Der Karikaturenstreit: Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Seit Tagen wird der Nahe Osten von Protesten gegen die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed in der konservativen dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschüttert. Die Proteste breiteten sich wie ein Lauffeuer aus. Zehntausende demonstrierten in Syrien, Libanon, Afghanistan, Indien, Indonesien, in Kaschmir und im Iran. In mehreren Fällen kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, dänische Fahnen wurden verbrannt, europäische Botschaften gestürmt und verwüstet. Selbst in Europa kam es zu Demonstrationen radikaler Islamisten.

 


Seit Tagen wird der Nahe Osten von Protesten gegen die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed in der konservativen dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ erschüttert. Die Proteste breiteten sich wie ein Lauffeuer aus. Zehntausende demonstrierten in Syrien, Libanon, Afghanistan, Indien, Indonesien, in Kaschmir und im Iran. In mehreren Fällen kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, dänische Fahnen wurden verbrannt, europäische Botschaften gestürmt und verwüstet. Selbst in Europa kam es zu Demonstrationen radikaler Islamisten.

 

Die Protestwelle begann ganze fünf Monate nach der eigentlichen Veröffentlichung der Karikaturen, in denen Mohammed z.B. mit einem als Bombe geformten Turban gezeichnet wurde. Erst als weitere europäische Zeitungen die 12 Karikaturen nachdruckten, kam die Lawine der Entrüstung ins Rollen.

Die Karikaturen waren ganz offensichtlich nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Eine Erklärung für die jetzigen Ereignisse kann nur in der allgemeinen Frustration gefunden werden, die Millionen Muslime in der ganzen Welt verspüren. Wie schon im Fall der Jugendrevolten in den französischen Vorstädten müssen wir zwischen dem Auslöser und der tatsächlichen Ursache unterscheiden. Das gewaltige Ausmaß dieser Bewegungen lässt sich nur erklären, wenn wir sie vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Erniedrigung und Unterdrückung durch den westlichen Imperialismus und der von Massenarbeitslosigkeit und Armut gekennzeichneten sozialen Lage in diesen Ländern sehen.

Selbst aus einer materialistischen und konsequent atheistischen Perspektive ist klar, dass die Veröffentlichung von Karikaturen, die Mohammed, den spirituellen Führer der Muslime weltweit, als Terroristen darstellen, Ausdruck dafür ist, zu welch niedrigem Niveau die bürgerlichen Medien heutzutage bereit sind. Wenn jetzt lauthals die Trommel für das „Recht auf Meinungsfreiheit“ gerührt wird – und so manche Zeitung sah es sogar als Teil ihr journalistischen Informationspflicht diese Karikaturen nachzudrucken – dann sollte nicht vergessen werden, dass diese Bilder einen klar rassistischen Charakter haben. Damit sollen alle Muslime als terroristische Fanatiker porträtiert werden. Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass Religionen seit Jahrhunderten zur Rechtfertigung von Kriegen herangezogen wurden. Und wo ist der Unterschied, wenn dies im Namen Allahs von reaktionären Imamen in einer Moschee oder im Namen Gottes von George W. Bush im Weißen Haus geschieht? Als MarxistInnen glauben wir an keinen Gott und suchen nach wissenschaftlichen Erklärungen. Was sind die materiellen Bedingungen, d.h. die konkreten Umstände von empirisch überprüfbaren Tatsachen, die zu bestimmten Ereignissen führen? Es erscheint uns klar, dass diese Darstellung des Islam als fanatische Religion per se nur als Provokation der westlichen bürgerlichen Presse gewertet werden kann.

In diesem Zusammenhang wollen wir den pakistanischen Marxisten Lal Khan zitieren:

“Wenn wir die islamische Geschichte analysieren, dann sehen wir einerseits eine Vielzahl von militärischen Siegen im Laufe des 8., 9. und 10. Jahrhunderts und andererseits kolossale Fortschritte in den Bereichen Wissenschaft und Kultur. Die damaligen Wissenschaftszentren wie Cordoba, Bagdad, Kairo, Damaskus und viele andere spielten eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung des menschlichen Wissens.

Was heute als islamische ‘Zivilisation’ bezeichnet wird, erlebte in der Folge einen sozialen Niedergang, weil die Eroberer sich weigerten zu lernen und sich den eroberten Gebieten und Regionen anzupassen. Es war die Synthese der reichen und antiken Zivilisationen im heutigen Syrien und Iran zusammen mit jenen Spaniens und anderen Gebiete, welche den Fortschritt der islamischen Kultur auf einem derart hohen Niveau ermöglicht hat. Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionen im Nahen Osten waren ebenfalls von einer viel größeren Toleranz geprägt als dies heute hinlänglich angenommen wird. 1099 als die Kreuzritter nach 40 Jahren Belagerung Jerusalem besetzten, wurde der Großteil der Bevölkerung einschließlich der Frauen und Kinder ermordet. Zwei Tage lang floss Blut in den Straßen, dabei verteidigten Moslems und Juden Schulter an Schulter die Stadt gegen die christlichen Kreuzritter.

Offene Debatte und das Recht auf Meinungsäußerung in allen Fragen, einschließlich der Religion, waren wichtige Faktoren, die zur Entwicklung der islamischen Zivilisation beigetragen haben. Wenn wir die Schriften der religiösen Gelehrten des 8.-10. Jhdts. n. Chr. (die in der ganzen alten Welt gelehrt wurden) analysieren, so sind diese bei weitem moderner und auf einem viel höheren Niveau als der Schrott, der von den Islamisten heute verbreitet wird. Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass die Gelehrten der Vergangenheit heute unter den drakonischen islamischen Gesetzen, die in vielen Ländern vorherrschen, zum Tode verurteilt werden würden... Dieser Niedergang hat nicht nur zum Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation geführt sondern auch das Denken stranguliert, den geistigen Horizont eingeschränkt und diese Gesellschaften zur Stagnation verdammt.“ (Lal Khan, Islam and America... Friends or Foes?)

Reaktion und Gegenreaktion

Falls mit diesen Karikaturen eine Debatte über den Islam oder über Säkularismus versus Religion im Allgemeinen eröffnet hätte werden sollen, dann hat man mit absoluter Gewissheit den Zweck verfehlt. Statt einer rational geführten öffentlichen Debatte provozierte man lediglich an die niedrigsten Instinkte. Man stelle sich nur die Aufregung im „zivilisierten“ Westen vor, wenn eine Zeitung eine Karikatur eines jüdischen Rabbi mit einer Bombe auf seiner Kappe veröffentlicht hätte. Mit gutem Grund wäre dies als Antisemitismus gebrandmarkt worden. Ein Chor der Entrüstung wäre durch die Reihen der Meinungsmacher gegangen. In diesem Fall ist alles anders. Ist der Islam nicht die Religion jener düsteren Horden, die uns vom Osten her bedrohen?

Wir wollen uns jetzt nicht in das Reich der Verschwörungstheorien begeben, aber es ist wohl kein Zufall, dass diese Ereignisse gerade jetzt losbrechen, wo der US-Imperialismus im Irak in der Sackgasse steckt, in Palästina eine deutliche Mehrheit die Hamas an die Macht wählte und der Iran im Atomstreit mit dem Westen seine Muskeln spielen lässt und offen mit der Zerstörung Israels droht. Da kommt es dem Westen gelegen, seine aggressive Politik im Nahen Osten damit rechtfertigen zu können, dass es eigentlich darum geht, den Einfluss dieser reaktionären Kleriker zu brechen. Und es bestehen berechtigte Zweifel daran, dass die überwältigende Mehrheit dieser Mullahs und Imame auch nur irgendeine fortschrittliche Rolle spielen könnte; im Gegenteil: Welcher gesunde Geist würde nicht gerne ein Ende dieser theokratischen Führer sehen?

Dabei gibt es nur ein kleines Problem: es war der sogenannte demokratische Westen, der diese „Schurken“ groß machte. Saddam Hussein, die Taliban und Osama bin Laden waren einst allesamt gute Freunde des US-Imperialismus. Erst später begannen die Hunde ihr einstiges Herrchen zu beißen. Zweifelsohne würden die meisten Menschen der islamischen Welt mehr „Freiheit und Demokratie“ für ihre Gesellschaften bevorzugen. Doch sie wissen nur allzu gut, was diese Worte im Mund eines George W. Bush oder Tony Blair bedeuten.

In der islamischen Welt existiert ein starkes kollektives Gedächtnis in Bezug auf die Verbrechen der imperialistischen Länder bei ihrer Jagd nach Märkten und Einflusssphären in diesen Regionen der Erde. Zum Beispiel war der britische Imperialismus 1920 für die künstlichen Grenzziehungen im Nahen Osten verantwortlich. Seine amerikanischen Nachfolger haben das „Teile und Herrsche“-Spiel bis zum heutigen Tage fortgesetzt. Die Muslime haben nicht vergessen, dass amerikanische Raketen palästinensische Häuser und Schulen zerstörten, dass die von den USA finanzierten libanesischen Milizen 1982 im Flüchtlingslager von Shabra und Shatila ein Massaker angerichtet haben und dabei 17.000 MuslimInnen vergewaltigten oder ermordeten. Die Besatzung der Palästinensergebiete, die Enteignung von PalästinenserInnen, die ständigen Militäroperationen und den Staatsterror durch Israel werden von ihnen niemals akzeptiert werden. Diese Ereignisse prägen das Bewusstsein von Millionen Moslems in der ganzen Welt.

Der ganze Nahe Osten ist ein riesiges Pulverfass, das jederzeit hochgehen kann. Solange die Widersprüche, die diesem Konflikt zugrunde liegen, nicht beseitigt werden, wird der Nahe Osten eine Krisenregion bleiben. Die „Warum“-Frage wird aber in der westlichen Welt geflissentlich unter den Tisch gekehrt, auch wenn ohne den historischen und politischen Kontext eine Analyse der gegenwärtigen Entwicklungen unmöglich ist.

Robert Fisk schrieb dazu im The Independent:

“In Ägypten gewann die Moslem Bruderschaft 20 Prozent der Sitze bei den letzten Parlamentswahlen. Jetzt haben wir die Hamas an der Spitze ‚Palästinas’. Darin steckt eine Nachricht, nicht? Dass die amerikanische Politik des `Regimewechsels` im Nahen Osten ihre Ziele nicht erreichen kann. Millionen Wähler bevorzugen lieber den Islam als die korrupten, ihnen von außen aufgepfropften Regime.“ (4. Februar 2006)

Die Tragödie bei all dem ist, dass mehr und mehr Muslime aus Perspektivlosigkeit und Verzweiflung in den islamischen Sekten den letzten Hoffnungsanker sehen, die den Märtyrertod als Ausweg aus ihrem Elend hoch preisen. Darin können wir die reaktionären Auswirkungen der Politik des demokratischen Westens sehen. Ähnlich wie der Schleierverbot in Frankreich erst recht viele junge Frauen in die Arme rückwärtsgewandter religiöser Führer getrieben hat, so hatten auch diese antiislamischen Karikaturen einen absolut kontraproduktiven Effekt. Anstatt sich zusammenzuschließen und gegen den gemeinsamen Unterdrücker, d.h. die kapitalistische Klasse, welche ihren Reichtum aus der Arbeit der Lohnabhängigen herauspresst, und die korrupte Elite im Nahen Osten, welche sich an den Rohstoffreserven der Region bereichert und die eigene Bevölkerung in Armut hält, richtet sich alles gegen neue Sündenböcke, die für Probleme verantwortlich gemacht werden, die in Wirklichkeit in der ökonomischen und politischen Sphäre ihre Ursachen haben. Ignorante Rassisten im Westen beschuldigen die Moslems, dass sie „unsere Demokratie zerstören wollen“, und gleichzeitig rufen reaktionäre Imame den „heiligen Krieg“ gegen Europa und die USA aus, ohne zwischen gewöhnlichen Lohnabhängigen und den Regierenden und Herrschenden dieser Länder zu unterscheiden.

Das Fehlen einer Führung

In Wirklichkeit ist die Lage im Nahen Osten nur ein Ausdruck für die allgemeinen krisenhaften Prozesse weltweit. Überall – selbst in den europäischen Staaten, die bis vor kurzem noch für ihre relative Stabilität bekannt waren – herrscht das Gefühl vor, dass „es so nicht weitergehen kann“. In Lateinamerika hat diese Stimmung der Unzufriedenheit revolutionäre Formen angenommen, was zu Wahlsiegen der Linken geführt hat, im Nahen Osten jedoch hat der Zorn bisweilen noch keine Perspektive in Richtung einer wirklichen Alternative erhalten, die die Befreiung der Massen auf die Tagesordnung stellen würde. Stattdessen haben konservative, reaktionäre Tendenzen die Oberhand gewinnen können. Die Wende hin zu einem reaktionären Islamismus ist eine tragische Konsequenz des Fehlens einer sozialistischen Alternative.

Dieser Prozess ist aber nicht unumkehrbar. Nur allzu oft wird in den bürgerlichen Medien die Macht der islamischen Fundamentalisten übertrieben. Der Sieg der Hamas bedeutet nicht notwendigerweise einen Rechtsruck sondern ist vielmehr Ausdruck dafür, dass die palästinensischen Massen von der korrupten Führung der Fatah völlig enttäuscht sind und konsequenterweise die Partei wählen, die imstande ist, am glaubhaftesten das entstandene politische Vakuum zu füllen, indem sie Reformen verspricht und zumindest in ihrer Rhetorik den Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit aufgreift. Oder nehmen wir nur den Generalstreik in Kaschmir gegen diese Karikaturen vor einigen Tagen. Dieser Streik wurde hauptsächlich von den Fundamentalisten organisiert, die natürlich in gewissem Maße von der antiimperialistischen Stimmung der Massen in Pakistan profitieren. Was aber niemand erwähnte, war ein anderer Generalstreik am selben Tag aus Protest gegen die Unfähigkeit der pakistanischen Regierung im Umgang mit den Folgen des Erdbebens. Dieser Protest hatte absolut nichts mit religiösem Fanatismus zu tun sondern war eine ganz klare soziale und politische Bewegung.

In Pakistan, einem islamischen Land, hatten die Fundamentalisten unmittelbar nach dem Erdbeben im Oktober von einer “Strafe Gottes” gesprochen. Die Menschen seien selber schuld, weil sie in Sünde leben. Hier jedoch sehen wir, welchen Unterschied es macht, wenn gleichzeitig eine linke Alternative existiert. Die Pakistan Trade Union Defence Campaign (PTUDC) hat, wie wir mehrfach berichteten, sofort nach dem Beben begonnen Solidaritätsbrigaden und eigene Hilfscamps zu organisieren. Neben den Hilfsarbeiten hat die PTUDC von Anfang an aber auch politische Arbeit unter den Betroffenen gemacht und dem Regime von Präsident Musharraf die Schuld für die gewaltige Zahl an Todesopfern gegeben, da dieses unfähig war den Menschen ordentliche Häuser und eine moderne Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Diese politische Propaganda fand sehr schnell ein großes Echo in den betroffenen Gebieten, und selbst die islamischen Fundamentalisten waren gezwungen ihre Linie zu ändern und begannen in den Moscheen gegen das politische Versagen der Regierung zu predigen. Die PTUDC hatte in dieser schwierigen Situation die Losung nach Einheit über alle verschiedenen Ethnien und Religionen ausgegeben und bewies in der Praxis die Überlegenheit kollektiver Solidarität solange dieser Kampf für konkrete materielle Verbesserungen mit der Perspektive einer sozialistischen Umwälzung der Welt verknüpft wird. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Massen im Nahen Osten mehr denn je bereit sind ihre korrupten Regime zu stürzen. Was es aber braucht ist ein klar internationalistisches Programm, rund um das alle in der Gesellschaft unterdrückten Schichten organisiert werden können, und das dem unvorstellbaren Zorn eine revolutionäre Perspektive geben kann. Wie Trotzki einst schrieb: „Ohne eine leitende Organisation würde die Energie der Massen verfliegen wie Dampf, der nicht in einem Kolbenzylinder eingeschlossen ist. Die Bewegung erzeugt indes weder der Zylinder noch der Kolben, sondern der Dampf.“

Die extrem turbulente Weltlage impliziert, dass der Ausgang von Prozessen nicht immer genau vorgesagt werden kann. Unsere Aufgabe muss es sein eine politische Kraft aufzubauen, die imstande ist alle Nationalitäten im Kampf gegen dieses kranke kapitalistische System, das Hass und Krieg hervorbringt, zu vereinen. Wir stehen für eine Gesellschaftsordnung, die allen Menschen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ermöglicht und wo wir genügend freie Zeit haben, um unsere Köpfe von all dem mittelalterlichen Obskurantismus zu befreien. Genau für dieses Ziel steht die Idee des internationalen Sozialismus.

 

Redaktion Der Funke

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