Der Tsunami, unser gemeinsamer Heimatplanet und wir

„Nicht lachen, nicht weinen, verstehen!“ (Baruch Spinoza, Philosoph, 1632-1677) 


„Nicht lachen, nicht weinen, verstehen!“ (Baruch Spinoza, Philosoph, 1632-1677) 

Am 27.12.2004 erlebte die Menschheit eine der größten und schrecklichsten Naturkatastrophen in ihrer aufgezeichneten Geschichte. Eines der gewaltigsten jemals gemessenen Erdbeben mit der Stärke 9,0 auf der nach oben hin offenen Richterskala erschütterte den Meeresboden nordwestlich der indonesischen Hauptinsel Sumatra. Dieses Naturereignis alleine bewirkte unglaubliche Zerstörungen in der von einem ethischen Bürgerkrieg schon genug gebeutelten nordindonesischen Provinz Aceh. Doch kaum hatten sich die Erschütterungen gelegt, vernahmen die obdachlos gewordenen Bewohner Acehs ein unheimliches Grollen. Eine riesige Welle rollte auf die Region zu und spülte weg, was das Beben selbst noch stehen gelassen hatte. Innerhalb weniger Stunden wurde ein Großteil der Küstenstriche des indischen Ozeans und sogar des Küste Somalias, am Horn von Afrika gelegen, wurde von der gigantischen Flut überrollt. Flüsse stauten sich auf und spülten selbst tief im Binnenland der betroffenen Gebiete ahnungslose Dörfer und Menschen davon. Krankheiten durch verseuchtes Wasser, Nahrungsmittel und Böden drohen. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge werden die Ereignisse letztlich mindestens 200.000 Menschenleben gekostet haben. 

Der Begriff „Tsunami“

Laut Fremdwörterduden (Ausg. v. 1990) ist ein Tsunami eine „plötzliche Meereswelle im Pazifik, die durch Veränderungen des Meeresbodens entsteht (mit verheerender Wirkung an den Küsten)“. Spätestens seit Ende Dezember muss der Text korrigiert werden: Der gewaltigste Tsunami fand nicht im pazifischen Ozean statt. Und auch im Mittelmeer und sogar an der Küste Norwegens hat es schon kleinere Tsunamis (allerdings aus anderen Gründen) gegeben. Das Wort ist japanischer Herkunft und bedeutet soviel wie „große Welle im Hafen“, da sich die Wassermassen erst in Küstennähe zu der gewaltigen H2O-Front aufbauen. Auf hoher See hebt sich der normale Meeresspiegel nur sehr wenig. Gleichwohl kann man durch Satellitenmessungen die Veränderungen des Meeresspiegels auf hoher See errechnen und auf Grundlage dieser Daten die Gefahren für das so manches Festland weit im Voraus abschätzen. Neben seismographischen Messungen beruht das oft bemühte Tsunami-Wahnsystem im Pazifik auch auf dieser Technik. Im indischen Ozean gab es ein solches Wahnsystem nicht und die Wissenschaftler auf Hawaii, die durchaus die Tsunami-Folgen des Sumatrabebens kommen sahen, wussten nicht so recht, wen sie in den verschiedenen Staaten der benachbarten Weltregion anrufen sollten, um rechtzeitig Alarm schlagen zu können. So hörten und sahen die Einheimischen und Urlauber zunächst sehr erstaunt ein Grollen und einen Wasserberg auf sich zurollen. Die Menschen wurden kalt erwischt.

Was ist geschehen?

Wieso ereignet sich ein solches Naturphänomen? Will „uns die Erde loswerden?“, wie die Bild-Zeitung am 12.01.05 anlässlich eines gewöhnlichen Erdbebens im Mittelmeer titelte. Hat Gott die Menschen mit einer neuen Sintflut für ihre schlimmen Sünden gestraft? Ist die zauberhafte „kosmische Ordnung“ aus den Fugen geraten, wie Hardcore-Esoteriker vermuten würden? Weit gefehlt. Das Seebeben und der folgende Tsunami hatten ihre Ursache in sehr logischen und alltäglichen geologischen Vorgängen.

Das weitaus größte Volumen unseres gemeinsamen Heimatplaneten besteht vor allem aus enorm heißem, zu Plasma geschmolzenem Gestein (Magma). Auf ihm treiben bzw. „driften“ sieben große und zahlreiche kleinere Erdplatten, welche sich wiederum in Kontinental- und ozeanische Platten unterteilen lassen. „Die grundlegende Lehre der (Wissenschaft von der, d. Verf.) Plattentektonik ist die, dass allen Phänomenen auf der Erde eine konstante Bewegung zugrunde liegt (...), die durch explosive Widersprüche angetrieben wird“ (Woods/Grant, S. 280). Diese Dynamik resultiert daher, dass die Erde ständig aufsteigende Wärme aus dem Erdinneren nach außen ablassen muss (das Phänomen der sogenannten Konvektion), um nicht, wie ein so mancher Schnellkochtopf, an Überdruck zu zerbersten. Hieraus resultiert das Phänomen des Vulkanismus. Spektakuläre Eruptionen an Land stellen jedoch dessen geringsten Teil dar. Die weitaus meisten vulkanischen Ereignisse finden permanent entlang der sogenannten mittelozeanischen Rücken, einem weltumspannenden Gebirgssystem am Meeresgrund, statt. Ständig tritt hier heißes Gestein (Magma) an die Oberfläche. So entsteht jeden Tag neue feste Erdkruste. Entlang dieser Zonen driften die ozeanischen Platten auseinander, da das aufsteigende Gestein und die freiwerdende Energie aus dem Erdinneren die ozeanische Kruste auseinander drücken (sogenanntes Seafloor Spreading, dt.: Seeboden-Spreizung). Und es gilt auch hier die auf Newton zurückgehende physikalische Dialektik der Natur: actio gleich reactio, d.h. an anderen Stellen, sogenannten Subduktionszonen (lat.: subducere, dt.: herabführen), tauchen die tiefergelegenen (masseärmeren, i.d.R. ozeanischen) Platten unter hochliegende, i.d.R. also kontinentale Platten ab und werden im Laufe vieler hunderttausender Jahre wieder aufgeschmolzen. Der Kreislauf des Einschmelzens, Aufsteigens und Verkrustens von Gesteinen beginnt aufs Neue.

Eine dieser Subduktionszonen befindet sich wenige Kilometer vor der Küste Indonesiens. Beim Abtauchen der einen Platte unter die andere „verharken“ sich diese ineinander. Wie bei einem Bogen, den man spannt, stauen sich dabei gewaltige, potenziell gehaltene Energien an. Diese entladen sich dann in Erdbeben einerseits und deren Folgeerscheinungen, z.B. in Tsunamis oder Vulkanausbrüchen andererseits. Genau mit diesen Phänomenen hatte es die Welt jüngst zu tun. Vor Sumatra sackte der Meeresboden binnen Sekunden auf einer Länge von rund 1.000 km um durchschnittlich ca. zehn Meter ab. Dadurch wurden die Wassermassen des indischen Ozeans in eine schockartige Bewegung versetzt. Das Unheil nahm seinen ganz natürlichen Lauf.

Warum so viele Menschen starben

Doch war es wirklich nur die Natur, die Menschen in solcher Anzahl getötet hat? Kein Wissenschaftler hatte eine derartige Naturkatastrophe in dieser Weltregion zu diesem Zeitpunkt erwartet. Doch warum eigentlich nicht? Seit Jahren rätselt die Fachwelt vielmehr daran herum, wann denn nun das nächste „große Beben“ entlang der kalifornischen San-Andreas-Verwerfung stattfinden werde. Was ein hochmodernes Land wie die USA betrifft, macht man anscheinend fortlaufend irgendwelche spektakulären Gedanken. Entsprechend gibt es auch bereits ein Tsunami-Frühwahnsystem im pazifischen Ozean, dass die Weltmächte China, Japan, Russland und Australien gleich mit einschließt. An den zwar sehr beschaulichen, aber doch auch als weniger wichtig bewerteten Stränden des indischen Ozeans hatten die Menschen nicht das Glück, dass sich WissenschafterInnen seit geraumer Zeit ihre Köpfe über mögliche Gefahrenpotenzialen zerbrachen. Die geodätischen Messstationen im Pazifik hatten noch nicht einmal eine Telefonliste, um von ihnen gemessene, bedrohliche Daten an zuständige Stellen rund um den indischen Ozean weiterzuleiten! Lange vor dem Eintreffen der Wassermassen hätte gewarnt werden können, wenn wenigstens die Kommunikationswege gestimmt hätten oder gar bereits ein eigenes Frühwarnsystem installiert gewesen wäre. Doch darauf haben sich die Regierungen der einzelnen Länder in der Region bisher entweder nicht einigen können oder es hat ihnen das Geld zu dessen Einrichtung gefehlt. Sehr interessant ist übrigens auch, dass von den Auswirkungen des Tsunamis auf Somalia in den Medien kaum die Rede ist, obwohl auch hier hunderte Menschen ums Leben kamen und gleichfalls Landstriche verwüstet wurden. Es gibt eben Regionen auf unserer Erde, für die interessiert „man“ sich anscheinend überhaupt nicht mehr.

Solidarität der arbeitenden Menschen

Innerhalb von rund 14 Tagen nach den Ereignissen kamen enorme Spendenbeträge auf der gesamten Welt zusammen. Allein in Deutschland wurde das größte jemals gemessene Spendenaufkommen verzeichnet. Es übertraf sogar bei Weitem die Spenden, die im Gefolge der „Oderflut“ vom Sommer 2003 vor allem in Hilfsprojekte im Osten des eigenen Landes geflossen waren. Angesichts der Tatsache, dass die weit überwiegende Mehrheit der Menschen zzt. ihre Euros mühsam beisammen halten muss, ein recht beeindruckendes Ergebnis. Umgekehrt wurde von gewöhnlichen Thais, Indern, Sri-Lankern ... berichtet, die westlichen Touristen buchstäblich ihr letztes Hemd gaben, um ihnen zu helfen. Flugbegleiterinnen winkten Touristen ganz ohne Flugticket in Flugzeuge, „weil nach Paris noch zwei Plätze frei“ waren. Der ganze auf Egoismus getrimmte Alltag brach für ein paar Tage zusammen und die solidarischen Regungen derer, die spürten, dass sie in der gleichen Lage sind, brachen sich Bahn.

Fragen, die bleiben sollten

Warum eigentlich nicht immer so? Was hält uns, verdammt noch einmal, am Gängelband eines gesellschaftlichen Alltags, der uns dazu verführt, unser Leben lang unsere lächerlichen kleinen Groschen zu zählen, die wir mit unserer Hände Arbeit gerade so eben „verdienen“? Dieser erbärmliche und insgesamt menschenunwürdige Alltag, der uns dazu verleitet, uns gegenüber anderen meinen abgrenzen zu müssen, die uns ein paar lächerliche Groschen „wegnehmen“ könnten? An diversen Punkten im Leben jedes einzelnen stellen sich eh immer wieder einmal Momente ein, in denen dieses ewige Rumgezackere all seinen praktischen und scheinbar moralischen Wert verliert; sich sogar, angesichts der nackten menschlichen Existenz, in all seiner grenzenlosen Lächerlichkeit offenbart. Erdbeben, Aktiencrashs, Autounfälle, Tsunamis, Firmenpleiten, Dürrezeiten, das ganze seelische Leid, dass das schwachsinnige Konkurrenzgehampel in einzelnen Menschen und auch in Gruppen von Menschen erzeugt... Diese Welt ist voll von Ereignissen, die der einzelne oder Gruppen als Katastrophen erlebt bzw. erleben. Warum also in den Zeiten zwischen diesen Geschehnissen immer wieder so tun, als sei „alles in Ordnung“? Warum nicht gleich die Tatsache leben lernen, dass wir - einzeln und als Gruppen - auf die praktische Solidarität anderer Menschen angewiesen sind und dass andere Menschen in jenen Zeiten, in denen wir diese Hilfe nicht unbedingt brauchen, in jedem Fall unserer praktischen Solidarität bedürfen?

Auch diese Fragen hat der Tsunami an die Oberfläche gespült. Wir sollten sie nicht gleich wieder abtauchen lassen, einfach zu unseren Normalität vorgaukelnden Routinen übergehen – und dabei hoffen, dass ausgerechnet „wir“ schon immer irgendwie davon kommen werden. Das werden nur die allerwenigsten schaffen. Versuchen wir die oben aufgeführten Fragen in unser alltägliches Bewusstsein einzubauen. Hören wir auf uns tagtäglich etwas vorzumachen, nur weil der Boden unter unseren Füßen so mitteleuropäisch ruhig und der eigene Job einem vielleicht noch einigermaßen sicher zu sein scheint. Unter dem Mittelmeer bei Sizilien, so vermuten nicht wenige Geologen, baue sich zurzeit eine mächtige Magmablase auf, die einmal ihren Druck wird ablassen müssen. Und was den „sicheren Job“ angeht – da sprechen wir uns in zwölf Monaten einmal wieder. Weg mit einem Alltag der so tut, als sei „im Prinzip“ doch immer „alles in Ordnung“, irgendwie jedenfalls!

Sehr empfehlenswerte Literatur zu geologischen Prozessen auf unserem Heimatplaneten:

Peter-Matthias Gaede (Hrsg.) 2004: Die Geburt der Erde. Und die Entstehung des Lebens: Wie aus einem glühenden Plasmahaufen des Blaue Planet wurde ( = GEOkompakt Nr. 1), Hamburg, S. 52-97.

Alan Woods/Ted Grant 2002: Aufstand der Vernunft. Marxistische Philosophie und moderne Wissenschaft, aus dem Englischen von einem österreichisch-deutschen Übersetzerkollektiv, engl. Erstausgabe (unter dem Titel: Reason in Revolt) 1995, Wien, S. 272-285.

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