Internationaler Protesttag vor Konzernzentrale des Nahrungsmittelkonzerns Unilever in Rotterdam

Mit einem europäischen Protesttag im niederländischen Rotterdam wollen die europäischen Gewerkschaften der Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft am heutigen Dienstag gegen drohenden Arbeitsplatzabbau bei Unilever protestieren.

Mit einem europäischen Protesttag im niederländischen Rotterdam wollen die europäischen Gewerkschaften der Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft am heutigen Dienstag gegen drohenden Arbeitsplatzabbau bei Unilever protestieren.

Mobilisiert haben die International Union of Food, Agricultural, Hotel, Restaurant, Catering, Tobacco and Allied Workers' Associations (IUF) sowie ihre europäischen Mitgliedsverbände. »Jeder Arbeitsplatz zählt!« heißt es im Aufruf der deutschen Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), die mit über 200 Betriebsräten und anderen engagierten Mitgliedern in Rotterdam vertreten sein wird. Auch der NGG-Vorsitzende Franz-Josef Möllenberg hat seine Teilnahme zugesagt und alle anderen Termine für diesen Tag gestrichen. Die Industriemetropole Rotterdam ist einer der beiden Unternehmenssitze des niederländisch-britischen Weltkonzerns.

Entlassungen in Europa

Unilever beschäftigt in über 100 Ländern weltweit rund 223000 Mitarbeiter. 1962 waren es noch 304000 gewesen. Im August gab der Vorstand bekannt, weitere 20000 Arbeitsplätze abbauen zu wollen, davon 12000 in Europa. Damit wäre in der EU jeder dritte Arbeitsplatz in dem Unternehmen bedroht. Auch Werksaufgaben und Firmenverkäufe werden nicht ausgeschlossen. »Niemand ist mehr sicher!«, bringt es das NGG-Flugblatt auf den Punkt. Die vollen Auswirkungen dieser Pläne seien bis jetzt noch gar nicht abzusehen. »Es muss Schluss sein mit Entlassungen und Werksschließungen!« fordert der Europäische Unilever-Betriebsrat (UEWC) gemeinsam mit dem Dachverband und europäischen IUF-Ableger EFFAT, in dem sich 120 nationale Gewerkschaften aus 35 Ländern Europas mit insgesamt mehr als 2,6 Millionen Mitgliedern zusammengeschlossen haben.

Der Unilever-Konzern ist mit zahlreichen namhaften Produkten in den Bereichen Nahrungsmittel und Getränke, Haushalts- und Textilpflege sowie Körperpflege und Kosmetik in deutschen Supermärkten und Drogerien vertreten. Unilever-Töchter führen u.a. so bekannte Markennamen wie Pfanni, Becel, Flora, Lätta, Rama, Sanella, Signal, Sunil, Knorr, Bifi, Axe, Domestos, Mondamin, Rexona, Viss und Langnese. Die NGG verlangt vom Konzern einen »respektvollen Umgang mit dem Wertvollsten, was Unilever besitzt: Die Mitarbeiter!« Schon diese Forderung spricht Bände und lässt ahnen, wie sehr bereits zurückliegende Umstrukturierungen auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wurden: 1962 hatte Unilever in Westdeutschland 36000 Angestellte, 1990 waren es noch 27400. Ende 2005 war die Beschäftigtenzahl in Deutschland dann auf 8000 Mitarbeiter geschrumpft.

Gewerkschaft außer Atem

Die NGG fordert nun eine »Atempause« bei den »Restrukturierungen«, eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Interessenvertretungen der Beschäftigten sowie »transparente Konzepte für nachhaltiges Wachstum, bei dem der Erhalt der Arbeitsplätze mindestens die gleiche Priorität hat wie das Erreichen der finanziellen Ziele«. In Rotterdam gehe es um den »Kampf gegen schlechte und nicht nachvollziehbare Pläne« und die Abwehr ungerechtfertigter Verschlechterungen.

Mit in Rotterdam dabei ist heute auch eine Delegation des Langnese-Werks aus dem südhessischen Heppenheim an der Bergstraße, wo derzeit rund 650 Beschäftigte und damit rund 200 weniger als noch vor zehn Jahren in der Speiseeisproduktion tätig sind. Zwar sei das Werk in Heppenheim dem Vernehmen nach derzeit noch nicht so stark von den Umstrukturierungen betroffen wie andere Niederlassungen. Doch: »Wir gehen nicht nur für uns selbst auf die Straße, sondern auch für Kollegen in Frankreich und müssen eine europäische Gegenwehr schaffen«, erklärte der Darmstädter NGG-Sekretär Heinz Süßelbeck. Es sei eine neue Qualität der Auseinandersetzung, wenn deutsche Gewerkschafter sich im ureigenen Interesse mit den Unilever-Arbeitern in Frankreich solidarisierten. Dort habe Unilever jüngst den Verkauf des Brotaufstrich-Herstellers Boursin und die Schließung eines Eiskremwerks angekündigt. Zudem träfen die europaweiten »Umstrukturierungen« bei Unilever längst nicht mehr nur die »Malocher im Blaumann«, sondern auch hochqualifizierte »Malocher am Computer«.

Unilever ist dank zahlreicher Firmenübernahmen weltweit einer der großen Konzerne der Branche und die Nummer drei im Nahrungsmittelbereich. Erst vor wenigen Wochen hatte die Konzernzentrale einen Nettogewinn in Höhe von 1,1 Milliarden Euro verkündet. Darüber freuen kann sich auch das britische Königshaus, das Unilever-Aktienpakete besitzt. In den letzten Jahren beklagt die IUF zunehmend, dass außereuropäische Ableger des Konzerns Gewerkschaftsrechte mit Füßen träten. Der Dachverband wirft dem Konzern vor, im indischen Mumbai (Bombay) einen »betrügerischen Verkauf« und eine Fabrikschließung durchgeführt zu haben und im Bundesstaat Assam die zuständige Gewerkschaft zerschlagen zu wollen.

Im pakistanischen Betrieb Rahim Yar Khan habe das Unilever-Management mit der Massenentlassung von Zeitarbeitern, die sich um eine minimale Arbeitsplatzsicherheit bemühten, eine systematische Aushöhlung menschenwürdiger Arbeit und dauerhafter Beschäftigungsverhältnisse betrieben. Von den rund 8000 Beschäftigten in den fünf Betrieben der Unilever Pakistan Ltd. verfügten nur rund 500 über eine vertraglich gesicherte fixe Anstellung. Die »befristet Beschäftigten«, die überwiegend seit mehr als neun Monaten ununterbrochen in den Unilever-Werken tätig seien, hätten geringere Löhne und Sozialleistungen und keinen Kündigungsschutz. Für die von den Personalagenturen vermittelten Gelegenheitskräfte bestünde nicht einmal die theoretische Möglichkeit, vom »befristeten« in den dauerhaften Beschäftigungsstatus überzugehen.

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