China, Tibet und die Weltwirtschaft

China bereitet sich auf ein Weltereignis vor. Durch die Austragung der Olympischen Sommerspiele will das Regime die Chance nutzen, der Weltöffentlichkeit die spektakulären Fortschritte und das Wunder der Riesenstädte und des Transportsystems zur Schau zu stellen. China möchte die Errungenschaften des Kapitalismus vorführen und der Weltbourgeoisie zeigen, dass es in den Club aufgenommen werden kann. Auf der anderen Seite hat das chinesische Regime lange geleugnet, dass das schnelle Wachstum zu ernsthaften Problemen und Widersprüchen geführt hat. Die Ereignisse im Frühjahr in Tibet haben dem Regime dies hautnah vor Augen geführt.

China bereitet sich auf ein Weltereignis vor. Durch die Austragung der Olympischen Sommerspiele will das Regime die Chance nutzen, der Weltöffentlichkeit die spektakulären Fortschritte und das Wunder der Riesenstädte und des Transportsystems zur Schau zu stellen. China möchte die Errungenschaften des Kapitalismus vorführen und der Weltbourgeoisie zeigen, dass es in den Club aufgenommen werden kann. Auf der anderen Seite hat das chinesische Regime lange geleugnet, dass das schnelle Wachstum zu ernsthaften Problemen und Widersprüchen geführt hat. Die Ereignisse im Frühjahr in Tibet haben dem Regime dies hautnah vor Augen geführt.

Seit 1912 ist Tibet de facto von China abhängig. Zuvor wurde Tibet zwei Jahrhunderte lang von verschiedenen imperialistischen Mächten erobert, besetzt und annektiert. Durch ein Abkommen von 1914 zwischen Großbritannien, China und Tibet kam das Äußere Tibet, das der heutigen Autonomen Region Tibet entspricht, unter chinesische Kontrolle. Trotzdem war China nicht in der Lage, sich in die Verwaltungsangelegenheiten einzumischen. Dies gab dem Dalai Lama und seiner Regierung eine gewisse Art von Autonomie. Die langen Jahre des Bürgerkrieges und der Krieg mit Japan hatten zur Folge, dass Tibet weitgehend von China ignoriert wurde und mehr oder weniger „unabhängig“ war.

Geographisch isoliert auf dem „Dach der Welt“, litt Tibet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter absolutem Feudalismus. Tibet war extrem unterentwickelt und besaß keine Industrie; die wichtigste wirtschaftliche Betätigung war Subsistenzwirtschaft. Die Lamas und der Adel besaßen das gesamte Land, das ganze Vieh und den Reichtum. Durch die Kombination von religiösem Aberglauben und einem Regime, welches auf Folter beruhte, waren die tibetischen Bauern extrem unterjocht und lebten in absolutem Elend. Die Bedingungen in Tibet waren der Barbarei sehr ähnlich.

Nach der chinesischen Revolution von 1949 war die Tibet-Frage ungelöst. 1950 setzte Mao die Rote Armee in der tibetischen Region Chamdo ein. Sehr schnell wurde jeglicher Widerstand der tibetischen Armee zerschlagen. Die Rote Armee marschierte in Richtung Zentraltibet und stoppte 200 km vor Lhasa. Mao begann mit Lhasa zu verhandeln. Tibet und China unterzeichneten das 17-Punkte-Abkommen, welches Tibet in die Volksrepublik China integrierte. Die Gebiete, die schon unter chinesischer Kontrolle standen, wurden den chinesischen Nachbarprovinzen angeschlossen und die Gebiete unter Kontrolle des Dalai Lama blieben autonom und unter der Kontrolle der Lamas.
In den Gebieten unter chinesischer Kontrolle wurde die Landreform vollständig durchgeführt. Sklaverei und Leibeigenschaft wurden abgeschafft. Die Lamas und der Adel wurden enteignet und das Land den Bauern übergeben. In den ehemaligen Tempeln und Häusern der Lamas wurden Schulen und Krankenhäuser gebaut. Mit Straßen wurde das Land erschlossen.
Es gab wirkliche Fortschritte für die Bauernschaft und die Armen Tibets. In der Anfangsphase unterstützten die tibetischen Bauern die chinesischen Maoisten, da sie durch die Revolution wirkliche Vorteile erhielten.

In den Gebieten unter der Kontrolle der Lamas behielt die alte Aristokratie die Macht und wurde von Peking finanziell unterstützt. Mao versuchte mit dem Dalai Lama zu verhandeln. Die KPCh (Kommunistische Partei Chinas) versuchte nicht, die tibetische Bevölkerung, die unter Kontrolle des Dalai Lama stand, gegen die Unterdrücker, die Lamas und Grundbesitzer zu mobilisieren, sondern sie bemühte sich um eine Art Volksfront mit dem Dalai Lama und seinen Führungsleuten. Mao suchte Unterstützung in den höheren Führungschargen, um so die Massen zu gewinnen. Dieses Vorgehen hat die tibetanische Bevölkerung desillusioniert, weil sie auf eine Zerschlagung der feudalen Strukturen hoffte.

Die Lamas und Adligen, die in den Gebieten unter der Kontrolle der KPCh all ihren Besitz und Land verloren hatten, begannen mit Unterstützung der CIA eine Revolte. Ab 1956 entwickelte sich ein Guerillakrieg. Diese Revolte, die von den Aristokraten und Klöstern aus geführt und zum Teil auch von tibetischen Bauern unterstützt wurde, führte am 10. März 1959 zu einer Massendemonstration und einem Aufstand in Lhasa. Weil Mao Lhasa in den Händen der Lamas gelassen hatte, gab er der Konterrevolution genug Zeit und Mittel, um eine Rebellion zu entfachen. Der Aufstand wurde mit äußerster Härte niedergeschlagen und der Dalai Lama wurde gezwungen, mit US-Unterstützung nach Indien zu fliehen.

Nach der Niederschlagung der Rebellion wurden alle Lamas und Grundbesitzer enteignet, gleichzeitig verstärkte sich aber auch die Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung. Mao wollte dem tibetischen Volk eine Lektion erteilen. Während der Kulturrevolution wurde Tibet Augenzeuge eines extremen Vandalismus und der Zerstörung von Klöstern. Es gab Massenfestnahmen, grausame Bestrafungen, Exekutionen und Hungersnöte.

Nach der Niederlage der „Vierer-Bande“ und dem Ende der Kulturrevolution 1976 kam der Flügel um Deng Xiaoping an die Macht. Zunächst besserten sich die ökonomischen Bedingungen in Tibet und die nationale Frage trat in den Hintergrund. Doch Ende der 1980er Jahre kam es in zu einer hohen Inflation, dem Abbau von Arbeitsplätzen und Angriffen auf die sozialen Errungenschaften in China. Auch dies führte 1989 in Tibet zu Demonstrationen; in die Geschichte ging damals das Massaker vom Tiananmen-Platz ein, wo Hunderte Arbeiter und Studenten ermordet wurden. Im März 1989 eröffneten Armee und Polizei das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten. Über 100 Menschen wurden getötet. Danach folgten Ausschreitungen, Demonstranten attackierten Soldaten und Polizisten und es gab auch Berichte von Angriffen auf Chinesen und Zerstörung von chinesischem Privateigentum. Das Kriegsrecht wurde ausgerufen und Lhasa wurde besetzt.

Heute ist Tibet eine der ärmsten Regionen in China und es besitzt eine der größten Einkommensungleichheiten in ganz China – und es sind die Tibeter, die sich am unteren Ende der Skala befinden. Die guten Jobs im privaten und staatlichen Sektor bekommen unverhältnismäßig oft die Menschen mit chinesischem Hintergrund. Die tibetische Bevölkerung selbst arbeitet in den gefährlichsten und schlecht bezahltesten Jobs. Dies alles nährt natürlich die Unzufriedenheit in Tibet.

Olympia und die Weltwirtschaft

Im März 2008 breiteten sich die Demonstrationen und die Gewalt in ganz Tibet und in den Nachbarprovinzen mit einer großen tibetischen Bevölkerung aus. Truppen und Bereitschaftspolizei wurden eingesetzt, um die Ordnung wiederherzustellen. Dabei wurden mehrere hundert Menschen eingesperrt. Der Dalai Lama ist ein Agent des Imperialismus. Er hat aber nichts mit dem Ausbruch von Demonstrationen und Gewalt zu tun, auch wenn Peking dies behauptet. Er steht eigentlich für eine Versöhnung mit China und beansprucht eher Autonomie als Unabhängigkeit. Der Dalai Lama hat die Unruhen ausgenutzt, um Druck auf Peking auszuüben. Ebenso ist offensichtlich, dass der Westen dies auch als eine Möglichkeit sieht, die Unzufriedenheit der Tibeter auszunutzen und damit China zu schwächen und Einfluss in diesem Gebiet zu gewinnen. Der Westen vergießt Krokodilstränen, wenn er über die Menschrechtssituation in China redet. Er ist es, der Superprofite aus dem Land zieht und von der immensen Ausbeutung und den frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse profitiert. Wo war der Westen, als die Bauernaufstände und Streiks in zahlreichen chinesischen Städten niedergeschlagen wurden?

In den letzten Wochen wurde die Frage eines Boykotts der Olympischen Spiele in den Medien diskutiert. Die USA und Großbritannien sind eindeutig gegen die Idee des Boykotts. Die Weltwirtschaft befindet sich am Rande einer Krise – und niemand möchte die Probleme verschärfen. Das chinesische Regime, die USA und die EU sind sich der Brüchigkeit und Instabilität der Weltwirtschaft bewusst. Jede ernsthafte Krise, egal welcher Art, könnte massive Probleme für den Weltmarkt zur Folge haben. Ein Boykott der Olympischen Spiele würde von den Chinesen als eine Provokation empfunden werden. Die USA sind gegenwärtig auf die Zusammenarbeit mit China im Bereich des Welthandels, aber auch bei den diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea angewiesen. Alle Seiten wissen, dass sie alle voneinander abhängig sind. Eine wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahme Chinas würde einzig und allein die Weltwirtschaft schwächen und deshalb die eigenen Interessen. Natürlich ist der Imperialismus auch daran interessiert, China zu schwächen. Er tut es aber nicht in einem offenen Konflikt, sondern versucht es mit sanfteren, subtileren Methoden.

Die Frage der Unabhängigkeit

Die jüngsten Ereignisse in Tibet haben erneut den Ruf nach einem „freien Tibet“ aufkommen lassen. Wir unterstützen vollständig das Selbstbestimmungsrecht des tibetischen Volkes, was das Recht aus staatliche Trennung beinhaltet, wobei aber auch volle Gleichberechtigung für die starke chinesische Minderheit gewährleistet werden muss. Dieses Selbstbestimmungsrecht ist aber kein absolutes, wie Lenin erklärte, sondern muss den Interessen der Arbeiterklasse untergeordnet werden. Die Einheit der Arbeiterklasse muss über allen anderen Dingen aufrechterhalten werden.

Ein freies und unabhängiges Tibet auf der Basis des Kapitalismus ist aber ein utopischer Traum und schlimmstenfalls ein reaktionäres Abenteuer. Wie in der Vergangenheit würde ein unabhängiges Tibet unter die Herrschaft einer oder mehrerer imperialistischer Mächte fallen. Eine imperialistische Beherrschung würde keines der bedeutenden Probleme, wie die Frage der Armut und der Repression, lösen, sondern diese weiter verschärfen.

Außerdem würde eine Trennung Tibets von China die Menschen und Völker willkürlich trennen und ein Schnitt durch die Regionen und Gemeinschaften könnte zu einem ähnlichen Blutvergießen führen wie im ehemaligen Jugoslawien.
Das chinesische Volk ist aber nicht der Feind Tibets. Die Bürokratie und eine wachsende Anzahl von Kapitalisten sind der gemeinsame Feind aller Ausgebeuteten und Unterdrückten in China. Die Arbeiter und Bauern Chinas und Tibets sind mit denselben Problem konfrontiert – extremer Ausbeutung, niedrigen Löhnen, fehlender sozialer Infrastruktur, Repression.

Die Arbeiter und Bauern von China, Tibet und allen Regionen werden nur Freiheit erlangen, indem sie einen gemeinsamen Kampf gegen Kapitalismus und Bürokratie führen. Sie müssen für die Einheit der Arbeiterklasse kämpfen, um die bürokratische Clique zu stürzen, die aufsteigende Bourgeoisie zu enteignen und eine wirkliche demokratische und sozialistische Gesellschaft auf der Basis einer demokratisch geplanten Wirtschaft aufbauen. Dabei sind auch volle demokratische Rechte für alle Nationalitäten von zentraler Bedeutung. Nur durch die Errichtung eines wirklichen Sozialismus kann die Nationalitätenfrage in China gelöst und kann die Befreiung der Arbeiterklasse gewährleistet werden.

Der Text basiert auf den Artikel von Rob Lyon: China, Tibet and the World Economy
http://www.marxist.com/china-tibet-world-economy.htm

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