Die Russische Revolution 1905

Zum hundertsten Jubiläum der russischen Revolution 1917 widmen wir den Ereignissen des Jahres eine Artikelserie. Zunächst beginnen wir mit der Vorgeschichte und der Revolution von 1905.


Zum hundertsten Jubiläum der russischen Revolution 1917 widmen wir den Ereignissen des Jahres eine Artikelserie. Zunächst beginnen wir mit der Vorgeschichte und der Revolution von 1905.

Die zaristische Diktatur, der Russisch-Japanische Krieg und die harten Bedingungen in den Fabriken ließen die Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse schnell ansteigen. Eine landesweite Streikbewegung leitete die gesellschaftliche Explosion ein.

Soziale Gegensätze

An der Spitze des von sozialen Gegensätzen gespaltenen Land stand Zar Nikolaus II. und seine Familie aus der Dynastie der Romanows, die schon seit hunderten Jahren das Riesenreich absolutistisch beherrschten. Die Untertanen des Zaren lebten zum allergrößten Teil auf dem Land unter erbärmlichen Bedingungen. Erst gut 50 Jahre zuvor war die Leibeigenschaft der Bauern abgeschafft worden, was jedoch nichts an den tiefen Klassengegensätzen auf dem Land änderte. Während die adeligen Großgrundbesitzer im Bündnis mit der Kirche immer noch unbeschränkt herrschten, waren die einfachen Bauern recht- und landlos wie eh und je. Doch mit den Reformen der 1860er Jahre war die Basis für eine Phase stürmischer industrieller Entwicklung gelegt worden. Damit war ein neuer Widerspruch in die russische Gesellschaft hineingetragen worden, der im Westen Europas schon längst zum bestimmenden geworden war: Der zwischen Kapitalisten und ArbeiterInnen.

Der russische Kapitalismus war dabei angewiesen auf ausländisches Kapital und Geld aus den Ländereien des adeligen Großgrundbesitzes. Damit wurde in den Großstädten und Industriezentren des Landes Fabriken nach dem neuesten Stand der Technik aufgebaut, die teilweise - wie etwa die Putilow-Werke in St. Petersburg - zehntausende ArbeiterInnen beschäftigten. Diese Frauen und Männer, deren Eltern oder die selbst noch wenige Jahre zuvor Bauern gewesen waren, schufteten für einen Hungerlohn.

Die ersten Streiks

„In der Geschichte der Revolutionen treten jahrzehnte- und jahrhundertelang heranreifende Widersprüche zutage. Das Leben wird ungewöhnlich reich. Auf die politische Bühne tritt als aktiver Kämpfer die Masse, die immer im Schatten steht und daher von den oberflächlichen Beobachtern oft ignoriert oder gar verachtet wird. Diese Masse lernt aus der Praxis, indem sie vor aller Augen Probeschritte macht, den Weg abtastet, Aufgaben stellt und sich selbst sowie die Theorien aller ihrer Ideologen prüft. Diese Masse macht heroische Anstrengungen, um sich zur Höhe der ihr von der Geschichte auferlegten gigantischen Aufgaben von Weltbedeutung zu erheben“ (Lenin, Revolutionstage, Werke Bd. 8, S. 92). 

Die Revolution von 1905 brach eher durch einen Zufall aus. Am 9. Januar 1905 sollte der Priester „Vater Gapon“ eine Petition an den Zaren überreichen, der die unerträglichen sozialen Zustände mildern sollte.

 „Wir Arbeiter, Bewohner von Petersburg, kommen zu Dir. Wir sind elende, beschimpfte Sklaven, und erstickt von Despotismus und Willkür. Als die Grenze der Geduld erreicht war, stellten wir die Arbeit ein und baten unsere Herren, uns nur das zu geben, ohne das das Leben eine Qual ist. Aber alles wurde abgelehnt, alles ist nach der Meinung der Fabrikanten ungesetzlich. Wir hier, viele Tausende, sowie das ganze russische Volk, haben keine Menschenrechte. Durch Deine Beamten sind wir Sklaven geworden. […] Kaiser! Hilf Deinem Volke! Vernichte die Scheidewand zwischen Dir und dem Volke! ... Befiehl die Erfüllung unserer Bitten, und Du machst Rußland glücklich; wenn nicht, so sterben wir hier. Wir haben nur zwei Wege: Freiheit und das Glück oder das Grab.“

Eine friedliche Demonstration mit 140.000 Menschen marschierte voller Hoffnung zum Winterpalast. Doch ihre Bitte stieß auf taube Ohren. Anstatt vom Zaren mit Sympathie empfangen zu werden, endete die Demonstration mit einem Massaker. 4.600 Menschen wurden durch Regierungstruppen getötet oder verwundet. Dieses Massaker ging als „Blutsonntag“ in die Geschichtsbücher ein. Die grausame Reaktion des Regimes veränderte die Situation innerhalb von 24 Stunden. Die noch zusammengehaltene revolutionäre Energie der Massen explodierte durch dieses Ereignis. Marx erklärte, dass die Revolution manchmal die Peitsche der Konterrevolution benötige, um vorwärts zu schreiten. Dieses Massaker fungierte als eine Art revolutionärer Katalysator. Der Ruf nach Waffen wurde immer lauter.

Am 10. Januar wurden in St. Petersburg Barrikaden errichtet. Innerhalb einer Woche hatten 160.00 Arbeiter die Arbeit niedergelegt. Die Streikbewegung breitete sich schnell auf andere Gebiete aus. Im Januar befanden sich in ganz Russland ungefähr 400.000 Arbeiter im Streik. Diese revolutionäre Welle schwappte auch auf Polen und die baltischen Staaten, Georgien, Armenien sowie Zentralrussland über. Die zaristische Autokratie stand unter Schock. Man wollte mit der „harten Linie“ den Arbeitern eine Lektion erteilen; nun hatte man eine Revolution provoziert.

Am 18. Februar erließ der Zar, aufgrund des gewachsenen Drucks der Streikbewegung, sein erstes Manifest, das eine Verfassung und Reformen versprach. Natürlich waren diese Zugeständnisse von oben ein einfaches Manöver, das darauf abzielte, die Bewegung zu spalten und die Situation undurchschaubar zu machen. Aber die Arbeiter setzten den Streik fort und verstärkten ihn.

Die russische Sozialdemokratie, die sich 1903 in Bolschewiki und Menschewiki spaltete, stieß bei den Massen vor dem 9. Januar auf Feindseligkeit. Jetzt standen sie zum ersten Mal in Verbindung mit den Massen und ihr Einfluss wuchs sprunghaft.

Den ganzen Frühling und Sommer hindurch schwang das Pendel kontinuierlich nach links. Während sich die Arbeiter in St. Petersburg eine Atempause gönnten, befanden sich die Provinzen im Kampf. Die Streiks nahmen zunehmend einen politischen Charakter an und es kam zu einer Meuterei bei der Schwarzmeerflotte. Die Gefahr einer Revolution zu Hause zwang das Regime, den Krieg mit Japan zu beenden.

Die Antwort der Reaktion

Ein neuer revolutionärer Impuls kam im Herbst, der mit einem Druckerstreik in Moskau seinen Ausgang fand und schnell auf die Eisenbahner übergriff. Ihren Forderungen nach dem 8-Stunden-Tag, bürgerlichen Freiheiten und Amnestie für die inhaftierten Arbeiter schlossen sich immer mehr Menschen an. Im Oktober entwickelte sich die Bewegung mit großer Geschwindigkeit zu einem Generalstreik, bei dem sich über 750.000 Arbeiter beteiligten. Überall gab es Versammlungen und Demonstrationen. In mehreren Städten errichteten die Arbeiter Barrikaden, um sich gegen Angriffe zu schützen. Der Streik war über die Fabriken hinausgegangen und hatte die Universitäten erreicht, wo die Säle zu Versammlungsräumen für alle wurden. Es beteiligten sich auch freie Berufe, Soldaten und sogar Offiziere. Erschrocken von den gewaltigen Protesten versuchte der Zar mit Zugeständnissen und einem neuen Manifest die Wogen zu glätten. In seinem berühmten „Manifest vom 17. Oktober“ verzichtete der Zar auf den Absolutismus und versprach eine Verfassung, die bürgerlichen Rechte und das allgemeine Wahlrecht. Hatte man gesiegt? Mitnichten! General Trepow befahl seinen Männern, nicht mit Kugeln zu sparen. Eine blutige Unterdrückungswelle setzte ein. Eine Orgie der Reaktion wurde durch die „Schwarzhundert“ (russische Faschisten) entfesselt, die bei Pogromen 4.000 Menschen umbrachten und 10.000 verletzten. Diese Erfahrung demonstrierte vor allem die Notwendigkeit, sich zur Selbstverteidigung zu bewaffnen. In St. Petersburg organisierte der Sowjet die Bewaffnung der Arbeiter und stellte eine Arbeitermiliz auf.

Die Gründung von Räten

Die Revolution stärkte das Klassenbewusstsein und die Selbstachtung. Vor allem gab es ein Anwachsen der Selbstorganisation in Form von Arbeitersowjets (-räten). In diesem Klima entstand der Sowjet von St. Petersburg, der Rat der Delegierten der Arbeiter der Hauptstadt, der auf Initiative der Menschewiki hin gebildet wurde. Es ging dabei um eine repräsentative Organisation, die überparteilich und für alle Arbeiter auf der Grundlage der Wahl von Delegierten in den Fabriken gebildet wird. Der Generalstreik erforderte ein erweitertes Streikkomitee, das alles Notwendige koordinierte. Die Sowjets spielten diese Rolle durch Heranziehung von Delegationen aus den Fabriken (ein Delegierter pro 500 Arbeiter).

Eine herausragende Rolle während der revolutionären Ereignisse spielte Leo Trotzki. Er verließ bereits im Februar sein Exil, während die anderen prominenten Führer der sozialdemokratischen Emigranten wie Martow und Lenin erst am 17. Oktober bzw. am 8. November zurückkehrten. Plechanow kehrte überhaupt nicht zurück. Seit der Spaltung zwischen den Bolschewiki und Menschewiki brach Trotzki mit den Menschewiki und versuchte beide Fraktionen wieder zu vereinen. In politischen Fragen stand Trotzki Lenins Ideen sehr nahe. Trotzki war erst 26 Jahre alt, als er Vorsitzender des Petersburger Sowjets wurde. Er wurde ihr eigentlicher Inspirator und Anführer.

Der Kampf geht weiter!

Die Taktik des Zaren, mit seinem bekannten Manifest die Schärfe der Bewegung zu nehmen, führte im Gegenteil zu einer Fortsetzung des Generalstreiks. Jedoch verlor der Streik an Schwung und so wurde für den 21. Oktober das Ende und die Wiederaufnahme der Arbeit verkündet. Die Arbeit sollten aber alle gemeinsam und zur selben Zeit wieder aufnehmen, so dass dies eine erneute Demonstration der Stärke darstellte. Am nächsten Tag unterschrieb der Zar eine Erklärung, die eine kümmerliche Amnestie gewährte. Im Gefühl, eine Ruhepause erhalten zu haben, richtete sich die Konterrevolution wieder auf und organisierte pro-zaristische Demonstrationen, die vom Klerus und von Bischöfen angeführt wurden. Die Truppen sangen „Gott schütze den Zaren“, eine Hymne, die von den antisemitischen Schwarzhundert gespielt wurde. Die Polizei führte eine Gruppe von Hooligans an, die jüdische Häuser und Geschäfte plünderten und zerstörten. 3.500 bis 4.000 Menschen wurden getötet und nicht weniger als 10.000 wurden in 100 Städten verstümmelt. Dank der Arbeiter konnten in Petersburg Pogrome dieser Art verhindert werden, aber die Arbeiterabteilungen wurden sofort aufgelöst und die Waffen beschlagnahmt. Das Manifest und das Zugeständnis einer Amnestie war nichts weiter als ein vorübergehender Waffenstillstand.

Am 26. und 27. Oktober flammte eine Meuterei auf der Marinebasis von Kronstadt auf. Das Standrecht wurde ein Tag später ausgesprochen, so dass die Meuterei bald zusammenbrach und der Belagerungszustand ausgerufen wurde. Vielen revolutionären Soldaten und Matrosen wurde mit der Erschießung gedroht. Der Druck auf den Sowjet, gegen diese offene Provokation vorzugehen, wuchs. Der Sowjet verfasste einen Aufruf zum Generalstreik am 2. November unter der Losung: „Nieder mit dem Kriegsgericht! Nieder mit der Todesstrafe! Nieder mit dem Standrecht in Polen und Russland!“ Der Erfolg des Aufrufs übertraf alle Erwartungen. Wieder einmal musste die Autorität zurückweichen und dementierte jedes Eingreifen des Kriegsgerichts. Insgesamt flaute danach der nationale Kampf ab. Der Sowjet beschloss mit erdrückender Mehrheit die Wiederaufnahme der Arbeit am 7. November. Der Streik endete sehr eindrucksvoll für alle.

Nach zehnmonatiger ungeheurer Anstrengung war das Petersburger Proletariat schließlich erschöpft. Am 3. Dezember wurden die Mitglieder des Petersburger Sowjets verhaftet. Zugleich hörte der Sowjet auf, zu existieren. 52 Mitglieder des St. Petersburger Sowjets wurden schließlich im September 1906 unter der Anklage des „bewaffneten Aufstandes gegen die Regierung“ vor Gericht gestellt. Von der Anklagebank hielt Trotzki eine mitreißende Rede gegen die Autokratie und verteidigte den Sowjet und die Revolution.

Mit der Verhaftung des St. Petersburger Sowjets bewegte sich die revolutionäre Initiative nach Moskau, wo es zu gewaltsamen Zusammenstößen kam. Trotz Generalstreik und erbitterter Straßenkämpfe behielt die Staatsmacht die Oberhand. Die Moskauer Niederlage bedeutete das vorläufige Ende der Revolution.

Stück für Stück wurden die Zugeständnisse wie der 8-Stunden-Tag für viele ArbeiterInnen oder das Versprechen einer Verfassung wieder zurückgenommen, die politischen und gewerkschaftlichen Organisationen sowie die Presse der ArbeiterInnen stark geschwächt und wieder zurück in die Illegalität getrieben, welche durch die revolutionäre Bewegung zuvor de facto aufgehoben worden war.

Die Bewegung war weit zurückgeworfen. Enttäuschung, Zynismus und Inaktivität machte sich breit. Doch die Revolution von 1905 verankerte nicht nur das Bewusstsein bei den russischen ArbeiterInnen, dass Verbesserungen nicht von oben gewährt werden, sondern von unten erkämpft werden müssen. In Wirklichkeit war eine wichtige Erkenntnis aus der Periode der Reaktion für die breiten Massen genauso wichtig, auch wenn in der Situation selbst Enttäuschung dominierte. Keine Reform, kein Zugeständnis wird von Dauer sein, wenn es nicht zu einer Änderung des politischen Regimes, zu einem Wechsel derjeniger kommt, die die tatsächliche Macht in ihren Händen halten.

Die Lehren von 1905 

Trotz der Niederlage war der Kampf nicht umsonst gewesen. Trotzki beschrieb die Ereignisse von 1905 als „ein gewaltiges Vorspiel zu dem revolutionären Drama des Jahres 1917“. Ohne diese Erfahrung wäre die Oktoberrevolution nicht möglich gewesen. Die Erfahrungen haben die politischen Unterschiede zwischen Bolschewismus und Menschewismus an die Oberfläche gebracht. Plechanows bekannte Äußerung, dass „sie nicht zu den Waffen greifen sollten!“ war der Vorwand für einen, der sich von der Revolution distanzierte. Lenin antwortete ihm, dass es im Gegenteil entscheidend sei, den Massen die Notwendigkeit von einem bewaffneten Kampf gegen den Zarismus zu erklären.

Die Erfahrungen von 1905 und die daraus folgenden Perspektiven festigten die grundsätzlichen unterschiedlichen politischen Analysen zwischen Menschewiki und Bolschewiki. Die Menschewiki äußerten, dass es die historische Aufgabe der Mittelklassen sei, die russische Gesellschaft zu demokratisieren, während Lenin, Trotzki und die Bolschewiki daran festhielten, dass gesellschaftliche Veränderungen im wesentlichen von der Arbeiterklasse und den Positionen, die sie innerhalb der Bewegung einnehmen würde, abhinge. Jahre später, im Oktober 1917, sollten diese theoretischen Unterschiede dazu führen, dass die Menschewiki auf der falschen Seite der Barrikaden standen.

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