Kindesmissbrauch: Die perfiden Verteidigungsstrategien der katholischen Kirche

Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Vorwürfe des sexuellen oder körperlichen Missbrauchs Geistlicher in Pflegeheimen, Internaten oder diversen anderen kirchlichen Einrichtungen an das Licht der Öffentlichkeit kommen. Die Kirche befindet sich dadurch in einer großen Legitimationskrise und versucht auf ihre Art, Erklärungen für die Übergriffe zu finden.

Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Vorwürfe des sexuellen oder körperlichen Missbrauchs Geistlicher in Pflegeheimen, Internaten oder diversen anderen kirchlichen Einrichtungen an das Licht der Öffentlichkeit kommen. Die Kirche befindet sich dadurch in einer großen Legitimationskrise und versucht auf ihre Art, Erklärungen für die Übergriffe zu finden.

Entgegen der bestens geübten Strategie des Papstes – vorerst lange und bedächtig schweigen, um sich dann eine halbseidene Entschuldigung aus dem Ärmel zu winden – reagierten die christlichen VertreterInnen diesmal – wohl auch aufgrund der massiven Geballtheit der Vorwürfe – teils sehr rasch auf die Vorfälle. Während der offizielle Chefexorzist der Diözese Rom, Gabriele Amorth, schon bald das Werk des Satans in den heiligen Hallen entdeckte, machten andere Geistliche – wie etwa der mittlerweile zurückgetretene Augsburger Bischof Walter Mixa oder der Salzburger Weihbischof Andreas Laun – einen noch viel raffinierteren Feind aus: Die sexuelle Revolution der 68er. Diese Bewegung habe nämlich die Gesellschaft in einem unverantwortbaren Ausmaß sexualisiert und einen gewaltigen Druck – um nicht zu sagen eine unwiderstehliche Verführung – auf die Reihen der katholischen Kirche ausgeübt.

„Unzucht jeder Art“

Historisch wahr ist hingegen, dass die katholische Kirche einen nun beinahe 2.000 Jahre währenden Kampf gegen die Sexualität des Menschen führt, der nicht unwesentlich zur jetzigen Misere beiträgt. So schrieb etwa schon Apostel Paulus in seinem Brief an die Epheser: „Von Unzuchtheit und Unreinheit jeder Art soll bei euch nicht einmal die Rede sein, so ziemt es sich für Heilige.“ Was denn nun genau „Unzuchtheit“ und „Unreinheit“ sei, veränderte sich über die Jahrhunderte und wurde immer stärker reguliert, wenn auch in christlichen Einrichtungen nicht immer – bzw. eigentlich sogar selten – eingehalten. Im Lauf der Zeit wurde dann selbst aus (lustvollen) Blicken auf die (eigenen!) Geschlechtsteile eine Todsünde. Sexualität in der Kirche wurde tabuisiert, stigmatisiert und mit dem Bannstrahl der Hölle bzw. des Teuflischen belegt. So nimmt es auch kein Wunder, dass genau jene Texte, welche die Sexualität aus katholischer Sicht behandeln und einen Leitfaden für ein christliches Leben bieten sollen, mitunter wie pornographische Schriften aller menschenmöglichen „Untaten“ erscheinen, weil sie sich bis ins kleinste Detail mit dem Verbotenen beschäftigen. Nicht weit hergeholt ist hier die Vermutung, dass die Beschäftigung mit diesem Thema dem/der AutorIn und dem/der LeserIn durchaus auch einen sado-masochistischen Lustgewinn bereitete, der in der Lebensrealität verboten war.

Der christliche Glaube, wie jede andere Religion, verlangt vom Menschen eine „Entweltlichung“ auf Kosten einer Jenseits-Versprechung. Dazu ist allerdings ein Verzicht diverser Genüsse unumgänglich. Historisch gewachsen unterwirft die katholische Kirche ihre „Schäfchen“ – und noch stärker deren „Hirten“ – einer Sexualmoral, die vor allem eines zum Sinn hat: Kontrolle. Wer es schafft, seine(n) Untergebene(n) vom eigenen Körper (und dessen Bedürfnissen) entsagen zu lassen, für den/die ist die Einforderung von Disziplin und absolutem Gehorsam kein allzu großes Problem mehr. Jene, die es nicht schaffen, sind teils sogar noch leichter unter Kontrolle zu halten, weil sie unter der Last der Sünde reumütig in den Schoß der Kirche zurückkriechen (müssen). So diente die Sexualmoral – im Gleichschritt mit dem erst sehr spät als Schutz vor Erbansprüchen etablierten Zölibat – als perfider Kontrollmechanismus, der über Jahrhunderte bestens funktionierte. Der Angriff auf die 68er ist somit auch insofern zu verstehen, als diese auch noch die letzte Autorität der Kirche (vor allem auch auf dem Gebiet der Sexualität) zu untergraben drohten.

Auf dem Gebiet der Sexualmoral fühlt sich die Kirche seit Jahrhunderten unantastbar und ist nicht bereit, auch nur einen Schritt klein beizugeben. So meinte etwa Kardinal Angelo Sodano, der sich bereits bei der Ostermesse hinter Benedikt XVI. stellte, kürzlich in einem Interview: „Der Papst vertritt eine moralische Wahrheit, die nicht akzeptiert wird. Die Fehler der Priester werden als Waffen gegen die Kirche eingesetzt.“ Wie soll aber eine moralische Wahrheit von einem ehemaligen Kardinal akzeptiert werden, der höchstwahrscheinlich selbst als Chef der Glaubenskongregation in die Vertuschung von Kindesmissbrauch verwickelt war? Die „Fehler der Priester“ sind das System der Kirche, die den Menschen fundamentaler Bestandteile seiner Existenz beraubt und sie somit erst zu einer „Waffe“ gegenüber ihren Mitmenschen macht.

Die „Heilige Familie“

Nicht weniger trickreich ist das Argument, dass (Kindes)Missbrauch ja zu einem überwiegenden Teil in der gesamten Gesellschaft (sprich der „Heiligen Familie“) vorkomme und die Kirche als Teil des Ganzen nur eine Randerscheinung darstelle. Abgesehen davon, dass es schon an Verhöhnung der Opfer grenzt, Zahlen gegeneinander auszuspielen und dem/der Betroffenen somit zu verstehen zu geben, er/sie sei eben von der (angeblichen) Minderheit der Pädophilen belästigt worden, ist auch dieses Argument eine reine Schutzbehauptung.
Wie der Kapitalismus bildet die Kirche ein System, das durch die gezielte Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse Menschen dazu treibt, diese an Schwächeren zu befriedigen. Der Hinweis auf den Missbrauch in der gesamten Gesellschaft müsste also folgerichtig dazu führen, beide genannten Systeme fundamental in Frage zu stellen.

Da aber eine Selbstauflösung der Institution Kirche nicht so schnell zu erwarten ist, gilt es, die von der bürgerlichen Revolution eingeforderte Trennung von Kirche und Staat umzusetzen. Religion ist Privatsache und hat im öffentlichen Leben und vor allem in der Erziehung – auf Kosten des/der Steuerzahler – nichts verloren. Außerdem muss die Kirche für die zahlreichen Missbrauchsopfer verantwortlich gemacht und (therapeutische) Kosten auf die Institution insgesamt selbst – und nicht die einzelnen Täter – abgewälzt werden.
Das Problem des Kindesmissbrauchs (in als auch außerhalb der Kirche) wäre damit natürlich nicht gelöst, aber zumindest blieben der Gesellschaft damit die kruden Ansprüche der katholischen Sexualmoral erspart.

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