Kategorie: Antifaschismus

Rassismus als Spaltungsmechanismus

Seit Ausbruch der Systemkrise erlebt der Rassismus einen gesellschaftlichen Boom. Wir analysieren die soziale Funktionsweise und liefern eine Perspektive dafür, wie er nachhaltig bekämpft werden kann.

Bild: derfunke.at


Die Geburt des auf Hautfarben abzielenden Rassismus ist auf das Engste mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise verbunden. Er entstand während einer Schlüsselphase in der Entwicklung des Kapitalismus zur weltweit herrschenden Produktionsweise, der „Ursprünglichen Akkumulation“. Zur Errichtung kolonialer Plantagen in der Neuen Welt ab dem 17. Jahrhundert wurden dort aus Afrika importierte schwarze Sklaven ausgebeutet. Sie produzierten Konsumgüter und industrielle Rohstoffe für den Weltmarkt.

In der mündlichen Überlieferung taucht dieser Rassismus im Barbados des 17. Jahrhunderts auf und kristallisierte sich druckschriftlich im Großbritannien des 18. Jahrhunderts als die Ideologie der Plantagenaristokratie. Er strömte dann in die anderen europäischen Kolonialmächte wie Frankreich. Dort sowie in Großbritannien entwickelte er sich zur Ideologie der herrschenden Klasse. So behauptete Voltaire, einer der einflussreichsten Aufklärer, dass „die Rasse der Neger […] nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen“. Dieser Rassismus ist die Konsequenz neuzeitlicher Sklaverei. Das wirft jedoch die Frage auf, warum dieser Rassismus nicht schon bei den Sklavenhaltern der Antike entstand.

Die Antwort: Die kapitalistische Produktion fußt im Gegensatz zur vorkapitalistischen auf der Ausbeutung von freier (Lohn-)Arbeit. Es ist nicht die rechtliche und politische Unterordnung der Arbeiter unter die Kapitalisten, die die Basis der kapitalistischen Ausbeutung ausmacht, sondern ihr Ausschluss von den Produktionsmitteln und dem daraus resultierenden Verkauf ihrer Arbeitskraft.

Beide sind also auf dem Arbeitsmarkt als rechtlich gleiche Kontrahenten miteinander konfrontiert. Die Arbeiter sind dabei frei, ihre Arbeitskraft nicht zu verkaufen. Allerdings bleibt die Tatsache, dass sie dazu ökonomisch gezwungen sind, um etwas zum Essen, Trinken, Anziehen, Wohnen etc. kaufen zu können. Dieser Widerspruch zwischen der formellen Gleichheit und der materiellen Ungleichheit von Kapitalisten und Arbeitern ist das grundlegende Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft. Jedoch profitierte der Kapitalismus gleichzeitig von kolonialer Sklaverei. Diese Beziehung bestand im Zeitalter der Industriellen Revolution weiter, z. B. in der englischen Textilindustrie, die Baumwolle von Sklavenhalterplantagen bezog.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus wurde Sklavenarbeit jedoch immer mehr zu einer widersprüchlichen Ausnahme, die eine Erklärung erforderte. So etablierte sich die Idee, dass Schwarze (oder andere „Rassen“) „Untermenschen“ (oder gar keine richtigen Menschen) seien und deshalb nicht den gleichen Status verdienten. Der Rassismus diente dabei vor allem zur Delegitimierung von kolonialen Sklavenaufständen.

Soziale Funktionen

Mit dem Verbot der Sklaverei kam es zu keinem Ende des Rassismus. Er blühte sogar immer mehr auf. Zwischen 1840 und 1940 kam es zu einer wahren publizistischen Explosion einer Rassenmythologie in den imperialistischen Nationalstaaten. Sie vermengte sich mit einer pseudo-wissenschaftlichen Rassenbiologie, die eine vulgäre Version von Darwins natürlicher Selektion darstellte.

Diente der Rassismus ursprünglich zur Legitimierung von Sklaverei im aufkommenden Kapitalismus, bekam er mit ihrer offiziellen Abschaffung die Funktion, die Beherrschung der Welt durch den westlichen Imperialismus. Rassismus legitimierte äußerst ausbeuterische Lohnarbeitsverhältnisse sowie Rohstoff- und Landraub zugunsten des Kapitals in den Kolonien. Dabei kam es im Wettstreit der Großmächte zu einer Vermischung des Rassismus mit ihrem imperialistischen Nationalismus, indem die Rassentheoretiker die „Rassenreinheit“ der jeweils eigenen Nation beanspruchten.

Heute bedient sich der Imperialismus nicht mehr eines offen biologistischen Rassismus. Die globalen imperialistischen Raubzüge werden nun mit dem „Export von Demokratie, Rechtstaat und den europäischen Werten der Aufklärung“ in noch nicht so „weit entwickelte“ Gesellschaften gerechtfertigt. Die „unterentwickelten“, vor allem muslimisch geprägten Kulturen sind zu „zivilisieren“ und vom islamistischen Terrorismus zu „befreien“. Besonders die Interventionen der USA und ihrer Verbündeten in Irak und Afghanistan, beide äußerst rohstoffreich, standen unter dem Banner dieser Propaganda.

Rassismus dient jedoch nicht nur zur Rechtfertigung der (tatsächlichen oder geforderten) globalen Vorherrschaft der nationalen Kapitalfraktionen der einzelnen imperialistischen Mächte. Er hat auch eine stabilisierende Funktion in ihrem Inneren. Die ökonomische Konkurrenz der Arbeiter im täglichen Kampf um Lohn, Brot und Arbeitsplätze ist die materielle Grundlage für Rassismus. Im Kapitalismus gibt es unterschiedliche Produktionszweige und -phasen mit unterschiedlicher Arbeitsintensität und unterschiedlichen notwendigen Qualifikationsniveaus der Arbeiterschaft. Das erfordert eine spezielle Anpassung der Arbeiter, die vom Arbeitsmarkt durch unterschiedliches Einkommen reflektiert wird.

Wenn diese Gruppen von Arbeitern dann eine unterschiedliche Nationalität und/oder Hautfarbe haben, deshalb vielleicht auch verschiedene Sprachen und Traditionen, existiert das Potenzial für die Entwicklung rassistischer Spaltungen zwischen ihnen. Dazu muss der Rassismus nicht einfach eingetrichtert werden, so als würden einige schlimme Propagandisten reichen, um Rassisten heranzuziehen. Vielmehr drängt er sich den Beschäftigten jeden Tag auf: Im Betrieb und auf der Arbeitssuche herrschen Konkurrenz und Ausdifferenzierung zwischen den Arbeitern, verbunden mit einer permanenten Furcht vor einer möglichen Verschlechterung der materiellen Lebensverhältnisse.

Der Kapitalismus mit seiner Lohnkonkurrenz bietet zwar die materielle Basis für den Rassismus unter den Arbeitern, jedoch ist er kein Produkt der Arbeiterbewegung. Alle rassistischen Theoretiker waren Adelige oder (Klein)Bürgerliche mit einem klaren antiproletarischen Klassenstandpunkt. Sie sind es auch heute noch wie z. B. der Ex-Banker Thilo Sarrazin oder der Publizist Götz Kubitschek. Vor allem die revolutionären Teile der Arbeiterbewegung positionieren sich gegen jegliche Spaltung der Arbeiterschaft. Denn die herrschende Klasse benutzt den Rassismus bewusst, um die Arbeiter voneinander zu trennen, sie dadurch in den Klassenkämpfen des Kapitalismus zu schwächen und so politisch kontrollierbarer zu machen. Das geschieht durch eine offene und aktive Organisierung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse.

Dabei ist der Rassismus für die Arbeiterschaft äußerst verführerisch. Er bietet den Arbeitern der unterdrückenden „Rasse“ oder „Kultur“ eine imaginäre Kompensation für die Ausbeutung und Demütigung, die sie im kapitalistischen Alltag erleiden. Er konstruiert eine vermeintliche Zugehörigkeit zum herrschenden, „aufgeklärten“, „zivilisierten“ Teil der Gesellschaft. Er schafft eine Identität von „rassisch“ bzw. „kulturell gleichen“ Arbeitern und Kapitalisten. Er suggeriert gemeinsame Interessen dieser beiden Klassen und wirkt so systemstabilisierend. Statt des Klassenkampfes propagiert der Rassismus eine Klassenneutralität, eine Gemeinschaft der „Inländer“, der „Ehrlichen“, der „Fleißigen“, der „Steuerzahler“. So scheinen „Fremde“, der „Asylant“, der „Sozialschmarotzer“ Schuld an schlechten Arbeitsbedingungen, Lohnsenkungen, Sozialabbau und Stellenverlust zu haben.

Das öffnet der Durchsetzung allgemeiner Einsparungen im öffentlichen Gesundheits- und Sozialsystem zulasten der Massen Tür und Tor. Angesichts sinkender bzw. stagnierender Reallöhne wollen immer mehr Arbeiter „Schmarotzer“ und „Fremde“ nicht mit ihren Steuern und Abgaben finanzieren. Dabei wird leicht übersehen, dass angesichts der schweren Systemkrise mit ihrer wachsenden Massenarbeitslosigkeit es eher früher als später einen selbst treffen könnte.

Kein Wunder also, dass der Rassismus besonders in Krisenzeiten boomt. Seit Beginn der schwersten Krise des Kapitalismus mit dem Jahr 2007 kommt es in einigen Ländern zu einer wahren Explosion dieser Ideologie, besonders dort, wo es an linken politischen Alternativen mangelt. Doch dieser Rassismus argumentiert überwiegend nicht mit der biologischen Überlegenheit einiger Rassen, sondern mit kulturellen Unterschieden ethnischer Gruppen.

Die Idee des kulturellen Unterschiedes dient als konventioneller Deckmantel. Oft bedeutet dabei der Gebrauch scheinbar unschuldiger Wörter in öffentlichen Äußerungen einen verschlüsselten Appell an üble rassistische Haltungen. So suggerieren die Begriffe „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“, dass Menschen, die vor Verfolgung, Ermordung und Hunger flüchten, eine Naturkatastrophe und damit eine Gefahr seien. Drittens schließen die „kulturellen“ oder „ethnischen Identitäten“, die in „freundlichen“ Diskussionen den Begriff „Rasse“ ersetzen, immer mehr die üblen, stereotypen Charakteristika des altmodischen Rassismus ein.

„Moral“ oder „Kultur“ werden als Schicksal aufgefasst, dem man nicht entrinnen könne. Obwohl als Produkt der Geschichte anerkannt, seien sie durch menschliches Handeln nicht mehr oder nur schwer zu ändern. Wenn überhaupt, könnten sie nur durch konsequente „Erziehung“, „Bildung“ und „Vermittlung europäischer Werte“ unter Anleitung des „zivilisierten Westens“ verändert werden. Dabei dominiert immer mehr die Idee der Unmöglichkeit des Zusammenlebens von „Europäern“ und „Nicht-Europäern“ in derselben Gesellschaft, und das nicht nur bei Neofaschisten oder Rechtsextremen, sondern zieht sich weit in konservative und liberale politische Strömungen. Obergrenzen, Asyl auf Zeit, militärischer Grenzsicherung und Abschiebungen. Das sind alles Positionen und Praktiken, die auch in der sogenannten politischen Mitte vertreten um umgesetzt werden.

Im Westen sind heutzutage Antimuslimischer Rassismus bzw. Antimuslimismus besonders intensiv genutzte Spaltungsmittel. Der Islam und die Muslime halten als Sündenböcke für all die Barbarei der herrschenden Verhältnisse her. In freiheitlicher Diktion heißt das dann „Stopp der Überfremdung“. Das Ziel ist dasselbe – die Einwanderung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu erschweren bzw. zu verhindern. Untermauert wird diese vermeintliche Unvereinbarkeit der Kulturen durch Straftaten, die zum Großteil aufgebauscht oder sogar erfunden sind. Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus wird durch den Rassismus von einem systemischen Problem zu einer Verschwörung einer „fremden“ Personengruppe konstruiert. Dabei reiche es zur Problemlösung, die Personengruppe bei gleichzeitigem Erhalt der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu beseitigen. Daher blüht er vor allem in der Systemkrise und der mit ihr verbundenen Zunahme von Verteilungskämpfen auf.

Die Linke und der Antirassismus

In vielen Teilen der Linken ist die traditionelle (links-)liberale Sichtweise verankert, dass Rassismus eine Frage der Einstellung sei. Sie versuchen, ihn mit moralischen Appellen zu bekämpfen. Eng damit verbunden ist die Ansicht, dass Rassismus ein Bildungsproblem sei. Beides stimmt nicht. Das Aufzeigen seiner Unwissenschaftlichkeit oder Bildungsarbeit zum Abbau von Vorurteilen sind zwar im Kampf gegen ihn hilfreich, zu seiner Überwindung jedoch nicht ausreichend.

Um das zu erreichen, müssen seine tatsächlichen Ursprünge und sozialen Funktionen benannt und bekämpft werden: Rassismus dient der Unterdrückung und gleichzeitigen Spaltung der Unterdrückten. Er ist ein Produkt der Klassengesellschaft mit seiner ausbeuterischen Sozialstruktur und seinen systematischen Ungleichheiten in der Vermögensverteilung und den Lebensmöglichkeiten. Menschen bleiben bzw. werden Rassisten, solange sie davon materiell profitieren oder davon überzeugt sind, dies zu tun.

Andererseits ist in immer mehr Schichten der Arbeiterklasse das Bewusstsein vorhanden, dass „die da oben” ihre Gegner sind, besonders in der heutigen Periode der Systemkrise mit ihrer immer stärker werdenden Offensive des Kapitals gegen den Lebensstandard der lohnabhängigen Massen. Gleichzeitig gibt es rassistische Vorurteile in der Arbeiterschaft. Diese werden jedoch zurückgedrängt, wenn sich soziale Konflikte entwickeln. Die Streiks und Demonstrationen der letzten Jahre in Spanien, Griechenland, Portugal oder Italien und insbesondere die Black Lives Matter Bewegung in denen in- und ausländische, hell- und dunkelhäutige Arbeiter und Jugendliche gemeinsam auf die Straße gingen und Seite an Seite kämpften, sind die jüngsten Beispiele dafür.

Rassismus kann nur mit der Aufhebung des Kapitalismus endgültig überwunden werden. Die Überwindung der kapitalistischen Ausbeutungs- und Konkurrenzgesellschaft liefert die materielle Grundlage dafür, die Pest des Rassismus vollständig auszurotten. Denn in einem System, in dem die materiellen Lebensgrundlagen in der Hand der Gesellschaft sind, in dem die Früchte der Arbeit allen zugutekommen, in dem alle wirtschaftlichen und sozialen Fragen demokratisch entschieden werden, gibt es keine Ausbeuter und Ausgebeuteten oder Unterdrücker und Unterdrückten mehr. Verteilungskämpfe zwischen Individuen bzw. Gruppen hören auf zu existieren. In so einem System wären Vorurteile und Rassismus nicht überlebensfähig. Deshalb muss ein nachhaltiger Antirassismus gleichzeitig mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden sein.

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