Fahrradwerk Bike Systems: Eine Woche Selbstverwaltung – und was dann?

Nach drei Monaten Engagement zur Rettung der Fahrradproduktion in Nordhausen am Südharz sind die Beschäftigten von Bike Systems jetzt an einer entscheidenden Etappe ihres Kampfes angelangt. Übernächste Woche werden sie sich selbst und aller Welt fünf Tage lang unter Beweis stellen, dass sie in Eigenregie und ohne das Kommando eines Eigentümers oder renditehungriger Anleger schaffen, was sie über Jahrzehnte geleistet haben: hochwertige Fahrräder produzieren.

Nach drei Monaten Engagement zur Rettung der Fahrradproduktion in Nordhausen am Südharz sind die Beschäftigten von Bike Systems jetzt an einer entscheidenden Etappe ihres Kampfes angelangt. Übernächste Woche werden sie sich selbst und aller Welt fünf Tage lang unter Beweis stellen, dass sie in Eigenregie und ohne das Kommando eines Eigentümers oder renditehungriger Anleger schaffen, was sie über Jahrzehnte geleistet haben: hochwertige Fahrräder produzieren.

Die allermeisten Belegschaftsangehörigen sind erfahrene Mechaniker und rechnen sich – nicht zuletzt aufgrund ihres Alters – überwiegend keine Chance auf einen gleichwertigen Arbeitsplatz in Nah oder Fern mehr aus. Sie haben erlebt, wie um sie herum seit Anfang der 1990er Jahre viele tausend Arbeitsplätze in der Nordhäuser Motorenindustrie vernichtet wurden und wollen bis zur Rente weiter arbeiten.

Da der bisherige Eigentümer Lone Star das Werk über Nacht plattmachen und die Fahrradproduktion ganz auf das MIFA-Werk im benachbarten Sangerhausen konzentrieren wollte, ist die Besetzung ein Akt der Notwehr. Tag und Nacht wacht die Belegschaft seit Juli darüber, dass keine Maschine oder Anlage demontiert und abtransportiert wird. Denn das bisherige Management hatte bereits die Lagerbestände und eine hochwertige Lackierkabine nach Sangerhausen verfrachtet, ehe die Belegschaft hellhörig wurde und das Tor permanent Tag und Nacht blockierte.

Nach langen Wochen, in denen sich kein privater Investor für die aufmüpfigen Fahrradwerker erwärmen konnte, kam dann die zündende Idee: Wir produzieren eine Woche lang ein eigens entwickeltes robustes „Strike Bike“ als Herren- oder Damenfahrrad. Selbst gestecktes Ziel und Voraussetzung für die Produktion, die nun am 22. Oktober beginnen wird und auf eine Woche befristet ist, war der Eingang von 1800 Bestellungen von Einzelabnehmern und Fahrradhändlern. Damit, so die Kalkulation der Produktionsplaner, könnte die Belegschaft mindestens kostendeckend produzieren und gleichzeitig in der Praxis die Legenden der Lone Star-Manager widerlegen, dass der Betrieb „marode“ und zum Untergang verurteilt sei.

Die Resonanz auf den Solidaritätsappell war überwältigend. Binnen weniger Tage gingen weit mehr als 1800 Bestellungen für das Strike Bike ein. Anfragen aus aller Welt – Ägypten, den USA, Australien, Kanada, Südafrika und Israel – hätten durchaus für eine weitere Produktionswoche ausgereicht, konnten aber wegen der Befristung des Projekts nicht mehr angenommen werden. Für die Produktion in Eigenregie ist der eigens gegründete Belegschaftsverein „Bikes in Nordhausen e.V.“ federführend verantwortlich. Mit einem Einheitslohn von 10 Euro in der Stunde für alle soll zudem unterstrichen werden, dass alle Arbeiter und Angestellten bei der Strike Bike-Manufaktur gleichwertig und gleichrangig sind.

Gewollt oder ungewollt – mit ihrer selbstverwalteten Produktion, die bald wieder ein großes Medienaufgebot in das Fabrikgebäude an der Bundesstraße 80 locken wird, schreiben die Nordhäuser Fahrradmechaniker ein Stück Sozialgeschichte.
Was in Lateinamerika in den letzten Jahren als Akt der Notwehr gegen Fabrikschließungen und die Zerstörung von Existenzen Schule gemacht und um sich gegriffen hat, fand in der bundesdeutschen Geschichte über Jahrzehnte kaum statt. Zwar flackerte schon in der BRD der 80er Jahre immer wieder in einzelnen von Stilllegung bedrohten Metallbetrieben oder Werften der Widerstandsgeist auf und wurde „die Bude“ auch mal vorübergehend besetzt. Teilweise wurde dabei auch die Produktion unter Belegschaftskontrolle weitergeführt – so etwa im Metallbetrieb Mönninghoff in Hattingen an der Ruhr – wo die Arbeiter nach eigenen Angaben erlebten, wie sie in Eigenregie besser, effektiver, stressfreier und solidarischer produzieren können. Doch weil nicht sein konnte was nicht sein durfte, setzten die tragenden Kräfte der „alten Ordnung“ schon damals alles daran, um diese Belegschaftskämpfe zu isolieren, auszuhungern und rasch zu beenden.
Für die Nordhäuser Strike Biker werden die kommenden Tage eine „neue Lebenserfahrung bringen, die wir vorher nicht kannten“, so Jens Müller, Ersatzmitglied im Betriebsrat. Solange sie im Rampenlicht der Medien stehen und tagtäglich eine starke Solidarität spüren, sehen sie noch ein Licht am Ende des Tunnels und hoffen, dass sie nicht einfach „abserviert“ werden können.

Doch auch in Thüringen passt es vielen Kräften nicht in den Kram, dass eine selbstbewußte, in der IG Metall organisierte Belegschaft plötzlich selbstverwaltet produziert und damit vielleicht Nachahmer finden könnte. Manche bemängeln, dass die Strike Bike-Idee auch von der anarcho-syndikalistischen FAU (Freie ArbeiterInnenUnion) angestoßen und propagiert wurde und nehmen Anstoß daran, dass der Hamburger Verfassungsschutz die FAU – ebenso wie übrigens auch Die Linke – seit Jahren als “verfassungsfeindlich“ einstuft.

Bei Thüringens CDU-Alleinregierung stößt die Belegschaft seit Anbeginn auf taube Ohren. Deren Wirtschaftsminister Reinholz kritisierte die „verfehlte Politik von Betriebsrat und Gewerkschaft“, weil sie nicht schon im Juni den Kampf aufgegeben und vor den vermeintlichen „Sachzwängen“ kapituliert hat. Absolut kein Interesse an Zukunftschancen für eine aufmüpfige Belegschaft, die neue Wege beschreitet, dürfte auch der vorläufige Insolvenzverwalter Marco Comes von der Erfurter Anwaltskanzlei Wutzke & Förster haben. Sein Chef Wolfgang Wutzke gehört nach Angaben der Berliner Zeitung vom 28.10.1996 „zu den Hyänen“ unter den Rechtsanwälten und „wird gerufen, wenn ein Unternehmen schon ein wenig nach Kadaver riecht“. Schon bei der Zwangsverwaltung des angeschlagenen Magdeburger Maschinenbau-Unternehmens Sket wie auch in anderen Fällen hatte der aus Bremen stammende Wutzke, ein typischer „Gewinner der Einheit“, die Wut der Belegschaft auf sich gezogen.

Marco Comes soll dem Vernehmen nach als Insolvenzverwalter ab 1. November die Verfügung über die Firma bekommen. Für die Belegschaft soll dann an einem anderen Ort eine Transfergesellschaft gebildet werden, in der sie – freiwillig - für acht Monate qualifiziert werden kann. Für viele, die mit 45, 50 oder mehr Jahren dann selbst bei Umzug nach München oder Stuttgart keinen Arbeitsplatz mehr fänden, droht danach das „schwarze Loch“ von ALG I und Hartz IV.
Doch noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Erst einmal werden die selbstbewußten Strike Biker sich selbst und aller Welt vor laufenden Kameras unter Beweis stellen, dass sie in eigener Regie Kunden akquirieren, Rohstoffe bestellen und die Produktion planen, vorbereiten und durchführen können.

Während alle Welt auf „gutmütige“ und „ernsthafte“ Investoren hofft, haben bislang allerdings weder Politiker noch die landeseigene Landesentwicklungsgesellschaft eine naheliegende Frage gestellt: Könnte nicht auch der Belegschaftsverein „Bikes in Nordhausen e.V.“, der die Produktion jetzt ohne Hierarchien organisiert, hochoffiziell dazu aufgefordert werden, ein schlüssiges Konzept für die Weiterführung der Produktion im Werk zu entwerfen?

Anregungen für alternative Produkte – ob Cuddle Bike (Kuschelfahrrad), Behindertenfahrräder, Fahrradanhänger, Rollstühle oder die aus der Fachhochschule Nordhausen geäußerte Idee eines Solarfahrrads – gäbe es zur genüge, wie Belegschaftsangehörige auf Anfrage bestätigen. Schon mit einem „Peanut“-Betrag von acht Millionen Euro in der Hand könnten nach übereinstimmenden Angaben die benötigten Teile gekauft und die Fahrradpoduktion wieder angekurbelt werden. Gäbe man der Belegschaft dann noch 1-2 Monate Zeit und Ruhe, um neue Produkte serienreif zu gestalten und die Produktion in Nordhausen längerfristig zu sichern, dann käme dies die Allgemeinheit unter Umständen schon deutlich billiger als die Alimentierung mit ALG I und Hartz IV und die sozialen Folgekosten der Erwerbslosigkeit.
Den Versuch wäre es zumindest wert. Doch dazu müssten beherzte Politiker in Stadt und Land und die Landesentwicklungsgesellschaft über ihren marktwirtschaftlichen Schatten springen und nicht nur auf „leere Staatskassen“ oder die Gesetze der Marktwirtschaft verweisen – oder bestenfalls symbolisch und publikumswirksam ein Strike Bike erwerben. Sonst wird Marco Comes am 1. November das Regiment übernehmen und eine hochmotivierte Belegschaft aus dem Werk verscheuchen.

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