Kategorie: Theorie

Philosophie in der islamischen Welt

Dieser Artikel von Alan Woods über die Philosophie in der islamischen Welt erschien im Anhang von seinem Buch über "Die Geschichte der Philosophie". Indem er die progressiven von den reaktionären Elemente im Islam trennt und die großen kulturellen Leistungen des Islam herausarbeitet, liefert Alan Woods mit diesem aktuell gebliebenen Text aus dem Jahr 2001 einen wichtigen Gegenstandpunkt zur gegenwärtigen Hetze gegen die islamische Welt.


Die Religion des Islam entstand im 7. Jahrhundert in Arabien vor dem Hintergrund des Übergangs von einer primitiven Stammeskultur zu einer Klassengesellschaft. Damit einher ging die Vereinigung der Araber unter einem gemeinsamen Staat, dem Kalifat. Das Auftreten des Islam veränderte radikal das Leben von Millionen Menschen. Mit seiner einfachen Botschaft und seiner Opposition gegen das reaktionäre Kastensystem fand der Islam gerade unter den ärmsten und am meisten unterdrückten Schichten der Bevölkerung ein starkes Echo. Der frühe Islam war eine revolutionäre Bewegung und spiegelte das Erwachen der arabischen Nation wider. In einer seiner letzten Reden sagte Mohammed: „Hört meine Rede und handelt danach, Ihr müsst wissen, dass jeder Muslim der Bruder eines jeden anderen Muslims ist. Ihr seid alle gleich.“ (zitiert in A.C.Bouquet, Comparative Religion, S. 270)

Wie alle revolutionären Bewegungen in der Geschichte ging der Islam einher mit einem spirituellen und intellektuellen Erwachen. Trotz der ständigen Versuche von späteren sogenannten „Fundamentalisten“ den Islam entsprechend einem engstirnigen und fanatischen Geist auszulegen, wonach unabhängige Gedanken abzulehnen sind, gab die islamische Revolution in ihrer Anfangszeit der Kultur, der Kunst und der Philosophie einen gewaltigen Impuls. In seinem Buch „Die kurze Geschichte der Sarazenen“ schreibt Ameer Ali Syed über Ali, den Neffen des Propheten Mohammed und Oberhaupt der ersten Arabischen Republik: „Während der Islam seine Macht in fernen Ländern ausdehnt, versuchte Ali in Medina der sich neu herausbildenden Energie der Sarazenen eine Wende zu geben. In der öffentlichen Moschee von Medina hielten Ali und sein Cousin Abdullah, der Sohn von Abbais, Vorlesungen über Philosophie und Logik, die Traditionen (Geschichte), Rhetorik und Rechtswissenschaften, während andere Gelehrte sich mit anderen Fragen auseinander setzten. So wurde der Nukleus einer intellektuellen Bewegung gebildet, der später in Bagdad eine derartige Kraft entwickeln sollte.“ (Ameer Ali Syed, Short History of the Saracens, S. 47)

Im Gegensatz zu den Meinungen moderner Fundamentalisten war der Islam in seinen Ursprüngen keinesfalls eine Gleichsetzung mit Unwissenheit und engstirnigem Fanatismus. Im völligen Gegensatz zu dem, was im mittelalterlichen Europa als Philosophie verkauft wurde, wo die Katholische Kirche in allen Fragen das letzte Wort hatte, war die islamische Philosophie kein reiner Ableger der Theologie. Ihre Anfänge gehen zurück auf die Zeit zwischen dem späten 8. Jahrhundert und der Mitte des 9. Jahrhunderts. Sie genoss die volle Unterstützung durch die Kalifen, allen voran Ma’mun, und war bekannt für ihre Toleranz und die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung. Studenten aus von den Arabern eroberten Nationen wurden ebenfalls in den vom Staat gestifteten Institutionen aufgenommen. Der freie wissenschaftliche Diskurs wurde ermutigt. Ein wichtiges Element des Wissenschaftsbetriebes lag im Studium und in der Übersetzung griechischer Texte. Während in Europa das dunkle Mittelalter herrschte, wurde in der islamischen Welt die Flamme der Zivilisation bewahrt. Bagdad war das Zentrum dieser Hochkultur, die sich von Cordoba in Spanien bis nach Indien erstreckte.

Schon im Jahr 664 n.Ch. erreichten die Araber Afghanistan und übernahmen Kabul. Im Jahr 717 gelang die Eroberung von Sindh. Von hier aus marschierten die Araber nach Süden und nahmen Multan ein. 1010 eroberten sie den westlichen Teil des Punjab. 1206 rief sich Kutb-ul-Din in Delhi selbst als Herrscher des gesamten nördlichen Indiens aus. In den folgenden 120 Jahren schritt die Invasion ständig nach Süden voran. Im 15. Jahrhundert spaltete sich die muslimische Herrschaft in Indien in eine Vielzahl von Kleinstaaten auf. Schließlich wurden diese aber im mächtigen Reich der Mogule unter der Herrschaft von Akbar und seinen Nachfolgern wieder vereint.

A.C.Bouquet schreibt dazu: „Akbar war gegenüber dem Hinduismus sehr tolerant und versuchte eine eklektische Religion zu bilden, welche Elemente aller in seinem Reich existierenden Religionen mit einschloss." (A.C. Bouquet, Comparative Religion, S. 138)

Die islamische Welt war damals eine universelle Zivilisation. Islamische Denker wie Ibn Sina, der in Zentralasien in der bedeutenden Universitätsstadt Bokhara lebte und im Westen unter seinem lateinischen Namen Avicenna Bekanntheit erlangte, waren nicht nur Philosophen, sondern auch Physiker und Naturwissenschaftler. Diese Männer waren gläubige Muslime, doch sie leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung des wissenschaftlichen und philosophischen Erbes des antiken Griechenland in der arabischen Welt und in der Folge in Europa. Viele der großen Denker jener Zeit, wie Al-Farabi, dem Autor der ersten Arbeiten über politische Philosophie im Kontext der islamischen Religion („Die Erlangung des Glücks und das politische Regime“). Ibn Sina und andere halfen bei der Konsolidierung der rationalistischen Denkschule und propagierten die Naturwissenschaften und die Mathematik, beides Gebiete, auf denen die Araber große Fortschritte machten.

Spanien und die Araber

Die Eroberung Spaniens begann im Jahr 711 n.Ch. und markierte einen Wendepunkt in der Weltgeschichte. Die Araber, die von Nordafrika auf der iberischen Halbinsel eingefallen waren, sahen dies anfangs als reinen Beutefeldzug. Doch das Reich der Westgoten war bereits innerlich verfault und brach unter diesem externen Druck rasch zusammen. Die Araber – Mohren, wie sie von den Spaniern genannt wurden – eroberten nahezu die gesamte Halbinsel und stießen bis tief ins heutige Frankreich vor. Das Tempo, mit dem diese Eroberung voranschritt, kann nur damit erklärt werden, dass die unterdrückten Massen die Eroberer begrüßten, nachdem sie von diesen besser behandelt wurden als unter den christlichen Feudalherren.

Die Eroberung Spaniens hatte den Charakter eines sozialrevolutionären Krieges, vergleichbar mit der Französischen Revolution. Die Araber erschienen den spanischen Leibeigenen als Befreier und nicht als fremde Eroberer. Sie beseitigten das Rechtssystem, das einzig im Interesse der Feudalherren und des Klerus wirkte, und ersetzten die erdrückende Steuerlast durch eine einzige Steuer, die relativ niedrig angesetzt war und nicht auf Frauen, Kinder, Kranke, Blinde, Bettler oder Sklaven angewandt wurde. Selbst die christlichen Klöster waren davon ausgenommen. Das einzige Land, das konfisziert wurde, war das Land jener Adeligen und Priester, welche flohen und sich dem Feind anschlossen. Nebenbei wurde die Forderung nach Enteignung des Eigentums konterrevolutionärer Emigranten später von Marx und Engels ins Kommunistische Manifest aufgenommen.

Im Grunde genommen beinhaltet der Islam eine demokratische Idee und strebt den sozialen Ausgleich unabhängig von nationaler Herkunft und Hautfarbe an. In der hier beschriebenen Geschichtsepoche wurden diese Grundsätze in bemerkenswerter Weise in die Tat umgesetzt. Die Araber waren weit davon entfernt, Menschen anderen Glaubens zu verfolgen, ihr Vorgehen in Spanien zeugt von einer Toleranz, welche die Christen weder vor noch nach der arabischen Herrschaft jemals an den Tag zu legen vermochten. Sie beschützten alle Religionen und ermöglichten es den Juden ihre Religion frei auszuüben. Man vergleiche dies nur mit der Inquisition, welche die Juden in Spanien brutal verfolgte. Wie auch die Mogule in Indien förderten sie die Heirat zwischen Angehörigen der Eroberer und der Eroberten, um so die Verschmelzung der beiden Völker zu fördern. Sie entwickelten die Landwirtschaft und schufen die architektonischen Wunder von Granada, Cordoba und Sevilla. So darf es auch nicht verwundern, dass große Teile der spanischen Bevölkerung unter diesem Eindruck zum Islam konvertierten und ihre Loyalität unter Beweis stellten, indem sie mit der Waffe in der Hand, ihre Heimat und ihre Freiheiten gegen die Armeen der christlich-feudalen Reaktion aus dem Norden verteidigten.

W.C. Atkinson beschreibt den Einfluss der islamischen Kultur auf das Denken der Spanier in den Worten der berühmten Wehklage des Alvaro von Cordoba: “Alle christlichen Jugendlichen, die für ihr Talent Berühmtheit erlangten, kennen nur die Sprache und die Literatur der Araber; sie lesen und studieren eifrig arabische Bücher, von denen sie mithilfe großer Ausgaben riesige Büchereien aufbauen und laut und deutlich proklamieren, dass diese Literatur bewundernswert ist." (aus W.C. Anderson, A History of Spain and Portugal, S. 60)

Derselbe Autor beschreibt auch den wirtschaftlichen Fortschritt, den die Araber in Spanien möglich machten: “Bewässerungsprojekte, deren Spuren heute noch sichtbar sind, machten weite Gebiete fruchtbar, wo der Regen nicht ausreichte; Reis, Rohrzucker und exotische Früchte wurden eingeführt und obwohl der Koran das Trinken von Wein nicht erlaubte, wurde der Weinbau in großem Stil kultiviert.

Auch die Industrie erlebte eine Blütephase. Dies reichte vom Gold- und Silberbergbau über die Woll- und Seidenweberei über die Papierherstellung, die von den Arabern nach Europa gebracht wurde. Es wurde die Glasproduktion im 9. Jahrhundert in Cordoba erfunden, dazu gab es Metall-, Keramik- und Lederverarbeitende Manufakturen. Diese Produkte hatten einen sehr guten Namen. Der Handel florierte, was sich im Aufbau einer großen Handelsflotte ausdrückte, die in Sevilla, Malaga und Almeria ihre Stützpunkte hatte. (a.a.O., S. 58)

Somit begann eine Periode des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts, der über Jahrhunderte andauern sollte. Damit einher ging ein brillantes Kapitel in der Geschichte der menschlichen Kultur, der Kunst und der Wissenschaft. Ein Kommentator beschrieb diesen Prozess so: "Die Mohren organisierten das wunderbare Königreich von Cordoba, das Wunder des Mittelalters. Während ganz Europa in barbarischer Ignoranz fest gefangen war, hielt es die Flamme des Lernens und der Zivilisation vor der westlichen Welt am Brennen." (zitiert nach Ameer Ali Syed, Short History of the Saracens, S. 115)

Wer die Alhambra in Granada oder die Moschee von Cordoba besucht, kann heute noch leicht erahnen, dass die Araber in Spanien dem mittelalterlichen Europa weit voraus waren. Sie waren dem übrigen Europa nicht nur auf dem Feld der Wissenschaft und der Technik überlegen, sondern auch in den Bereichen der feinen Künste, der Malerei und der Bildhauerei. Die kulturellen Traditionen der Araber umfassten weite Wissensgebiete: das Studium der Logik, die Naturwissenschaften (einschließlich Psychologie und Biologie), die mathematischen Wissenschaften (einschließlich der Musik und der Astronomie), Metaphysik, Ethik und Politikwissenschaften. Keine noch so kleine Stadt war ohne Schule, jede größere Stadt hatte eine eigene Universität, darunter Cordoba (deren Universität in ganz Europa einen großartigen Ruf genoss), Sevilla (Ishbilia), Malaga, Zaragoza, Lissabon (Alishbuna), Jaen und Salamanca, die in der Folge die spanische Universität mit dem größten Prestige werden sollte. Das von den Arabern beherrschte Spanien brachte eine ganze Reihe von bedeutenden Schriftstellern, Dichtern, Historikern und Philosophen hervor.

Anders als man glauben möchte, waren darunter auch viele weibliche Intellektuelle. Zu einer Zeit, als im christlichen Europa die Idee von der Gleichheit der Frau unvorstellbar war, genossen viele Dichterinnen und andere weibliche Kulturschaffende in Cordoba und Granada größte Wertschätzung: Hassana at-Tamimiyeh, Tochter des Poeten Abu'l Hussain und Umm ul-Ula aus Guadalajara, Ammat ul-Aziz (eine Nachfahrin des Prophet) und al-Ghusanieh, beide aus der Provinz Almeria, Mariam, Tochter von Abu Yakub al-Ansari aus Sevilla, wo sie Rhetorik, Dichtkunst und Literaturwissenschaften lehrte.

Das rückständige Europa und das fortschrittliche Asien

Das islamische Denken war also bei weitem nicht auf Mystizismus und religiösen Fanatismus beschränkt, sondern legte einen Hang zum Rationalismus und zur Wissenschaft an den Tag. Über Jahrhunderte waren die Araber die treibende Kraft in vielen Bereichen der Wissenschaft. Große Durchbrüche gelangen ihnen auf dem Feld der Mathematik und der Astronomie. Darauf weist auch Alfred Hooper in seiner Geschichte der Mathematik hin:

"Wir haben den Mohren sehr viel zu verdanken. Sie führten viele neue Ideen über Medikamente und anderes medizinisches Wissen ein; sie verbesserten die Methoden in der Metall- und Lederverarbeitung; sie errichteten in Spanien Bewässerungsanlagen, Schleusen und Kanäle; in all dem brachten die das Wissen aus Indien und dem Osten ein in Europa, das in die Unwissenheit zurück geglitten war.

Die Araber waren mit den Arbeiten der großen griechischen Mathematiker vertraut, welche das ‘Goldene Zeitalter der griechischen Mathematik’ geprägt hatten, bevor die fragile und wunderbare Zivilisation Griechenlands von den rein praktisch und nutzorientierten Römern absorbiert wurde; sie führten in Spanien auch die neue und revolutionäre Methode des Schreibens von Zahlen, die sie von den Hindus gelernt hatten, ein, eine Methode, welche unserer modernen Welt der Wissenschaft und Mathematik den Weg geebnet hat" (Alfred Hooper, Makers of Mathematics, S. 24).

Während des gesamten Mittelalters machten nur die Inder und die Araber wirkliche Fortschritte im Bereich der Mathematik. Sie entdeckten die Trigonomerie sowie die Algebra. Das Wort selbst stammt aus dem Arabischen (al-jabr), das wie so vieles andere auch über Spanien seinen Weg nach Europa fand. Der arabische Mathematiker Al-Chwarizmi schrieb neben einem Buch über das Zahlensystem der Hindus und Araber ein weiteres Werk über die Behandlung von Gleichungen, das er al jabr w'al muquabalah („Wissenschaft der Reduktion und des gleichzeitigen Aufhebens“) nannte. Es wurde später ins Lateinische übersetzt und dadurch auch in Europa zugänglich gemacht.

Alfred Hooper dazu: "Die Zeit von 800 bis ungefähr 1450, genannt das Mittelalter, waren durch eine beinahe vollständige Stagnation des unabhängigen Denkens gekennzeichnet. Im Bereich der Mathematik gab es keinerlei Fortschritt." (A. Hooper, a.a.O., S. 84) Wie Hooper erklärt, wäre ohne die Anwendung der arabischen Zahlensymbole die Entwicklung der elementaren Arithmetik undenkbar gewesen.

Die mittelalterliche Welt bekam in erster Linie über arabische Quellen Zugang zu den Ideen von Aristoteles und Plato. Unter jenen brillanten Denkern, welche das mittelalterliche Europa beeinflussten, verdient vor allem Ibn Roshd Muhammed, der im Westen unter seinem lateinischen Namen Averroës bekannt war, große Hochachtung. Dieser große arabische Philosoph lebte von 1126 bis 1198 in Spanien während des Kalifats von Cordoba. In seinen Schriften können wir Elemente einer materialistischen Philosophie erkennen, die er aus einer sorgfältigen Lektüre des Werks von Aristoteles ableitete. Obwohl er ein devoter Muslim blieb, versuchte Ibn Roshd zu beweisen, dass Materie und Bewegung weder erschaffen noch zerstört werden können. Damit war er ein Wegbereiter der Energieerhaltungstheorien der modernen Physik. Er leugnete auch die Unsterblichkeit der Seele. Seine Ideen waren derart radikal, dass sie von orthodoxen Moslems auf das Schärfste verfolgt wurden. Durch die Arbeiten dieses großen Philosophen, speziell seine Kommentare zum Werk von Aristoteles, wurden die Ideen der längst vergessenen Welt der klassischen griechischen Philosophie in Europa wieder verbreitet.

Das islamische Spanien war eine blühende, wohlhabende und kulturell hoch stehende Nation, bis es von den Christen zerstört wurde. Granada, Sevilla und Cordoba waren wichtige und international angesehene Zentren des Wissenschaftsbetriebes. Alle Religionen genossen die aufgeklärte Toleranz, bis die Spanier unter der Führung der engstirnigen und bigotten Herrscher Ferdinand von Kastillien und Isabella von Aragon das blühende Al-Andalus in Schutt und Asche legten. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass sich bis zum heutigen Tag die Europäer als die ausschließlichen Träger der menschlichen Kultur betrachten, obwohl sie über Jahrhunderte als die Totengräber der Kulturen des Ostens agierten.

Die sog. Kreuzzüge

Die sogenannten Kreuzzüge, über die schon so viel romantischer Müll geschrieben wurde, waren nichts als ein zerstörerischer und blutrünstiger Raubzug von Barbaren gegen Völker, die ihnen in allen Belangen überlegen waren. Einer der christlichen Chronisten der Eroberung von Granada, Pater Agapito, schrieb damals in verächtlichem Tonfall über die arabische Angewohnheit, sich zu waschen: „Wasser ist diesen Ungläubigen wichtiger als Brot; sie verwenden es mehrmals täglich bei ihren zeremoniellen Waschungen, sie unterhalten Bäder, und nutzen es in unzähligen anderen nutzlosen und extravaganten Arten und Weisen, die uns Spaniern und Christen völlig fremd sind.“ (in W. Irving, The Conquest of Granada, S. 251)

Der reaktionäre und barbarische Charakter der Kreuzzüge wurde von modernen Historikern wie Stephen Runciman hinreichend bewiesen. Hier eine Beschreibung von einem anderen Autor: "In jeder eroberten Stadt plünderten die armen Kreuzritter alles was ihnen in die Hände fiel, sie vergewaltigten muslimische Frauen und verübten Massaker an der Zivilbevölkerung. Die offiziellen Führer der Kreuzzüge hatten bei ihnen keinerlei Autorität. Als der Emir von Antiochia gegen den Kannibalismus der Kreuzritter protestierte, konnten die Prinzen nur apologetisch zugeben: ‘Alle zusammen können wir sie nicht zähmen’.” (N. Cohen, In Search of the Millennium, S. 66f.)

Und weiter: "Dem Fall von Jerusalem folgte ein riesiges Massaker; mit Ausnahme des Gouverneurs und seines Leibwächters wurden alle Moslems – Männer, Frauen und Kinder – getötet. 'In und um den Tempel von Salomon wateten die Pferde bis zu ihren Knien im Blut. Es war ein gerechtes und wunderbares Urteil Gottes, dass dieser Ort das Blut jener erhielt, die solange blasphemisch gegen Gott gehandelt hatten.' Die Juden, die in ihrer Synagoge Zuflucht gesucht hatten, wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Die Kreuzritter hielten indessen mit Freudentränen in den Augen und Lobpreisungen singend eine Prozession zur Heiligen Grab-Kirche." (a.a.O., S. 68)

Reaktionäre Strömungen im Islam

Die Entwicklung der islamischen Kultur verlief jedoch nicht geradlinig. Von Anfang an gab es verschiedene Strömungen, die sich gegenseitig bekämpften. So gab es auch einen reaktionären Strang. Man darf nicht vergessen, dass der Islam nicht zuletzt als Religion der Eroberung geboren wurde. Die feindliche Ablehnung der Ungläubigen (gyawurs), die Vorstellung von der Unterlegenheit der Frauen und die Rechtfertigung sozialer Ungleichheit waren von Beginn an ebenfalls vorhanden – auch wenn dies damals auf keinen Fall stärker ausgeprägt war als im Christentum jener Zeit. Wie in allen Religionen gibt es auch im Islam eine Tendenz zu einer engstirnigen und fanatischen Auslegung (Fundamentalismus). In Perioden der Reaktion wurden auch den Bereichen Philosophie und Wissenschaft wieder engere Grenzen gesetzt. Die Zerstörung des großen Abbasiden Kailfats durch die Mongolen im 13. Jahrhundert drehte das Rad der Zeit wieder zurück und ebnete dem islamischen Fundamentalismus den Weg. Ibn Taymiyya rief die Gläubigen dazu auf, den Islam von allen Erneuerungen zu befreien. Das war aber nicht der Ausdruck eines sich ausbreitenden Islams, sondern ein Zeichen für die innere Krise, die Spaltungen und den Niedergang dieser Bewegung. Die fundamentalistische Reaktion bedeutete für die Entwicklung der Kultur in der arabischen Welt einen absoluten Rückschlag.

Im 16. Jahrhundert wurden die schiitischen Gelehrten mit einer Philosophie der Aufklärung identifiziert, was auch einen politischen Ausdruck fand. In der Folge waren neue wissenschaftliche und philosophische Fortschritte möglich. Einen neuerlichen Aufschwung erlebte der Islam im 16. und 17. Jahrhundert unter der Dynastie der Safawiden, welche in Abgrenzung zum sunnitischen Ottomanenreich die schiitische Strömung des Islam zur offiziellen Staatsreligion machten. Die Safawiden förderten Künstler und Intellektuelle und schufen eine liberale Atmosphäre, in denen sich Kunst und Wissenschaft wieder entfalten konnten. Wie in jedem anderen Fall, wo man islamischen Gelehrten Raum zum Atmen ließ, wurden auch hier großartige Leistungen vollbracht. Allen voran muss man hier den Denker Mir Damad und seinen Schüler Molla Sadra und andere Gelehrte der Schule von Isfahan nennen.

All dies sollte ausreichen, um zu zeigen, dass die westlichen Vorurteile, der Osten im allgemeinen und die islamische Welt im speziellen haben im Bereich der Philosophie keine Leistungen vollbracht, jeder Grundlage entbehren. In jenen Perioden, wo den islamischen Gelehrten die nötige Freiheit gelassen wurde, lieferten sie den Beweis, dass sie im Vergleich zum Westen mehr als gleichwertige Resultate zu liefern imstande waren. Wo der Islam jedoch im Sinne eines engstirnigen und fanatischen Geistes ausgelegt wurde, wurde großer Schaden angerichtet. Der Intellektuelle, der ständig von oben gegängelt wird, lehnt sich letztlich gegen die Autorität einer Religion, die als Negation von Kultur und Freiheit erscheint, auf. Aus diesem Grund gibt es in der islamischen Dichtkunst auch eine stark antireligiöse Strömung, wie das folgende Beispiel zeigen soll. Im 17. Jahrhundert schrieb Dara Shikoh: "Der Himmel ist, wo der muslimische Priester nicht anwesend ist und die Menschen nicht seinen Edikten folgen. In der Stadt, wo der muslimische Priester anwesend ist, wird man niemals weise Menschen finden." (Dara Shikoh, 1615-1659.) Fast ein Jahrhundert später beschwerte sich der Sufi Dichter Sachai Sarmast bitterlich: "Es ist die Religion selbst, welche die Menschen dieser Nation genauso in die Irre geführt wie die Scheichs und die Priester, welche die Menschen schauerlich in die Irre geführt haben. Während der eine in der Moschee Bittsteller ist, kniet der andere vor seinem Tempel. Doch keiner von beiden ist der Liebe zur Menschheit näher." (Sachal Sarmast, 1731-1829.)

Heute wirft der neuerliche Aufstieg des Fundamentalismus einmal mehr einen dunklen Schatten über die Entwicklung der islamischen Kultur. Der Sieg der Taliban in Afghanistan mit der Unterstützung des christlichen Amerika in Form von Waffen und Geld war ein Triumph der Barbarei und des dunkelsten Obskurantismus, der seine Nacktheit hinter einem religiösen Feigenblatt verdeckt. Es ist kaum zu glauben, dass Kabul einst eines der großen Zentren der Kultur des Islam in Zentralasien war. Für jemanden der nur das geringste Wissen von der Geschichte dieser Kultur hat, ist dieser Abstieg in die Barbarei umso schmerzhafter.

Einer Sache können wir uns aber sicher sein. Nur der Sozialismus kann das Gegenmittel zu dieser Krankheit darstellen. Die Völker des Ostens, welche so glorreiche Beweise für ihre intellektuelle und künstlerische Vitalität an den Tag legten, werden sich nicht auf immer und ewig damit abfinden, dass sie in den Ketten materiellen Elends und kultureller Armut leben müssen. Und wenn der Tag schließlich kommt, wo sie der kapitalistischen Sklaverei ein Ende setzen und die Gesellschaft auf einer sozialistischen Grundlage verändern, dann werden sie einen riesigen Besen in die Hand nehmen und die Gesellschaft von all der Unwissenheit und dem Obskurantismus befreien. Der sozialistische Wiederaufbau muss die gesamte Gesellschaft erfassen. Dann werden auch künstlerische Werke und wissenschaftliche Leistungen möglich sein, welche die Wunder von Granada und Cordoba in den Schatten stellen werden. Dann werden die Menschen ihr wahres kulturelles Erbe wieder entdecken und all ihre verloren gegangene Würde und ihren Stolz in sich selbst zurück erlangen. Das Alte wird neu erschaffen werden und auf einer unendlich viel höheren Ebene zur Freude und zur Erfüllung zukünftiger Generationen zum Einsatz kommen.

Alan Woods

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