Wasser ist eine Klassenfrage

Ein Gespräch mit Enrique Alejandre, Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens in Guadalajara und örtliches Vorstandsmitglied der Vereinigten Linken. Guadalajara ist Hauptstadt der gleichnamigen zentralspanischen Provinz, in der Mitte Juli verheerende Waldbrände wüteten.

Ein Gespräch mit Enrique Alejandre, Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens in Guadalajara und örtliches Vorstandsmitglied der Vereinigten Linken. Guadalajara ist Hauptstadt der gleichnamigen zentralspanischen Provinz, in der Mitte Juli verheerende Waldbrände wüteten.

Was haben die Waldbrände der letzten Wochen angerichtet?

Bei den Waldbränden in der Provinz Guadalajara wurden 15.000 Hektar Wald vernichtet. Dabei sind Pinien, aber auch seltene Baumarten wie Ulmen verbrannt. Elf Arbeiter sind im Kampf gegen das Feuer gestorben. Die Folgen des Feuers waren selbst in der 150 km entfernten Provinzhauptstadt zu spüren, als sich der Wind drehte und an einem wolkenlosen Tag plötzlich Rauchschwaden den Himmel über unserer Stadt verdunkelten. Die Evakuierten aus dem Katastrophengebiet waren in Hotels in Guadalajara untergebracht und wurden selbst dort vom Rauch eingeholt.

Wie kam es zu dieser Katastrophe?

Die Brände wurden durch Unverantwortlichkeit eines Ausflüglers ausgelöst, der trotz behördlicher Hinweise in dem gefährdeten Naherholungsgebiet einen Grill betätigte. Das Feuer hätte allerdings auch durch einen Funkenflug aus einem Auspuff oder ein Gewitter ausbrechen können. Tiefere Ursache der Katastrophe ist die neoliberale Politik des Kapitalismus, die zur Kürzung der öffentlichen Mittel in der Region Kastilien-La Mancha und im Zentralstaat bewirkt hat.

Wie kann staatliche Sparpolitik einen Waldbrand fördern?

Es wurde bei den Arbeitern gespart, die eigentlich im Winter die Wälder ausputzen und aufräumen müssten. So sammeln sich am Boden abgefallene Äste und Holzstücke, trockene Gräser und Pflanzen, die dann eine ideale Nahrung für Brände darstellen. Zudem hat die Regionalregierung zu lange gezögert, bis entsprechend Feuerwehr und Katastrophenschutz zur Stelle waren. Die Behörden haben bei professionell ausgebildeten Feuerwehrleuten gespart und stattdessen Zeitarbeiter und Studenten als Ferienarbeiter eingesetzt, weil die einfach billiger sind. Aber Brandbekämpfung setzt Professionalität voraus. Ein weiteres Problem liegt darin, dass sich für private Handy-Anbieter die Aufstellung von Masten in den dünn besiedelten Regionen nicht lohnt.

Welche politischen Konsequenzen hatte die Katastrophe?

In der sozialdemokratischen Regionalregierung von Kastilien-La Mancha, die seit 1983 ununterbrochen im Amt ist, hat die Brandkatastrophe die erste ernsthafte Krise überhaupt ausgelöst und zum Rücktritt der zuständigen Umweltministerin geführt. Die rechte konservative Opposition im gesamtspanischen Parlament startete Angriffe auf die sozialdemokratische Zentralregierung und wollten damit Punkte sammeln, aber das kam in der Bevölkerung nicht an. Die Leute sind nicht blöd und wissen noch ganz genau, wie die konservative Regierung Aznar vor zwei Jahren tagelang das Tankerunglück und die Ölpest vor der galizischen Küste ignorierte. Bei der örtlichen Trauerfeier für die Opfer waren das Königshaus und die politischen Eliten gut vertreten. Alle wurden von der Bevölkerung ausgebuht. Gleichzeitig wurden 15 Arbeitern, die im Einsatz gegen das Feuer ihr Leben aus Spiel gesetzt und den Einsatz überlebt hatten, der Zutritt zur Kirche verweigert. Dies spricht Bände: Die Arbeiterklasse hat in dieser Gesellschaft zu arbeiten, sonst soll sie sich aus dem öffentlichen Leben fernhalten. Ein Angehöriger eines Todesopfers stellte sich zu den Ausgesperrten und sagte: Ihr seid die wahren Helden, weil Ihr letztlich unter Einsatz eures Lebens das Feuer gelöscht habt, und nicht die politischen Führer in der Kirche.

Welche weitergehenden Schlussfolgerungen würden Sie aus diesen Erfahrungen ziehen?

Alles zeigt, wohin der Kapitalismus die Umwelt bringt und unterstreicht die Alternative „Sozialismus oder Barbarei“. Die Katastrophe ist auch Folge der kombinierten und ungleichmäßigen Entwicklung im kapitalistischen Spanien. Wir haben zunehmende Landflucht und Zustrom zu Industriegebieten. Abgelegene und dünn besiedelte Gebiete wie hier am oberen Tajo sind bestenfalls Erholungsgebiete und haben keine wirtschaftliche Entwicklung. Es gibt nicht einmal eine Industrie, um etwa das dort gefällte Holz oder die Produkte der Viehzucht gleich an Ort und Stelle zu verarbeiten.

Die Iberische Halbinsel leidet unter extremer Wasserknappheit. Hat das auch mit dem Kapitalismus zu tun?

Die Iberische Halbinsel hat unterschiedliche Klimazonen. In der Mitte und am Mittelmeer wird das Wasser knapp. Die Wasserfrage ist eine Klassenfrage. Das Wasserleitungsnetz in vielen Städten wurde durch die staatlichen Mittelkürzungen derart vernachlässigt, dass schätzungsweise 30 Prozent des aufbereiteten Trinkwassers im Boden versickern. Gleichzeitig verschlingen intensive Landwirtschaft sowie Neubaugebiete und Touristenzentren Unmengen Wasser. Reiche Touristen wollen auf grünem Rasen Golf spielen. Allein die Beregnung hierfür ist eine ungeheure Wasserverschwendung. Solcher Rasen ist vielleicht dem gemäßigten mittel- und nordeuropäischen Klima angemessen, nicht aber der heißen Mittelmeerregion. Dafür gibt es dann andere, abgelegene Landstriche, in denen das Wasser rationiert und stundenweise abgedreht wird.

Das Interview führte Hans-Gerd Öfinger

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