkung der Übersiedlungsfreiheit“ für ArbeiterInnen aus rückständigen, unterentwickelten Ländern durchsetzen. Auch dies wurde von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt.

Das bedeutendste Zutagetreten des Gegensatzes zwischen Reformismus und Marxismus fand bei der Frage des Militarismus statt. Eine zu dieser Frage eingebrachte Resolution von August Bebel stieß zunächst wegen der darin sichtbaren offenkundigen Abkehr von den proletarischen, marxistischen Traditionen auf Ablehnung.

Nur ein Ergänzungsantrag, der von den Delegierten Luxemburg, Martow und Lenin eingebracht wurde, rettete den marxistischen Inhalt der Resolution und führte gleichzeitig dazu, dass die geänderte Resolution einstimmig angenommen wurde. In dieser Resolution wurde nicht nur die Verpflichtung der SozialistInnen gegen Krieg, Kriegsausbruch und für den Frieden mit allen möglichen Mitteln zu kämpfen festgeschrieben, sondern auch festgehalten, dass die durch Krieg geschaffene gesellschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes und zum Hinarbeiten auf eine sozialistische Umwälzung zu nutzen sei.

Der Marxismus in Worten und Reformismus in Taten fand schließlich auf dem letzten Sozialistenkongress vor dem Ersten Weltkrieg 1912 seinen Höhepunkt. Hier wurde in dem angenommenen Manifest der Internationalen noch mal die Resolution von 1907 zitiert und festgelegt, dass der Kriegsausbruch unter allen Umständen auch mit den Mitteln des Generalstreiks oder des Bürgerkriegs zu verhindern sei. Dies konnte den Niedergang der Internationale jedoch nicht mehr verhindern, der 1914 binnen weniger Tage durch die Zustimmung der meisten Mitgliedsparteien zum Weltkrieg besiegelt wurde.

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