Kategorie: Deutschland

Ein-Euro-Jobber auch bei der Bahn?

In der Auseinandersetzung um den Missbrauch sogenannter "Ein-Euro-Jobs" setzen konservative Kreise in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden neue Maßstäbe. So schlug die örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete und -kandidatin für den Wahlkreis Wiesbaden, Kristina Köhler (Foto), bei einer Podiumsdiskussion des Lokalblatts "Wiesbadener Kurier" mit örtlichen Kandidaten Anfang dieser Woche den Einsatz von Ein-Euro-Jobbern auch bei der Deutschen Bahn vor.



Die Parlamentarierin regte auf eine Publikumsfrage nach dem missbräuchlichen Einsatz von Ein-Euro-Jobs an, Hartz IV-Empfänger könnten als Ein-Euro-Jobber den Fahrgästen "im Bahnhof zeigen, welche Züge man nehmen kann". Viele Betroffene seien darüber "froh", wenn sie dies machen dürften, behauptete die CDU-Frau und sprach sich strikt dagegen aus, die Zahl der Ein-Euro-Jobs generell "zurückzuführen". Zudem seien Ein-Euro-Jobs auch ein wirksames Mittel gegen Schwarzarbeit, erklärte Köhler und unterstellte damit Erwerbslosen offensichtlich massenhafte Schwarzarbeit.

Der Vorstoß Köhlers hat starke Kritik ausgelöst. "Unverständlich" nannte der Vertrauensleutesprecher bei der Wiesbadener Ortsverwaltung der Bahngewerkschaft Transnet, Detlef Felde, die aktuellen Ideen der CDU-Parlamentarierin. Solche Vorschläge gefährdeten letztlich die derzeit bestehenden regulären, tariflich entlohnten Arbeitsplätze im Servicebereich auf großen Bahnhöfen. Zudem bestehe bei der Deutschen Bahn mit dem "Job Service" schon jetzt ein konzernweiter Arbeitsmarkt, der sich bemühe, Eisenbahnern nach dem Wegfall ihrer bisherigen Arbeitsstelle eine Beschäftigungsperspektive zu bieten. Die Bahn brauche kein Lohndumping und keine Verdrängung regulärer Stellen durch bahnfremde "Ein-Euro-Jobber", sondern deutlich mehr voll bezahlte und qualifizierte Arbeitsplätze im Servicebereich.

Köhlers Vorstoß zeugt zudem von großer Unkenntnis der Arbeitsabläufe bei der Eisenbahn. Denn im Alltag der Beschäftigten rund um die "Service Points" kommt es längst nicht nur auf die Fahrplanauskunft mit dem Computer an. Service-Mitarbeiter sind "All-Rounder" und in aller Regel erfahrene, geschulte Kräfte, die den Betriebsablauf des Systems Eisenbahn genau kennen, sich in komplizierte Zusammenhänge hineinversetzen und etwa bei Verspätungen und Störungen die Fahrgäste gezielt "umdisponieren" können. Die Qualität zeigt sich vor allem in Krisensituationen, so auch im professionellen Umgang mit Randalierern und alkoholisierten Fahrgästen. Köhlers Äußerungen könnten aber auch Aufschluss darüber geben, was für die Zeit nach der Bundestagswahl in Regierungskreisen in Sachen "Weiterentwicklung" der Hartz-Gesetze angedacht ist.

Unterdessen reißt auch die Kritik an der Praxis von Ein-Euro-Jobs in der "Optionskommune" Wiesbaden nicht ab. So beschwerte sich ein Augenzeuge am Mittwoch über „unzumutbare Arbeitsbedingungen“ und schlechte hygienische Zustände in Einrichtungen der örtlichen Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. So seien in den Bereichen Krankentransport sowie Zubereitung und Transport von Mittagessen für Senioren überwiegend Ein-Euro-Jobber im Einsatz. Von einer „Zusätzlichkeit“ dieser Tätigkeit könne keine Rede sein.

Ein betroffener Hartz IV-Empfänger hatte bei den Johannitern mehrere Monate lang als Koch voll mitgearbeitet. Er hatte nach eigenen Angaben dort Vorschläge für eine gesündere Ernährung unterbreitet und auf eigene Kosten für die von der Einrichtung versorgten Senioren Kuchen gebacken und Frischobst besorgt. Dieses Engagement sei jedoch nicht honoriert worden. Stattdessen seien Ein-Euro-Jobber Mobbing, Anfeindungen und Beleidigungen ausgesetzt gewesen. Ehrenamtlicher Regionalvorstand der Johanniter in Wiesbaden ist der CDU-Kommunalpolitiker Reinhard Völker.

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