Kategorie: Theorie

Wie wird der Sozialismus aussehen? Teil I

Wir befinden uns heute inmitten einer der tiefsten Krisen, die der Kapitalismus je erlebt hat. Während die 99% für die Krise zur Kasse gebeten werden, häufen die 1% immer schneller immer mehr Reichtum an. Das hohe Ausmaß von Skandalen und Korruption im Establishment entfremdet Millionen von der traditionellen Politik. All dies verursacht ein Hinterfragen der kapitalistischen Gesellschaft. Viele suchen nach Alternativen zum existierenden System, und eine wachsende Zahl sucht die Antwort im revolutionären Sozialismus.


Für viele ist klar, gegen was wir kämpfen: Korruption, Krise und Kürzungspolitik; aber es kann schwerer sein, auszudrücken oder sich sogar vorzustellen, für was wir kämpfen. Konkret: Wie könnte eine neue Gesellschaft funktionieren? Wie würde unser individuelles Leben davon betroffen sein? Wie wird der Sozialismus aussehen?

Marxisten sind keine Wahrsager. Wir können die Zukunft nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen und deshalb können wir nicht sagen, wie der Sozialismus genau aussehen wird. Wenn wir zum Beispiel über die Familie im Sozialismus sprechen, sagt Engels „[die Ordnung der Geschlechterverhältnisse im Sozialismus] wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlecht [lies: Generation] herangewachsen sein wird […]. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen – Punktum.“ Die Gesellschaft wird nicht von den Spekulationen vergangener Generationen gestaltet, sondern durch die Entscheidungen und Taten der Gegenwart.

Nichtsdestotrotz ist es doch möglich einige Schlussfolgerungen zu ziehen, wie der Sozialismus aussehen wird, da Marxisten wissenschaftliche Sozialisten sind, die eine materialistische Analyse auf die Entwicklung von Geschichte und Gesellschaft anwenden. In anderen Worten, wir können Hypothesen aufstellen über die Zukunft, basierend auf Anhaltspunkten aus der Vergangenheit und Gegenwart. Dies ist keine exakte Wissenschaft – genau wie ein Arzt nicht sagen kann, wann ein Patient sterben wird oder ein Geologe nicht das Datum des nächsten Erdbebens oder Vulkanausbruchs sagen kann, so kann ein Marxist nicht exakt vorhersagen, wann eine Revolution ausbrechen wird oder welche spezifische Form sie annehmen wird. Aber genau so wie man durch das betrachten eines Kindes ungefähr sagen kann, was für eine Art Erwachsener er oder sie möglicherweise wird, können wir durch das Betrachten der kapitalistischen Gesellschaft sehen, wie eine mögliche sozialistische Gesellschaft aussehen wird.

Schon jetzt können wir den Keim des Sozialismus im Kapitalismus sehen. Indem wir untersuchen, was für Widersprüche und Hürden der Kapitalismus – ein System des Privatbesitzes und der Produktion für Profit – der Gesellschaft aufbürdet, können wir sehen, was die Möglichkeiten für eine zukünftige, sozialistische Gesellschaft sein könnten; eine Gesellschaft, in der diese Hürden überwunden sind und in der die Produktion sich nach den Bedürfnissen der Menschen richtet.

Eine Wirtschaft ohne Profit

Wirtschaftliche Entwicklung ist die materielle Voraussetzung für die Entwicklung aller anderen Aspekte der Gesellschaft. Ohne eine genügende Entwicklung der Produktivkräfte – der Industrie und der Landwirtschaft; der Technologie und der Technik – wird eine Gesellschaft nicht über die materiellen Bedingungen verfügen und die nötigen Mittel, um auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst, Kultur, Philosophie etc. voran zu kommen. Dies ist der fundamentale Grundsatz der marxistischen – also der materialistischen – Sicht der Geschichte.

Der Kapitalismus ist aufgrund seiner Widersprüche und der daraus resultierenden Anarchie und Ineffizienz nicht länger imstande, diesen grundlegendsten Aspekt der Gesellschaft zu entwickeln. Milliarden Pfund, Dollar, Euro, Franken etc. sind im Crash von 2008 verloren gegangen. Dieser wurde nicht durch individuelle Gier oder eine falsche Ideologie verursacht, sondern durch die inhärenten Mechanismen des Kapitalismus selbst. Es folgte eine Stagnation der wirtschaftlichen Produktivkräfte auf globaler Ebene. Dies hat viele Länder in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung um Jahre oder gar Jahrzehnte zurückgeworfen – in Großbritannien zum Beispiel bleiben die wirtschaftlichen Investitionen 25% unter den höchsten Werten vor der Krise.

Der Kapitalismus ist unfähig, die Produktivkräfte in ihrem ganzen Potential zu entwickeln. Die Kapazitätsauslastung der Produktivkräfte in entwickelten Ländern liegt im Moment bei 70-80% und das sogar nach der Schließung weiter Teile der Produktion und dem Verlust von Millionen von Stellen. Quer durch die Welt steht die durchschnittliche Kapazitätsauslastung bei 70%. Dies bedeutet, dass wir im Moment die Fähigkeit hätten, den globalen wirtschaftlichen Output um fast 50% zu erhöhen, einfach durch die Nutzung der existierenden Kapazität der Wirtschaft. Aber obwohl Leute auf der ganzen Welt dringend Essen, Unterkunft, Gesundheitsversorgung und andere grundlegende Güter benötigen, wird diese Kapazität nicht ausgeschöpft. Tatsächlich sprechen viele bürgerliche Ökonomen heute von Überkapazität – das bedeutet, dass die Wirtschaft fähig ist, viel mehr zu produzieren, als sich am Markt verkaufen lässt – also zu viel. Daher müsse noch mehr gekürzt werden, deshalb die Schließungen und Stellenverluste.

Der Grund für diesen Widerspruch ist der Profit. Unter dem Kapitalismus wird die Wirtschaftskraft der Gesellschaft nur benutzt, um Güter zu produzieren, welche für Profit verkauft werden können; wenn kein Profit erzeugt werden kann, wird nichts produziert. Die Besitzer der Produktionsmittel würden eher ihre Geschäfte ungenutzt lassen als mit Verlust zu produzieren, sogar wenn die Dinge, die produziert werden würden, verzweifelt gebraucht würden. Die kapitalistische Wirtschaft wird vom Profit und nicht vom Bedarf regiert und aus diesem Grund ist sie höchst ineffizient darin, den Bedarf der Gesellschaft zu decken, entgegen dem was die Verteidiger des Kapitalismus behaupten. Uns wird oft gesagt, dass der Kapitalismus das effizienteste aller Wirtschaftssysteme sei – doch wenn das wahr wäre, warum stehen dann Fabriken und Büros ungenutzt und leer, obwohl sie eine Fülle an Gütern und Dienstleistungen produzieren könnten, welche die Gesellschaft braucht?

Ohne Profit als Hauptziel der Wirtschaft, könnten wir alle Produktionsmittel in ihrem vollen Umfang nutzen, um die Bedürfnisse aller zu decken. Diese Idee einer Wirtschaft, die nicht durch Profit bestimmt wird, gibt uns einen ersten Eindruck, wie der Sozialismus aussehen wird.

Kapitalismus = Armut inmitten von Überfluss

Die globale Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 200 Millionen; aber in Wirklichkeit liegt die Zahl der Arbeitslosen oder Unterbeschäftigten näher bei einer Milliarde. Diese Leute sind weder ohne Beschäftigung, weil sie unfähig sind zu arbeiten, noch weil es keine Arbeit gibt, die getan werden muss, sondern einfach weil es nicht profitabel ist, sie anzustellen.

Währenddessen zeigen Statistiken von 2012, dass 24% der Menschen in Großbritannien zwei Jobs haben, wovon 90% den zweiten Job brauchen, weil das Einkommen von nur einem Job nicht ausreicht. 2012 gab es einen Anstieg von 37.4% an Menschen, die Rekrutierungswebsites beigetreten sind um nach einem Zweitjob zu suchen. Mit Inflation, Lohnstopps und Niedriglöhnen ist dies ein Trend, der sich in der Zukunft fortsetzen wird. Es ist ein eklatanter Widerspruch des Kapitalismus, dass manche Menschen gezwungen sind, für zwei Jobs zu arbeiten, während Millionen arbeitslos bleiben – eine Absurdität geboren aus der Jagd nach Profit.

Ohne die Hürde des Profits könnte diesen arbeitslosen und unterbeschäftigten Menschen ein produktiver Job gegeben werden. Jeder wäre imstande, zu besseren Bedingungen in nur einem Job zu arbeiten und genügend Menschen wären übrig, um viele weitere Jobs zu schaffen. Dadurch würden die Produktivkräfte zusätzliche menschliche Arbeit erhalten und der wirtschaftliche Ertrag würde drastisch erhöht.

Es gibt weitere absurde Widersprüche dieser Art unter dem Kapitalismus. 6.500 Menschen allein schlafen auf Londons Straßen, ein Anstieg von 77% seit 2010. Die amtliche Zahl der als obdachlos gemeldeten Haushalte ist in England um 26 Prozent auf 111.960 gestiegen. Aber zur selben Zeit gibt es laut Regierungsangaben 610.000 leerstehende Wohnungen in England. Warum gibt es eine steigende Zahl von Obdachlosigkeit neben einer steigenden Zahl leerstehender Häuser? Häuser werden nur an Menschen verkauft oder vermietet, die es sich leisten können, dafür zu bezahlen, unabhängig davon, ob sie einen Ort zum Leben brauchen. Für die Kapitalisten ist es eine Frage des Profits, nicht des Bedarfs.

Dieser Widerspruch wird ergänzt durch Orte wie der Bishop’s Avenue in London, der zweitteuersten Straße in Großbritannien, wo ein Drittel der Wohnungen leer steht. Manche von ihnen sind baufällig geworden, weil sie für 25 Jahre unbewohnt blieben. Diese Häuser werden als Spekulationsobjekte genutzt, nicht als Heim für Menschen, um darin zu leben. Da sind 350 Millionen Pfund an Besitz, die in ein Ödland verwandelt wurden – das Resultat einer Wirtschaft, die auf Profitstreben basiert.

Solch eine profitorientierte Wirtschaft steht auch einer technologischen Entwicklung und dem Einsatz von Maschinen im Weg. Maschinen kaufen keine Waren, und deshalb muss die Bourgeoisie, wenn sie einen Markt für ihre Produkte haben will, eine bestimmte Anzahl an Menschen als Arbeiter anstellen. Im Kapitalismus führt der Einsatz von Maschinen und Technologie dazu, dass Arbeit ausgelagert wird, was in (technologisch bedingter) Massenarbeitslosigkeit für manche und intensiver Überarbeitung für die Übriggebliebenen resultiert. Ohne Profitzwang könnten Maschinen entwickelt werden, um die gefährlichen und dreckigen Jobs zu erledigen, die niemand anderes machen möchte, was wiederum Arbeitszeit spart und den Menschen die Möglichkeit gibt, sich mit anderen wirtschaftlich produktiven Tätigkeiten zu beschäftigen, sowie die wöchentliche Arbeitszeit zu reduzieren und dadurch echte Freizeit zu ermöglichen. Die erzwungene Untätigkeit der Arbeitslosigkeit (oder Unterbeschäftigung), welche wir unter dem Kapitalismus sehen, würde ersetzt durch freiwillige Freizeit.

Der Profit steht im Kapitalismus der sinnvollen Verteilung und der Produktion von Gütern im Weg. Die berühmt-berüchtigten „Berge“ und „Seen“ von überschüssigen Nahrungsmitteln, die in der EU produziert werden, sind nur die Spitze des Eisberges. Während sich diese überschüssigen Nahrungsmittel auftürmen und die Landwirtschaftspolitik der EU benutzt wird, um Bauern dafür zu bezahlen, nicht zu produzieren, sterben jedes Jahr sechs Millionen Kinder an Unterernährung. Es gibt keinen logischen Grund, fruchtbares Land in manchen Ländern nicht zu nutzen, um Nahrung zu produzieren, um sie an Menschen in kargeren Umgebungen zu verteilen. Der einzige Grund es nicht zu tun ist, weil es nicht profitabel ist und weil die enorme Hürde der Nationalstaaten eine echte internationale Lösung verhindert. Im Kapitalismus wird es vorgezogen, Nahrungsmittel zu verschwenden, als jene zu ernähren, die sie am dringendsten benötigen.

Dieser Artikel ist der erste Teil einer vierteiligen Serie zum Thema „Wie wird der Sozialismus aussehen?“

Teil II - Teil III - Teil IV

 

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