Kategorie: Geschichte

100 Jahre Komintern! Für eine revolutionäre Weltpartei!

Anfang März 1919 versammelten sich in Moskau 51 Delegierte aus 29 Ländern zur Gründung der Kommunistischen oder Dritten Internationale (KI). Dies war eine Reaktion auf den Bankrott der Sozialistischen Internationale, deren Mitgliedsparteien 1914 fast ausnahmslos den Weltkrieg unterstützt hatten. Die KI wurde rasch zur Hoffnungsträgerin für Millionen Unterdrückte in aller Welt.


Wie ein Paukenschlag in Mitten des 1. Weltkriegs erschütterte die Oktoberrevolution 1917 die ganze Welt. Für die Arbeiter der von Krieg und Krise zerrütteten Länder war sie Hoffnung und Vorbild, für die imperialistischen Bourgeoisien Realität gewordener Albtraum, der die Existenz des Kapitalismus grundsätzlich in Frage stellte, nicht nur in Russland, sondern weltweit. In Deutschland, Österreich und Ungarn taten sich nach einer Welle von Streiks und Protesten gleichsam revolutionäre Situationen auf. In Italien besetzten die Arbeiter die Fabriken. Selbst in Brasilien und vielen anderen lateinamerikanischen Ländern kam es zu Streiks und Unruhen, die die Macht der Kapitalistenklasse bis ins Mark erschütterten.

Mit der Oktoberrevolution brach der Kapitalismus und Imperialismus am schwächsten Glied seiner Kette in einem wirtschaftlich rückständigen Land. Lenin und Trotzki kamen nie auch nur auf die Idee, dass man den Sozialismus in einem einzigen Land, geschweige denn einem so rücksständigen wie Russland, aufbauen könnte. Lenin war klar, dass das Schicksal der russischen Revolution direkt vom Erfolg der Weltrevolution abhängen würde:

„Es ist noch ein weiter Weg, bis wir die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus beendet haben werden. Wir haben niemals die Hoffnung gehegt, dass wir sie ohne Hilfe des internationalen Proletariats beenden könnten. (...) Natürlich, der endgültige Sieg des Sozialismus in einem Lande ist unmöglich. Unsere Arbeiter und Bauern, die die Sowjetmacht unterstützen, sind ein Teil jener internationalen Armee, die jetzt durch den Weltkrieg zersplittert ist, aber nach Vereinigung strebt.“ (Lenin-Werke, 1972, Bd. 26, S.465 –472)

Die Notwendigkeit der revolutionären Partei

Ausschlaggebender Faktor für den Sieg der Russischen Revolution war das Vorhandensein einer revolutionären Partei. Also einer Gruppe von Kadern, die die Situation korrekt analysieren, die Kampfkraft der Arbeiterklasse bündeln und den richtigen Weg vorwärts weisen konnte. Dass das Fehlen einer solchen Organisation fast immer zum Scheitern der Revolution führt, hat die Geschichte bewiesen: 1918-23 in Deutschland, 1919 in Ungarn, 1936 in Spanien, 1968 in Frankreich, 1974 in Portugal, 1978 in Spanien, 2011 im Arabischen Frühling, um nur einige Beispiele zu nennen.

Diese revolutionäre Strömung, bestehend aus in marxistischer Theorie geschulten Kadern, die enge Verbindungen mit der Arbeiterklasse hatten und an ihren Kämpfen aktiv teilnahmen, wurde in Russland spätestens ab 1902 von Lenin und anderen am linken Flügel der Sozialdemokratie (Bolschewiki) aufgebaut. In allen anderen Ländern fehlte eine solche revolutionäre Organisation. Trotz ihrer oft noch vermeintlich revolutionären und marxistischen Rhetorik waren die Parteien der II. Internationale im verhältnismäßig langen wirtschaftlichen Aufschwung zwischen 1870 und 1912 mehr und mehr zum Reformismus degeneriert.

Der Niedergang der II. Internationale

„Wenn für Lenin die Existenz einer bolschewistischen Partei unverzichtbare Vorbedingung der Revolution war und er darüber hinaus davon ausging, dass die russische Revolution ohne die internationale Revolution verloren war, weshalb hat er dann nicht von Anfang an all seine Energie darauf verwandt, eine solche internationale revolutionäre Partei zu schaffen?“, fragt Walter Held in seinem Artikel „Warum scheiterte die Deutsche Revolution 1918-23?“, der kürzlich in unserer Sonderausgabe zur Deutschen Revolution abgedruckt wurde.

Held erklärt, dass selbst Lenin die Degeneration der Sozialistischen oder II. Internationale lange Zeit unterschätzt hatte. Besonders die deutsche SPD galt als größte Partei der II. Internationale für sozialistische Kräfte in aller Welt als Vorbild. Sie hatte mehrere hunderttausend Mitglieder, zahlreiche Abgeordnete und über 90 Tageszeitungen. Bis 1914 hatte Lenin große Illusionen in die SPD und das „Marxistische Zentrum“ um Karl Kautsky, der lange als geistiger Nachfolger von Marx und Engels galt. Als Lenin Anfang August 1914 die Ausgabe des Vorwärts erhielt, die erklärte, warum die SPD den Kriegskrediten zustimmte, glaubte er zunächst an einen Täuschungsversuch des deutschen Geheimdienstes – Fake News. Doch als Lenin das Ausmaß der Degeneration der SPD, Kautskys und der II. Internationale erkannte, zögerte er keinen Augenblick, radikal mit ihr zu brechen und die vollen Konsequenzen zu ziehen. Seit diesem Zeitpunkt forderte er vehement die Gründung einer neuen Internationale

Die ersten Jahre der Kommunistischen Internationale

Spätestens nach dem Sieg der Russischen Revolution im November 1917 wurde die Notwendigkeit einer neuen Internationale für Lenin und Trotzki immer dringender. Und so fand im März 1919 der Gründungskongress in Moskau statt. Unter den wichtigsten und damals größeren Kommunistischen Parteien war die deutsche KPD. Die revolutionäre Situation in Deutschland, die von 1918 bis 1923 andauerte, war zu jenem Zeitpunkt der Schlüssel für die Revolution in Europa. Das deutsche Proletariat hatte den 1. Weltkrieg beendet, die Macht war in den Händen der Arbeiterräte. Und auch wenn die SPD stetig an dem Verrat der Revolution arbeitete und die Freikorps gegen die Arbeiter ins Feld führte, war die Revolution noch lange nicht verloren.

Doch wie die KPD selbst so litt auch die neue Internationale unter einer schweren Last. Sie war keine Partei, die 20 Jahre vor der Revolution systematisch aufgebaut wurde. Es fehlten Kader, Klarheit in den Ideen des Marxismus, Erfahrungen mit dem Klassenkampf und der Revolution. Diese mangelnde Organisation und theoretische Klarheit führte in der KPD, aber auch in der KI zu einer Reihe schwerer taktischer Fehler. Nach der Ermordung von Luxemburg, Liebknecht und Jogiches durchlitt die Partei eine schwere jahrelange Führungskrise. Die „Märzaktion“ war ein vorläufiger Höhepunkt der fatalen Politik der KPD. Im März 1921 versuchte die KPD einen Generalstreik vom Zaun zu brechen, der isoliert von den Massen und zum Scheitern verurteilt war. Aktivisten der KPD zündeten, verkleidet als Reaktionäre, ihre eigenen Parteibüros an, in der Hoffnung, so die Arbeiterklasse künstlich aufzurütteln und zum Kampf zu bewegen. Das schlug natürlich fehl.

Anstatt diesen schweren politischen Fehler scharf zu kritisieren, lobte der dritte Kongress der KI, allen voran Sinowjew und Radek, diese Politik und formulierte nur leise Kritik. Lenin hoffte noch auf einen Kompromiss mit den Ultralinken, wenngleich er mit seiner Schrift „Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit im Kommunismus“ die ultralinken Abschweifungen hart kritisierte. Auch Trotzki äußerte sich kritisch.

Als dann 1923 tatsächlich die Chance für einen Aufstand der Arbeiterklasse kam, pfiff die KPD die Arbeiter zurück. Die Delegation des Exekutivkomitees der KI, die zu diesem Zeitpunkt nach Deutschland reiste, stützte diese Entscheidung, nachdem Stalin ihr einen Brief hinterher schickte, in dem er erklärte, dass die deutschen Führer gebremst, nicht ermutigt werden sollten.

Der Mangel an politischer Klarheit und Vorbereitung seitens der KPD und der KI führte trotz aller Versuche Lenins und Trotzkis zu schweren Niederlagen der Arbeiterklasse. Aber trotz dieser tragischen Fehleinschätzungen stand die KI in den ersten Jahren ihres Bestehens bedingungslos für die sozialistische Weltrevolution und arbeitete mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln auf dieses Ziel hin. Die Protokolle und Beschlüsse der ersten Weltkongresse, die jährlich stattfanden, sind absolut lesenswert und gerade auch für heute hochaktuell. Dazu gehören auch viele organisatorische Resolutionen für den Parteiaufbau. Doch mit der Degeneration und Stalinisierung der Sowjetunion, ihrer Kommunistischen Partei (KPdSU) und der Komintern änderte sich die Lage.

Der Aufstieg Stalins

Die Isolation der Sowjetunion war die Bedingung für den Aufstieg und Machterhalt der Bürokratie und ihrer Galionsfigur Stalin, denn eine erfolgreiche Weltrevolution hätte ihr Ende bedeutet. Das bisherige Ziel der KI, die proletarische Weltrevolution, stand also in krassem Gegensatz zu den Interessen der stalinistischen Bürokratie. Die KPdSU hatte aufgrund ihrer Größe und Erfahrung einen wichtigen Stellenwert in der KI. Neben der KPD war sie beinahe die einzige KP mit wirklicher Massenbasis. Und so wurde die KI vom Werkzeug der Weltrevolution zu deren Bremse. Das folgende Interview mit Stalin bringt diesen Politikwechsel auf den Punkt:

„Howard: Bedeutet diese Aussage von Ihnen, dass die Sowjetunion ihre Pläne und Absichten, eine Weltrevolution herbeizuführen, bis zu einem gewissen Grad aufgegeben hat?
Stalin: Wir hatten niemals solche Pläne oder Absichten.
Howard: Sie wissen zweifellos, Herr Stalin, dass ein großer Teil der Welt lange einen anderen Eindruck hatte?
Stalin: Dies ist das Produkt eines Missverständnisses.
Howard: Ein tragisches Missverständnis?
Stalin: Nein, komisch. Oder vielleicht tragikomisch ... “
(Roy Howard, Stalin-Interview, Kommunistische Internationale, März-April 1936.)

Die stalinistische Bürokratie degradierte die KI zur Grenzwacht der Sowjetunion. Die Sektionen der KI wurden zu Kleingeld der stalinistischen Außenpolitik. Um die Machtstellung der Bürokratie zu sichern, bemühte sich Stalin um stabile Beziehungen mit imperialistischen Ländern wie Frankreich und Großbritannien. Im Gegenzug sorgte Stalin dafür, dass die Kommunistischen Parteien der anderen Länder keine wirkliche Bedrohung für die herrschende Klasse darstellten.

So schickte die Komintern die Chinesische KP 1927 in ein Bündnis mit der „progressiven Bourgeoisie“. Die Folge war das Abmetzeln tausender Kommunisten durch Tschiang Kai Tschek. Im Spanischen Bürgerkrieg 1936 verfolgte die Komintern eine ähnliche Strategie. Die KP zwang die revolutionären Arbeiter in die „Volksfront“, einen Zusammenschluss aus den Arbeiterparteien und der liberalen Bourgeoisie. Die Kapitalisten gehen aber zehnmal lieber mit dem Faschismus als mit der sozialistischen Revolution. Anstatt die sozialistische Revolution zu propagieren und so dem Faschismus die Grundlage zu entziehen, beschränkte sich die Volksfront auf die „Verteidigung der Republik“. Diese Taktik musste zwangsläufig in die Niederlage führen.

Und so büßte die KI mit dem Fortschreiten der Stalinisierung mehr und mehr ihre Bedeutung ein, bis sie 1943 sang- und klanglos, ohne interne Diskussion, von Stalin aufgelöst wurde. Eine neue Internationale hatte das Banner der Weltrevolution übernommen: Die aus Trotzkis Organisation Internationale Linke Opposition hervorgegangene IV. Internationale.

Auf zum letzten Gefecht!

Dass die revolutionäre Partei nicht im Eifer des Gefechts der Revolution improvisiert werden kann hat die tragische Geschichte der KPD gezeigt. Das gleiche gilt für die revolutionäre Weltpartei des Proletariats! Sie muss vor den revolutionären Ereignissen aufgebaut werden, um ihre Pflicht erfüllen und der Weltrevolution zum Sieg verhelfen zu können. Dieser Aufgabe hat sich die Internationale Marxistische Tendenz (IMT) verschrieben. Der Funke arbeitet als deutscher Teil der IMT am Aufbau einer revolutionären Organisation, die geschult in der Theorie des Marxismus und als kämpferischer Teil der Arbeiterbewegung, wenn es so weit ist, der Revolution zum Sieg verhelfen kann.

Für uns ist die Revolution kein schwammiges Ereignis in weiter Ferne, sondern konkrete Perspektive in einer Zeit der kapitalistischen Systemkrise ohne absehbares Ende. Wer glaubt, in dieser Situation durch kleine soziale Reformen im Rahmen des Kapitalismus für die Arbeiterklasse Fortschritte herausholen zu können, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. 100 Jahre nach der Deutschen Revolution stehen wir wieder vor der Frage: Sozialismus oder Barbarei? Die Antwort liegt an uns und unserer Fähigkeit eine revolutionäre Internationale aufbauen zu können. Wenn Du unsere Ziele teilst und es ernst meinst mit der sozialistischen Revolution, schließ Dich uns an!

 

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