Lateinamerika - der balkanisierte Kontinent

Die von Hugo Chávez angeführte venezolanische Revolution hat den bolivarischen Traum von einer Union der Völker Lateinamerikas wiedererweckt. Sie wandelt auf den Fußspuren der großen Unabhängigkeitskämpfer wie Bolívar, Hidalgo, Juárez, San Martín, O'Higgins, Sucre, Zamora und Martí.

 


Die von Hugo Chávez angeführte venezolanische Revolution hat den bolivarischen Traum von einer Union der Völker Lateinamerikas wiedererweckt. Sie wandelt auf den Fußspuren der großen Unabhängigkeitskämpfer wie Bolívar, Hidalgo, Juárez, San Martín, O'Higgins, Sucre, Zamora und Martí.

 

Mit dem Sieg der kubanischen Revolution haben Fidel Castro und Che Guevara den Geist einer kontinentalen Revolution beschworen. Chávez ist der Meinung, dass "das geopolitische Konzept Bolívars, welches die Vereinigung des Kontinents anstrebt, auch gegenwärtig immer noch eine enorme Kraft besitzt".

"Keiner der Generäle zur Zeit der Unabhängigkeitsbestrebungen," fuhr er fort, "zumindest kein venezolanischer General besaß die Vision, die gesamten balkanisierten Territorien Lateinamerikas zu vereinen, um der imperialen Macht im Norden gegenüberzutreten. Jetzt suchen und kämpfen alle für dieses Ziel, nicht nur die Venezolaner sondern alle Lateinamerikaner." Er kam zu dem Schluss: "Unser aller Vaterland ist Amerika und eine Union Grundvoraussetzung. Jeder hat dieses Ziel geteilt: Martí, O'Higgins and Artígas - Sandino und Péron waren dieser Meinung. Die Union aller unserer Völker."

Lateinamerika, das potentiell ein sehr reicher Kontinent ist, erstreckt sich vom Río Grande bis fast zur Antarktis und umfasst 21 verschiedene Staaten mit verschiedenen indianischen Kulturen und verschiedenem historischen Erbe, ganz besonders spanischem, portugiesischem, niederländischem, britischem und französischem.

Aufgrund seiner imperialistischen Erbschaft ist Spanisch die Sprache, die von den meisten Menschen in Lateinamerika gesprochen wird, außer in Brasilien, wo man portugiesisch spricht. Die einst stolzen eingeborenen Indianer,die von den Eroberern - den Konquistadoren - vertrieben und ausgerottet wurden, halten an ihren eigenen Sprachen, wie z.B. Yaqui (Nordmexiko), Nahuatl (Zentralmexiko), Maya (Yucatan Halbinsel, Mexiko und Guatemala), Chibcha (Kolumbien), Quechua (Ekuador und Peru) and Aymara (Südperu und Bolivien) fest. In einigen Ländern stellen die indigenen Völker die Mehrheit der Bevölkerung.

Mit seinem Überfluss an natürlichen Ressourcen könnte der Kontinent für seine Menschen möglicherweise ein Paradies auf Erden sein. Dieser wunderschöne Teil der Welt wurde jedoch vom Imperialismus und dessen lokalen Oligarchien, die aus feudalen Landbesitzern und bürgerlichen Emporkömmlingen bestehen und vom kirchlichen Establishment unterstützt werden, balkanisiert. Sie haben das Land und die Menschen ausgesaugt, um ihre egoistischen Interessen und Ziele durchzusetzen. Diese Eliten haben vor langer Zeit den Kampf für die Unabhängigkeit verkauft und sind zu Marionetten des Imperialismus geworden.

Seit der Versklavung durch die spanischen Eroberer um 1500 ist der Kontinent von der Gnade der Europäer, besonders der spanischen Ausbeuter, abhängig, angefacht durch die Legende von El Dorado. Rivalisierende Gruppen kämpften bis aufs Blut um die ökonomische und politische Vormachtstellung und ihre Profite und löschten in diesem Prozess die eingeborenen Indianer aus. Diese despotische Herrschaft dauerte ungefähr 300 Jahre bis zum Kampf um die Unabhängigkeit.

Der Kampf um die nationale Unabhängigkeit von Spanien war in erster Linie ein bürgerlich-demokratischer Kampf, der seinen Schwung von der Französischen Revolution (1789-93) und den Napoleonischen Kriegen erhielt. Die herausragende Figur in diesem Befreiungskampf war Simon Bolívar ('El Liberatador'). Er kam zu dem Schluss, dass ein kontinentweiter Kreuzzug gegen die spanische Herrschaft notwendig sei, um Lateinamerika gegen die imperiale Macht zu vereinigen. Bolívar, der in Cartagena landete, kämpfte sich durch das Magdalena-Tal bis nach Bogotá und weiter nach Cúcuta. Von dort zog er weiter nach Caracas, war aber nicht in der Lage die Stadt zu halten. Bolívar und sein fähigster Leutnant Sucre aber stellten eine Armee aus Reitersoldaten aus dem venezolanischen Llanos und etwa 5000 britische Veteranen aus dem Peninsular War in Angostura auf. Mit dieser Armee zog er durch die Anden nach Kolumbien und schloss sich mit den Freiheitskämpfern von General Santander zusammen. Gemeinsam besiegten sie die Royalisten, zuerst in der Schlacht in der Tiefebene von Vargas und danach in der Schlacht von Boyacá 1819.

Von hier aus zog er weiter, um die Befreiung Venezuelas fortzusetzen, dabei besiegte er 1821 die Royalisten ein weiteres Mal in Carabora . Mit diesen Siegen in der Tasche setzten Bolívar und Sucre ihren Kampf fort, um Ekuador, Peru und Bolivien zu befreien. Dieser revolutionäre Befreiungskampf zog sich über zehn Jahre hin.

Nachdem Kolumbien befreit worden war, wurde in Cúcuta ein revolutionärer Kongress abgehalten, bei dem widerstrebende Fraktionen auftraten. Bolívar stand für ein für eine zentralisierte und vereinigte Republik, die aus Venezuela, Kolumbien, Ekuador und Panama bestehen sollte, während Santander ein lockeres föderales Bündnis souveräner Staaten favorisierte. Bolívars Vorstellungen setzten sich durch und die Republik Gran Colombia entstand. Argentinien und Chile waren ebenfalls frei, sie wurden durch republikanische Truppen aus Argentinien, die von General José de San Martín geführt wurden, befreit. Nur Peru blieb unter spanischer Herrschaft, wurde aber schließlich im Dezember 1824 in der Schlacht von Ayacucho eingenommen. Oberperu wurde als letztes fünf Monate später befreit und erhielt den Namen Bolivien.

Bolívars Vision waren die Vereinigten Staaten von Lateinamerika vom Río Grande bis zum Tierra del Fuego (Feuerland), ein vom Kolonialismus befreiter Kontinent, der allen die gleichen Chancen bieten sollte. In diesem Sinne verteidigte er die Rechte der vielen schwarzen Sklaven in Venezuela, die er auf seinem Anwesen frei ließ.

Die Republik war jedoch nur von kurzer Dauer und noch bevor Bolívar im Dezember 1830 starb, waren die Republik in drei Länder aufgeteilt und Bolívars Träume verraten worden. Die kreolische Bourgeoisie war nicht in der Lage, die revolutionären Aufgaben ihrer europäischen Gegenparts zu vollenden und erwies sich als unfähig den Kontinent zu vereinigen. Sie geriet über die aus landlosen Bauern und ehemaligen Sklaven bestehenden Befreiungstruppen in Panik. Durch ihr Handeln verriet die Oligarchie den Befreiungskampf und trug die Verantwortung für das Auseinanderbrechen der Bolivarischen Republik und das Zerlegen des lebendigen Körpers von Lateinamerika.

Die herrschende Oligarchie, die mit den Sklavenbesitzern, den parasitären Großgrundbesitzern und den ausländischen Imperialisten verflochten war, konnte keine fortschrittliche Rolle spielen. Sie war nicht fähig, den Kampf für eine echte nationale Unabhängigkeit zu spielen. Sie war zu schwach, zu unterwürfig und zu korrupt, um einen solchen wahren revolutionären Kampf zu führen. Sie war zu spät auf der Bühne der Geschichte erschienen und nicht in der Lage die Aufgabe einer nationaldemokratischen Revolution zu übernehmen.

Wie kann diese versäumte demokratische Aufgabe unter modernen Bedingungen erfüllt werden? Die verfaulten Oligarchien, die Lateinamerika heute beherrschen, sind noch reaktionärer als in vergangenen Zeiten. Sie sind die lokalen Steigbügelhalter der Imperialisten, die Washington auf den leisesten Wink gehorchen. Die USA betrachten Lateinamerika nicht als unabhängiges Gebilde, sondern als ihre eigene "Einflusssphäre", die sie politisch und wirtschaftlich beherrschen. Die Monroe-Doktrin wurde zum diplomatischen Deckblatt für die US-amerikanische Expansion und Einmischung in ganz Lateinamerika. Die Doktrin wurde geschaffen, um die Einflusssphäre der USA zur Geltung zubringen und die Lücke zu füllen, die nach dem Abzug der Spanier entstanden war. Im Wesentlichen sahen die US-Imperialisten Lateinamerika einfach nur als ihren "Hinterhof" an und die Oligarchien wurden als ihre Laufjungen betrachtet.

Vor langer Zeit erklärte Leo Trotzki in seiner Theorie von der "permanenten Revolution", dass die Bourgeoisie in der ex-kolonialen Welt keine progressive Rolle spielen kann. Die Aufgaben, die der nationaldemokratischen Revolution bleiben (Landreform, nationale Unabhängigkeit etc.) ruhen auf den Schultern der Arbeiterklasse und der armen Bauern. Nur die Arbeiterklasse, die alle unterdrückten Schichten hinter sich versammelt, kann in der modernen Epoche eine revolutionäre Rolle spielen. In Lateinamerika, wo 85% der Bevölkerung in den Städten lebt, können die Aufgaben einer nationaldemokratischen Revolution nur im Lauf einer sozialistischen Revolution durchgeführt werden.

Mit anderen Worten, der Traum Simon Bolívars von der Vereinigung der Völker Lateinamerikas kann heute nur durch die Machtergreifung der Arbeiterklasse erreicht werden. Diese ist die einzige Klasse, die in der Lage ist, die Nation zu vereinigen und die Gesellschaft voranzubringen. Das ist die aktuelle Bedeutung der "permanenten Revolution".

In der Praxis kann die Errichtung der Vereinigten Staaten von Lateinamerika nur den Sturz der reaktionären Oligarchien, welche die balkanisierten Staaten auf dem Kontinent beherrschen, erreicht werden. Es muss eine sozialistische Revolution angestrebt werden, die den gesamten Kontinent erfasst. Davon hat Hugo Chávez bereits gesprochen. Die Zusammenarbeit zwischen Kuba und Venezuela ist ein erster Schritt, der durch die Vollendung der venezolanischen Revolution und die Enteignung der Oligarchie weitergeführt werden muss. So wäre es möglich die Ressourcen im Interesse der Massen in einer geplanten und harmonischen Art und Weise vollständig zu nutzen. Wenn dies auch in den anderen lateinamerikanischen Staaten geschähe, wäre eine kontinentweite Planung möglich. Unter der Kontrolle der Massen würde eine derartige Planwirtschaft für ganz Lateinamerika den Völkern des Kontinents und der Welt eine neue Perspektive eröffnen.

Auf einer kapitalistischen Basis umfasst die vorgeschlagene "Kooperation" Maßnahmen wie die School of the Americas, die Organisation Amerikanischer Staaten, den Inter-American Defense Board, die IWF und die Weltbank, die NAFTA, die CAFTA und jetzt die gesamtamerikanische Freihandelszone. Jede dieser Institutionen dient der weiteren Versklavung der Völker Lateinamerikas.

Die Beherrschung des Weltmarktes

Es gibt keine Planwirtschaft im Interesse der Massen auf kapitalistischer Basis. Die Ökonomien sind an das kapitalistische System gebunden, vor allem an den Weltmarkt, der den Kontinent beherrscht. Kein Land, das kapitalistisch bleibt, kann den Gesetzen des kapitalistischen Systems entfliehen. Ein Sprichwort aus der Arbeiterbewegung lautet: "Du kannst planen, was du nicht kontrollierst und du kontrollierst nicht, was du nicht besitzt."

Es gibt nur die Möglichkeit, dass dies durch eine sozialistische Revolution durchbrochen und der Kontinent vereinigt wird. Auf einer kapitalistischen Basis ist Venezuela durch die herrschende Oligarchie, welche die Reichtümer des Landes in einem beispiellosen Ausmaß geraubt hat, ausgeplündert worden. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist dauerhaft arm und leidet an Hunger. Während die oberen zehn Prozent der 23 Millionen Venezolaner die Hälfte des Nationaleinkommens erhält, leben 40% in "bedenklicher Armut" (Zahlen von1996). Die Situation hat sich seitdem auf dramatische Weise verschlechtert. Das Land importiert mehr als die Hälfte seiner Nahrungsmittel (1998 64%). Große Teile Venezuelas liegen brach oder werden nicht landwirtschaftlich genutzt.

Jetzt wollen die USA eine gesamtamerikanische Freihandelszone errichten. Chávez und Castro haben eine Alternative vorgeschlagen: die bolivarische Alternative für Gesamtamerika. Diese strebt an Handels- und Steuerbarrieren zu beseitigen sowie eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Banken anzubieten. Venezuela liefert Kuba und anderen Ländern billiges Öl.

Dies ist ein Signal für die Zukunft, kann aber nur eine oberflächliche Wirkung haben, verglichen mit der Macht der multinationalen Konzerne. Eine echte Kooperation kann nur durch die Machtergreifung revolutionärer Regierungen erreicht werden, welche die Macht der Oligarchien beseitigen und die Ressourcen des Landes vollständig in die Hand nehmen. Die Arbeiterklasse hat kein Interesse an den Erhalt künstlicher Grenzen, die durch den Imperialismus und persönliche Interessen geschaffen wurden. Sie wird sich für die bestmögliche Zusammenarbeit bei der Entwicklung der reichhaltigen Rohstoffquellen Lateinamerikas für die Völker des Kontinents einsetzen.

Mit den Worten Bolívars: "Die Regierung muss beweisen, dass sie furchtbar und rücksichtslos ist, ohne die Gesetze oder die Verfassung zu beachten, bis der Friede hergestellt ist. Ich glaube, dass unsere Feinde im Vorteil sind, solange wir unsere amerikanische Regierung nicht vereinigen. Wir werden unauflösbar in einem Netz von Bürgerkriegen gefangen und von dieser Horde Banditen, die unser Land verschmutzen, schändlich geschlagen werden."

Dies ist ein vernünftiger Ratschlag. Der heutige Kampf für die Sozialistischen Staaten von Lateinamerika ist das wirkliche Programm Simon Bolívars übertragen auf das 21. Jahrhundert. Es ist die einzige Rettung für die unterdrückten Massen und kann in ein Paradies auf Erden zum Vorteil aller Menschen führen.

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