Vor 140 Jahren begann die Pariser Kommune, der erste Versuch zur Errichtung einer Arbeiterdemokratie

Die Pariser Kommune von 1871 ist der erste Fall der Menschheitsgeschichte, in welchem die untersten Gesellschaftsschichten die Macht ergreifen und sie in lebendiger Demokratie und Geschwisterlichkeit ausüben konnten; und sie ist der Beweis, dass alles, was man sich nach der Großen Französischen Revolution vom Bürgertum versprochen hat, nur und ausschließlich von der Arbeiterklasse verwirklicht werden kann.

Die Pariser Kommune von 1871 ist der erste Fall der Menschheitsgeschichte, in welchem die untersten Gesellschaftsschichten die Macht ergreifen und sie in lebendiger Demokratie und Geschwisterlichkeit ausüben konnten; und sie ist der Beweis, dass alles, was man sich nach der Großen Französischen Revolution vom Bürgertum versprochen hat, nur und ausschließlich von der Arbeiterklasse verwirklicht werden kann.

Wirkliche Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat es seit Menschengedenken nur äußerst selten gegeben. Zuallererst überhaupt wurden diese Ideale durch die Kommune umgesetzt – und das nur für zehn Wochen.

Vorgeschichte

Die Niederlage der Aufstände von 1848 läutete in Frankreich eine Periode dunkler Repression ein. Die Arbeiterbewegung war geschlagen und ermüdet, ihre Organisationen verboten. Auf den Trümmern einer bürgerlichen Revolution, die nie vollendet wurde, nutzte Napoleon III. die Pattstellung unter den Hauptklassen aus und gelangte im Dezember 1851 durch einen Staatsstreich an die Macht. Die Machterhaltung seines Regimes gründete sich auf die Bajonette von Armee und Polizei. Knappe zwanzig Jahre später war sein Thron durch erfolglose militärische Interventionen in Italien, auf der Krim und in Mexiko sowie durch die wieder erwachte Arbeiterbewegung in heftiges Schwanken geraten. Den Kaiser konnte nur ein neuer und schnell siegreicher Krieg aus der Schlinge ziehen. So erklärte er im Juli 1870 Otto von Bismarck den Krieg und marschierte auf das Deutsche Reich zu. Der Ausflug erwies sich rasch als Desaster. Schon Anfang September gelang es den deutschen Truppen an der französischen Grenze 75.000 französische Soldaten und mit ihnen Kaiser Napoleon persönlich gefangen zu nehmen.

Die Verhaftung des Kaisers wurde von den Pariser Bevölkerungsmassen zum Anlass genutzt, für die Absetzung des Regimes und den Aufbau einer demokratischen Republik zu demonstrieren. In Furcht vor einer weiteren Eskalation der Bewegung hatte das Bürgertum dem Druck nachzugeben und bildete eine provisorische „Regierung der nationalen Verteidigung“. Während die preußischen Truppen ins Landesinnere vorrückten, sammelten sich zur Verteidigung der Hauptstadt mehr und mehr Pariser Arbeiter in der Garde Nationale, welche bis dato nur Angehörigen des Bürgertums offenstand.

Belagerung und Revolution

Ab 19. September 1870 war Paris von den Preußen umzingelt. Die monatelange Belagerung führte zu Engpässen in der Grundversorgung, die Produktion lag danieder und die Arbeitslosigkeit in der Stadt stieg unaufhaltsam an. Der Unmut der Bevölkerung richtete sich gegen die „Regierung der nationalen Verteidigung“, welche die Belagerung tatenlos hinnahm. Während die Garde Nationale fest entschlossen war, die Preußen in die Flucht zu schlagen, suchte die französische Regierung Geheimverhandlungen mit Bismarck und willigte auf dessen Forderungen nach Entschädigungszahlungen und Gefangennahme der Pariser Armee ein. Die französische Bourgeoisie zog es tatsächlich vor, ihre Hauptstadt dem äußeren Feind auszuliefern als sie der Kontrolle von bewaffneten Werktätigen zu übergeben. Aus Angst, die Garde Nationale würde nach der Zurückschlagung der Preußen die Kanonen und Bajonette auf die Großgrundbesitzer und Fabrikanten richten, veranlasste Regierungschef Adolphe Thiers eine strikte Pressezensur und ließ die Löhne der Nationalgardisten zurückhalten.

Seinem Befehl an die Garde Nationale, sich selbst zu entwaffnen, leisteten nur 300 von 300.000 Soldaten Folge. Nach wie vor war die Pariser Bevölkerung bis an die Zähne bewaffnet. Die Garde verfügte über 215 Bataillone, ausgestattet mit 450.000 Gewehren und 2.000 Kanonen. Gerade jene Kanonen, welche auf dem Hügel Montmartre postiert waren, sollten von einem Regiment unter der Leitung von General Lecomte heimlich entwendet und unter die Kontrolle der Regierung gebracht werden. Für diese Operation wählte man die Nacht auf den 18. März 1871. Als Lecomte mit seinen Soldaten zu den Kanonen geschlichen war, musste er feststellen, dass ihnen das nötige Geschirr fehlte, um die schweren Geschütze fortzuschaffen. Der Morgen brach herein; nach und nach versammelte sich die erwachende Bevölkerung am Schauplatz, wo sie binnen einiger Stunden die völlig entgeisterten Soldaten Lecomtes umzingelt hatte. Der General gab Befehl, in die Menge von Frauen, Männern und Kindern zu schießen. Jedoch nicht ein Schuss fiel. Aufständische und Soldaten fielen sich in die Arme, weinten vor Rührung und stimmten gemeinsam Arbeiterlieder an. Lecomte wurde von wütenden Soldaten seines eigenen Regiments gerichtet; die letzten regierungstreuen Offiziere und Truppen flohen in Richtung Versailles. Zu Beginn hat niemand so recht gemerkt, dass hiermit eine siegreiche Revolution stattgefunden hat; und nicht nur das, es war darüber hinaus die vielleicht schönste und eleganteste Revolution aller Zeiten.

Kommune

Dem Zentralkomitee der Garde Nationale war über Nacht die Macht über Paris in die Hände gefallen. Sofort rief sie Wahlen zum neuen Gemeinderat (Kommune) aus, die eine Woche später stattfanden. 25 von den 90 gewählten Mitgliedern der Kommune waren ArbeiterInnen, 13 gehörten dem Zentralkomitee der Garde Nationale an, und etwa 15 waren Mitglieder der von Marx gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation.

Die neue Pariser Stadtregierung ging unter starker Beteiligung der Bevölkerung sofort ans Werk: Rückwirkend wurden alle noch ausstehenden Mietzahlungen erlassen, der Arbeitstag drastisch verkürzt, leerstehende Gebäude den Obdachlosen zur Verfügung gestellt. Staat und Kirche wurden strikt getrennt, das stehende Heer zugunsten einer Volksmiliz abgeschafft, die Fabriken geflohener Werksbesitzer gingen in gesellschaftliches Eigentum über und wurden unter Arbeiterkontrolle weitergeführt; die Schulen wurden erstmals den Kindern aller Schichten zugänglich gemacht. Erstmals erhielten die Frauen per Dekret nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern auch auf den gleichen Lohn wie Männer. Darüber hinaus wurden das Scheidungsrecht für die Frau eingeräumt, eheliche und uneheliche Kinder vom Gesetzt her gleichgestellt. Die Kommunarden kürzten das Gehalt aller Beamten sowie ihr eigenes auf die Höhe eines herkömmlichen Arbeiterlohnes und unterzogen sich selbst einer jederzeitigen Abwählbarkeit.

Uneinigkeit herrschte unter den Kommunarden darüber, wie mit den fliehenden Truppen Thiers’ umgegangen werden sollte. Die Blanquisten Eudes und Duval sprachen sich dafür aus, ihnen hinterher zu jagen und sie zu zerschlagen, solange sie noch demoralisiert und zahlenmäßig schwach waren. Die Mehrheit der Kommune war allerdings um ihren friedliebenden Ruf besorgt und bevorzugte es, nicht als Aggressoren dazustehen.

Abrechnung

Es sind mitunter ihre schönen Ideale, welche der Kommune letztendlich zum Verhängnis wurden. Die Kommunarden hatten die militärische Bedrohung maßlos unterschätzt. Ungehindert in Versailles angekommen, nützte Thiers Woche um Woche für die Reorganisation seiner Streitkräfte – unterstützt durch die Gelder der französischen Nationalbank, welche von der Kommune einzunehmen versäumt worden war.

In ihrem Aufruf an „die Brüder und Schwestern Frankreichs und der Erde", ermutigte die Pariser Kommune die ArbeiterInnen aller Länder ihrem Beispiel zu folgen und „die Tyrannei des Kapitalismus gemeinsam zu beseitigen". Allerdings hatte auch die französische Regierung den ArbeiterInnen aller Länder ein Beispiel zu setzen, wie mit Revolutionären umgegangen werden würde. Am 21. Mai 1871 – nur neun Wochen nach dem siegreichen Aufstand auf Montmartre – dringt die Versailler Armee in Paris ein. Dass die militärische Bedrohung von den Kommunarden nicht genügend ernst genommen worden war, wird nun durch das Fehlen eines zentralen Schlachtplans allzu deutlich. Binnen einer Woche waren die verbliebenen KämpferInnen auf den Friedhof „Père Lachaise“ zurückgedrängt, an dessen Mauer sie schließlich am 28. Mai von Thiers’ Soldaten exekutiert wurden. Auch nach dem Massaker war die Zentralregierung sehr bemüht, ihre Arbeit gründlich zu tun: Sie spürte nicht nur sämtliche Kommunarden auf, sondern auch alle, die in bloßem Verdacht standen, mit der Kommune zusammengearbeitet zu haben. Insgesamt fanden etwa 30.000 PariserInnen ihren Tod – teils in der verlorenen Schlacht um Paris, teils im Zuge der Massenhinrichtungen in den folgenden Wochen. Man erzählt sich, im Jardin du Luxembourg seien Bäche aus Blut geflossen, die tagelang nicht versiegen wollten.

Lehren

Letzten Endes muss festgehalten werden, dass das Experiment der Pariser ArbeiterInnen zu einem viel zu frühen Zeitpunkt stattgefunden hat, weswegen es wohl niemals – auch unter Vermeidung aller Fehler – auf Dauer hätte siegreich enden können. Die gesellschaftlichen Produktivkräfte waren noch lange nicht entwickelt genug, um wirklich die Grundbedürfnisse aller Menschen gleichermaßen zu bedienen. Es hätte der Mangel bloß verallgemeinert werden können. Deswegen und auch wegen der damals äußerst konservativen Landbevölkerung hatte Marx den Pariser ArbeiterInnen noch kurz vor dem Aufstand von einem ebensolchen abgeraten.

Marx entwarf weite Teile seiner Staatstheorie unter den Erkenntnissen der Kommune neu. Er stellte fest, dass das Proletariat nicht in der Lage sein kann, des bürgerlichen Staatsapparates Herr zu werden, ihn zu übernehmen und zu eigenen Zwecken zu nutzen. Vielmehr müsste es eigene Organe staatlicher Herrschaft aufbauen anstelle der bestehenden. Auch Lenin analysierte die Kommune sehr aufmerksam und hielt seine wichtigsten Schlüsse in dem Buch „Staat und Revolution“ fest. Die Abschaffung des stehenden Heeres, der Arbeiterlohn für Funktionäre sowie deren jederzeitige Abwählbarkeit waren für ihn die Eckpfeiler eines zukünftigen Arbeiterstaats.

Die Umstände für eine sozialistische Umwälzung sind heutzutage um Längen günstiger als noch vor 140 Jahren. Die Produktivkräfte sind bei sinnvoller Planung mit Leichtigkeit in der Lage, täglich sechs, zehn oder zwanzig Milliarden Bäuche zu ernähren. Das spezifische Gewicht der Lohnabhängigen in der Gesellschaft hat zudem massiv zugenommen; und offensichtlich ist auch, dass der Kapitalismus bereits überreif ist, keinen gesellschaftlichen Fortschritt mehr erzielt, nur Instabilität, Krisen und Kriege herbeiführt. Mit all diesen günstigen Vorzeichen und den Erfahrungen der Pariser Kommune im Gepäck können die Ideale der Kommunarden heute erfolgversprechender denn je umgesetzt werden. Dann werden sie ihren hohen Blutzoll wenigstens nicht umsonst gezahlt haben.

Lesetipp:

Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich
Lenin, Die Erfahrungen derPariser Kommune

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