Kategorie: Frauenbefreiung

Von gläsernen Decken und warmen Badewannen

Scheinbar besteht ein politischer Konsens für einen Kampf gegen die Schlechterstellung der Frau in der Gesellschaft. Warum wir von einer echten Gleichberechtigung trotzdem noch weit entfernt sind, analysiert Julia Eder.
Christine Bortenlänger, Deutschlands Managerin des Jahres 2007, sah in der „warmen Badewanne“, die die Frauen nicht verlassen wollten, die eigentliche Ursache für die weiterhin rar gesäte Frauenbeteiligung in den Führungsetagen der Unternehmen.




Frauen fehle der Wille zur Macht und die Bereitschaft Opfer zu bringen, um Karriere zu machen. Weitere Vorwürfe werden den Frauen in diversen Medien gemacht: Frauen suchen sich die klassischen, schlecht bezahlten Frauenjobs freiwillig aus, wählen im universitären Bereich die sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen, die dürftige Jobaussichten haben. Sie spinnen die falschen Netzwerke, die auf Freundschaft und nicht auf gegenseitige Unterstützung beim beruflichen Vorankommen abzielen. Zudem sprechen sie in der Öffentlichkeit zu offen über ihre Schwächen statt sie wie die Männer zu verbergen. Außerdem zweifeln sie an sich selbst und wollen entdeckt werden, anstatt sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Zusätzlich belegt eine Studie des Beratungsunternehmens „Accenture“, dass Frauen mit ihrem Erwerbsleben, also unterhalb der „gläsernen Decke“, größtenteils zufrieden sind.

Den Frauen wird also – falls sie im Beruf erfolgreich sein wollen – vorgeworfen, dass sie nicht „typisch männliche“ Verhaltensweisen an den Tag legen. Wollen sie gar nicht Karriere machen, wird ihnen das auch vorgehalten und mit ihrer Bequemlichkeit begründet. Dass die für den Aufstieg hinderlichen „weiblichen Schwächen“ sowie der mangelnde Wille zum beruflichen Aufstieg ein Resultat der Sozialisierung von Frauen sind, wird allerdings verschwiegen. Die elterliche und die schulische Erziehung sowie die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit haben großen Einfluss auf die Entwicklung von Frauen in eine bestimmte Richtung. Deshalb können diese weder ihre Denk- und Verhaltensweisen einfach so ablegen, noch liegt es in ihrer alleinigen Verantwortung, sich aus den gängigen Mustern zu befreien. Aber was ist tatsächlich die Ursache für den geringen Anteil weiblicher Führungskräfte?

Von Quoten…

Dass Frauen selbst die alleinige Schuld daran haben, dass sie sich in der Wirtschaft nicht durchsetzen können, wird lediglich von hartgesottenen (meist männlichen) KapitalistInnen behauptet. Die Einschätzung, dass es in der Politik, im Hochschulbereich sowie in der Wirtschaft strukturelle Hindernisse gibt, die einen Aufstieg von Frauen verhindern, wird von breiten Bevölkerungsschichten geteilt. Dieses Problem soll nun über eine bürokratische Maßnahme – die Einführung von Frauenquoten im universitären Bereich, in Politik und Wirtschaft – gelöst werden. Die Quote ist – ähnlich wie der Ansatz „Frauennetzwerke“ gegen die etablierten „Männernetzwerke“ zu schaffen – ein Versuch, (zumindest manche) Frauen von den existierenden Ausbeutungsstrukturen profitieren zu lassen. Dabei geht es nicht darum, die Funktionsweise des Kapitalismus zu hinterfragen oder mit der strukturellen Frauenunterdrückung zu brechen, sondern Teile der Frauen in das Herrschaftssystem zu integrieren, um es so nachhaltig abzusichern. Gute Beispiele für diese Politik sind Margaret Thatcher und Kanzlerin Merkel, die mit ihrer Politik nichts zur Frauenbefreiung beigetragen haben, sondern nur die herrschenden Verhältnisse gefestigt haben. So lässt sich auch erklären, dass Teile der CDU sich mit einer Frauenquote durchaus anfreunden können. Auch wenn in einem Aufsichtsrat oder im Parlament zu 50% Frauen sitzen würden, bedeutete dies nicht, dass das Gremium progressiver agieren würde als vorher. Warum das Geschlecht bei der Besetzung von Gremien über die ideologische Ausrichtung gestellt werden soll, ist daher aus marxistischer Perspektive nicht nachvollziehbar. Maßnahmen zur Frauenförderung erfüllen aber noch einen weiteren, hilfreichen Zweck: Sie spalten die ArbeiterInnenklasse. Positive Diskriminierung, die Frauen bei gleicher Qualifikation vorzieht, sowie Quoten, die Männern (theoretisch) den Aufstieg erschweren, schaffen Unmut. Darüber hinaus kann es nicht im Interesse der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie sein, wie die Herrschenden ihre Führungspositionen besetzen. Eine Chefin oder Aufsichtsrätin, die so agiert wie ein männlicher Kapitalist, kann nicht als Fortschritt gewertet werden. Stattdessen müssen sich Gewerkschaft und LINKE endlich wieder der Verteidigung der gemeinsamen Interessen aller Lohnabhängigen - unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe - widmen. Die große Mehrzahl der Frauen hat mit anderen Problemen zu kämpfen, die ihr Leben weit gravierender beeinflussen, als dass sie im Beruf nicht in Spitzenpositionen aufsteigen können.

...und wirklichen Problemen

Die im Artikel „Warum nicht gleich?“ beschriebenen Zustände verdeutlichen zwar, mit welcher Situation sich Frauen in Deutschland aktuell konfrontiert sehen, sie geben aber keine Erklärung für die sich nicht bessernden Gleichberechtigungsindikatoren ab. Offiziell treten zwar die meisten sozialen Kräfte für eine Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft ein, aber an die konkreten Ursachen des Problems wagen sie sich nicht heran: Die großflächige Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt gibt den KapitalistInnen die Möglichkeit, das allgemeine Lohnniveau zu drücken und ist deshalb erwünscht. Den Frauen kommt dabei dieselbe Rolle zu wie den MigrantInnen. Allerdings sind auch beide Gruppen die letzten, die eingestellt werden, aber auch die ersten, die wieder entlassen werden. Besonders zu Zeiten des sozialen Kahlschlags oder der ökonomischen Krise, wie wir sie gerade erleben, verschlechtern sich deshalb die Gleichberechtigungsindikatoren. Die Einführung einer Frauenquote in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft kann diese Probleme nicht lösen. Die geringe Beteiligung von Frauen in zentralen Bereichen der Gesellschaft geht vor allem auf ihre spezifischen Lebensumstände zurück. Um zu verhindern, dass Frauen vor allem in die „typischen“ Frauenberufe drängen, muss es Frauenförderungsprogramme geben, die bewusst und zeitgerecht der Sozialisierung entgegenwirken. Zudem zeigen die präsentierten Zahlen, dass es notwendig ist, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter zu verbessern. Gelingen kann dies nur, wenn nicht mehr hauptsächlich die Frauen die unbezahlte Arbeit verrichten, sondern eine Vergesellschaftung von Hausarbeit und Kinderbetreuung stattfindet. Aktuell geht der Trend aber leider in die entgegengesetzte Richtung. Einsparungen im Gesundheits- und Sozialbereich treffen vorwiegend lohnabhängige Frauen, die die fehlenden Betreuungseinrichtungen durch ihre unbezahlte Arbeit wieder wettmachen müssen. Ein selbstbestimmtes Leben von Frauen kann nicht durch bürokratische Maßnahmen (wie die Quote) erwirkt werden. Es muss ein gezielter und organisierter Kampf für den Bruch mit den aktuellen Ausbeutungsstrukturen – gemeinsam mit progressiv eingestellten Männern – geführt werden. Das Motto muss lauten: Wir wollen nicht 50% Frauen in den Aufsichtsräten, wir wollen ArbeiterInnenkontrolle statt Aufsichtsräten!

  • Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit! Gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse! Für Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich!
  • Für den Ausbau öffentlicher und qualitativ hochwertiger Kinderbetreuungseinrichtungen.
  • Nein zu Sozialabbau und Leistungskürzungen im Zuge der Budgetkonsolidierung! Massive Investitionen der öffentlichen Hand im Sozial-, Pflege-, Gesundheits- und Bildungssystem.
  • Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für die (großteils weiblichen) Beschäftigten im Sozial- und Bildungsbereich (einschließlich der KindergartenpädagogInnen)!
  • Sexismus darf keinen Platz in der Gesellschaft haben – schon gar nicht in den Organisationen der ArbeiterInnenbewegung!

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