Kategorie: Theorie

Zoon politicon versus Egosau - Was macht uns ├╝berhaupt zum Menschen?

Der Mensch stammt von affenähnlichen Tieren ab. Diese Tatsache ist heute Allgemeingut, sollten wir meinen, und doch wird selbst diese Grundannahme noch immer in Frage gestellt. Die katholische Kirche etwa hält bis heute noch am Schöpfungsgedanken fest – wir Menschen sollen also von Gott geschaffen worden sein. Und ein ganzes Heer von Idealisten, Philosophen und Wissenschaftlern hat es sich unbewusst zum Ziel gesetzt, Verwirrung in die Frage der Menschwerdung zu bringen. Dabei hat Friedrich Engels schon 1876 in seinem von der Wissenschaft bisher leider wenig beachteten Aufsatz "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen" Licht in die Sache bringen können.

 

Schon der Titel weist auf die zentrale Rolle hin, die Engels der Arbeit zuschreibt. Vielleicht mag das zuerst etwas unglaubwürdig klingen, denn Arbeit, insbesondere körperliche Arbeit, wird im Kapitalismus einerseits gerade mal als Mittel zur Profitvermehrung gesehen und ist andererseits ein notwendiges Übel, um zu überleben. Die Arbeit ist aber nicht nur das Fundament, auf dem unsere heutige Gesellschaft steht, sondern sie hatte überhaupt erst den Menschen selbst geradezu geschaffen. Werfen wir also einen Blick auf die Ereignisse am Beginn der Menschheitsgeschichte: die Klimaverhältnisse hatten sich verändert, eine neue Eiszeit hatte begonnen und dadurch ging der Lebensraum unserer Vorfahren, der Wald, zurück. Um zu überleben, musste ein Teil der Affen von den Bäumen klettern und den Wald verlassen; damit wurde die Entwicklung des Affen zum Menschen eingeleitet

 

Zuerst die Arbeit …

 

Schon beim Klettern auf den Bäumen hatte sich die unterschiedliche Verwendung von Hand und Fuß herausgebildet, was jetzt zum entscheidenden Vorteil der Steppenbewohnern wurde. Sie waren zwar körperlich den meisten dort lebenden Raubtieren unterlegen, konnten jedoch durch die Aufrichtung ihres Oberkörpers ihr Sichtfeld erweitern und dadurch die Umgebung besser beobachten. Gleichzeitig lernten sie, ihre Hände nicht mehr als Unterstützung zur Fortbewegung zu verwenden. Der Prozess der Menschwerdung hatte begonnen.

 

Durch die frei gewordenen Hände eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten; diese bekamen immer neue Aufgaben: Sammeln und Tragen von Nahrung, Herstellung und Gebrauch von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, später sogar künstlerische Gestaltung, etwa bei den Höhlenmalereien. Bis dahin dauerte es zwar noch einige tausend Jahre, aber schon hier beginnt die Erfolgsgeschichte der Arbeit, die bis heute die Grundlage für die menschliche Entwicklung und jene der modernen Gesellschaft ist.

 

Mit der Herausforderung der Werkzeugherstellung und der damit verbundenen Arbeit entwickelte sich das Gehirn weiter. Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer idealistischen und einer materialistischen Geschichtsauffassung. Bis heute meinen viele Wissenschaftlern, dass zuerst, aus irgendeinem unerfindlichen Grund, Affen intelligenter geworden seien und dann erst damit begannen, Werkzeuge herzustellen. Manche bemühen sogar Gott, um diesen plötzlichen Geistesblitz zu erklären.

 

Doch als Materialisten benötigen wir keinen göttlichen Funken, um den Menschen vom Tier zu trennen. Der Grund für den Sprung im Gehirnvolumen vom Australopithecus Afarensis (ca. 400 cm³) zum Homo Habilis (mehr als 600 cm³, was eine Steigerung um mehr als 50% bedeutet), liegt in den neuen Aufgaben, die das Gehirn mit dem Freiwerden der Hände bekam. Schon die Herstellung der simpelsten Faustkeile erfordert ein hohes Maß an Planung und Voraussicht. Die ersten Menschen mussten geeignete Steine finden, diese dann auch mitnehmen und schließlich gegeneinander schlagen. Dies sind Leistungen, die noch kein anderes Tier je zuwege gebracht hat. Mit der Verwendung der ersten Werkzeuge konnten sich unsere Vorfahren auch erstmals nicht nur effektiver gegen Raubtiere verteidigen, sondern auch gezielt Jagd auf Tiere machen. Dadurch erweiterten sie ihre Speisekarte um tierische Eiweiße, die eine noch schnellere Entwicklung des Gehirns ermöglichten. Gleichzeitig begannen sich damit auch erste Ansätze spezialisierter Tätigkeiten zu entwickeln: Jagd, Werkzeugherstellung, Sammeln – die erste Form der Arbeitsteilung. Und damit entstand auch eine weitere wichtige Basis aller menschlichen Entwicklung: Die Zusammenarbeit verschiedener Menschen.

 

… und mit ihr nach und nach die Sprache

 

Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg vom Tier zum Menschen war die Weiterentwicklung der Kommunikation. Natürlich haben auch manche Tiere sehr komplexe Verständigungsformen, wie zum Beispiel den Bienentanz, die Walgesänge oder das ausgefeilte Kommunikationssystem der Delfine, doch gehen diese nicht über Instinkthandlungen hinaus. Menschen können Papageien sogar ganze Sätze beibringen, eine sinnvolle Unterhaltung werden wir mit ihnen wohl trotzdem nicht führen können.

 

Für die Menschen war es von Anfang an wichtig, sich als Gruppe zu organisieren. Die Werkzeugherstellung und besonders die Jagd machten eine systematische Verständigung überlebensnotwendig. Sprache konnte und musste sich entwickeln. Die körperlichen Voraussetzungen dafür waren mit der Rückbildung des Kiefers durch die veränderte Nahrung und einem Abknicken des Kehlkopfes durch den aufrechten Gang gegeben. Dadurch wurde es möglich, den Vokalen auch Konsonanten hinzuzufügen und damit einzelne Silben und Wörter zu bilden. Die Arbeitsteilung hatte sich einen Ausdruck geschaffen: Sprache.

 

Auch die Entwicklung des Bewusstseins ist eng mit der Entstehung der Sprache verbunden. Kinder machen in gewisser Form diese Entwicklung verkürzt durch. Auch ihre Sprechfähigkeit entwickelt sich von einzelnen Lauten über Silben zu Wörtern und dann zu ganzen Sätzen.

 

Evolution vs. Revolution

 

Was ist an dieser Darstellung nun so anders als an jener des Begründers der Evolutionstheorie, Darwin? Der Name der Theorie verrät uns schon einiges in Bezug auf ihren Inhalt. Sein Hauptwerk "The Origin Of Species" war von enormer Bedeutung, da die darin gewonnene Erkenntnis, dass sich die Arten durch Auswahl und Anpassung entwickeln, eine neue Perspektive auf die Entwicklung der Natur darstellte. Seine Erkenntnisse bereiteten so manchen Theologen schlaflose Nächte. Besonders dem viktorianischen Königshaus gefiel die Vorstellung, dass sich seine Vorfahren gegenseitig Läuse aus dem Fell gesucht hatten, gar nicht. Aber trotz diesem fortschrittlichen Grundgedanken machte Darwin einen entscheidenden Fehler, wofür er auch von Marx und Engels kritisiert wurde. Er sah die Entwicklung der Arten, und somit auch des Menschen, als kontinuierlich an.

 

In diesem Punkt passte er sich den ideologischen Vorstellungen der Herrschenden an, die plötzliche Umwälzungen für gefährlich hielten und daher auch in der Natur davon nichts hören wollten. Darwin ging davon aus, dass die Evolution linear vor sich geht und nicht in qualitativen Sprüngen. Er war davon überzeugt, dass sich mit der Auffindung aller Fossilien auch die Entwicklung der Menschheit als kontinuierlich herausstellen würde.

 

Die Erkenntnisse einer ganzen Reihe wissenschaftlicher Disziplinen (v.a. Anthropologie, Ethnologie, Archäologie) weisen auf das Gegenteil hin. Die Entwicklung der Menschheit zeigt immer wieder Sprünge; Werkzeugherstellung und Sprache sind nur zwei Auslöser dafür. Immer wieder konnten sich die Menschen so weiterentwickeln und dieses Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft.

 

Auch in unserer Gesellschaft sehen wir immer wieder sprunghafte Veränderungen. Selbst der Kapitalismus hat mit Revolutionen begonnen und sich nicht friedlich aus dem Feudalismus entwickelt. Doch selbst die Wissenschaft ist durchsetzt mit reaktionären Ideologien, die vorgaukeln wollen, dass dieses System die Krone der Schöpfung sei. Deshalb sollten wir die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft wieder in die Hände derer legen, die die Menschheit von Anfang an voran gebracht haben: die Arbeit und ihre Klasse.

Gernot Trausmuth