Kategorie: Antifaschismus

Vorabdruck: Hermann Frieb und Gruppe „Neu Beginnen“

Zu Unrecht ist heute zur Gruppe „Neu Beginnen“ sowie über ihren wichtigsten Kämpfer gegen den Faschismus in München, Hermann Frieb, kaum mehr etwas bekannt. In München erinnert lediglich der Name einer Realschule am Münchner Hohenzollernplatz an Hermann Frieb, nach welchem sie benannt ist. Wir wollen diesen mutigen Kämpfer gegen den Faschismus vor dem Vergessen bewahren.

Bild: derfunke.at


Dazu veröffentlichen wir diesen Auszug als Vorabdruck aus dem Buch „Skizzen – Arbeiterwiderstand in Südbayern gegen das Naziregime“ von Max Brym. Das Buch erscheint im Herbst dieses Jahres.

Die Kapitulation der Sozialdemokratie vor dem Faschismus

Die deutsche Sozialdemokratie lehnte bekanntlich am 30. Januar 1933 den Generalstreik gegen die Regierung Hitler ab. Die SPD begründete dies mit dem Argument, „Hitler sei legal zur Macht gekommen“, und „erst, wenn er die verfassungsmäßige Ordnung infrage stellt“, könne gekämpft werden. Das war nackter und offener Verrat an der Arbeiterklasse in Deutschland sowie eine mehr als blamable und letztendlich tödliche Unterschätzung des Faschismus. Viele einfache sozialdemokratische Arbeiter aus dem „Reichsbanner“ (hauptsächlich SPD geführter politischer Wehrverband, der 1924 gegründet wurde) waren maßlos enttäuscht. Sie unterwarfen sich allerdings aus disziplinarischen Gründen der Haltung der Gewerkschaftsbürokratie und der sozialdemokratischen Parteileitung. Das wurde erleichtert, nachdem auch die KPD einen militanten Widerstand gegen die Nazis – den nur das Politbüromitglied Hermann Remmele forderte – unterließ. Andererseits hatte sich die KPD durch ihre absurde These vom „Sozialfaschismus der SPD“ und ihrer Ablehnung der Arbeitereinheitsfront weitgehend isoliert. Die KPD war Ende 1932 eine Partei der Arbeitslosen. Nur noch 11 Prozent der KP-Mitglieder arbeiteten in den Betrieben.

Nun aber zurück zur Sozialdemokratie. Besonders passiv verhielt sich die sozialdemokratische Parteiführung unter Erhard Auer in Südbayern. Nachdem am 9. März 1933 die konservative Regierung von Heinrich Held (Bayerische Volkspartei, BVP) im Rahmen der so genannten „Gleichschaltung der Länder“ abgesetzt wurde, unterblieb weiterhin größerer Widerstand durch die sozialdemokratische Partei. Am gleichen Tag wurde das Gewerkschaftshaus in München den Nazis ausgeliefert, obwohl die Arbeiter in München kampfbereit waren. Der große Funktionärsstamm der SPD war völlig überaltert und neigte zur Passivität bei Beibehaltung bestimmter Illusionen bezüglich der Lebensfähigkeit des Faschismus. Auch am 1. Mai 1933 forderte die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in Bayern die Gewerkschaftsmitglieder auf, an der Mai-Kundgebung der Nazis teilzunehmen. Diese Passivität sowie die Anbiederungsversuche der SPD-Parteileitungen frustrierten viele jugendliche Anhänger der SPD. Aber sie unterwarfen sich mehrheitlich nicht dem Nazisystem.

Die Gruppe „Neu Beginnen“ oder die SPD geht nach „links“

Das „Prager Manifest“ wurde im Jahre 1934 von der Auslandsleitung der SPD, die sich im Prager Exil „SoPaDe“ nannte, veröffentlicht und rief zum revolutionären Sturz des Regimes in Deutschland auf. Das Manifest gelangte über die illegale Zeitschrift „Sozialistische Aktion“ nach Südbayern. In Anlehnung an das Kommunistische Manifest von 1848 war zu lesen: „Deutsche Arbeiter, ihr habt nur die Ketten Eurer Knechtschaft zu verlieren, aber die Welt der Freiheit und des Sozialismus zu gewinnen. [...] Durch Freiheit zum Sozialismus, durch Sozialismus zur Freiheit! Es lebe die deutsche revolutionäre Sozialdemokratie, es lebe die Internationale!“ Allerdings war die SPD trotz des revolutionär klingenden Programms gespalten. Auch wenn das Programm mit seinem Aufruf zum revolutionären Umsturz eine Abkehr vom kompromissbereiten sozialdemokratischen Kurs signalisierte, gelang es der „SoPaDe“ nicht, alle Gruppen innerhalb der Sozialdemokratie zu überzeugen.

Die Haltung der innerparteilichen Linksopposition, zum Beispiel der Gruppe „Neu Beginnen“, der „Revolutionären Sozialisten“, welche sich eng an die große linke Opposition in Österreich nach den Februarkämpfen 1934 anlehnten, oder des „Rote Stoßtrupp“, blieben skeptisch. Im Jahr 1934 versuchten die drei genannten Gruppen, durch die Gründung eines „Geheimen Kartells“ die Führung der deutschen Sozialdemokratie im Exil zu übernehmen. Sie wollten den Prager Exilparteivorstand ablösen und Zugriff auf das teilweise ins Ausland gerettete Parteivermögen gewinnen. Völlig zu Recht betrachtete die Linksopposition das „Prager Manifest“ als revolutionäres Lippenbekenntnis, das keinesfalls als das sozialdemokratische Revolutionsprogramm gelten konnte, für das viele es hielten. Zwar wurde ein revolutionärer Umsturz gefordert, doch anschließend sollte der – verbesserte – bürgerliche Staat wiederhergestellt werden, sodass der Revolutionsbegriff des Manifests in den Augen der Linken wenig mit dem marxistisch geprägten Revolutionsbegriff dieser Zeit gemein hatte. Die Linke forderte klar und offen die „Diktatur des Proletariats“.

Am wichtigsten war die kleine Organisation „Neu Beginnen“ (NB), auch „Leninistische Organisation“ (ORG oder LO) oder „Miles-Gruppe“ genannt. NB war eine konspirative, am Marxismus orientierte Kleinorganisation in der Weimarer Republik. Ihre rund hundert Mitglieder in Deutschland konnten sich den Schlägen der NS-Diktatur im Frühjahr 1933 zunächst weitgehend entziehen. Bis 1935 wuchs die Gruppe auf ca. 500 Mitglieder an. Vor allem in Berlin und Süddeutschland spielte die Gruppe eine wesentliche Rolle bei der Organisierung des linkssozialdemokratischen Widerstandes. Die seit 1933 „Neu Beginnen“ (NB) genannte Gruppe publizierte zwei von Walter Loewenheim verfasste, in Widerstands- und Exilkreisen breit diskutierte Manifeste, „Pfingstthesen“ und „Neu Beginnen. Faschismus oder Sozialismus. Diskussionsgrundlage zu den Streitfragen des Sozialismus in unserer Epoche“, in denen ihr Programm und ihr Führungsanspruch innerhalb der deutschen Arbeiter- und Widerstandsbewegung formuliert war. Man berief sich darin auf ein „Versagen von SPD und KPD“ und hob das eigene funktionsfähige, konspirative Mitgliedernetz in Deutschland hervor, dessen Führung nur aktive Kämpfer bilden könnten. Es wurde der völlige Bruch mit der Vergangenheit gefordert: Zur Erneuerung seien nur die jüngeren, energischeren Kräfte in der Lage.

Loewenheim kritisierte die „Unterwerfungspolitik“ der SPD am Ende der Weimarer Republik. Er kritisierte ebenfalls die „Wahnsinnspolitik“ der KPD, die er, wie auch die stalinistische Komintern (3. Internationale), für die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Faschismus verantwortlich machte. Der Kampf gegen das Regime würde länger dauern. Loewenheim forderte den Schutz der Kader und den vorsichtigen Aufbau einer Kaderorganisation. In einer seiner Schriften heißt es: „Der Kampf gegen den deutschen Faschismus wird weder in Paris und Prag noch in der Schweiz und Saarbrücken entschieden. Er muss in den deutschen Fabriken, Städten und Dörfern geschlagen werden. Die nächste große Aufgabe, der erneuerten Partei ist die Sammlung aller deutschen Organisationen, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen und ihr Zusammenschluss in einer kampfgewillten und kampffähigen Einheitsfront“.

In der Gruppe „Neu Beginnen“ wurde intensiv Lenins Schrift „Was tun?“ gelesen. Geleitet wurden die „Revolutionären Sozialisten“ und „Neu Beginnen“ in Südbayern von dem „Roten Baron“ Waldemar von Knoeringen. Offiziell war er Beauftragter der Exil-SPD, aber er arbeitete eng mit Beppo Wagner in Augsburg und Herman Frieb (von der Gruppe NB) in München zusammen. Auch andere Städte Südbayerns erreichten die Schriften der „Miles-Gruppe“. Diese wurden privat gelesen und „auf unauffälligen Spaziergängen“ – wie es in einem Gestapo-Bericht heißt – diskutiert. Der Kreis um Georg Schenk in Burghausen (Schenk ist Ehrenbürger von Burghausen) las Schriften von Lenin. In mündlichen Überlieferungen wird berichtet, dass sich Schenk mehrmals mit Waldemar von Knoeringen traf. Dafür gibt es allerdings keinen wirklichen Beweis. Schenk stritt das aus verständlichen Gründen gegenüber der Gestapo ab. Es wurden aber bei seiner Verhaftung 1935 die Schriften von NB gefunden. Auch einige Werke von Lenin. 1935 kam Schenk für zwei Jahre nach Dachau.

Der Konflikt zwischen Hans Dill und Waldemar von Knoeringen

Die SPD hatte ähnlich wie die KPD Illusionen über die Dauer und die Festigkeit der faschistischen Diktatur. Der für Nordbayern zuständige ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete und Reichstagsabgeordnete Hans Dill war der Typ des älteren, aber widerstandsbereiten Kreises von SPD-Funktionären. In der Emigration hatte er öfter Differenzen mit Waldemar von Knoeringen. Dill setzte auf den massiven Vertrieb der illegal nach Bayern eingeschleusten Zeitung „Sozialistische Aktion“, wohingegen Knoeringen vor „Verlusten und Gestapo-Zugriffen bei der Verbreitung der Zeitung“ warnte. Nach der Konzeption des „Roten Barons“ sollten hauptsächlich theoretische Schriften bzw. Schulungsmaterial zur Verteilung kommen, „um die Mitglieder bei der Stange zu halten und sie zu bilden.“ Dill hingegen, welcher aus der SPD-Hochburg Nürnberg stammte, vertrat eine andere, scheinbar offensivere Herangehensweise. Dill war von 1919 bis 1932 Abgeordneter im bayerischen Landtag. Zeitweise bekleidete er innerhalb der SPD-Fraktion im Landtag den Posten eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden.

Anlässlich der Reichstagswahl vom September 1930 wurde Dill als Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Das wiederholte sich bis zum März 1933. Er vertrat dort den Wahlkreis 26 (Franken). Hans Dill stimmte im März 1933 gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz. Im Frühjahr 1933 emigrierte Dill in die Tschechoslowakei. Seit Frühjahr 1933 gehörte er dem Exil-Vorstand der SPD in Prag an. Für diesen betätigte er sich von 1933 bis 1936 als Grenzsekretär für Nordbayern. Er war zuständig für die Organisation der Einschleusung von Propagandamaterial in dieses Gebiet zur Aufklärung der dortigen Bevölkerung über Vorgänge, die in den gleichgeschalteten deutschen Medien verschwiegen wurden, sowie die Organisation des Austausches von Informationen zwischen den Anhängern der Sozialdemokratie im Reichsgebiet und der Exil-SPD. Aber immer wieder kam es zu Differenzen mit dem für Südbayern zuständigen Sekretär Waldemar von Knoeringen. Letzterer wurde von Karl Frank, Sekretär der Gruppe „Neu Beginnen“ in Wien, angeleitet. Die Differenzen bezogen sich offiziell nur auf die Art und Weise der Widerstandstätigkeit. Wobei der „Rote Baron“ nichts gegen die nächtlichen Aktionen der tapferen Jugend hatte, aber sehr wohl etwas gegen die massive Verbreitung der Zeitungen. Außerdem spielte der Altersunterschied zwischen Dill (geb. 1887) und Knoeringen (geb. 1906) eine nicht zu unterschätzende Rolle. Dill war jede Art von Abweichung von der Linie fremd und des Öfteren warf er den Südbayern „Linksradikalismus“ vor, ohne allerdings über die Tätigkeit von „Neu Beginnen“ genau Bescheid zu wissen. „Neu Beginnen“ betrachtete sich selbst als „Avantgarde des Proletariats“.

Hermann Frieb kehrt nach München zurück

Der 1909 in der Nähe von Rosenheim geborene Hermann Frieb war der letzte Leiter der sozialistischen Studenten an der Münchner Universität. Im Frühjahr 1933 wurde der österreichische Staatsbürger Frieb von den Nazis nach Österreich ausgewiesen. Ab Ende 1934 beendete Frieb allerdings sein Volkswirtschaftsstudium in Freiburg im Breisgau. Im Jahr 1935 kam Frieb nach München zurück und übernahm die Steuerberatungskanzlei seines verstorbenen Vaters in der Münchner Schellingstraße. Frieb wird in alten Erinnerungen als klein, schmächtig, und äußerst unauffällig beschrieben. Aber im Kopf des genannten waren starke marxistische Gedanken vorhanden.

Der unauffällige Steuerberater mit Anzug und Krawatte sammelte den widerstandsbereiten sozialdemokratischen Untergrund auf Basis der Linie der Gruppe „Neu Beginnen“. Frieb stellte schnell Kontakte nach Augsburg zu der Gruppe um Beppo Wagner und zu verschiedenen kleineren sozialdemokratischen Gruppen in München (hauptsächlichen Sendling und Umgebung) her. Frieb legte Wert darauf, alle Genossen mit der Schrift „Neu Beginnen“ vertraut zu machen. Gleichzeitig forderte er alle seine Kontaktgruppen auf, Lenins Schrift „Was tun?“ zu lesen. Frieb hatte Kontakte zur Gruppe der „Revolutionären Sozialisten Österreichs“ nach dem Februar 1934. Diese waren eine linke Abspaltung von der alten österreichischen Sozialdemokratie. Er kannte Personen in Salzburg sowie in Wörgl in Tirol.

Der von Frieb angeleitete sozialdemokratische Widerstand agierte äußerst konspirativ und konzentrierte sich auf Schulungen, aber auch auf die Beschaffung von Waffen für den Fall einer Krise des NS-Regimes. Frieb war ähnlich wie Waldemar von Knoeringen mit kleinen sozialdemokratischen Jugendgruppen in Rosenheim, Burghausen, Kolbermoor und Penzberg verbunden. Nach bestimmten handschriftlichen Aufzeichnungen von ehemaligen Mitgliedern der Gruppe empfahl Frieb den sozialdemokratischen Widerständlern in München, sich Hunde anzuschaffen, damit man sich unauffällig, speziell im Englischen Garten in München treffen könnte. Schriftliche Terminvereinbarungen wurden oft wie folgt getroffen: „Wir sehen uns bei Baum drei oder Baum fünf.“ Diese Kommunikation brachte die Gestapo in München im Wittelsbacher Palais öfters zur Verzweiflung.

Mit dem Beginn seiner Arbeit legte Frieb Wert darauf, keinen Kontakt mit der illegalen KPD-Leitung zu unterhalten. Dies nicht, weil er die Zusammenarbeit ablehnte, sondern weil er davon ausging, dass die KPD ein ausgesprochenes Spitzelproblem habe. Damit lag er wie oben beschrieben richtig. Immer wieder versuchte Frieb, einzelne sozialdemokratische Arbeiter aus den Betrieben, speziell von Agfa, für den offiziellen sozialdemokratischen Widerstand zu gewinnen. Aber immer legte er Wert darauf, dass mit der Politik und den Methoden der alten Sozialdemokratie gebrochen wird. Des Öfteren reiste Frieb in die Tschechoslowakei nach Neuern um sich mit Waldemar von Knoeringen zu treffen. Bei einem dieser Treffen war auch Hans Dill dabei. Später beschwerte sich Dill wütend über den Linksradikalismus der Südbayern beim Parteivorstand in Prag.

In den Dreißigerjahren verfasste Frieb die kurze Schrift „Der Stoßtrupp“. In der Broschüre entwickelt der Autor das, Konzept bewaffnete Fünfergruppen in jeder Orts- und Stadtteilgruppe zu bilden, um im Fall einer Krise des NS-Regimes „einen bewaffneten Stoßtrupp im Kampf gegen die Nazis bereitzuhalten“. Allen Fünfergruppen empfahl er, sich „möglichst viele Waffen zu beschaffen“, und in „ungefährlicher Umgebung Übungen abzuhalten“. In der Schrift wird dem Stoßtrupp die Funktion zugedacht, Nazifunktionäre zu verhaften und im Falle ihres Widerstandes „das Pack sofort zu liquidieren“.

Insgesamt hatte die Gruppe „Neu Beginnen“ unter der Führung von Hermann Frieb um 1940 herum zwischen 400 und 500 Leute in Südbayern und Österreich organisiert. Ab 1938 war Hermann Frieb der eigentliche Leiter der Gruppe in Südbayern und Österreich, denn Waldemar von Knoeringen emigrierte zuerst 1938 nach Frankreich, dann weiter nach England, sodass keinerlei Beziehungen mehr zu ihm bestanden. Eng arbeitete Hermann Frieb mit seiner Mutter Paula Frieb in München zusammen. Nach der Annexion von Österreich nannte sich die Gruppe „Neu Beginnen“ wie die Gruppe in Österreich „Revolutionäre Sozialisten“. Frieb war ab Frühjahr 1938 zusammen mit dem Augsburger Beppo Wagner die führende Gestalt im sozialdemokratischen – oder, um genauer zu sein, – sozialistischen Widerstand. Dies nicht nur in Südbayern, sondern auch in Salzburg und Tirol. Die kommende Partei sollte auch nicht mehr „Sozialdemokratische Partei“ heißen, sondern „Sozialistische Partei“.

Die Gruppe hatte ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Bis 1942 waren hunderte von Mitgliedern im südbayerischen Raum sowie in Salzburg und Tirol aktiv. Sie entgingen am längsten der faschistischen Verhaftungswelle. Die Sache hatte mit der konspirativen Technik der Gruppe zu tun, was aber auf der anderen Seite dazu führte, dass die Gruppe öffentlich nicht groß wahrgenommen wurde. Man orientierte sich bis ins Jahr 1941 immer noch sehr stark an der vorsichtigen Taktik, welche im Frühjahr 1933 ausgearbeitet wurde. Nach den ersten Niederlagen der Wehrmacht 1941 vor Moskau beendete die Gruppe ihre alte vorsichtige Taktik. Es wurde angenommen, dass es schon bald zu einer tiefgehenden Krise des faschistischen Regimes kommen würde. Trotz aller Kritik an den Schauprozessen der Sowjetunion in den Dreißigerjahren wurde die Sowjetunion als Arbeiterstaat angesehen und als wichtigste Stütze des Kampfes gegen den Faschismus betrachtet. Diese Einschätzung war vollständig richtig.

Dennoch wurde die Krisenanfälligkeit von Hitler-Deutschland überschätzt. Aufgrund dieser Einschätzung wurden ab Ende 1941 Sabotageaktionen speziell an Güterzügen, welche von Salzburg aus nach Italien fuhren, durchgeführt. Es gelang der Gestapo, in der Augsburger Gruppe einen Spitzel einzuschleusen, genauso wie in der Gruppe in Salzburg. In den Gestapo-Berichten ist zu lesen: „Es gibt einen aktiven Gruppenzusammenhang über verschiedene bayerische Kleinstädte über Augsburg, München nach Salzburg und Wörgl hinein“. In der Tat, die Gruppen existierten im südostoberbayerischen Chiemgau, in Nördlingen, Kempten usw. Im Wochenendhaus von Hermann Frieb in Fischen am Ammersee wurden Waffen und Munition gelagert. Dies geschah auch an anderen Stützpunkten der Gruppe. Im August 1941 wurde Hermann Frieb in die Wehrmacht eingezogen und seine Funktion als Koordinator der südbayerischen Revolutionären Sozialisten übernahm der Augsburger MAN-Betriebsarbeiter Beppo Wagner.

Im Januar 1942 begann die Gestapo mit der Zerschlagung der Salzburger Gruppe der „Revolutionären Sozialisten“. Ab Mitte April 1942 rollte die Polizei in München und Augsburg die Gruppe weitgehend auf. Verhaftet wurden Hermann Frieb, seine Mutter Paula Frieb sowie Beppo Wagner in Augsburg. In Südbayern und speziell in Österreich wurden um die 100 Personen verhaftet. Im Ferienhaus von Hermann Frieb fand die Polizei eine umfangreiche Waffensammlung: neben einigen Gewehren 25 Revolver und Pistolen sowie mehrere tausend Schuss Munition. Die Waffen sollten den Kampfkommandos der „Revolutionären Sozialisten“ zur Verfügung stehen. Frieb und Wagner wurden im Mai 1943 nach Anklage durch den Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Paula Frieb und Otto Sauler erhielten je zwölf Jahre Zuchthaus. Milder fielen die Urteile vor dem Oberlandesgericht München für andere Angeklagte wie Otto Strehle, Otto Schalk und Michael Seitz aus. Dies hatte sehr viel mit der revolutionären Standhaftigkeit von Frieb und Wagner zu tun. Sie gaben sich zwar gegenüber dem Vernehmungsbeamten als Anführer einer großen Bewegung zu erkennen, hielten aber dicht, was Ihre konkreten Verbindungen bzw. was andere Mitkämpfer betraf.

Vor ihrer Hinrichtung im August 1943 machten Frieb und Wagner der nationalsozialistischen Führung ein 22 Punkte umfassendes Verhandlungsangebot. Die Punkte, kurz vor dem Galgen geschrieben, kommen dem heutigen Leser mehr als seltsam vor. In dem Papier wird nichts anderes vorgeschlagen als der freiwillige Verzicht der NS-Führung auf die politische Gestaltung des Landes. Den Nazis wurde angeboten, freiwillig abzutreten und den „Revolutionären Sozialisten“ die Macht zu übertragen. Den NS-Funktionären wurden Straffreiheit und eine gesicherte Existenz zugestanden. Dieses unter dem Galgen geschriebene Dokument hatte offensichtlich die Funktion, Zeit zu gewinnen, oder der Vorschlag war sogar wirklich illusionär. Unter dem Galgen kommen Menschen, auch standhafte Revolutionäre, hin und wieder auf seltsame Gedanken.

Abschließende Gedanken zur Gruppe „Neu Beginnen“

Es ist aktuell fast schon unverzeihlich, sich nicht mit dieser Gruppe zu beschäftigen. Jahrelang gelang es der Gruppe vor allen Dingen viele Arbeiter, aber auch Intellektuelle aus der zweiten und dritten Reihe der Sozialdemokratie fest zu organisieren und Widerstand gegen den Faschismus zu leisten. Ihre Analysen bezüglich des Versagens der großen Arbeiterorganisationen im Kampf gegen den Faschismus sind bis heute aktuell. Teilnehmer an dem Widerstandskreis waren hauptsächlich junge Arbeiter, Arbeiter aus dem mittleren Lebensabschnitt und einige Intellektuelle, welche nichts mit den Schädelvermessungstheorien der Nazis anfangen konnten.

Dieser Gruppe zu gedenken, ist notwendig und nützlich; das nicht nur in Bezug auf ihre Theorie, welche den Erkenntnissen des russischen Revolutionärs Leo Trotzki sehr nahe kam. Das Problem war, dass mit der Kapitulation der Sozialdemokratie vor dem Faschismus mittels Eigenaktivität eine revolutionäre Gruppe aufgebaut werden musste. In Südbayern bleibt generell festzuhalten, dass die Arbeiter an sich der widerstandsfähigste Teil gegen den Hitler Faschismus gewesen sind. Nicht nur die Arbeiter in der Gruppe „Neu Beginnen“ widersetzten sich dem Faschismus. Lange Zeit konnte der Faschismus elementares Klassenbewusstsein nicht untergraben. Die fortschrittlichsten Teile aus der Sozialdemokratie gerade in Südbayern bewegten sich in Richtung revolutionärer Marxismus, verbunden mit konsequenter Standhaftigkeit. Das unterschied besonders die Gruppe „Neu Beginnen“ von vielen älteren sozialdemokratischen Würdenträgern aus der Weimarer Republik. Viele von ihnen, besonders auf kommunaler Ebene, begannen, sich zu privatisieren. Einige höhere Funktionäre wie Erhard Auer nutzen gar ihre Verbindungen zum alten Freikorpsführer Ritter von Epp, um mit dessen Hilfe, wie der spätere bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner in seine Memoiren beschreibt, in die Schweizer Emigration zu gehen. Welch ein Unterschied zwischen Auer und Frieb.

Aus dem neuen Buch von Max Brym „Skizzen – Arbeiterwiderstand in Südbayern gegen das Naziregime“ Vorabdruck eines Auszugs. Das Buch erscheint im Herbst dieses Jahres.

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