Kategorie: Kapital und Arbeit

Gate Gourmet: Sechs Monate Streik gegen Heuschrecken-Investor

Nach über sechs Monaten wurde am Dienstag vormittag der Arbeitskampf beim Düsseldorfer Luftfahrt-Caterers Gate Gourmet offiziell abgeschlossen.


Pünktlich um 9 Uhr versammelten sich die Streikenden vor dem Firmengelände am Düsseldorfer Flughafen und betraten erhobenen Hauptes gemeinsam wieder den Betrieb. Nach der Begrüßung durch neue, vom Mutterkonzern Texas Pacific Group (TPG) ausgewechselte Mitglieder der Geschäftsleitung hob der wiedergewählte Betriebsratsvorsitzende Halil Saltan hervor, dass die Menschenwürde im Betrieb als ein Bedürfnis aller Beschäftigten auch weiterhin auf der Tagesordnung stehen werde. Die Forderung nach „Menschenwürde“ hatte während des Arbeitskampfes eine zentrale Rolle gespielt, nachdem in den letzten Jahren der Rationalisierungsdruck vor allem in der Produktion von Bordverpflegung unerträglich geworden war.

Das Ende des Streiks, der als einer der längsten Arbeitskämpfe in die Sozialgeschichte der BRD eingehen wird, war schon eine Woche vor Ostern mit der Annahme des Verhandlungsergebnisses durch eine Mehrheit von 61,4 Prozent der streikenden Gewerkschaftsmitglieder eingeleitet worden. Seit Anfang Oktober hatten die 80 Männer und Frauen an Halle 8A in einem der kältesten Winter seit vielen Jahren auf dem Düsseldorfer Flughafengelände Streikposten gestanden und sich einen „Stellungskrieg“ mit der kalifornischen TPG geliefert, die vor wenigen Jahren Gate Gourmet von der schweizerischen Swiss Air übernommen hatte.

Was ursprünglich als Arbeitskampf für eine mäßige Lohnforderung von 4,5 Prozent begonnen hatte, entwickelte sich zu einer verbissenen Auseinandersetzung um ein knallhartes Kostensenkungsprogramm des Konzernmanagements. Mehrmals in den letzten Monaten hatten die Vertreter von Belegschaft und Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten (NGG) mit der örtlichen Geschäftsleitung fertige Tarifkompromisse ausgearbeitet, die hinterher dann jedoch wieder von der US-amerikanischen Konzernzentrale verworfen wurden.

In den nun vereinbarten neuen Tarifverträgen konnten einige wichtige Errungenschaften gehalten werden, während gleichzeitig auch Zugeständnisse an die Geschäftsleitung gemacht wurden. 2006 und 2007 gibt es ein Prozent Lohnerhöhung plus einmalig 156 Euro für alle. Die betriebliche Wochenarbeitszeit soll befristet in der Produktion auf 39 Stunden und in der Verwaltung auf 40 Stunden angehoben und ab 2009 für alle wieder auf das Niveau des Manteltarifvertrags für das Hotel- und Gaststättengewerbe (derzeit 39 Stunden) gebracht werden. Zugeständnisse machen die Beschäftigten auch bei Zuschlägen für Sonn- und Feiertagsarbeit. Demgegenüber bleibt der Anspruch auf Jahresurlaub bestehen und kann der Resturlaub aus dem Jahr 2005 noch bis Ende Juni genommen werden. Während die Flexibilisierung in Form von kurzfristig anberaumten Überstunden deutlich eingeschränkt wird und die Freizeit nicht zuletzt auch durch ein freies Wochenende im Monat für die Schichtarbeiter planbarer wird, ist für die höheren Lohngruppen eine deutliche Kürzung des Weihnachtsgeldes vorgesehen.

Wie bei der Tarifverhandlungen vereinbart, haben die Streikenden in der Osterwoche noch alte Urlaubsansprüche aus 2005 abgefeiert. Auf jeden Fall fühlten sich viele Beschäftigte durch die Erfahrung im Streik jetzt sicherer und stärker und würden sich auch in Zukunft zu wehren wissen, erklärte Halil Saltan, Mitglied der betrieblichen Tarifkommission, gegenüber jW.

„Das Ergebnis ist kein Sieg und keine Niederlage“, erklärte auch ein NGG-Sprecher auf jW-Anfrage. Die Belegschaft habe sechs Monate lang einem Global Player und Heuschrecken-Investor die Stirn geboten und ungebrochen Schulter an Schulter für Menschenwürde im Betrieb gekämpft und dabei sehr viel dazu gelernt. Der Abschluß entspreche auch dem realen Kräfteverhältnis, denn die Belegschaften anderer deutscher Gate Gourmet-Standorte, die im Organisationsbereich der Gewerkschaft ver.di liegen, hätten keine aktive Solidarität zustande gebracht. Für Ulrich Kappner, Dispatcher bei Gate Gourmet und neu gewähltes Betriebsratsmitglied, hat der Arbeitsskampf gezeigt, „daß eine Belegschaft gegen Sozialraub und Ausbeutung aufstehen kann und daß trotz harten sozialen Klimas eine Zusammenhalt der Menschen möglich ist, um gemeinsam gegen die Ausbeutung zu kämpfen.“ Nun sei die neue Geschäftsführung im Betrieb, die nach eigenen Worten an einem Neubeginn und einem offeneren Klima interessiert sei, am Zuge. Es bleibe allerdings abzuwarten, „welchen Druck die Profitgier der TPG auf das betriebliche Management ausüben wird“, so Kappner auf Anfrage.

Die Streikenden hatten in den letzten Monaten viel Solidarität und Zuspruch aus der BRD und aller Welt erfahren und bis zuletzt auch den Schulterschluss mit Beschäftigten anderer Branchen gesucht. So standen in den letzten Wochen noch gemeinsame Aktionen mit streikenden Landesbediensteten und warnstreikenden Metallern aus dem Rheinland ebenso auf der Tagesordnung wie ein Besuch bei den Beschäftigten von Gate Gourmet am Londoner Flughafen Heathrow.

Hans-Gerd Öfinger

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