1945: Das war kein vollständiger "Neuanfang"

Nach dem barbarischen Wüten der Nazi-Diktatur, nach dem Holocaust und dem Inferno des Zweiten Weltkriegs war in der deutschen Bevölkerung, und vor allem in der Arbeiterklasse die Sehnsucht nach einem Neuanfang ohne das explosive Gemisch aus Faschismus, Militarismus und Kapitalismus stark verbreitet. Den Verantwortlichen für die Katastrophe - Nazis, Kriegstreibern und Kriegsgewinnlern in der Wirtschaft - sollte endgültig das Handwerk gelegt und die Herrschaft aus der Hand genommen werden. Dies war der vorherrschende Zeitgeist 1945. Doch an einem wirklichen Neubeginn waren weder die alten deutschen Eliten und Nazi-Kollaborateure noch die westlichen Besatzungsmächte interessiert. 


Nach dem barbarischen Wüten der Nazi-Diktatur, nach dem Holocaust und dem Inferno des Zweiten Weltkriegs war in der deutschen Bevölkerung, und vor allem in der Arbeiterklasse die Sehnsucht nach einem Neuanfang ohne das explosive Gemisch aus Faschismus, Militarismus und Kapitalismus stark verbreitet. Den Verantwortlichen für die Katastrophe - Nazis, Kriegstreibern und Kriegsgewinnlern in der Wirtschaft - sollte endgültig das Handwerk gelegt und die Herrschaft aus der Hand genommen werden. Dies war der vorherrschende Zeitgeist 1945. Doch an einem wirklichen Neubeginn waren weder die alten deutschen Eliten und Nazi-Kollaborateure noch die westlichen Besatzungsmächte interessiert. 

Das Großkapital hatte die Nazis spätestens seit 1932 finanziert und gefördert und ihnen 1933 an die Macht verholfen, um die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und einen neuen Krieg vorzubereiten. Aktivisten der Arbeiterbewegung waren die erste Zielscheibe des Nazi-Regimes und bildeten von der ersten Stunde an das Rückgrat des Widerstands. Neben der jüdischen Bevölkerung wurden vor allem die bewusstesten Aktivisten der Arbeiterklasse von den Nazis systematisch ermordet. Doch trotz des unvorstellbaren Verlustes an Menschenleben und der Auslöschung des Gedächtnisses der Bewegung durch Diktatur, Vernichtungslager und Krieg war der Wille der Überlebenden zum Widerstand und einem radikalen Neubeginn ungebrochen. Im "Manifest der demokratischen Sozialisten" bekannten sich auch die sozialdemokratischen Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald (bei Weimar) zum Ziel einer sozialistischen Planwirtschaft mit starker gewerkschaftlicher Kontrolle: "Überzeugt, dass die letzte Ursache zu diesem ungeheuerlichsten aller Kriege in der Raubtiernatur der kapitalistischen Wirtschaft, des finanzkapitalistischen Imperialismus und der von beiden erzeugten politischen Verwahrlosung des Lumpenproletariats und Kleinbürgertums liegt, fordern wir, dass den Gesellschaftskrisen durch eine sozialistische Wirtschaft ein absolutes Ende gesetzt wird."

Die Arbeiterbewegung steht wieder auf

Mit Untergrundstrukturen und eiserner Disziplin gelang den linken Buchenwalder Häftlingen im Aufstand vom 11. April 1945 aus eigener Kraft die Überwindung des SS-Kommandos und somit die Befreiung von der Nazi-Tyrannei im gesamten Lager. Erst zwei Tage später betraten US-amerikanische Soldaten das KZ-Gelände und nahmen sogleich den Aufständischen ihre Waffen wieder ab. Auch in vielen Städten nahm in den letzten Kriegstagen die Arbeiterklasse den Neuaufbau in die eigene Hand. Ohne auf ein Signal von oben zu warten oder die Besatzungstruppen um Erlaubnis zu bitten, organisierten Überlebende aus der alten Arbeiterbewegung in den letzten Tagen der Nazi-Herrschaft aus Untergrundstrukturen heraus vielerorts Betriebsräte und Antifa-Komitees, um den kleinen und großen Nazi-Tyrannen vor Ort endgültig den Garaus zu machen. Diese Organe übernahmen - so etwa im Ruhrgebiet - die betriebliche Leitung, nachdem die mit den Nazis verbundenen Eigentümer und Manager geflohen waren. Oder sie empfingen, so berichtet etwa der US-Historiker Gabriel Almond, die alliierten Truppen mit fertigen Programmen für Wiederaufbau und Entnazifizierung und präsentierten ihre antifaschistischen Kandidaten für die neue Verwaltung. Almond nennt in diesem Zusammenhang die Städte Hamburg, Bremen, Lübeck, Leipzig, Halle, Hannover, Frankfurt, Mainz, Wiesbaden und Darmstadt. Doch die Besatzungsmächte waren an so viel unabhängiger Regung der Arbeiterklasse nicht interessiert; sie zeigten diesen Ausschüssen die kalte Schulter und erkannten sie nicht an. Als im Juni 1945 der Betriebsausschuss der Kasseler Autofabrik Henschel & Sohn der amerikanischen Militärregierung detaillierte Informationen über die Verstrickung leitender Angestellter und Manager mit dem Nazi-Regime übergab, unternahmen die US-Behörden nichts, um diese Kollaborateure zu entfernen.

Einheit in Hamburg

In Hamburg nahmen ehemalige SPD- und KPD-Mitglieder im Mai 1945 die Bildung einer gewerkschaftlichen Einheitsorganisation in Angriff, die die (alt hergebrachte) Trennung von politischem und ökonomischem Kampf, von Partei und Gewerkschaft überwinden sollte. Diese Sozialistische Freie Gewerkschaft (SFG) entsprach auch der Sehnsucht vieler Arbeiter nach Einheit, zumal vielen als eine Lehre von 1933 noch bewußt war, dass Hitler über eine gespaltene Arbeiterbewegung besonders leicht triumphieren konnte. Die SFG setzte sich u.a. für die Verstaatlichung der wirtschaftlichen Schlüsselbereiche, die Leitung des Arbeitsamtes durch die Gewerkschaften und eine endgültige Zerschlagung von Faschismus und Militarismus ein. Innerhalb von nur fünf Wochen stellten über 50.000 Hamburger Arbeiter den Antrag auf Aufnahme in die SFG. Am 18. Juni 1945 gab die britische Militärregierung den Befehl zur Selbstauflösung der SFG.

Der Kapitalismus richtet sich auf

Als die Besatzungstruppen nach Monaten endlich die Neugründung von Gewerkschaften und politischen Parteien zuließen, war auch in diesen Organisationen die Sehnsucht nach einem nichtkapitalistischen Neuanfang unüberhörbar. Die Arbeiterklasse gruppierte sich um ihre traditionellen Organisationen SPD, KPD und Gewerkschaften. Kurt Schumacher, der neue SPD-Vorsitzende in den westlichen Besatzungszonen, ließ sich in seinem Bekenntnis zum Sozialismus, der nach seiner Aussage unvermeidlich anbrechen würde, von keinem zweiten übertreffen. Er und andere führende Köpfe von SPD und Gewerkschaften vermittelten den Eindruck, mit dem Zusammenbruch des Hitlerfaschismus liege auch der Kapitalismus völlig am Boden. Die Uhr des privatkapitalistischen Systems sei "abgelaufen", meinte Fritz Tarnow 1947 auf dem Kongress der Landesgewerkschaften Bayerns. Deshalb seien auch Streiks für die Überführung der Konzerne in Gemeineigentum "überflüssig". Auch Otto Grotewohl, führender Mann der SPD im Osten und späterer Ministerpräsident der DDR, sprach in jenen Tagen von der "Tatsache, dass die Kapitalistenklasse gar nicht mehr existiert". Während solche Worte die eigene Anhängerschaft nur einlullen konnten, hatten sich die Kapitalisten mit Rückendeckung durch die westlichen Besatzungsmächte und nach einer oberflächlichen "Entnazifizierung" nach und nach längst wieder in ihre alten Machtpositionen begeben und ihre Besitztümer zusammengehalten. Zwar wurden prominente politische Nazibonzen in Nürnberg zum Tode verurteilt, doch ließen die US-Behörden Kriegsprofiteure und Großindustrielle wie Friedrich Flick, die sich an der Sklavenarbeit und der Ausbeutung von KZ-Häftlingen maßlos bereichert hatten, nach einer Schamfrist wieder unbehelligt schalten und walten. Viele Beamte und Führungskräfte, die unter den Nazis Karriere gemacht hatten, wurden von den westlichen Militärregierungen bald wieder in Schlüsselstellungen in Verwaltung und Wirtschaft gehievt.
Sozialistische und antikapitalistische Phrasen tauchten selbst im "Ahlener Programm" der CDU von 1947 auf. Die SPD-Führung stand damals jedenfalls in Worten noch links von der KPD, deren Zentralkomitee in einem Aufruf vom 11. Juni 1945 gemäßigte Töne anschlug. Zwar forderte auch die KPD eine Sozialisierung von Schlüsselindustrien. Doch im Sinne des Strebens nach "Volksfront"-Bündnissen mit bürgerlichen Kräften, seit Mitte der 30er Jahre ein Markenzeichen kommunistischer Parteien, betonte der Aufruf gleichzeitig, dass die KPD "keinen grundsätzlichen Eingriff in die freie Entfaltung des ‘freien Handels’ und der ‘Unternehmerinitiative’ auf der Grundlage des Privateigentums" plane. Ab 1946 hatten in den meisten Landesregierungen neben Vertretern von SPD, CDU und Liberalen auch KPD-Mitglieder Ministerposten inne (sie wurden ab 1948 aber im Zuge des einsetzen "kalten Krieges" zwischen Ost und West wieder "verdrängt"). Diese mäßige Linie der KPD-Führung stieß vor allem bei den kommunistischen Arbeitern auf Widerspruch, die jetzt "die Ablösung des Faschismus durch den Sozialismus" erwarteten. Die KPD hatte besonders im Kohlebergbau und in der Stahlindustrie im Ruhrgebiet eine starke Basis. Ihre Aktiven waren dort auch eine treibende Kraft in den Kämpfen für die sofortige Sozialisierung der Schwerindustrie.

Sozialisierung wurde torpediert

Zum Missfallen der westlichen Besatzungsmächte (USA, Großbritannien und Frankreich) wurden damals das Gebot der Verstaatlichung bzw. Sozialisierung wichtiger Wirtschaftsbereiche wie auch andere fortschrittliche Forderungen in den (bis heute gültigen) Landesverfassungen von Nordrhein-Westfalen, Bremen und Hessen verankert. In Hessen nahm die Bevölkerung am 1. Dezember 1946 die neue Landesverfassung an. Dabei ließen die US-Militärs die Bevölkerung separat über den umstrittenen Artikel 41 ("Sozialisierungsartikel") abstimmen, der zu ihrem Erstaunen dann von 71,9 Prozent angenommen wurde. Doch die US-Militärbehörden unternahmen alles, um eine Sozialisierung der Industrie zu verhindern. Auch die von SPD und Gewerkschaften angestrebte betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung wurde von den Militärbehörden torpediert. In Hessen setzte US-General Clay wichtige Teile des vom Landtag beschlossenen Betriebsrätegesetzes im Sommer 1948 wieder außer Kraft.

Ost-West-Gegensatz

Als die Sowjetische Armee 1944/45 immer weiter nach Westen marschierte, flüchteten vor ihr nicht nur Faschisten, sondern auch viele Kapitalisten in die (künftigen) Besatzungszonen der Westmächte. Auch wenn der sowjetische Parteichef Stalin in Osteuropa zunächst nur neutrale kapitalistische Pufferstaaten schaffen wollte, so wurde in diesen Gebieten ab 1945 ein Prozess der sozialen Revolution eingeleitet und Großgrundbesitz wie auch große Industriebetriebe und Banken verstaatlicht. Dies war populär, geschah allerdings von oben und mit diktatorischen Kommandomethoden. Obwohl die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) betriebene Vereinigung von SPD und KPD zur SED im Jahre 1946 auch dem Willen vieler Arbeiter nach Überwindung der Spaltung der Bewegung entsprach, wurde die SED zunehmend von einer Arbeiterpartei zum Instrument der neuen Staatsbürokratie. Nicht wenige Anhänger oppositioneller sozialistischer Strömungen, so z.B. der Trotzkist Oskar Hippe, wurden wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt. In seiner Autobiographie über 60 Jahre in der Arbeiterbewegung beschreibt Hippe, wie er acht Jahre als politischer Gefangener in Zuchthäusern und Gefängnissen der SBZ bzw. DDR einsaß, ohne dadurch freilich seine revolutionären sozialistischen Überzeugungen zu verlieren. Während die Westmächte, um der Forderung nach Sozialisierung entgegenzutreten, ab 1947 von der anfänglichen Demontage von Fabriken und Schienen abließen und im Eigeninteresse durch ein Wiederaufbauprogramm (Marshall-Plan) den westdeutschen Kapitalismus zu stärken versuchten, setzte die Sowjetunion (sie hatte weltweit die meisten Kriegsschäden und Todesopfer des 2. Weltkrieges zu beklagen) die Demontage in ihrer Besatzungszone, der späteren DDR, bis Anfang der 50er Jahre fort. Mit der Zunahme der Gegensätze zwischen Ost und West, also zwischen westlichem Kapitalismus und bürokratisch gelenkter staatlicher Planwirtschaft im Osten, nahm auch die staatliche Spaltung Deutschlands Gestalt an. Mit der Einführung der D-Mark in den Westzonen im Juni 1948 ("Währungsreform") wurde ein Prozess eingeleitet, der ein Jahr später zur Gründung von BRD und DDR und letztlich zur Integration beider Staaten in den westlichen bzw. östlichen Block führte.

Generalstreik 1948

Legenden besagen, mit der "Währungsreform" im Juni 1948 habe sich die Lebenslage der arbeitenden Klasse in Westdeutschland sprunghaft verbessert, weil von diesem Tag an die Schaufenster wieder voll gewesen wären und der Arbeiter sich wieder Sahnetorte kaufen konnte.
Ein genauerer Blick auf die Ereignisse in jenem Jahr zeigt indes eine andere Realität. Vor allem die sprunghaft gestiegenen Preise nach Einführung der DM bei faktischem Lohnstopp schürten die Unruhe im Lande. Unter diesem Druck sah sich der DGB gezwungen, einen 24stündigen Generalstreik gegen die aktuelle Notlage und die Restauration kapitalistischer Verhältnisse auszurufen. Am 12. November 1948 legten über 10 Millionen Arbeiter und Angestellte die Arbeit nieder. Die Produktion kam zum Erliegen. Neben Maßnahmen gegen die Preisexplosion gehörte auch die Sozialisierung zum Forderungskatalog des Generalstreiks. Doch eine weitergehende Mobilisierung fand nach diesem 12. November nicht mehr statt.
Erst Anfang der 50er Jahre war die "demokratische Konterrevolution" unter CDU-Kanzler Konrad Adenauer weitgehend abgeschlossen, der 1949 mit nur mit einer Stimme Mehrheit zum Kanzler gewählt wurde. Die Forderungen der Arbeiterschaft nach Sozialisierung und voller Mitbestimmung waren abgewehrt, alte "Eliten" in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft saßen wieder fest im Sattel. Die Führung der Arbeiterbewegung hatte ihren Teil dazu beigetragen, die Kämpfe abzuwiegeln und die Lage im Land für jene Elemente zu stabilisieren.

Was haben wir daraus gelernt?

Auch wenn sich die Geschichte nie exakt wiederholt, so sind die Jahre unmittelbar nach 1945 für uns doch äußerst lehrreich. Wieder steckt der Kapitalismus in Deutschland und weltweit in einer tiefen Krise, die Erinnerungen an längst überwunden geglaubte Epochen (wie die Weltwirtschaftskrise 1929-33) weckt.
Wieder will man uns einlullen, dass wir Opfer bringen sollen - und dann werde alles besser. Doch in der vor uns liegenden Umbruchsituation werden konsequente sozialistische Erklärungen und Lösungen gebraucht, um ein Abgleiten in die Barbarei wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verhindern. Lernen wir aus der Geschichte und bauen wir eine konsequente Alternative zu diesen Gesellschaftsordnung auf. 

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