„Die Idee der Selbstverwaltung lebt weiter“

Die Produktion von 1800 Strike Bikes durch eine selbstverwaltete Belegschaft liegt nun vier Monate zurück. Was bleibt vom Kampf um Bike Systems in Nordhausen?
Ein Gespräch mit André Kegel. Er hat bei dem im vergangenen Jahr besetzten Thüringer Fahrradwerk Bike Systems gearbeitet und ist Vorsitzender des Vereins „Bike in Nordhausen e.V.“.
Der Verein organisierte und leitete im Oktober 2007 eine Woche lang die Produktion von "Strike Bikes".

Die Produktion von 1800 Strike Bikes durch eine selbstverwaltete Belegschaft liegt nun vier Monate zurück. Was bleibt vom Kampf um Bike Systems in Nordhausen?
Ein Gespräch mit André Kegel. Er hat bei dem im vergangenen Jahr besetzten Thüringer Fahrradwerk Bike Systems gearbeitet und ist Vorsitzender des Vereins „Bike in Nordhausen e.V.“.
Der Verein organisierte und leitete im Oktober 2007 eine Woche lang die Produktion von "Strike Bikes".

Was bleibt im Jahre 2008 vom Strike Bike?

Die Erinnerung an das Strike Bike bleibt erhalten – schon allein durch die zweijährige Gewährleistung für unsere Kunden. Das Strike Bike bleibt im Gespräch und damit ein Stück Hoffnung. Diese Erinnerungen an eine andere Art des Produzierens dürfen wir nicht vergessen. Daraus müssen Lehren gezogen werden.

Was ist aus den zuletzt 120 Beschäftigten geworden, nachdem die Belegschaft den Betrieb Anfang November geräumt hat?

Die Belegschaft ist fast komplett in die Transfermaßnahme gewechselt, die zum Juni beendet werden soll. Ein Drittel wurde inzwischen aber schon wieder in andere Betriebe vermittelt. Ein Kollege allerdings ist auch wieder in die Maßnahme zurückgekehrt, nachdem sein neuer Betrieb pleite gegangen war. Einige machen Umschulungen für neue Berufsbilder und Branchen wie etwa Windkraftradanlagen.

Ihr Verein hat im Oktober die komplette Strike Bike-Produktion in die Hand genommen, geplant und durchgeführt. Hat es rückblickend gut geklappt?

Es hat gut funktioniert und wir haben tatsächlich ohne Chefs produziert und alle Leute hatten das gleiche Mitspracherecht in der Produktion und den gleichen Lohn. Das war ein ganz anderes Arbeiten als „normal“.

Was ist mittlerweile aus dem alten Fabrikgebäude geworden, das die Belegschaft zum 1. November geräumt hat?

Das steht noch leer. Wir haben jedoch die Hoffnung, und das ist die Zielsetzung des Vereins, wieder am Standort Nordhausen Fahrräder zu produzieren. Unser neues Projekt ist in Vorbereitung und wird in den kommenden Monaten Gestalt annehmen. Hierzu gründen wir eine GmbH und wollen in diesem Rahmen möglichst ab Sommer zunächst mit 20 Menschen aus der bisherigen Belegschaft wieder hochwertige Fahrräder zu produzieren. Einzelheiten muss und wird der Verein in einer Versammlung entscheiden.

Warum nur 20 Beschäftigte?

Die alten Anlagen für eine Produktion in größerem Umfang hat der Konkursverwalter entfernen lassen. Eine volle Neuanschaffung würde unsere finanziellen Möglichkeiten weit übersteigen. Daher fangen wir wieder klein und als Manufaktur an und wollen uns zunächst auf die handwerkliche Produktion und Montage hochwertiger Fahrräder konzentrieren. Das ist, nebenbei bemerkt, für den einzelnen auch motivierender als stumpfsinnige Akkord- und Fließbandarbeit.

Nun gibt es auf dem Fahrradmarkt einen starken Konkurrenzkampf und Verdrängungswettbewerb. Vor Nordhausen wurde in Neukirch schon ein anderes ostdeutsches Fahrradwerk „abgewickelt“. Wo sehen Sie Ihre Chancen?

Der Verdrängungswettbewerb findet vor allem auf dem Sektor der Billigfahrräder statt – in Betrieben mit hohem Produktionsausstoß. Große Fahrradwerke können Aufträge unter einer Stückzahl von 10.000 gar nicht annehmen, weil es sich für sie nicht rechnet. Wir wollen uns jetzt auf die Produktion hochwertiger und haltbarer Fahrräder zu einem akzeptablen Preis konzentrieren. In diese Marktlücke wollen wir rein. Dazu entwickeln wir jetzt eine Art optimiertes und höherwertiges Strike Bike. Hierfür haben wir schon Kontakte zu vielen Fahrradhändlern geknüpft, die da durchaus auch eine entsprechende Nachfrage sehen. Manche von diesen Händlern haben uns schon im Herbst Strike Bikes abgenommen und weiter verkauft. Auch aus dieser Sicht können wir auf die Erfahrungen mit der Strike Bike-Produktion aufbauen. Wir wollen dazu die verbliebenen Restanlagen auf dem bisherigen Werksgelände und eine Etage der Räume nutzen.

In den letzten Wochen war das allgemeine Medieninteresse an Ihren Verein und der Strike Bike-Geschichte relativ groß. Wie erklären Sie sich das?

Der Kapitalismus ist definitiv nicht das letzte Wort der Geschichte. Wir haben gezeigt, dass eine solidarische Produktion möglich ist. Das hat sich herumgesprochen. Wir haben die Botschaft vermittelt, dass wir noch nicht am Ende sind mit der Fahrradproduktion in Nordhausen, dass noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht wurde. Die Stimmung in der Bevölkerung rückt nach links, die Menschen sind mehr als früher sensibilisiert für die Probleme anderer. In der Marktwirtschaft denkt sonst jeder nur an sich. Wir fanden und finden bei vielen Nordhäusern Echo und Zuspruch und viele sagen: Macht nur weiter.

Neben dem Wiederankurbeln der Produktion sind Sie aber auch bei gewerkschaftlichen und politischen Veranstaltungen gefragt und wollen Menschen von Ihrer Erfahrung lernen.

Einige von uns sind jetzt in der Tat hauptsächlich mit den künftigen Kunden der GmbH beschäftigt. Andere sprechen bei Diskussionsveranstaltungen. Wir werden dabei immer wieder gefragt: Wie kann man sich gegen drohende Betriebsschließungen wehren und was kann man machen? Wir sagen den Leuten, sie sollen den Kopf nicht in den Sand stecken. Geht auf die Barrikaden und ab geht die Post. Lasst euch nicht hinters Licht führen. Lernt auch aus unsern Fehlern, lasst Euch nicht gegeneinander ausspielen und zieht Euer eigenes Ding durch und macht es besser. Wir stehen auch in Kontakt mit der Bochumer Nokia-Belegschaft und wollen dem Betriebsrat symbolisch ein Strike Bike übergeben und damit zeigen: Ihr steht nicht alleine da. So wollen wir anderen Belegschaften Mut machen

Was hätten sie nach dem jetzigen Wissenstand und nach den Erfahrungen seit Sommer anders gemacht?

Ganz einfach. Ich hätte gleich im Juni das Hoftor komplett zugemacht und bewacht und somit den Abtransport von Material und Anlagen verhindert. Wir waren zu gutgläubig und unerfahren. Man darf mit der Gegenseite nicht lange diskutieren und Verhandlungen und nur kleine, verzettelte Warnstreiks führen, sondern muss einen Schuss vorn Bug abfeuern, Tor zu und Thema durch. Wir wurden überrumpelt, denn zum Anfang unseres Kampfes hat die Geschäftsleitung viel Material bei Nacht und Neben wegschaffen lassen.

Allem Anschein nach gab es in der IG Metall Kritik an der Tatsache, dass die anarchosyndikalistische FAU die Idee der selbstverwalteten Strike Bike-Produktion aufbrachte und beratend tätig war.

Das Verhältnis zur IG Metall ist sehr gut. Solche Rivalitäten sind Nebenkriegsschauplätze, um die ich mich nicht wirklich gekümmert habe. Vielmehr habe ich immer gesagt: Die sollen sich die Köpfe einschlagen, wenn sie wollen, irgendwann kommen die auch wieder zusammen.

Von der Landespolitik und insbesondere der CDU-Landesregierung waren Sie aber sehr enttäuscht.

Ich war im Oktober im Landtag anwesend, als die Opposition eine Debatte über unseren Belegschaftskampf erzwang und habe mit eigenen Ohren gehört, wie Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz völlig realitätsfremd war und uns warnte: Lasst die Finger von der selbstverwalteten Strike Bike-Produktion! Mit dem können wir nicht zusammenarbeiten, denn er zeigte völliges Desinteresse an unserem Schicksal. Darum wollen wir auch nicht, dass die landeseigene Landesentwicklungsgesellschaft irgendwo die Finger mit im Spiel hat, wenn wir jetzt die Produktion wieder ankurbeln.

Monatelang hat die Belegschaft einen Investor gesucht und nicht gefunden. Wird sich das mit der künftigen GmbH ändern?

Die GmbH wird von Leuten aus der Belegschaft gegründet. Es wird keine Bevormundung durch Kapitalgeber stattfinden. Kein Gesellschafter kann hinter dem Rücken der Belegschaft Alleingänge machen. Alle im Betrieb sollen gleiches Mitspracherecht erhalten, ob Montagearbeiter oder Büroangestellte. Die Personalkosten werden auf der Basis eines Einheitslohns für alle kalkuliert. Wenn sich der Betrieb hält und nach einem Jahr Gewinne gemacht werden, dann sollen diese an die Belegschaft zurückfließen bzw. kann die Belegschaft entscheiden, was mit den Überschüssen gemacht wird, ob investiert wird oder was auch immer. Die Idee der Selbstverwaltung lebt weiter.

Werden sich die Arbeitsbedingungen an gültigen Tarifverträgen orientieren?

Als Mindestregelung wird es eine 40 Stunden-Woche und gesetzlichen Mindesturlaub geben. Den Rest sollen die Mitarbeiter selber entscheiden.

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