Kategorie: Frauenbefreiung

Marxismus und Feminismus

In diesem Beitrag geht es neben einer marxistischen Analyse der bürgerlichen Frauenbewegung vor allem um die Stellung des Marxismus zu den verschiedenen Strömungen des Feminismus, die nacheinander dargestellt und am Ende einer marxistischen Kritik unterzogen werden.

Bild: derfunke.at


„Der Radikalismus der bürgerlichen Frauenbewegung, der sich im Kampf gegen den Mann erschöpft und dabei übersieht, dass es „den“ Mann überhaupt nicht gibt, sondern nur den vom Patriarchat geformten, seiner eigentlichen Natur bereits entfremdeten Mann, ist ein oberflächlicher, ein nur scheinbarer Radikalismus, weil er dem Patriarchat nichts Kreatives gegenüberzustellen vermag. Erst wenn die Frauenbewegung dem Patriarchat ein geschlossenes, in jeder Hinsicht vom Männerrecht emanzipiertes Weltbild entgegenzustellen hat, kann sie hoffen, nicht nur bürgerliche, sondern auch proletarische Frauen, vor allem aber auch die proletarischen Männer für sich zu gewinnen, denn ohne deren Unterstützung bleibt sie eine entwurzelte Minderheit, die nie einen Deut an der Realität der Klassengesellschaft ändern wird.“ (Ernst Bornemann)

Im Beitrag „Die Rolle von Frauen in der Geschichte“ wurde die Geschichte der Frauenunterdrückung und des Kampfes dagegen behandelt. Auch die proletarische Frauenbewegung wurde in diesem Zusammenhang dargestellt.

Die Frauenbewegung ist ein Kind der kapitalistischen Produktionsweise. Diese erst schuf die materiellen Grundlagen, auf der sich das Streben nach voller sozialer Gleichberechtigung von Mann und Frau entfalten konnte. Bis dahin ging die Frau im Haushalt und in der Familie einer produktiven Tätigkeit nach. Die Frau war in dieser vorbürgerlichen Gesellschaft an den Haushalt gebunden und dadurch der offenen Herrschaft des Mannes als Familienoberhaupt unterworfen. Der sich entwickelnde Kapitalismus hat diese herkömmliche Ordnung schwer erschüttert.

Frauen stellten in den bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts in Großbritannien und Frankreich eine treibende Kraft dar. Die Losungen der bürgerlichen Revolution nach Freiheit und Gleichheit, die allgemeinen Menschenrechte sollten auch für das weibliche Geschlecht Gültigkeit haben. Diese erste Frauenbewegung wurde vor allem von Frauen aus der bürgerlichen Klasse getragen. Ihr wichtigstes Anliegen bestand in der völligen sozialen und rechtlichen Gleichstellung von Frau und Mann. Als wichtiger Hebel erschien ihnen der freie Zugang zu Bildung. Bildung und Erziehung für Mädchen hatte bis dahin das vorrangige Ziel, gute Ehefrauen und „Damen des Hauses“ hervorzubringen. Louise Otto-Peters, die Grande Dame der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, zeichnete dabei folgendes Bild: „Die meisten Frauen bleiben Zeit ihres Lebens hindurch Kinder. Erst stehen sie unter steter, ja stündlicher Aufsicht im Elternhaus und wagen keine anderen Ansichten zu haben als die in der Familie herrschenden. Dann werden sie Gattinnen und urteilen … im Geiste ihres Mannes. Sie werden zu ‚Puppen der Männer’ erzogen und ‚zu einer Puppe aufgeputzt’ – und als solche hinausgeschickt‚ auf den Markt des Lebens, sich einen Käufer zu suchen’.“

In Deutschland und Österreich war die Bourgeoisie verspätet auf die historische Bühne getreten und spielte dementsprechend eine nur sehr zaghafte Rolle in der bürgerlichen Revolution. Angesichts des ersten unabhängigen Auftretens des noch jungen Proletariats in der 1848er-Revolution schreckten die Bürgerlichen schon bald zurück, gaben ihre revolutionären Ambitionen auf und begaben sich in den schützenden Schoß der alten herrschenden Ordnung. Dies spiegelte sich auch im Auftreten der bürgerlichen Frauenbewegung wider. Die bereits erwähnte Louise Otto-Peters gehörte zu den wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigten. Durch ihre Artikel in der demokratischen Presse und in der „Leipziger Arbeiterzeitung“, wo sie sich vehement auch für die Rechte der Arbeiterinnen einsetzte, machte sie sich einen Namen in der revolutionären Bewegung.

Louise Otto-Peters stellte sich nach 1848 auch an die Spitze jener Bemühungen, Frauen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft für ihre Interessen zu organisieren. In der von ihr gegründeten „Frauenzeitung“ sollten Schriftstellerinnen genauso zu Wort kommen wie Fabrikarbeiterinnen.

In Frankreich war der Prozess schon einen Schritt weiter. Hier waren angesichts der fortgeschrittenen kapitalistischen Entwicklung und der Existenz einer stärkeren Arbeiterklasse die Differenzierungsprozesse in der Frauenbewegung bereits weiter vorangegangen. Während christliche und offen bürgerliche Frauenvereine die Forderungen nach politischer und sozialer Gleichstellung aufgegeben hatten und nur noch Rechte für die besitzenden Frauen bzw. die Öffnung der freien Berufe für Frauen einmahnten, entwickelte sich auch eine sozialistisch ausgerichtete Frauenbewegung. Diese utopisch-sozialistischen Strömungen traten für eine planvolle Organisation der Menschheit ein, in der die Befreiung der Arbeiterklasse sowie die Befreiung der Frau möglich werden würde. Friedrich Engels bezieht sich positiv auf diese utopischen Sozialisten und deren Forderungen nach „Verwandlung der häuslichen Privatarbeit in eine öffentliche Industrie [und] Vergesellschaftung der Jugenderziehung“, womit ein „wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der Familienmitglieder unmittelbar gegeben“ sei.

Charles Fourier, einer der wichtigsten Vertreter dieser Bewegung, war es auch, der den Begriff „Feminismus“ prägte. Fourier verfasste mehrere wichtige Texte zur Frage der Frauenbefreiung, die zukünftige Diskussionen beeinflussen sollten. Marx und Engels bezogen sich direkt auf Fourier und übernahmen seine Vorstellungen zur Frauenfrage. In ihrem Buch „Die heilige Familie“ zitieren sie Fourier: „Die Veränderung einer geschichtlichen Epoche lässt sich immer aus dem Verhältnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen, weil hier im Verhältnis des Weibes zum Mann, des Schwächeren zum Starken, der Sieg der menschlichen Natur über die Brutalität am evidentesten erscheint. Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“

Die widersprüchliche Rolle der Bourgeoisie in der bürgerlichen Revolution von 1848, wo sie in einer Einheit mit dem Proletariat einen Sieg erringen hätte können, aber aus Furcht vor einer Radikalisierung der Revolution in den Schoß der feudalen Herrscher flüchtete, wirkte sich auch auf die Frage der Frauenemanzipation aus. Der anfängliche Schwung, der von der bürgerlichen Frauenbewegung ausgegangen war, erschöpfte sich angesichts des erstmals in Erscheinung tretenden Proletariats sehr rasch. So darf es auch nicht verwundern, dass die Dokumente der noch jungen kommunistischen Bewegung, wie etwa das Kommunistische Manifest, an Radikalität bei weitem die Texte der bürgerlichen Frauenbewegung aus jener Zeit übertreffen.

In den folgenden Jahrzehnten kapitulierten die deutsche und österreichische Bourgeoisie vollends vor dem Absolutismus. Alle frauenrechtlerischen Bestrebungen wurden von den Bürgerlichen offensiv bekämpft. Im Bürgertum blieben demokratische, liberale Ideen eine Randerscheinung. In dieser Phase der Reaktion setzten sich auch in der bürgerlichen Frauenbewegung endgültig gemäßigte Ideen durch. Das Recht auf Erwerbsarbeit stand im Mittelpunkt des Programms der bürgerlichen Frauenbewegung. So erklärt die Erste Deutsche Frauenkonferenz „die Arbeit, welche die Grundlage der ganzen neuen Gesellschaft sein soll, für eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts“. In diesem Zusammenhang wird aber auch ein gemeinsames Vorgehen von Männern und Frauen zur Verteidigung der Löhne befürwortet. In ihren Publikationen lässt sie aber genügend Platz für Abhandlungen, in denen auch das Idealbild der sorgenden Hausfrau und Gattin gezeichnet wird. Die Forderung nach dem aktiven und passiven Frauenwahlrecht wurde nicht mehr offensiv gestellt – und zwar obwohl die Arbeiterbewegung diese Losung immer stärker zu erheben begann.

Die oben zitierte Formulierung von „Pflicht und Ehre“ in Bezug auf die Arbeit zeigt aber auch sehr gut die soziale Zusammensetzung dieser Frauenbewegung. Sie steht in krassem Gegensatz zu den tatsächlichen Erfahrungen, die proletarische Frauen auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt machen mussten. Für sie war Arbeit in erster Linie Zwang. Überausbeutung kennzeichnete ihren Arbeitsalltag. Die bürgerliche Frauenbewegung beklagte zwar das soziale Elend ihrer „armen Schwestern“, sie war jedoch nicht imstande dieses wissenschaftlich zu begründen. Sie setzte folgerichtig in erster Linie auf karitative Einrichtungen und lehnte die Methoden des Klassenkampfes ab.

Weltfremd auch die Aussagen der bürgerlichen Frauenbildungsvereine, die ihr Ziel in der „Erweiterung des weiblichen Gesichtskreises, Erhebung und Anregung für stille Arbeitsstunden, Erweckung und Stärkung zu freudiger Berufstätigkeit“ sahen. Dies war fern der Realität von Arbeiterinnen, die in dunklen, lärmerfüllten Fabrikhallen ihre Arbeitskraft verkaufen mussten.

Doch selbst dieses moderate Auftreten der bürgerlichen Frauenbewegung hatte eine Wirkung auf die Arbeiterbewegung. Allein durch die Existenz einer Organisation von „begehrenden, fordernden Frauen“ wurde zum Ausdruck gebracht, dass „etwas Neues, Vorwärtstreibendes in die Geschichte getreten war“. (Zetkin) Auch August Bebel anerkannte in seiner Autobiographie die große Bedeutung dieses ersten organisierten Auftretens der Frauenrechtsbewegung.

Die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und Österreich beschränkte sich zwar nicht nur auf die Interessen bürgerlicher Frauen, sondern engagierte sich auch stark für ihre „armen Schwestern“. Trotzdem blieb sie eine Klassenorganisation der Bourgeoisie. Clara Zetkin argumentierte dies so: „Die gegenrevolutionäre Macht der organisierten Frauenrechtlerinnen beruht nicht auf der Sammlung der Bourgeoisie-Damen, sondern auf dem täuschenden, lähmenden Einfluss auf große werktätige Frauenmassen, deren Wollen und Handeln auf den Kampf von Geschlecht zu Geschlecht für die Reform der bürgerlichen Ordnung konzentriert wird, statt auf den Kampf von Klasse zu Klasse für die Revolution. Die bürgerliche Frauenbewegung erniedrigt diese Massen zu Kräften der Gegenrevolution.“

Trotz alledem würdigt Zetkin in ihrem Buch „Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands“ die Verdienste bekannter bürgerlicher Frauenrechtlerinnen. Sie schätzt ihren Mut und ihr großes persönliches Engagement. Ihre Hauptkritik an Louise Otto-Peters und anderen Frauenrechtlerinnen ist, dass sie es nicht verstanden, die Ursachen für Frauenunterdrückung und soziales Elend im Funktionieren der kapitalistischen Produktionsweise zu erkennen. Dieser theoretische Mangel ließ sie auch nicht mit der bürgerlichen Klasse brechen.

An zentralen Wendepunkten des Klassenkampfes sollte die bürgerliche Frauenbewegung ihr wahres Gesicht zeigen. Anstatt konsequent die Interessen aller Frauen, d.h. auch der Arbeiterinnen, zu vertreten, lag ihnen die Solidarität mit der eigenen Klasse näher. Die Sozialdemokratin Lily Braun gibt in ihrer Schrift „Die Frauenfrage“ einige Beispiele dafür. Als z.B. 1895 die proletarischen Frauenorganisationen brutal verfolgt wurden, verweigerten ihnen die offiziellen Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung die Unterstützung. In ihrer Kampagne gegen das Bürgerliche Gesetzbuch, das 1900 in Kraft getreten war, sparte die bürgerliche Frauenbewegung für die Arbeiterinnen zentrale Fragen auf dem Gebiet des Arbeitsrechts oder der Gesindeordnung einfach aus. In keiner anderen Frage stellte die bürgerliche Frauenbewegung aber ihren Klassencharakter so unter Beweis wie im Angesicht der Bewegung der häuslichen Dienstboten im Jahre 1899. Hier begannen die bürgerlichen Frauen das Streben der Arbeiterbewegung am eigenen Leben zu spüren. Der Berliner Hausfrauenverein forderte, dass die mit Zeugnissen versehenen Dienstbücher, die von den Arbeiterinnen gerne „verloren“ wurden, direkt an die Polizei ergingen, damit die Herrschaften jederzeit Einsicht nehmen konnten. Auch der „Bund deutscher Frauenvereine“ beließ es bei einer Petition, in der er die Einführung der Unfallversicherung für Dienstboten und den Ersatz der Bezeichnung „Dienstbote“ durch den Begriff „Hausgehilfin“ forderte.

Die bürgerliche Frauenbewegung lehnte den Klassenkampf grundsätzlich ab. Ihr ging es rein um soziale und politische Reformen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Spätestens mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und dann im Angesicht der Russischen Revolution von 1917 zeigte die bürgerliche Frauenbewegung ihr wahres Gesicht und ließ sich mit wenigen Ausnahmen vor den Karren der imperialistischen Interessen spannen. In der bürgerlichen Frauenbewegung setzte sich eine offen sozialchauvinistische Tendenz durch. Sehr eindrücklich lässt sich dies am Fall der Familie Pankhurst schildern: Die Schwestern Sylvia und Christabel Pankhurst sowie ihre Mutter Emmeline Pankhurst standen an der Spitze der britischen Frauenwahlrechtsbewegung. Die sog. Suffragetten waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Massenbewegung geworden, der sich auch viele Arbeiterinnen angeschlossen hatten. Ihre radikalen Aktionen wurden vom Staat mit unvorstellbarer Brutalität beantwortet. Gleichzeitig radikalisierte sich die Gewerkschaftsbewegung, die in bittere Arbeitskämpfe verwickelt war. Sylvia Pankhurst stand für jenen Teil der Suffragetten, die den Wahlrechtskampf aktiv mit den ökonomischen Streiks der Gewerkschaften zu verbinden versuchte – mit Erfolg. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs kam es zur Spaltung. Christabel Pankhurst, die nach dem Krieg für die Konservativen ins Parlament einzog, setzte sich für den Ausschluss der proletarischen Teile der Bewegung ein, während Sylvia wegen antimilitaristischer Aktivitäten ins Gefängnis geworfen wurde. Sylvia sollte 1920 zu den Mitbegründerinnen der britischen KP zählen. Die Frauenbewegung spaltete sich daher entlang von Klassenlinien, wobei die bürgerlichen Frauen – als es hart auf hart ging – ein Bündnis mit den Männern ihrer Klasse gegen die Arbeiterklasse eingingen.

Die bürgerliche Frauenbewegung, die oft auch als feministische Bewegung bezeichnet wurde, stieß mit ihren Bestrebungen auf den erbitterten Widerstand der Männerwelt. Eine Armada von bürgerlichen Ideologen verteidigte das Bild von der Unterlegenheit der Frau. Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten sollte die Frauenunterdrückung einzementiert werden. Die Frauenrechtsbewegung konnte sich aber auch in der Arbeiterbewegung auf nur wenig Unterstützung hoffen. Die sich entwickelnde Sozialdemokratie lehnte vor allem die von der bürgerlichen Frauenbewegung forcierte Erwerbsarbeit von Frauen ab. Werner Thönessen sieht die Ursache für diese Haltung in der „Konkurrenzfurcht“, die meist mit dem Verweis begründet wird, die Erwerbstätigkeit der Frauen zerstöre die Familie. Er nannte dies „proletarischer Antifeminismus“, wobei es sich allerdings um einen irreführenden Begriff handelt: Die damit bezeichneten frühen sozialistischen Strömungen hatten sich nicht gegen den Feminismus gerichtet, sondern gegen proletarische Frauen und gegen die Klasseneinheit. Es war in Wirklichkeit ein zünftlerischer, standesdünklerischer Sexismus, der in der frühen Arbeiterbewegung eine große Verankerung besaß.

Diese Einstellung war vor allem für die Strömung der Lassalleaner kennzeichnend. Sie argumentierte mit der „natürlichen Rolle der Frau“, den typisch weiblichen Eigenschaften, die sie von körperlich und intellektuell anstrengenden Arbeiten ausschließen würden. Durch die Frauenerwerbsarbeit befürchtete sie Lohndruck. Durch die katastrophalen, gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen, denen die Arbeiterinnen in den Fabriken ausgesetzt waren, lehnten viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter die Frauenerwerbsarbeit aus moralischen Gründen ab. Die von Marx und Engels verfochtene Theorie von der emanzipatorischen Kraft der Erwerbsarbeit konnten viele Arbeiter angesichts der konkreten praktischen Erfahrung offensichtlich nicht nachvollziehen.

Die marxistisch ausgerichteten Teile der Sozialdemokratie betonten aber ausdauernd die Notwendigkeit des Kampfs für die soziale und politische Gleichberechtigung der Arbeiterinnen. Das Frauenwahlrecht und die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen sollten die Lage des weiblichen Proletariats verbessern. Bebel, Wilhelm Liebknecht, Julius Motteler waren die wichtigsten Befürworter dieser Linie in der deutschen Sozialdemokratie.

Auch in der internationalen Arbeiterbewegung gab es heftige Debatten zur Frauenfrage. Vor allem in der französischen Arbeiterbewegung herrschten unter dem Einfluss von Proudhon offen antiemanzipatorische Ideen vor. Unter ihrem Einfluss forderte die Erste Internationale 1866 gegen den Willen von Marx und Engels die Abschaffung der Frauenarbeit. „In physischer, moralischer und sozialer Beziehung muss die Arbeit der Frauen als Prinzip der Entartung und eine der Triebfedern der Demoralisierung der Kapitalistenklasse, verdammt werden. Die Frau hat von der Natur bestimmte Aufgaben erhalten: ihr Platz ist in der Familie; es ist an ihr, den Kindern die erste Erziehung zu geben. Die Mutter allein ist fähig zu dieser Leistung.“

In den von Marx verfassten und 1871 verabschiedeten Statuten der Ersten Internationale wird aber „die Bildung von weiblichen Zweiggesellschaften innerhalb der Arbeiterklasse“ gefordert. Dass die Anziehungskraft der Ersten Internationale auf das weibliche Proletariat groß war, bezeugen die Beitritte ganzer Gruppen von Arbeiterinnen zu deren Sektionen.

Auf die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung, die nach der bürgerlichen Frauenbewegung rund um die sozialdemokratischen und kommunistischen Massenparteien entstand, wollen wir hier nicht noch einmal eingehen. Sie wird ausführlich im Beitrag „Marxismus und Frauenbefreiung“ behandelt.

Der Feminismus der Dritten Frauenbewegung

Einen neuerlichen Aufschwung erlebte der Kmpf gegen Frauenunterdrückung in den 1960er Jahren. Ausgangspunkt dieser Bewegung, die meist als „Zweite Frauenbewegung“ bezeichnet wird, waren die USA. (Tatsächlich handelt es sich um die dritte Frauenbewegung, da die proletarische Frauenbewegung nach der bürgerlichen Frauenbewegung die eigentliche zweite Frauenbewegung darstellt.) Sie entwickelte sich vor dem Hintergrund der antirassistischen Bürgerrechtsbewegung, der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg und dem politischen Erwachen auf den Universitäten. Dieses sich radikalisierende politische Klima war auch für viele Frauen der Impuls, sich für die eigenen Rechte zu engagieren.

Das Buch „Der Weiblichkeitswahn“ von Betty Friedan aus dem Jahr 1963 brachte erstmals das zum Ausdruck, was viele Frauen damals fühlten. Es basierte auf Interviews, die mit Tausenden Frauen gemacht worden waren, und sollte zum Bestseller werden. Friedan kritisierte die Reduktion von Frauen auf die Rolle als Mutter und Hausfrau. Sie wies unter anderem darauf hin, wie die tief verwurzelten Vorstellungen von den Aufgaben einer Frau und Mutter in der Familie z.B. durch die Werbung und damit die Konsumgüterindustrie unterstützt wurden. Sie stieß bei aller oberflächlichen Zufriedenheit (eigenes Haus, Ehemann, steigender Lebensstandard) auf ein tiefgehendes Unwohlgefühl, das sie „Problem ohne Namen“ nannte. Es handelte sich um eine Generation von Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg trotz guter Bildung wieder aus der Arbeitswelt verbannt und an den Herd zurückgedrängt worden waren. Das Frauenideal war jenes der liebenden Gattin und Mutter. Die Industrie schuf dabei ein Bild von Weiblichkeit, das dazu diente, dem Mann zu gefallen und ihm ein nettes Zuhause zu geben. Mit ihrer Kritik verhalf sie einer ganzen Generation von Frauen zu einem neuen Selbstbewusstsein.

Friedan sieht als einzigen Ausweg aus dieser Identitätskrise die Selbständigkeit der Frau, was nur über eine befriedigende Erwerbsarbeit (am besten in freien Berufen) gehen könne. Über diese Erkenntnis hinaus geht sie aber nicht. Sie schafft es nicht, die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen für die Befreiung der Frau darzulegen und verbleibt somit in einem utopischen, idealistischen Ideengebäude stecken. Im Jahr 1966 gründete sie die National Organization for Women (NOW), deren erste Präsidentin sie bis 1970 war. An ihrem Höhepunkt organisierten sich Millionen Frauen in der NOW. Sie stand in der Tradition der radikalen US-Frauenrechtsbewegung der bürgerlichen Revolution (Kampf um das Wahlrecht und gegen die Sklaverei). Ihre wichtigsten Forderungen („Bill of Rights“) waren eine in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung, die Beseitigung jeder Frauendiskriminierung im Erwerbsleben, Mutterschutz, ganztägige Einrichtungen zur Kinderversorgung, gleiche Ausbildungschancen für Frauen usw.

Damit war ein Anfang getan – und die Wirkungskraft dieser neuen Frauenbewegung war sofort eine internationale. Die allgemeine Radikalisierung der Protestbewegungen Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre ging auch an der Frauenbewegung nicht spurlos vorüber.

Erstens spaltete sich die Bewegung im Zuge der 68er-Proteste in einen liberalen Flügel, der auf Veränderungen im Rahmen des herrschenden Systems abzielte, und in einen radikaleren Flügel, der nach einer weitergehenden Perspektive suchte. Letzterer gab sich mit der Parole der Gleichberechtigung nicht zufrieden und strebten nach echter Emanzipation – nach echter Befreiung. Die Women’s Lib-Bewegung (Frauenbefreiungsbewegung) war geboren. Startschuss war eine kreative Protestkundgebung gegen die Miss Amerika-Wahl, bei der BHs und andere patriarchale „Folterinstrumente“ verbrannt wurden. Mit ihren Aktionsformen sorgten diese radikalen Gruppen, deren Symbol die „Hexe“ wurde (dazu weiter unten), für ein enormes öffentliches Echo. Ziel ihrer Proteste war es, die Frauenunterdrückung sichtbar zu machen – bei Braut-Messen, Miss-Wahlen, Schönheitssalons usw.

Betty Friedan, die Grande Dame des Nachkriegsfeminismus, hatte Männer nicht als Gegner gesehen, sondern befürwortete einen gemeinsamen Kampf für soziale und rechtliche Verbesserungen: „Wir können das nicht gegen die Männer auskämpfen, nur gemeinsam mit ihnen. Wir brauchen Kindergärten, Teilzeitjobs, kürzere Arbeitszeit für Männer und Frauen.“ (Spiegel-Interview)

Mit diesem Standpunkt geriet sie jedoch schon bald an den Rand der sich schnell ausbreitenden Frauenbewegung. Die politische Perspektive wurde immer mehr auf einen Kampf der Geschlechter reduziert.

Die Basis dafür bildeten nicht selten konkrete Erfahrungen, welche die politisch aktiven Frauen und Mädchen in den Bewegungen und Organisationen, in denen sie sich engagierten, mit ihren männlichen Mitstreitern machen mussten. Dies galt ganz besonders für die traditionellen Arbeiterparteien und Gewerkschaften, in denen der Kampf gegen Frauenunterdrückung eine völlig untergeordnete Rolle spielte. Die reformistische Praxis war auf ganz andere Ziele ausgerichtet – auf die Mitverwaltung des Kapitalismus. Die Losung der Gleichberechtigung musste unter diesen Umständen eine leere Phrase bleiben. Aber auch in den Organisationen aus der Studentenbewegung und selbst in den Organisationen aus der revolutionären Linken, die ihrem Selbstverständnis nach für eine Gesellschaft frei von Ausbeutung und jede Form von Unterdrückung kämpften, reproduzierten sich die traditionellen Geschlechterrollen. In all diesen Organisationen gaben die Männer den Ton an. Männer verfassten die politischen Manifeste und hielten die großen Reden. Die Frauen vervielfältigten Flugblätter, die ihre Genossen geschrieben hatten, und erledigten die organisatorische Kleinarbeit im Hintergrund. Die Arbeitsteilung innerhalb der Organisation und die Unterdrückungsmechanismen der Gesellschaft prägten also auch den Alltag dieser linken Organisationen.

Die traditionelle Arbeiterbewegung war für viele Frauen ein abschreckendes Beispiel. Dazu kam die Einsicht, dass in der Sowjetunion und in Osteuropa die Frauenunterdrückung fortexistierte. Doch auch die Organisationen der Neuen Linken mit ihrem Ziel der Erkämpfung einer „antiautoritären Gesellschaft“ wurden aufgrund der vorherrschenden Praxis in ihrem Inneren für viele Aktivistinnen zusehends unglaubwürdig. Die Schlussfolgerung könne daher nur sein, dass sich die Frauen nur voll als Persönlichkeiten entfalten und in der Folge befreien können, wenn sie sich selbständig, autonom von den Männern organisieren.

Aus den Diskussionen über die konkreten Probleme in der Linken wurde sehr bald schon ein Konzept entwickelt, wonach es in der Praxis konkrete Verbesserungen bräuchte. Ein zentraler Ansatzpunkt wurde die Frage der Kinderbetreuung, die selbst in der studentischen Linken reine Frauensache war. Wenn diese nicht gelöst würde, sei die Teilnahme von Frauen am politischen Bewusstwerdungsprozess und an der praktischen Arbeit unmöglich. Der nächste Schritt war die Gründung von autonom verwalteten Kinderläden. Andere Projekte mit einer ähnlichen Stoßrichtung folgten: Kleidertauschstellen, Sammelküchen, Frauenkommunen, Handwerkerkurse für Frauen usw.

Diese Gruppen, wie „Brot und Rosen“ in den USA oder der „Aktionsrat zur Frauenbefreiung“ in Deutschland, verstanden sich selbst weiterhin als sozialistisch und hatten auch nicht den Anspruch für „die Frauen“ an sich zu stehen. Diese Praxisorientierung stieß jedoch auch schon bald an ihre Grenzen. Zu viel Kraft verpuffte in der täglichen organisatorischen Arbeit. Das Fehlen einer theoretischen Grundlage, einer wissenschaftlichen Erklärung der Frauenunterdrückung machte sich eklatant bemerkbar.

Der Radikalfeminismus

Eine Antwort auf das Bedürfnis nach einer Theorie der Frauenunterdrückung und der Frauenbefreiung versuchten die so genannten Radikalfeministinnen zu geben. Die Forderungen nach Gleichberechtigung waren ihnen nicht genug. Aus ihrer Sicht würde die Frau dadurch nur von einer unfreien zu einer freien Sklavin. Wahre Frauenbefreiung könne nur durch die Überwindung der Abhängigkeit vom Mann erreicht werden. Damit einher geht ein separatistisches Konzept.

Für die einen ist dieser feministische Separatismus nur eine notwendige Zwischenlösung. Er soll Frauen durch weibliche Solidarität Stärke geben, um in der Folge wieder mit den Männern eine partnerschaftliche, gleichwertige Beziehung eingehen zu können. Diese separatistische Idee geht davon aus, dass Frauen untereinander freier, frei von männlicher Bevormundung, reden und diskutieren können und sich dadurch leichter entfalten können. In einer Frauengruppe könnten die Frauen endlich selbst entscheiden, was sie wollen.

Die Theoretikerinnen des Radikalfeminismus knüpfen in ihrer Gesellschaftsanalyse an die Marxsche Klassenanalyse an, die in den 1970ern breit diskutiert und rezipiert wurde. Die Theorie von sich antagonistisch gegenüberstehenden Klassen wird bei ihnen jedoch in einen völlig anderen Kontext eingesetzt und auf die Geschlechter umgelegt. Die Geschichte des „Sozialismus“ nach 1917 habe aus ihrer Sicht gezeigt, dass mit der Machtergreifung der Arbeiterklasse zwar die ökonomische Gleichstellung der Frau erreicht werden konnte, die völlige Frauenbefreiung aber ausgeblieben sei. Dies begründen sie mit dem „Klassenkampf“ zwischen Mann und Frau, den es auch im Sozialismus erst zu führen gelte. Hier kommt eine generelle Schwäche nahezu aller feministischen Ansätze zum Vorschein: das völlige Unverständnis für den Charakter des Stalinismus.

Stellvertretend für diese radikalfeministische Strömung seien hier Kate Millet, Shulamith Firestone und Juliet Mitchell genannt. Kate Millet legte mit ihrem Buch „Sexus und Herrschaft“ die Basis für diese Theorien. Schon der Buchtitel soll zeigen, dass Herrschaft in erster Linie über die Geschlechterunterdrückung verläuft. Die Frauen seien demnach – ähnlich dem Proletariat – die ausgebeutete und unterdrückte Klasse. Das Patriarchat, nicht der Kapitalismus, sei das bestimmende Herrschaftssystem unserer Zeit: „Das Militär, die Industrie, die Technologie, die Universitäten, die politischen Ämter, das Finanzwesen, kurz: jeder Zugang zur Macht innerhalb der Gesellschaft einschließlich der Polizeigewalt liegt in männlichen Händen. Da Politik auf Macht beruht, kommt dieser Erkenntnis große Bedeutung zu.“ Das Patriarchat sei das bestimmende Element aller bisherigen menschlichen Gesellschaft, egal ob wir es mit einem Kastenwesen, einer Klassengesellschaft, der Feudalgesellschaft, einer Bürokratie oder den großen Religionsgemeinschaften zu tun gehabt haben, so Millet. In der Folge propagiert sie den Klassenkampf der Geschlechter. Millets Verdienst liegt darin, den sexistischen Charakter in Religion, Mythologie aber auch moderner Literatur offen dargelegt zu haben. In ihrer Gesellschaftsanalyse lässt sie aber jeden klaren Gedanken vermissen und wirft Klasse, Kaste, Schicht durcheinander. Sie konnte somit in keiner Weise zum theoretischen Verständnis von Frauenunterdrückung im Kapitalismus beitragen.

Shulamith Firestone versuchte Millets Idee einer feministischen Revolution weiterzuentwickeln. Dezidiert greift sie auf die wissenschaftliche Methode von Marx und Engels, auf Dialektik und Materialismus, zurück – wobei sie nicht darauf vergisst, die beiden Klassiker für ihre „Blindheit“ gegenüber „der Lage der Frauen als unterdrückter Klasse“ zu kritisieren. In der marxistischen Methode sieht sie dennoch ein Werkzeug zur Erforschung der Bewegungsgesetze der Natur und der Gesellschaft. Die Klassenanalyse des Marxismus sei zwar eine großartige Leistung, greife aber zu kurz, weil „der gesamte geschlechtsbezogene Unterbau“ fehle. Firestone sieht die Ursache für die Entstehung der Klassengesellschaften in den biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau, andere soziale Widersprüche treten bei ihrer Analyse völlig in den Hintergrund. Hier stellt sie Marx und Engels auf den Kopf. Waren es doch gerade die beiden, die gegen die bürgerlichen Vorurteile von den körperlichen und geistigen Unterschieden der Geschlechter als Begründung für die Herrschaft des Mannes ankämpften und mit ihrer materialistischen Geschichtsschreibung erstmals eine wissenschaftlich fundierte Perspektive zur Befreiung der Frau zu erarbeiten versuchten.

Millet und Firestone lehnen den Klassenbegriff nicht dezidiert ab, sie vertreten aber die Meinung, dass bei Frauen die Klassenbindung viel schwächer sei als bei Männern und deshalb die Geschlechtszugehörigkeit in den Vordergrund trete. Eine Frau sei in erster Linie Frau, und erst in zweiter Linie würde sie sich durch ihre soziale Stellung im Produktionsprozess oder als Teil einer Klasse definieren.

Der weiter oben bereits beschriebene Konflikt zwischen verschiedenen Strömungen in der Frauenbewegung wurde Ende 1968 auf der in Chicago stattfindenden „Ersten nationalen Frauenbefreiungs-Konferenz“ offen ausgetragen. Die Bewegung spaltete sich in die „politicos“ und die „feminists“. Erstere sahen den Kampf um Frauenbefreiung als Teil des revolutionären Kampfes. Feminismus war für sie nicht mehr als ein analytisches Werkzeug, um den Unmut der Frauen zu erklären. Erst im Sozialismus könne auch die Frauenunterdrückung beseitigt werden. Die Feministinnen, deren namhafteste Vertreterinnen Anne Koedt und K.S. Child waren, formulierten in diesen Debatten den Kern eines Konzepts feministischer Analyse. Für deren Position signifikant halten wir folgendes Zitat: „Wir sind immer eins mit unseren Gefühlen… Wir gehen davon aus, dass unsere Gefühle etwas Politisches sagen… Lasst uns in unseren Gruppen unsere Gefühle teilen und sie einsetzen. Lasst uns wir selbst sein und sehen, wohin uns unsere Gefühle treiben. Unsere Gefühle führen uns erst zu Ideen und dann zu Aktionen.“ Gefühle wurden als wichtigste Ausdrucksform der Frauen dargestellt, diese gelte es wieder zu entdecken und gemeinsam mit anderen Frauen zu teilen. Dies solle in kleinen Selbsterfahrungsgruppen geschehen, wo kollektiv am eigenen Bewusstsein gearbeitet werden könne. Männer sollten selbstverständlich in diesen Gruppen keinen Platz haben. In diesen Kleingruppen sollten die Frauen ein neues Selbstwertgefühl bekommen. Ihre Alltagserfahrungen mit Frauenunterdrückung und Sexismus sollten in der Gruppe ausgetauscht werden, um zu zeigen, dass es nicht individuelle Probleme sind, sondern die Probleme aller Frauen. In der Gruppe sollte gezeigt werden, dass die persönlichen Probleme individueller Frauen einen gesellschaftlichen Charakter haben. Aus dieser Erkenntnis heraus könnten die Frauen ihre Isolation durchbrechen. Dieses feministische Konzept sollte weite Teile der Frauenbewegung der darauffolgenden Jahre prägen.

In der Praxis erwies sich diese Methode als nicht geeignet zum Aufbau einer starken Frauenbefreiungsbewegung. Die Selbsterfahrungsgruppen hatten meist nur eine sehr kurze Lebensdauer. Eine Vernetzung der einzelnen Gruppen zu einer strukturierten und schlagkräftigen Bewegung wurde durch dieses organisatorische Selbstverständnis enorm erschwert. Sheila Rowbotham, aus der revolutionären Linken kommend, gelangte zu folgendem Schluss: „Selbsterfahrung kann einen übergroßen Druck auf Frauen ausüben, sich durch Willenskraft allein zu verändern. Individuell ein befreites Leben zu führen, anstatt eine Bewegung zur Befreiung aller Frauen zu werden, kann zum Hauptanliegen feministischer Politik werden.“

Die Lesbenbewegung

Eine spezielle Strömung im Radikalfeminismus ist die Lesbenbewegung. Anfangs waren die Lesben, deren erste Organisierungsversuche in den USA auf Mitte der 1950er Jahre zurückzudatieren sind, kein Teil der Frauenbewegung. Das Thema Sexualität, sexuelle Neigungen und sexuelle Befriedigung war aber schon bald ein wichtiger Diskussionspunkt in feministischen Zusammenhängen. Anne Koeth leistete hierbei mit ihrem Text „Der Mythos vom vaginalen Orgasmus“ einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte. Aus ihrer Sicht sei der heterosexuelle Geschlechtsverkehr und die Penetration durch den Penis ein gesellschaftlicher Zwang, ein patriarchaler Unterdrückungsmechanismus. Durch die Anerkennung der Klitoris als dem wichtigsten sexuellen Organ der Frau würde die Ehe direkt bedroht. Mit diesem Standpunkt öffnete sich die Frauenbewegung auch für Lesben, die anfangs bewusst draußen gehalten werden sollten, um der Bewegung in der bürgerlichen Öffentlichkeit kein schlechtes Image zu geben. Lesbische Beziehungen wurden nun innerhalb der Frauenbewegung immer mehr als Möglichkeit gesehen, um den Unterdrückungsmechanismen durch die Männer zu entfliehen. Als sich mit Kate Millet 1970 auch noch eines der bekanntesten Sprachrohre der Bewegung in der Öffentlichkeit als bisexuell outete, war das Tabu gebrochen.

Die Lesbenbewegung ist geprägt von einer kulturellen Rebellion gegen die Rolle der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft. Während viele Lesben nur aus ihrem subkulturellen Ghetto heraus wollten und gleichberechtigt in dieser Gesellschaft ihr Leben führen wollten, gab es auch hier wiederum eine radikalere Strömung, die ihr Lesbisch-Sein als politischen Protest gegen die „männliche sexuelle/politische Herrschaft“ (Rita Mae Brown) versteht. Indem frau nur mit Frauen Beziehungen eingeht, könne sie ein neues Bewusstsein erlangen und sich befreien. Die sexuelle Neigung wird hier mit einem klaren politischen Ziel verknüpft. Politisch, weil die Herrschaftsmechanismen, die in heterosexuellen Beziehungen existieren, durchbrochen werden. Heterosexualität hingegen spalte die Frauen, weil Frauen dadurch gewisse Privilegien erhalten, um ihre Unterdrückung zu akzeptieren, und in der Folge nicht bereit sind, mit voller Entschlossenheit den Kampf gegen das Patriarchat zu führen. Die radikale Lesbenbewegung verstand sich immer auch als eine Art Avantgarde der Frauenbewegung. Teilweise wurde dies auch ökonomisch argumentiert. Lesben verweigern nämlich die unbezahlte Reproduktionsarbeit im Haushalt. Da sie sich selbst und unabhängig von einem Mann erhalten müssen, können sie sich auch nicht mit der Rolle einer billigen Teilzeitkraft begnügen, die viele Frauen in der kapitalistischen Arbeitswelt innehaben. Lesben definieren sich zwangsläufig über ihre Arbeit und fordern deshalb offensiv bessere Arbeitsbedingungen, einen höheren Lohn usw. All das sei von gewaltiger Sprengkraft für den Kapitalismus.

„Feminismus die Theorie und Lesbisch-Sein die Praxis“ – so lautete das Motto dieses Teils der Bewegung. Während die Lesbenbewegung generell durch eine eigene, selbstbewusste, neue Lebensform die männliche Herrschaft aufheben will, entwickelte sich auch eine kleine, wenn auch alles andere als repräsentative Strömung von Lesben, die ihre Hauptaufgabe im Männerhass sah. Automation und Geldlosigkeit seien laut dieser Gruppierung zentral für eine von Frauen beherrschte Gesellschaft. Die Technik müsse zukünftig die Fortpflanzung der Art ermöglichen. Das Geld als zentrales Instrument zur Aufrechterhaltung der Abhängigkeit der Frau vom Mann müsse abgeschafft werden. Bis dieses feministische Utopia Realität geworden sei, müssten die Frauen mit Gewalt ihre Peiniger verfolgen und vernichten. Die bekannteste Vertreterin dieser Strömung, Valerie Solana, beging nach zwei missglückten Mordversuchen an Männern (darunter an Andy Warhol) Selbstmord.

Alternativen zum Radikalfeminismus

Eine Minderheit in der Dritten Frauenbewegung wollte sich mit den Ansätzen der Radikalfeministinnen, die zwar sehr radikal waren, aber über keine tiefgreifende Analyse der Frauenunterdrückung verfügten, nicht zufriedengeben. Diese Strömungen werden in der Regel als „sozialistischer“ bzw. „marxistischer“ Feminismus bezeichnet. Sie analysieren die Frauenunterdrückung nicht rein aus den Geschlechterverhältnissen, sondern auch aus den Klassenverhältnissen und verfolgen im Kampf für Frauenbefreiung eine antikapitalistische Strategie. Die Bezeichnungen „sozialistischer Feminismus“ bzw. „marxistischer Feminismus“ sind allerdings irreführend, da sich die feministische Theorie, die von einem unversöhnlichen Geschlechtergegensatz ausgeht, nicht vereinbaren lässt mit einer wirklich sozialistischen oder marxistischen Politik, die immer auf die Einheit der Klasse abzielt und gegen jede Form von Spaltung der Klasse eintritt.

Aus der Sicht der Radikalfeministinnen diskreditierten sich diese Strömungen im Feminismus, weil sie zwar für eine autonome Organisierung der Frauen eintraten, gleichzeitig aber oft in den traditionellen linken Organisationen blieben und dort mit Männern, also dem Feind, gemeinsam politisch aktiv waren. Ein gutes Beispiel für die Konflikte zwischen Radikalfeminismus und „sozialistischem“ Feminismus bietet der Kampf für das Recht auf Abtreibung in Großbritannien. Wie auch in anderen Ländern wurde dieser von der autonomen Frauenbewegung ins Rollen gebracht. Als 1979 der Gewerkschaftsdachverband TUC das Thema offensiv aufgriff und eine Großdemonstration für diese Forderung organisierte, wurde dies von den sozialistischen Feministinnen als großer Erfolg gewertet. Radikalfeministinnen sahen darin aber eine feindliche Übernahme „ihres“ Themas durch eine von Männern dominierte Organisation. Die Gewerkschaften sind tatsächlich traditionell männlich dominiert, und die Geschichte des Sexismus in den Gewerkschaften ist lang. Die Radikalfeministen aber zogen aus ihrer grundlegenden Analyse, dass die Männer die Hauptverantwortlichen für die Frauenunterdrückung seien, den Schluss, dass es egal sei, welche sozialen Interessen eine Organisation vertrete – alle politischen und ökonomischen Strukturen in dieser Gesellschaft seien ohnedies patriarchal und müssten deshalb offen bekämpft werden. Dies gilt für die Unternehmerverbände genauso wie für Gewerkschaften, für sozialdemokratische und Linksparteien genauso wie für konservative oder rechtsextreme Parteien.

Die Frauenbewegung spaltete sich zusehends an der Frage, wer für die Unterdrückung der Frau verantwortlich sei – die Männer oder das kapitalistische System. Je nach dem, wie frau diese Frage als Feministin beantwortete, so entwickelte frau auch eine bestimmte politische Strategie. Bald gehörte die anfängliche Übereinstimmung der Vergangenheit an, dass mensch nicht nur für die alten Forderungen (gleicher Lohn für gleiche Arbeit, völlige Gleichstellung, ausreichend Kinderbetreuungseinrichtungen usw.) kämpfen müsse, sondern auch gegen den teils offenen, teils verborgenen Sexismus, der in allen gesellschaftlichen Strukturen bis hinein ins Alltagsleben zu beobachten und von den Frauen zu erleiden war. Welche Linie sollte also die autonome Frauenbewegung verfolgen? Kann sie mit „männlichen“ Organisationen Bündnisse eingehen? – An dieser Frage schieden sich die Geister.

Die Radikalfeministinnen konzentrierten sich ausgehend von ihren Analysen der Frauenunterdrückung in immer stärkerem Ausmaß auf den ideologischen und kulturellen Kampf gegen das Patriarchat. Feminismus wurde dadurch immer mehr zu einer Frage des Lifestyles und zu einer Art Subkultur, die der Masse der Frauen immer weniger zugänglich wurde. Im Spruch „Das Persönliche ist politisch“ ist diese Position zusammengefasst. Dieser Satz ist nicht prinzipiell falsch, ganz im Gegenteil. Er zeigt sehr schön, dass unser ganzes Leben (egal ob Mann oder Frau) von gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Bedingungen bestimmt wird. Bei den Radikalfeministinnen wird daraus jedoch der Versuch, als Individuum aus der Gesellschaft auszubrechen. Das bürgerliche Ideal der individuellen Freiheit, das in der sozialen Realität der bürgerlichen Gesellschaft permanent mit Füßen getreten wird, soll von dieser Realität befreit werden. Dieser Ansatz führte sehr schnell weg von kollektiven oder gar Massenaktionen hin zu individuellen Lösungsstrategien, wie neuen Lebensformen (am besten ohne Männer). Dieses Konzept war maßgeschneidert für Frauen, die studierten oder akademische Karrieren anstrebten, und welche das Gros der radikalfeministischen Bewegung stellten und stellen. Die feministische Subkultur wurde dabei schnell zu einem bloßen Selbstzweck.

Die „sozialistischen“ Feministinnen stellten tendenziell den Kampf um gleiche Bezahlung, gleiche Ausbildungschancen, Kinderbetreuungsplätze, gegen Sexismus am Arbeitsplatz und für das Recht auf Abtreibung in den Mittelpunkt ihrer Strategie. Ihrer Argumentation zufolge würde die Frauenbewegung durch die Umsetzung dieser Forderungen an die Grenzen des Kapitalismus stoßen. Tatsächliche Gleichberechtigung sei für den Kapitalismus nicht tragbar. Bei vielen sozialistischen Feministinnen lief dies auf ein gradualistisches Konzept zur Überwindung des Kapitalismus hinaus. Schritt für Schritt wolle frau durch Reformen in der Produktion, in der Reproduktion, im Rechtssystem dem Kapitalismus ein Stück Gleichberechtigung abringen, bis mensch gar nicht mehr von einem kapitalistischen System sprechen könne. Der „sozialistische“ Feminismus bewegte sich somit weitgehend im Rahmen eines reformistischen Konzepts.

Der Aufschwung der Frauenbewegung in den 1970ern ist vor dem Hintergrund einer allgemeinen Linksentwicklung in der Gesellschaft und einem Erstarken der Arbeiterbewegung zu sehen. In vielen Fällen wurden Frauen zu den tragenden Subjekten des Klassenkampfes. In Italien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien usw. spielten Frauen oft eine führende Rolle in Streiks und Massenprotesten. Dies spiegelt sich auch in einem steigenden Organisationsgrad von Frauen in den Gewerkschaften und Arbeiterparteien wider. Die Frauenorganisationen dieser Organisationen traten zunehmend selbstbewusster auf und beanspruchten einen wichtigeren Platz in der Bewegung. Dies stieß in den meisten Fällen auf einen mehr oder weniger offenen Widerstand der reformistischen Führung der traditionellen Massenorganisationen, die die Vorurteile der männlichen Arbeiterklasse für ihre Zwecke ausnutzte, anstatt sie zu bekämpfen.

Teile der autonomen Frauenbewegung gewannen unter diesen Vorzeichen durchaus an Einfluss in den Reihen der Arbeiterbewegung. Die radikalen (Massen-)Aktionen der Frauenbewegung zeigten auch bei den Frauen in den Gewerkschaften und linken Parteien Wirkung. In den skandinavischen Ländern, Deutschland, Österreich teilweise auch in romanischen Ländern erklärt dies den wachsenden Einfluss, den feministische Ideen ab den 1980ern auch in den traditionellen Massenorganisationen erringen konnten. Viele Sozialistinnen sahen angesichts der teils sehr starken Widerstände in ihren eigenen Organisationen und dem ungebrochenen Sexismus im Feminismus eine echte Alternative und strebten eine Synthese der beiden Bewegungen an.

Autonome Organisation und Basisdemokratie

Die Entwicklung des „sozialistischen“ Feminismus ist nicht zuletzt durch die Erfahrungen mit linken Organisationen geprägt worden. Dort erlebten Frauen genauso sexistische Strukturen und Verhaltensweisen und eine generelle Ignoranz gegenüber der „Frauenfrage“ wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Dem Problem der sexistischen Vorurteile der männlichen Kollegen und Genossen in den sozialistischen Organisationen hätte durchaus mittels einer konsequenten politischen Kampagne innerhalb der eigenen Bewegung abgeholfen werden können. Zum sprichwörtlichen „bleiernen Deckel“ wurden die sexistischen Vorurteile lediglich in Kombination mit degenerierten bürokratisch-zentralistischen Führungsstrukturen, die den Sexismus für ihre Vorherrschaft instrumentalisierten. Eine bürokratische Verkrustung gab es nicht nur in den traditionellen Massenorganisationen der Arbeiterklasse, den sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien, sondern auch in den maoistischen Sekten und im überwiegenden Teil jener Politsekten, die sich selbst als „trotzkistisch“ bezeichneten.

Viele linke Frauen sahen deshalb den einzigen Ausweg in einer autonomen Organisationsform. Dabei haben die meisten überhaupt mit den Organisationen der radikalen Linken gebrochen. Diese Organisationen wurden als patriarchalisch, hierarchisch und undemokratisch wahrgenommen – was in den meisten Fällen wohl auch zutreffend war. Es galt also diesem Organisationsmodell, dem Demokratischen Zentralismus (der in der Regel ein bürokratischer Zentralismus war!), eine Alternative entgegenzusetzen. Und diese fanden viele Frauen in den basisdemokratischen Organisationsformen der autonomen Frauenbewegung. Hier wollte frau endlich ihre unterdrückte Emotionalität ausleben und geschwisterlich wirken. Selbsterfahrung sollte endlich großgeschrieben werden. Dieses neue Organisationsmodell schien die Möglichkeit zu bieten, die Defizite der traditionellen Linken zu überwinden und sich individuell und kollektiv zu emanzipieren. Sozialistische Feministinnen kritisierten zwar die organisatorische Strukturlosigkeit der Frauenbewegung, lehnten aber das traditionelle Organisationskonzept der radikalen Linken ebenfalls entschieden ab.

Die Basisdemokratie als Alternative zum demokratischen Zentralismus zeigte in der autonomen Frauenbewegung sehr schnell all ihre Schattenseiten. Das Konzept der Basisdemokratie besagt, dass die Basis über die Organisationspraxis selbst bestimmen kann. Alle, die mitentscheiden wollen, sollen das auch in allen für die Organisation relevanten Fragen tun können. Oft funktionieren diese Gruppen nach dem Konsens-, und nicht nach dem Mehrheitsprinzip. Auf den ersten Blick mag dieses Modell sympathisch erscheinen. In der Praxis entpuppt es sich jedoch in der Regel alles andere als demokratisch. Auch in basisdemokratisch strukturierten Gruppen bilden sich rasch Hierarchien heraus. Wer über mehr Zeitressourcen verfügt, ein größeres Sitzfleisch hat, ein wortgewaltiges Auftreten an den Tag legen kann und über größere politische Erfahrung verfügt, der/die wird auch in solchen Gruppen das Sagen haben. Die Herausbildung von informellen Cliquen ist diesem Organisationsmodell inhärent. Was als offen erschien, wirkt sehr schnell ausschließend. Davon betroffen sind natürlich in erster Linie Berufstätige und Eltern. Basisdemokratische Organisationsformen eignen sich somit wiederum hervorragend für die oben beschriebene feministische Subkultur, deren Aktivistinnen großteils aus einem studentischen bzw. Mittelklasse-Milieu kamen. Lassen wir noch einmal Sheila Rowbotham zu Wort kommen: „Unsere Strukturlosigkeit kann Frauen außerhalb eines bestimmten sozialen Rahmens den Zugang erschweren. Sie kann zu Cliquenwesen führen und damit undemokratisch sein.“

In der Praxis erweist sich, dass dieses Organisationsmodell nur sehr schwer eine kontinuierliche Praxis erlaubt. Es gibt kaum Ansätze zu einer selbstkritischen Reflexion der eigenen Arbeit, was wiederum der Entwicklung eines längerfristigen Aufbaukonzepts zuwiderläuft. Nur allzu oft verdammen sich basisdemokratische Organisationen zu politischer Handlungsunfähigkeit, weil die Entscheidungsprozesse viel zu langwierig sind. Und all dies sollte auch die autonome Frauenbewegung kennzeichnen.

Kapitalismus und Patriarchat

Die autonome Frauenbewegung war und ist in vielerlei Hinsicht keine politisch homogene Bewegung. Wir haben es mit einer Unzahl an theoretischen Ansätzen zu tun. Eine zentrale Debatte dabei war die Beziehung zwischen Klassen- und Geschlechterverhältnissen bei der Erklärung nach den Ursachen für Frauenunterdrückung. Einhelliger Grundtenor ist jedoch, dass es das Unterdrückungssystem „Patriarchat“ gibt. Während die Radikalfeministinnen ihren Kampf rein gegen das Patriarchat richten, kommt von so genannten „sozialistischen“ Feministinnen ein differenzierterer Ansatz – auch wenn von dieser Seite das Klassenverhältnis meist als weniger wichtig eingeschätzt wird als das Geschlechterverhältnis.

Tendenziell gehen auch die „sozialistischen“ Feministinnen von der Vorstellung aus, dass die Frau – unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit – einem bestimmten Unterdrückungsverhältnis ausgesetzt ist, was einen gemeinsamen Kampf aller Frauen erfordert. Es wird jedoch der Versuch gemacht, den Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus miteinander in Verbindung zu setzen. Häufig treffen wir im „sozialistischen“ Feminismus auf die so genannten Zwei-System-Theorien (Dual-System-Theories), welche von der Existenz zweier Unterdrückungssysteme ausgehen, die getrennt voneinander existieren, auch wenn sie in Beziehung zueinander stehen und wechselseitig auf einander wirken. Diese These ist aber selbst in „sozialistisch-feministischen“ Kreisen nicht unumstritten.

Was alle „sozialistisch-feministischen“ Theorieansätze kennzeichnet, ist der Versuch einer Abgrenzung zum Marxismus. Die Stoßrichtung der Kritik ist aber durchaus nicht immer dieselbe, wie wir zeigen werden. Die Debatten, die wir in der Folge nachzeichnen wollen, sind in erster Linie akademischer Natur. Dennoch übten und üben sie durchaus Einfluss auf das politische Selbstverständnis der Frauenbewegung aus.

Eine der wichtigsten Vertreterinnen der Zwei-System-Theorie ist die sozialistische Feministin Heidi Hartmann, eine US-amerikanische Universitätsprofessorin und Leiterin des Institute for Women's Policy Research. Bekannt wurde sie durch ihren Text „Marxismus und Feminismus – eine unglückliche Ehe“. Sie will mit ihren Arbeiten einen Beitrag zu einer „materialistischen“ Analyse der Frauenunterdrückung liefern. „Materialistisch“ wird bei ihr im Gegensatz zur Definition bei Marx weitgehend mit „ökonomisch determiniert“ gleichgesetzt. Hartmann spricht von einer „unglücklichen Ehe“, weil in der Praxis des sozialistischen Feminismus der Marxismus über dem Feminismus gestanden habe. Daran knüpft ihre Kritik am Marxismus an – bzw. an dem, was sie unter Marxismus versteht.

Bevor wir auf Hartmanns Thesen genauer eingehen, zunächst ein zentrales Zitat von Marx über die Beziehung von Ideen zur Wirklichkeit: „Es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, auch nicht von den gesagten, gedachten, eingebildeten, vorgestellten Menschen, um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt ... Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewusstseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewusstsein bestimmt das Sein, sondern das Sein bestimmt das Bewusstsein.“

Darin liegt der Schlüssel zum Verständnis der Rolle von sozialen Unterdrückungsmechanismen in der kapitalistischen Gesellschaft. Was das in Bezug auf unsere Auseinandersetzung mit dem Feminismus bedeutet, darauf wollen wir weiter unten eingehen.

Zurück zu Heidi Hartmanns Theorie. Sie vertritt die Auffassung, dass „die Männer, die als Ehemänner und Väter zu Hause personifizierte Dienstleistungen entgegennehmen“ von der Frauenunterdrückung profitieren und an der Fortsetzung dieses Systems ein eindeutiges Interesse haben. Langfristig würde sich dies zwar für die männlichen Arbeiter negativ auswirken, weil sie ebenfalls von der Abschaffung des Patriarchats profitieren würden, kurzfristig würden sie die Kontrolle über die Arbeitskraft der Frauen aber sicher nicht freiwillig aufgeben. Aus diesem Eigeninteresse halten die Arbeiter lieber an einer Solidarität mit allen Männern fest, als eine solidarische Haltung gegenüber den Frauen aus der Arbeiterklasse einzunehmen. Für Hartmann existiert deshalb eine systematische Herrschaft der Männer – das „Patriarchat“.

Heidi Hartmann und andere „sozialistische“ Feministen sehen im Patriarchat eine über sämtliche historische Epochen reichende Herrschaft der Männer über die Frauen, die einen unversöhnlichen Interessensgegensatz enthält und eigenständig neben dem Kapitalismus existiert. Das Patriarchat würde in seinem Interessensgegensatz ebenso wie der Kapitalismus die gesamte Gesellschaft umfassen.

Für Marxisten hat das Patriarchat eine andere Bedeutung, die sich mit den konkreten historischen Bedingungen verändert. Marxisten verstehen unter Patriarchat zuerst einmal die patriarchale Stammesverfassung in der Übergangsphase der Menschheitsgeschichte zwischen der egalitären Urgesellschaft und der Klassengesellschaft. Die egalitäre Stammesverfassung wurde in dieser Phase durch eine patriarchale Stammesverfassung ersetzt, in der einzelne männliche Clanoberhäupter über größere Familienverbände herrschten. Diese Entwicklung ging einher mit der Entstehung des Privateigentums und des Staates. Das Patriarchat prägte beispielsweise die Sozialstruktur im Griechenland der Antike.

Diese patriarchalen Strukturen der Frühgeschichte sowie die damit verbundenen Verhaltensweisen und Ideologien wurden von späteren gesellschaftlichen Formationen, wie der Sklavenhaltergesellschaft, dem Feudalismus und dem Kapitalismus vielfach übernommen. Auch den Stalinismus dürfen wir hier nicht ausnehmen. Die Verdammung der Frau zur Hausarbeit und zur Doppelbelastung ist beispielsweise ein solch patriarchales Relikt aus der Frühgeschichte der Menschheit.

Marxisten sehen also das Patriarchat als einen Komplex von sozialen Relikten der Frühgeschichte, die vom Kapitalismus instrumentalisiert und in diesen aufgenommen wurden. Arbeitende Männer profitieren zwar zum Teil von diesen patriarchalen Strukturen, sie sind jedoch nicht vollkommen und in allen Lebensbereichen von einem unversöhnlichen Interessensgegensatz zur Frau beherrscht. Sie haben ganz im Gegenteil das Potential, im Klassenkampf gegen das Kapital die patriarchalen Fesseln abzuwerfen und den Frauen die Hand zum solidarischen Kampf zu reichen. Arbeitende Männer können das Bewusstsein erlangen, dass ein unversöhnlicher Kampf gegen patriarchale Verhaltensweisen und die patriarchale Familienstruktur für ihre eigene Befreiung notwendig ist. Genau dieses Bewusstsein zu entwickeln – darin sehen die Marxisten eine ihrer zentralsten Aufgaben. Das „Patriarchat“ wird vom Marxismus im Gegensatz zum Feminismus als organisch mit dem Kapitalismus verbundenes und diesem untergeordnetes Relikt der Frühgeschichte gesehen, das keinen unversöhnlichen Interessensgegensatz in sich birgt.

In der Frauenbewegung bekam der Begriff Patriarchat jedoch eine völlig andere Bedeutung. Die geläufigen Versionen der Theorie nehmen zwei Formen an. Erstens gibt es diejenigen, die das Patriarchat als etwas rein Ideologisches betrachten. Juliet Mitchell z.B. schreibt: „Es handelt sich um zwei autonome Gebiete, die Wirtschaftsweise des Kapitalismus und die ideologische Weise des Patriarchats.“ Sally Alexander und Barbara Taylor bringen ähnliche Argumente in ihrem Aufsatz „Zur Verteidigung des Patriarchats“ vor.

Einige Frauen haben in diesen Positionen zwar einen Widerspruch gesehen. Ihr Versuch, eine materialistische Theorie des Patriarchats zu entwickeln, ging jedoch ebenfalls in eine sehr zweifelhafte Richtung. Sie argumentieren, dass Männer (alle Männer) von der Frauenunterdrückung profitieren, und dass die Frauenunterdrückung auf den grundsätzlichen biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern basiere. Roberta Hamilton fasst es folgendermaßen zusammen: „Die feministische Analyse hat sich an die patriarchalische Ideologie gerichtet, diejenige patriarchalische Art und Weise, die das System der männlichen Vorherrschaft und der weiblichen Unterwerfung in der Gesellschaft bestimmt. Aber [die Ideologie] ... gründet sich auf den biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern, die ihr eine eigene historische Basis gibt“.

Heidi Hartmann hebt sich von solchen Konzepten deutlich ab und erhebt den Anspruch einer Analyse der Frauenunterdrückung mit marxistischen Kategorien. Hartmann lehnt dabei dezidiert die für den Radikalfeminismus typische Patriarchatsdefinition einer Kate Millet (siehe weiter oben) als ahistorisch ab. Vielmehr müsse der Feminismus einen Rückgriff auf den Marxismus machen. Wie wir in der Folge zeigen wollen, scheitert sie jedoch an diesem Versuch, den Marxismus mit einer Patriarchatstheorie in Verbindung zu setzen.

Sie sieht eine Besonderheit in der Rolle der proletarischen Frau darin, dass diese zwar über keine Produktionsmittel verfügt und deshalb ihre Arbeitskraft verkaufen müsse, dass aber ihre Arbeitskraft von den Männern kontrolliert wird. Diese patriarchale Kontrolle ist auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten – beginnend bei der heterosexuellen, bürgerlichen Familie. Die Männer bestimmen über die Art und Weise, wie die Frauen ihre Arbeitskraft verkaufen können und wie sie ihr Privatleben, ihre Sexualität zu leben haben. Hartmann trennt – und hier steckt aus unserer Sicht ihr großer theoretischer Schwachpunkt – in ihrer Gesellschaftsanalyse scharf zwischen Produktions- und Reproduktionsbereich. Aus all dem schließt sie, dass es zwischen Patriarchat und Kapitalismus eine „notwendige Koexistenz“ gibt. Wie diese Beziehung konkret ausgeformt ist, kann nur aufgrund der historischen Entwicklung bestimmt werden. So meint sie, dass die niedrigere Entlohnung von Frauen und die Existenz eines „Familienlohns“, der die Reproduktion der gesamten Familie zum Ziel hat, einen Kompromiss des Kapitalismus an das Patriarchat darstelle, nicht aber aus den Bewegungsgesetzen des Kapitalismus selbst zu erklären sei. Sie sieht auch Widersprüche unter den Männern, weil etwa die männlichen Kapitalisten die Frauen möglichst als billige Arbeitskräfte in die Produktion einbeziehen wollen, während es die männlichen Arbeiter bevorzugen würden, wenn sich ihre Frauen voll und ganz auf die Arbeiten im Reproduktionsbereich (Hausarbeit, Kindererziehung) konzentrieren könnten. Indem die Kapitalisten den männlichen Arbeitern den Familienlohn zugestanden haben und zusätzlich für die Frauen noch einen Niedriglohnbereich gelassen haben, der die Frauen aber ökonomisch in Abhängigkeit belässt, haben sie die Arbeiter über materielle Vorteile und einen höheren Lohn ins System eingekauft. Dies grenzt schon sehr an Verschwörungstheorien.

Hartmanns Argument lautet, dass die männlichen Arbeiter für Schutzgesetze und den Familienlohn kämpften, um davon zu profitieren, dass die Frauen ins „traute Heim“ verbannt wären: Die Frauen müssten ihnen dienen und könnten von ihnen sexuell kontrolliert werden. Aber stimmt diese Interpretation mit den historischen Ereignissen überein?

Die Entwicklung des Kapitalismus in Großbritannien hatte zur Folge, dass die Produktion im Haushalt zerstört und Frauen und Kinder zusammen mit den Männern ins Fabriksystem gezwungen wurden. Das hatte verheerende Auswirkungen auf die Reproduktion der Arbeiterklasse. Die Säuglingssterblichkeit erreichte ein unvorstellbares Ausmaß, da (wie Marx im Kapital zeigte) Mütter lange Stunden weg vom Haushalt arbeiten mussten. Kinder wurden bei etwas älteren Kindern gelassen, oder bei Kinderbetreuerinnen, die sie oft vernachlässigten oder sie mit Gin oder Laudanum ruhig hielten. Als sie alt genug waren, um Maschinen zu bedienen, wurden sie auch in die Fabrikproduktion einbezogen.

Die Wirkung des neuen Systems riss die alte vorkapitalistische Familie auseinander, da alle ihre Mitglieder Lohnarbeit verrichten mussten. Die kapitalistische Ausbeutung legte aber trotz ihrer Brutalität die Basis dafür, dass die Männer und die Frauen der besitzlosen Klasse, des Proletariats, gleich sein können. Das war der Grund, warum Friedrich Engels so sehr zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Familie unterschied. Es schien, als ob es eine Tendenz dazu gab, dass die Arbeiterfamilie zu existieren aufhören würde. Engels unterschätzte jedoch, welche Auswirkungen dieses frühkapitalistische Fabriksystem auf die Reproduktion der Arbeiterklasse hatte. Unter diesen Verhältnissen starb z.B. in der Industriemetropole Manchester jedes vierte Kind im ersten Lebensjahr. Mensch kann sich vorstellen, welch psychosoziale Notlage dies für die Proletariern dargestellt haben muss. Diese Zahlen alarmierten aber auch die weitsichtigeren Teile der herrschenden Klasse. Vor diesem Hintergrund wurde der Ruf nach Schutzgesetzen und dem Familienlohn laut. Diese Maßnahmen stimmen sowohl mit den Interessen des Kapitalismus als auch mit den Sorgen der Männer und der Frauen der Arbeiterklasse zusammen: Mutterschutz, Gesundheit der Kinder, hygienische Wohnverhältnisse usw. Natürlich wirkte die damalige Gewerkschaftsbewegung dabei auch aktiv auf den Ausschluss der Frauen aus der Industrie hin. Dieses Konzept traf aber auch die Kinder von ungelernten Arbeitern sowie von ausländischen Arbeitern, die in solchen „closed shops“ keine Lehrstelle erhielten. Der Patriarchatsvorwurf greift in dieser Frage somit zu kurz. Außerdem waren die Gewerkschaften in einigen der wichtigsten Bereiche, aus denen Frauen ausgeschlossen wurden, nur sehr schwach organisiert oder existierten nicht einmal. Der Ausschluss von Frauen aus bestimmten Industrien lief in erster Linie über von bürgerlichen Parlamenten beschlossene Gesetze. Die wesentliche Begründung war immer, dass die Bedingungen in diesen Industrien als schädlich für die Erzeugung der nächsten Arbeitergeneration betrachtet wurden. Die Triebkraft für den Ausschluss lag weniger bei den „patriarchalischen Männern“, sondern vielmehr bei den langfristigen Interessen des Kapitals.

Ähnlich verhält es sich mit dem Familienlohn. Zumindest in den Kernbereichen der Industrie sah es das Kapital als sinnvoll (und aufgrund der Extraprofite im Zuge der imperialistischen Expansion als ökonomisch leistbar) an, eine Schicht der Arbeiterklasse mit Privilegien auszustatten und sie dadurch ins System zu integrieren. Dies ging nicht zuletzt über einen Lohn, der die Reproduktion der gesamten proletarischen Familie ermöglichte. Dadurch wurden die Proletarierinnen freigespielt, um sich voll und ganz auf die Reproduktion der Arbeitskraft konzentrieren zu können. Für große Teile der Klasse galt aber weiterhin, dass auch die Frau einer Erwerbsarbeit nachgehen musste.

Die Männer aber profitierten deshalb noch lange nicht vom Familienlohn. Er deckte nicht mehr ab als die Mindestkosten der Reproduktion: den notwendigen Betrag für den Unterhalt der ganzen Familie. Er hob nicht das Konsumniveau des männlichen Arbeiters an, das im allgemeinen beträchtlich unter dem gemeinsamen Familieneinkommen lag, das verdient worden wäre, wenn seine Frau und Kinder auch gearbeitet hätten. Der männliche Arbeiter bekam zwar die Lohntüte, die den Familienlohn enthielt, aber gesetzliche und ideologische Zwänge aller Art wurden eingesetzt, um ihn zu ermuntern, dass das Geld für den Unterhalt der ganzen Familie und nicht für das eigene Vergnügen ausgegeben wurde.

Marxisten lehnen das Konzept des Familienlohns ab, weil es die proletarische Frau aus der Produktion ausschließt und in ökonomischer Abhängigkeit vom Mann hält. Die Alternative zum Familienlohn ist der Kampf für ausreichende Kinderbetreuungseinrichtungen, Mutterschaftsurlaub und gleiche Löhne gewesen. Laut Hartmann: „Anstatt für gleiche Löhne für Männer und Frauen zu kämpfen, verlangten männliche Arbeiter den Familienlohn, weil sie die Dienstleistungen ihrer Ehefrauen zu Hause halten wollten. In der Abwesenheit des Patriarchats hätte eine vereinigte Klasse den Kapitalismus konfrontieren können, aber patriarchalische soziale Verhältnisse spalteten die Arbeiterklasse und ließen einen Teil (Männer) auf Kosten des anderen (Frauen) kaufen.“ In Wirklichkeit existierte diese Alternative nicht. Erstens war die (männliche) Arbeiterklasse kaum die großartig organisierte monolithische Klasse, wie Hartmann glaubt. Die Mehrheit der Arbeiter war nicht einmal gewerkschaftlich organisiert. In der Phase nach dem Niedergang des Chartismus in Großbritannien war der ökonomische Kampf verebbt. Die Ideen und der ganze Rahmen des Kapitalismus, einschließlich der vorherrschenden Ideologie von der Rolle der Frau, wurden akzeptiert. Wie hätten sie angesichts dieses allgemein sehr krisenhaften Zustands der Bewegung für eine derartige Alternative kämpfen sollen? Zweitens gab es für die Frauen der Arbeiterklasse die physischen Gefahren, die mit den häufigen Schwangerschaften und Geburten in Zusammenhang stehen. Empfängnisverhütung, wie wir sie heute kennen, war damals undenkbar. Für diese Frauen gab es keine Alternative zu einem Leben der häufigen und oft ungewollten Schwangerschaften – außer einem enthaltsamen Leben. Die Antwort darauf war eine Idealisierung der Vorstellung, dass Frauen nicht erwerbstätig werden sollten. Bürgerliche Familienideologie machte sich somit in der Arbeiterklasse immer stärker breit, auch wenn dies für viele proletarische Familien aufgrund ökonomischer Zwänge ohnedies nicht zu realisieren war und die bürgerliche Norm mit der Realität in ständigem Konflikt stand.

Auch heute, wo die Entwicklung des Kapitalismus die Mehrheit der Frauen in den Arbeitsmarkt hineingezogen hat, ist diese Ansicht über Frauen nicht verschwunden – und dies, obwohl sie nicht zuletzt durch die Arbeit der Frauenbewegung schwer unterminiert worden ist. Meinungen über Frauen, sowie die der Frauen über sich selbst, sind enorm unter der kombinierten Auswirkung der Empfängnisverhütung und des Eintritts in die Arbeitswelt fortgeschritten. Wie sehr veränderte materielle Bedingungen Meinungen geändert haben, ist selbst ein Argument gegen die Betrachtung der Unterdrückung der Frau als Ergebnis irgendwelcher mystischen männlichen ideologischen Gewalt, die sich niemals ändern wird.

Was diese Patriarchatstheorie von einer angeblichen Verschwörung zwischen männlichen Kapitalisten und männlichen Arbeitern absolut nicht zu erklären vermag, ist, warum in gewissen Situationen (z.B. Wirtschaftskrise in den 1930ern in den USA, die 1980er und 1990er Jahre) durchaus Arbeitsplätze vernichtet wurden, wo vor allem Männer beschäftigt waren, und im Gegenzug Frauen verstärkt in den Arbeitsmarkt einbezogen wurden. Offensichtlich hängt dies von der Dynamik der einzelnen Wirtschaftssektoren und den Veränderungen in der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur ab: Krise der Stahlindustrie, der Docks usw. einerseits und Expansion des Dienstleistungssektors (Call Centers, Einzelhandel, …) andererseits.

Die nächste zentrale Frage in diesem Zusammenhang ist jene nach der sich verändernden Rolle der Familie im Kapitalismus. Heidi Hartmann zufolge gibt es innerhalb der Klassengesellschaft zwei Formen der Produktion – Arbeit und Familie. Bei der einen handelt es sich um eine Produktionsweise, bei der anderen um eine Reproduktionsweise. Hartmann rechtfertigt diese Behauptung mit einem Zitat aus Engels erstem Vorwort zu seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“: „Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens ... Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, unter denen die Menschen einer bestimmten Geschichtsepoche und eines bestimmten Landes leben, werden bedingt durch beide Arten der Produktion...“ Beide sind laut Hartmann gleich wichtig und unabhängig voneinander. Auch wenn mensch den Kapitalismus abschafft, würde das Patriarchat weiter intakt bleiben.

Marxisten haben immer ganz anders argumentiert. Engels sagt etwa in seinem Vorwort zum „Ursprung der Familie“, dass, als die Klassengesellschaft sich entwickelte, es immer weniger der Fall war, dass die beiden nebeneinander bestehen, und dass das, was entsteht, „eine Gesellschaft [ist], in der die Familienordnung ganz von der Eigentumsordnung beherrscht wird...“ Indem sich der Kapitalismus als Weltsystem, als Totalität entwickelt, hüllt er alle vorkapitalistischen Strukturen ein und verändert sie, einschließlich der Familie. Das Wesen der Familie wird umgewandelt. Es könnte kaum anders sein. Sie hätte nicht den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus überleben können, ohne dass sie sich grundsätzlich geändert hätte. Denn dieser Übergang war nichts friedliches, sondern eine revolutionäre Umwälzung im Leben der Menschen. Dies brachte die Zerstörung alter Lebensweisen, der alten Produktionsformen im Haushalt – einer Situation, in der die Frau völlig vom Mann in ihrem Unterhalt abhing. Gleichzeitig wurden immer breitere Schichten in die Lohnarbeit gezogen. Selbstverständlich dauert die Familie durch die Geschichte fort in dem Sinne, dass die Reproduktion des Lebens weitergeht. Der biologische Prozess bleibt der gleiche. Aber die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ändern sich völlig. Jede neue Form der Familie wird von der herrschenden Klasse neu geschaffen, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Und die neue, vom Kapitalismus geschaffene Familie kann nicht unabhängig von der kapitalistischen Produktionsweise existieren. Genauso würde die Überwindung des Kapitalismus und die Errichtung einer sozialistischen Produktionsweise die Familie abermals verändern. Die ökonomische Basis für die Vergesellschaftung der Reproduktion würde endlich gegeben sein. Jede andere Sichtweise wäre völlig idealistisch. Genau dort setzt eine marxistische Kritik an Hartmanns Thesen an. Dies heißt aber nicht, dass Formen der Frauenunterdrückung automatisch mit dem Sturz des Kapitalismus verschwinden würden.

Doch zurück zur Familie im Kapitalismus. Über die letzten 200 Jahre kapitalistischer Entwicklung hat auch die Familie große Veränderungen durchgemacht. Die Veränderungen im Frühkapitalismus haben wir bereits behandelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie noch einmal drastischen Veränderungen unterworfen. Frauen wurden wieder verstärkt in den Arbeitsmarkt integriert und erkämpften sich eine bis dahin ungekannte Kontrolle über ihren Körper (Empfängnisverhütung, straffreie Abtreibung). Damit einher ging die Herausbildung einer ganzen Reihe von neuen Einstellungen. Die Ehe verliert an Bedeutung, die Zahl der Scheidungen wächst dramatisch. Männer und Frauen lehnen nicht die Institution der Ehe ab, aber sie sehen diese nicht mehr als lebenslängliche Bindung. Die Kontrolle über die Reproduktion und ein Ausmaß an wirtschaftlicher Unabhängigkeit für Frauen bedeutet eine wachsende Offenheit gegenüber neuen Lebensformen abseits der traditionellen bürgerlichen Familie. Dies drückt sich auch in fallenden Geburtsraten aus. Nicht zuletzt unter den Bedingungen der kapitalistischen Krise fassen Frauen die Entscheidung, nicht mehr das ganze Leben mit dem Gebären und Erziehen von Kindern zu verbringen.

Was also hält die Familie heute zusammen? Sind es die materiellen Interessen der Männer oder haben wir es mit anderen Faktoren zu tun? Erstens müssen wir die wirtschaftlichen Interessen des Kapitals an der Aufrechterhaltung der Familie aufgrund ihrer Rolle in der Reproduktion berücksichtigen. Das Konzept des Familienlohns (auch wenn er heute kaum die Reproduktion der Familie deckt und von staatlichen Sozialleistungen und oft durch Teilzeitarbeit der Frauen aufgebessert werden muss) sowie die unbezahlte Arbeit im Haushalt drücken die Reproduktionskosten enorm.

Wenn das System dazu fähig wäre, sich über viele Jahrzehnte wirtschaftlich ausdauernd auszudehnen, dann könnten, hypothetisch gesprochen, die wirtschaftlichen Funktionen der Familie durch andere Mechanismen ersetzt werden. Wie Irene Bruegel gezeigt hat, wäre es für das System möglich, den Gesamtmehrwert zu steigern, wenn die meiste (wenn nicht die gesamte) Hausarbeit und Kinderbetreuung durch kapitalistisch organisierte, bezahlte Arbeit durchgeführt würden, was alle Frauen „befreien“ würde, Wert und Mehrwert für das Kapital zu produzieren. Aber eine solche Umorganisierung der Reproduktion würde massive Ausgaben für die Investition in neue Kinderbetreuungs- und Pflegeeinrichtungen sowie wahrscheinlich eine völlige Umstrukturierung des Wohnungsbestands bedeuten. So etwas wird nicht in der gegenwärtigen von Krisen gekennzeichneten Phase des Systems passieren – dazu ist die Reservearmee der Arbeitslosen schon zu groß.

Das erklärt vor allem, warum Familie und Frauenunterdrückung fortdauern. Die Rollen der Frauen als Mütter und Kindererzieherinnen setzen den Rahmen für ihr ganzes Leben. Teilzeitarbeit und die damit verbundene niedrige Entlohnung sind Ausfluss dieser Rollenzuschreibung. Vom Anfang ihres Lebens in der kapitalistischen Gesellschaft wird behauptet, dass sie etwas anders als die Männer sein werden.

Theoretisch gibt es keinen Grund, warum die Frauen die Kinder betreuen und den größten Teil der Hausarbeit machen sollten, bloß weil sie die Kinder gebären. Aber in einer Welt der privatisierten Reproduktion, der strengen Arbeitsteilung, wo sie nicht im gleichen Ausmaß wie die Männer belohnt werden, gibt es für die meisten Familien keine Alternative. Es „macht Sinn“, dass es die Frau ist, die zu Hause bleibt, und so reproduziert sich auch die Rolle der Frau.

Das Gerede über die Teilung der Hausarbeit, über die Übernahme der Rolle der „Hausfrau“ seitens der Männer in so einer Gesellschaft ist nur für eine kleine Minderheit möglich, wo die Frau einen Beruf oder eine Qualifikation hat, der bzw. die es ihr ermöglicht, ebensoviel oder mehr als der Mann zu verdienen. Für die Masse der Arbeiter ist eine solche Aufgabenteilung blanker Utopismus.

Die materielle Bedeutung der Familie für den Kapitalismus wird durch ideologische Überlegungen verstärkt. Sie liefert einen Teil des ideologischen Zements, der das System zusammenhält. Auf jeder Stufe seiner Entwicklung hat das System Strukturen und Ideologien herausbilden müssen, mit denen sie die Ausgebeuteten und Unterdrückten zu integrieren vermag. Diese bestehen in späteren Gesellschaftsformationen, wenn auch in abgeänderter Form, meist weiter.

Wiederum könnte das System hypothetisch, wenn es eine unbegrenzte ökonomische Ausdehnung für eine lange Periode gäbe, neue ideologische Strukturen entwickeln, um diejenigen zu ersetzen, die mit der Erhaltung der gegenwärtigen Familie identifiziert sind. Aber das System verfügt nicht über diese Dynamik. Heute klammert es sich an jede Stütze, die es finden kann.

Der große Schwachpunkt in der Patriarchatsthese, wie er auch von sozialistischen Feministinnen vertreten wird, liegt in einer Kapitalismusanalyse, die scharf zwischen der Sphäre der Produktion und der Ideologie, der Kapitalakkumulation und jener des bürgerlichen Staates, zwischen Basis und Überbau trennt. In Wirklichkeit sind diese jedoch dialektisch miteinander verwoben und stehen in einem engen Wechselwirkungsprozess. Der Staat spielt als Unterdrückungsinstrument im Dienste der herrschenden Klasse eine wichtige Rolle bei der Spaltung der Arbeiterklasse nach sozialen, sexistischen oder rassistischen Kriterien. Dabei konnte er auf Elemente vorkapitalistischer, patriarchaler Strukturen zurückgreifen. Über den Staat und zivilgesellschaftliche Institutionen wird die ideologische Herrschaft der kapitalistischen Klasse abgesichert. Soziale Unterdrückungsformen sind dabei ein zentrales Werkzeug zur Herrschaftssicherung. Hier fällt Hartmann mit ihrer ökonomistischen Kapitalismusanalyse weit hinter den Marxismus zurück.

Hartmann verfängt sich vor allem in einen großen Widerspruch. Einerseits schreibt sie, dass das Patriarchat erst dadurch entstanden sei, als es den Kapitalisten gelang, die männlichen Arbeiter einzukaufen und die Arbeiterklasse in Männer und Frauen zu spalten. Mit anderen Worten: Klasseninteressen haben die Herausbildung des Patriarchats erst ermöglicht. Trotzdem stellt sie die Frauenunterdrückung über die Klassenunterdrückung und fordert die Frauen zum Kampf gegen das Patriarchat (und gegen den Kapitalismus) auf. Dazu müssten sich die Frauen eben autonom organisieren. Das politische Ziel sei ein „für Frauen brauchbarer Sozialismus“.

Selbst in der feministischen Bewegung gibt es aber auch Versuche einer Kritik an der Patriarchatstheorie. Eine der namhaftesten Vertreterinnen dieser Strömung war die britische Universitätsprofessorin Michèle Barret. Sie lehnt die Zwei-System-Theorie ab und vertritt die Meinung, dass Frauenunterdrückung nicht konstitutiv für das Funktionieren der kapitalistischen Produktionsweise ist. Das Verhältnis bzw. der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital als das charakteristische Merkmal des Kapitalismus ist aus ihrer Sicht „geschlechtsneutral“ und „wirkt unabhängig vom Geschlecht“. Ihre Kritik am Patriarchatsbegriff zielt vor allem auf dessen ahistorische Verwendung ab. Frauenunterdrückung sei immer auch einem historischen Wandel unterzogen gewesen. Barret wirft die Frage auf: „Was nutzt es Witwenverbrennungen in Indien und den „Zwang zur Privatheit“ in Westeuropa unter einen derart allgemeinen Begriff zu subsumieren? Was wir analysieren müssen, sind genau die unterschiedlichen Mechanismen, die die Frauenunterdrückung in verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen zementieren.“ Barret sieht kapitalistische Klassen- und Geschlechterverhältnisse eng miteinander verwoben. Frauenunterdrückung habe zwar schon vor dem Kapitalismus bestanden, sei aber Teil der Struktur des Kapitalismus geworden. Welche konkreten Formen die Frauenunterdrückung im Kapitalismus aber angenommen habe, könne nicht aus den kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus abgeleitet werden. Daraus schließt sie, dass es Akteure geben müsse, die ein besonderes Interesse an den derzeit vorherrschenden Formen der Frauenunterdrückung haben müssen und sieht diese in den männlichen Arbeitern. Daraus folgt auch ihre Unterstützung für das Konzept der autonomen Organisierung von Frauen. Sie geht aber nicht so weit, Bündnisse zwischen der Frauenbewegung und der „Linken“ abzulehnen – ganz im Gegenteil.

In eine ähnliche Richtung geht Johanna Brenner, die mit ihren historischen Studien wichtige Beiträge zur Relativierung der feministischen Kritik am Marxismus und der Arbeiterbewegung liefert. Eine weitere Frau, die sich selbst als „feministische Marxistin“ sieht, und die in ihrer Analyse von Kapitalismus und Frauenunterdrückung viele positive Ansätze hat, ist Martha Gimenez. Diese Gruppe von „marxistischen“ Feministinnen ist jedoch eine absolute Randerscheinung in der feministischen Bewegung, deren Theorien auch keinen relevanten Wirkungskreis haben.

Worin lag und liegt trotz alledem die große Anziehungskraft der Patriarchatstheorie? Im Wesentlichen kann diese auf den großen Widerspruch zwischen einer sich rasch verändernden Rolle der Frau in der Gesellschaft im Zuge des Nachkriegsbooms (Zugang zu höherer Bildung, Erwerbsarbeit, Empfängnisverhütung, ...) einerseits und dem Vorherrschen eines sehr konservativen Rollenbildes der Frau zurückgeführt werden. Viele Frauen konnten erstmals die Perspektive entwickeln, dass ihr Leben im Vergleich zu jenem ihrer Mütter und Großmütter von einem tatsächlichen Fortschritt geprägt sein würde. Dies prallte jedoch auf die vorherrschenden Moralvorstellungen, Rollenbilder und diskriminierenden Gesetze des bürgerlichen Staates. Auch wenn die Frauenbewegung überwiegend von Frauen mit einem hohen Bildungsniveau und aus freien Berufen getragen wurde, die bei allen Hindernissen eine reale Möglichkeit sahen, Gleichberechtigung zu erlangen, so konnte sie doch auch bei einem großen Teil der Frauen aus der Arbeiterklasse Verständnis, wenn nicht offene Unterstützung, für ihre Ideen erzielen. Umgekehrt hatte die Frauenbewegung zumindest den Anspruch, sich in der Arbeiterklasse zu verankern – auch wenn sie diesem Anspruch in der Realität aufgrund ihrer organisatorischen und politischen Methoden kaum gerecht werden konnte.

Forschungsgebiete feministischer Wissenschaft

Ausgehend von der Frauenbewegung in den USA wurde als zentraler Hebel zur Veränderung der Verhältnisse die Beeinflussung des Bildungs- und Wissenschaftsbetriebs gesehen. Dies war nicht zuletzt Ausdruck des sozialen Charakters der Neuen Frauenbewegung, die das Gros ihrer Aktivistinnen aus dem Bildungsbürgertum und kleinbürgerlichen Schichten rekrutierte. Diese Schichten strömten ab den 1960er und 1970er Jahren verstärkt auf die Universitäten und strebten eine akademische Karriere an. In ihrem unmittelbaren Lebenszusammenhang versuchten sie einen Beitrag zum Kampf gegen Frauenunterdrückung zu leisten.

Selbst als die Frauenbewegung immer schwächer wurde, und es zu einer teilweisen Institutionalisierung der Bewegung kam, boten die Universitäten ein Betätigungsfeld für diese Frauen. „Women’s Studies“ oder „Gender Studies“ sind mittlerweile aus dem Lehr- und Wissenschaftsbetrieb der meisten Universitäten nicht mehr wegzudenken und ziehen sich durch nahezu alle Studienrichtungen.

Ursprung der Frauenunterdrückung

In der Folge wollen wir auf einige zentrale wissenschaftliche Debatten, welche im Zuge dieses feministischen Wissenschaftsbetriebes aufgeworfen wurden, eingehen. In der feministischen Debatte gab es eine Reihe von Bemühungen, die Ursprünge der Frauenunterdrückung zu erklären bzw. die Existenz einer matriarchalen Gesellschaftsordnung zu beweisen. Ein Bestseller aus diesem Bereich war das Buch „The first Sex“ (Das erste Geschlecht) von Elizabeth Gould Davis. Gould Davis versuchte darin zu zeigen, dass Frauen einen viel größeren Anteil an der Herausbildung der menschlichen Zivilisation hatten als Männer. Dies zeige sich vor allem darin, dass die ersten Gottesvorstellungen weiblich waren. Gould Davis bemüht bei ihren Ausführungen aber nicht zuletzt die Biologie und will damit untermauern, dass der Mann eigentlich nichts anderes als eine verkümmerte Frau sei. Die Frau sei also das starke Geschlecht, der Mann hingegen sei als eine abartige Laune der Natur anzusehen und dementsprechend entbehrlich. Gould Davis steht aber nur stellvertretend für den Anspruch, der Frauenbewegung eine historische Perspektive zu geben, deren Ziel in einer Rückkehr zum Matriarchat liege.

Auch das Buch „Frauenstaat und Männerstaat“ von Mathilde Vaerting aus dem Jahr 1921 sollte große Bedeutung in der Frauenbewegung der 1970er Jahre erlangen. Vaerting war eine der ersten Universitätsprofessorinnen Deutschlands. Schon in der Weimarer Republik stand sie permanent im Kreuzfeuer ihrer männlichen „Kollegen“, die gegen ihren „Feminismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft“ zu Felde zogen. 1933 wurde sie Opfer der ersten NS-Säuberungswelle an den Unis. Sie kam zu dem Schluss, dass es im Altertum, also schon während der ersten Hochkulturen, einen Frauenstaat gegeben habe (Ägypten, Lybien, …), wobei sich dies nicht nur in der weiblichen Erbfolge, sondern auch in der Verwaltung, der Kriegsführung und der Produktion nachweisen ließe. Damals hätten Frauen die heute „typisch männlichen“ Charaktereigenschaften aufgewiesen. Auch seien die schwerarbeitenden Frauen den Männern körperlich überlegen gewesen. Eine These, die die Ethnologin Margaret Mead am Beispiel von Inselvölkern in Polynesien in den 1930ern ebenfalls dokumentiert hat. Mit anderen Worten: es gibt keine natürlichen „männlichen“ und „weiblichen“ Eigenschaften, diese sind vielmehr abhängig von der Gesellschaftsordnung. Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern war aus ihrer Sicht auch nicht naturgemäß. Ihr Anliegen ist es nicht, die Überlegenheit der Frau zu beweisen, sondern die Beschränkungen einer Gesellschaft, in der eines der beiden Geschlechter vorherrscht. Ihr Ziel ist ein völlig gleichberechtigtes Zusammenleben der Geschlechter. Selbst in der feministischen Debatte gab es jedoch eine Vielzahl von Einwänden gegen ihre historischen Beispiele (v.a. zum Geschlechterverhältnis in der ägyptischen Hochkultur), mit dem sie ihre Thesen zu untermauern versuchte.

Ein weiterer Klassiker der Frauenbewegung war Ernest Bornemanns Standardwerk „Das Patriarchat“ aus dem Jahre 1975. Bornemann war ein österreichischer Sexualforscher, der in der Tradition von Wilhelm Reichs Sexpol-Bewegung stand und regelmäßig für die Arbeiter-Zeitung schrieb. Er wollte mit diesem Buch der Frauenbewegung ein Werkzeug in die Hand geben: „Nur der soziale und ökonomische Nachweis, dass die Frau beim Ursprung unserer Kultur eine dem Mann zumindest ebenbürtige Rolle gespielt hat, kann der Frauenbewegung unserer Tage das Argument liefern, das sie benötigt, wenn sie helfen will, das patriarchalische System abzuschaffen, und damit die Grundlage einer freien Gesellschaft mit wirklicher Gleichberechtigung der Geschlechter zu legen.“ Auch er stützt sein Buch auf eine unvorstellbar detaillierte Materialsammlung. Seine Quellen sind archäologische Funde, Mythen sowie schriftliche Berichte aus den frühen Hochkulturen und der Antike. Bornemann sieht das Patriarchat aber nicht als selbständiges System, sondern als wesentliches Strukturelement der verschiedenen Gesellschaftsformationen. Die neolithische Revolution definiert er „in sexueller Hinsicht als eine Konterrevolution, einen konspirativen Aufstand der Männer.“ Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Sozial- und Sexualgeschichte der Antike, aber sein Schluss über die „Zukunft unseres Gesellschaftssystems“ ist nicht vielmehr als eine schön klingende Utopie. Bornemann setzt auf den technologischen Fortschritt, der eine klassen- und geschlechtslose Gesellschaft ermöglichen solle. In einem Sinne ist Bornemanns Buch aber von großem Wert: Es zeigt, dass die männliche Dominanz nicht auf einer natürlichen Überlegenheit basiert, sondern Produkt der historischen Zurückdrängung der Frau aus der produktiven Arbeit und der damit verbundenen Kontrollausübung über den weiblichen Körper durch den Mann ist.

Hexen und Hebammen

Im Zuge der historischen Frauenforschung wurde großer Wert daraufgelegt, die bedeutende Rolle der Frau in unterschiedlichen Geschichtsepochen nachzuweisen und das Bild, dass die Geschichte eine „Geschichte der großen Männer“ sei, zu erschüttern. Ein wichtiger Beitrag in diesem Sinne war die Erforschung des Phänomens der „Hexen“ im Mittelalter. Im Volksmund wurden sie meist „weise Frauen“ genannt. Die herrschende Klasse verfolgte sie als „Hexen“ und „Kurpfuscherinnen“. Diese Frauen hatten aufgrund ihres Wissens im Bereich der Heilkunde, der Geburtshilfe und der Pflege, das vor allem den unteren Ständen zugutekam, einen großen sozialen Stellenwert. Sie waren somit imstande, das Monopol der Kirche auf Wissen in Frage zu stellen. Dies wurde mit der Inquisition beantwortet. Ehrenreich und English sehen in der Jahrhunderte lang andauernden Hexenverfolgung eine „gegen die weibliche Landbevölkerung gerichtete Terrorkampagne der herrschenden Klasse“. In der Tätigkeit der Hexen sah mensch einen Eingriff gegen den göttlichen Willen, der besagt, dass die Menschen Schmerzen zu erdulden hätten und nur das Gebet heilen könne. Das ständige Ausprobieren und Erforschen der Wirkung von Kräutern und Ähnlichem erschütterte das kirchliche Weltbild, wonach der Mensch gefügsam sein Schicksal zu erdulden hätte. Ehrenreich und English schrieben dazu: „In der Hexenverfolgung trafen die antiempirischen, frauenfeindlichen, antisexuellen Zwangsvorstellungen der Kirche zusammen: Empirie und Sexualität stellten beide die Hingabe des Menschen an die Sinne, also einen Glaubensverrat dar. Die Hexe … setzte dem repressiven Fatalismus der christlichen Kirche ihren unverrückbaren Glauben an die Veränderbarkeit dieser Welt entgegen.“

Für die Frauenbewegung waren diese Erkenntnisse besonders wichtig, ging es in ihrem Kampf nicht zuletzt um die Frage, wer über den weiblichen Körper bestimmt. In diesem Kampf galt es das medizinische System, dessen Symbol der weiße Kittel des Arztes war, zu verändern, was z.B. in den Kampagnen für das Abtreibungsrecht und eine moderne Gynäkologie wichtig war. Viele Feministinnen wollten in diesem Sinne auch die Kunst der „weisen Frauen“ wieder entdecken und bemühten sich um eine positive Neudefinition des Begriffs „Hexe“. Dass eine positive Erkenntniserweiterung durch die feministische Geschichtswissenschaft, die auch einen weißen Fleck in der historisch-materialistischen Forschung erhellte, in der feministischen Praxis rückwärtsgewandten Ansichten den Weg ebnete, zeigte aber Jutta Menschik: „Es erscheint so, als hätten Frauen bisher zu wenig Übung, das Studium der und insbesondere ihrer Geschichte in revolutionäre Energie umzuwandeln. So gut es zu wissen ist, dass der Beitrag der Frauen in der menschlichen Kulturgeschichte kein untergeordneter, sondern ursprünglich sogar ein konstitutiver war, und so nachforschenswert es ist, die verbotenen Frauenqualifikationen aus der Asche mittelalterlicher Scheiterhaufen wieder aufzuspüren, wäre doch ein solches Erkenntnisinteresse mehr als fehlgeleitet, wenn es dazu führen würde, Frauen nach einer zukünftlerischen Machtergreifung streben zu lassen oder sie als schwesterliche Kurpfuscherinnen auszubilden. Dokumentiert ersteres ein voluntaristisches Stärkeideal, scheint letzteres ein Indiz ‚weiblicher’ Schwäche zu sein, nämlich niemandem mehr zu trauen als sich selbst – auch wenn das einen Rückschritt hinter Arbeitsteilung und Gesellschaftlichkeit überhaupt bedeutet.“

Sexualität – Körper

Einer der thematischen Dreh- und Angelpunkte der Frauenbewegung war die Frage der weiblichen Sexualität und der Wiedererlangung der Selbstkontrolle über den eigenen Körper. Im deutschsprachigen Raum spielte dabei Alice Schwarzer eine Vorreiterrolle. Sie veröffentlichte eine Reihe von Interviews und Gesprächsprotokollen mit Frauen mit dem Anspruch, dass Frauen endlich von ihren Ängsten, Abhängigkeiten, Widersprüchen und Hoffnungen reden können. Das darin gezeichnete Bild einer weiblichen Sexualität, die von Frust, Ekel, Erniedrigung gekennzeichnet war, erschütterte in den 1970ern die Öffentlichkeit. Auch wenn diese Veröffentlichung nicht unbedingt allen wissenschaftlichen Kriterien entsprochen haben mag, so legte sie den Finger doch auf eine offene Wunde. Ein Thema, das von der restlichen Linken weitgehend ausgespart wurde, wurde somit ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt.

Damit war eine Debatte über die Entmystifizierung der bürgerlichen Familie verbunden. Der US-Soziologe Straus entwickelte eine Theorie, mit der gezeigt wurde, dass eheliche Gewalt in einem hohen Ausmaß ein Produkt der herrschenden Gesellschafts- und Familienstruktur ist.

Diese Erfahrungen mit Gewalt und Misshandlungen, aber auch psychischen Demütigungen in Beziehungen, die einer Reihe von Studien zufolge ein Phänomen darstellen, mit dem ein Großteil der Frauen (unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit) konfrontiert ist, waren Wasser auf die Mühlen der feministischen Bewegung, wonach alle Frauen durch ihr Frausein gemeinsame Interessen haben und gemeinsam gegen „die Männer“ kämpfen müssen.

Gewalt gegen Frauen ist aber nicht nur Ausdruck eines patriarchalen Geschlechterverhältnisses. Gewalt in Beziehungen kann nicht losgelöst von der Stellung des Mannes in der Welt außerhalb der eigenen vier Wände gesehen werden. Sie ist nicht zuletzt eine Art und Weise auf die eigenen Probleme z.B. in der Arbeitswelt zu reagieren, vor allem auf Situationen, wo sie selbst einem gewaltigen Druck ausgesetzt sind, und keine Möglichkeit haben, sich zu wehren. Diese gesellschaftliche Dimension der männlichen Gewalt darf keine Entschuldigung liefern – aber sie zu verstehen ist zentral für die Entwicklung einer politischen Strategie gegen dieses Phänomen.

Weitere wichtige Beiträge feministisch motivierter Forschung haben wir bereits in anderen Kapiteln unseres Theoriemagazins diskutiert bzw. in unsere Analysemethoden aufgenommen. Dazu zählen die Hausarbeitsdebatte, die Erkenntnisse der Sozialisationstheoretiker oder die Unterscheidung in Sex und Gender, d.h. in ein biologisches und ein soziales Geschlecht.

Opfer oder Täterinnen?

Mit dem Abflauen der militanten Bewegungen der 1970er Jahre veränderte sich auch sehr stark das Selbstverständnis der Frauenbewegung. Es setzte sich das Gefühl durch, dass es unmöglich sei, etwas zu erreichen. Mensch könne nur sich selber verändern. Der bekannte Slogan „Das Persönliche ist politisch“ wird in dieser Phase auf den Kopf gestellt und so definiert, dass in der persönlichen Veränderung und der Betonung „weiblicher Werte“ das Primat feministischer Praxis liegen müsse. Statt Gesellschaftsanspruch war nun alles auf Selbstverwirklichung konzentriert – gepaart mit einem erhobenen Zeigefinger gegenüber anderen. In Wirklichkeit wird damit aber das herrschende Geschlechterverhältnis akzeptiert. Die analytische Unterscheidung in biologisches und soziales Geschlecht wird in diesem Zusammenhang oft aufgegeben. Im Gegensatz dazu werden die positiven Aspekte der Differenzen zwischen den Geschlechtern hervorgehoben. Gleichberechtigung und Gleichstellung könnten daher auch keine politischen Ziele mehr sein. Es gehe vielmehr um die Aufwertung der „weiblichen Besonderheiten“. Einige Frauen ziehen heute die logischen (völlig elitären) Schlussfolgerungen aus der Patriarchatstheorie und argumentieren für getrennte Lebensstile innerhalb des Kapitalismus – getrennte Wohnungen, Mädchenschulen, getrennte Freizeitaktivitäten. Die meisten Frauen haben diese Wahl aber gar nicht, allein schon weil es ihnen an den materiellen Voraussetzungen dafür mangelt. Selbst die Errungenschaften der Frauenbewegung wie das Recht auf Scheidung stehen vielen Frauen nicht offen, weil sie noch immer in ökonomischer Abhängigkeit von ihren Männern stehen und diese durch Einsparungen im Sozialbereich, bei Fraueneinrichtungen usw. weiter gefestigt wird.

In diese Phase der schwächer werdenden Frauenbewegung fällt auch die so genannte Opfer-Täter-Debatte, die in den 1980ern ihren Anfang nimmt. Dieser These zufolge sind Frauen nicht nur Opfer der herrschenden gesellschaftlichen Strukturen, sondern tragen als „Mittäterinnen“ Mitverantwortung an der Reproduktion ihrer eigenen Unterdrückung. Eine der Frauen, die diese Debatte maßgeblich beeinflusst haben, ist Frigga Haug, die sich selbst als „marxistische“ Feministin sieht und für ihre Mitarbeit am Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus bekannt ist. Sie entwickelte ihre Position aus einer Auseinandersetzung mit der „Sozialisationstheorie“, welche die geschlechterspezifische Sozialisation als wesentlich zum Funktionieren der Frauenunterdrückung sieht. Haug anerkennt, dass die weibliche Sozialisation ein Kernelement der Frauenunterdrückung darstellt, kritisiert jedoch, dass dieser Ansatz, vor allem so wie er von radikalfeministischer Seite vorgebracht wird, leicht in einer Art Verschwörungstheorie ende. Ausgehend von Studien über die konkreten Alltagserfahrungen von Frauen, wo Frauen selbst zu Wort kommen, versucht sie zu zeigen, dass Frauen selbst einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der herrschenden Normen und Werte leisten. Diese Mittäterschaft gelte es bewusst zu machen, um die weibliche Persönlichkeit zu revolutionieren. Dies wäre der erste Schritt zum Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse.

Haugs erklärtes Ziel ist es, die marxistische Methode auf die „Frauenfrage“ anzuwenden. In diesem Sinne gelte es Fragen der Politik, Ideologie, Herrschaft, Ausbeutung, Recht, Moral usw. in Zusammenhang mit der Wirkung der Geschlechterverhältnisse zu behandeln. Dass Marx und Engels und die anderen marxistischen Klassiker dies nicht gemacht haben, darin sieht sie die große theoretische Schwäche des Marxismus. Unter den Frauen, die sich selbst als „marxistische Feministinnen“ sehen, ist diese These von der Geschlechtsblindheit des Marxismus aber alles andere als unumstritten. So verteidigt Martha Gimenez die Klassiker gegen diesen Vorwurf folgendermaßen: „Marx und Engels beschäftigten sich in erster Linie mit den Strukturen, Prozessen und Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise und das auf höchster Abstraktionsebene; ihr Anliegen bestand nicht in einer enzyklopädischen Untersuchung aller Auswirkungen dieser Produktionsweise in den verschiedenen Gesellschaftsformationen, etwa den Auswirkungen, die veränderlich sind und nicht notwendigerweise aus der Produktion abzuleiten sind, sondern durch umweltbedingte, demographische und historische Charakteristika der Gesellschaftsformation selbst überbestimmt werden.“ Und an anderer Stelle: „Feministinnen haben an Marx’ Analyse der Produktionsweise kritisiert, dass seine Kategorien ‚geschlechtsblind’ seien; sie haben aber das Wesen dieser ‚Geschlechtsblindheit’ nicht verstanden. Die Produktions- und Klassenverhältnisse sind ‚geschlechtsblind’, weil ihr Wesen sich nicht verändert, wenn ihre Träger wechseln. Ob Kapitalisten männlich, weiblich, weiß, farbig, jung oder alt oder was immer sind, ist bedeutungslos für die Funktionsweise des Kapitalismus. Obgleich unterschiedliche Gruppen von Arbeitern gleichermaßen ausgebeutet werden, unterliegen einige von ihnen wegen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, nationaler Zugehörigkeit u.ä. mehr als andere der Ausbeutung. Aber ob ausgebeutet oder überausgebeutet, das Ausbeutungsverhältnis bleibt das gleiche.“

Haug steht für eine Strömung, die der Ideologie bei der Aufrechterhaltung der herrschenden Verhältnisse einen großen Stellenwert zumisst. Ideologieproduktion läuft über die diversen Institutionen des Systems (Kirche, Schule, Familie, Medien usw.) mit dem Ziel, dass die Unterdrückten ihre Rolle akzeptieren. Haug stützt sich dabei vor allem auf die Frühschriften von Karl Marx und auf die Gefängnishefte von Antonio Gramsci. Auch wenn diese Analyse der Funktion der Ideologie im Kapitalismus prinzipiell stimmt, so schüttet Haug dennoch auf ihrer Suche nach neuen Widerstandsformen das Kind mit dem Bade aus. Sie kommt zu dem Schluss, dass es um eine „permanente Revolution des Persönlichen“ gehen müsse, weil die Individuen ja Mittätern seien. Dieser Ansatz lässt sich aus einer verständlichen Ablehnung eines stalinistisch geprägten Marxismusbildes erklären, wobei sie aber letztlich alle Grundsätze einer revolutionär-marxistischen Strategie über Bord wirft.

Zerfallserscheinungen einer Bewegung…

In den späten 1970ern und frühen 1980ern erlitt die Arbeiterbewegung in einer Reihe von Ländern schwere Niederlagen. Die linke Welle der Jahre nach 1968 ebbte international ab. Die Hoffnungen einer ganzen Generation von linken Aktivisten waren enttäuscht worden. Die Rechten waren in allen gesellschaftlichen Bereichen wieder im Vormarsch. Mit dem Ende der Sowjetunion wurde dieser Prozess noch einmal beschleunigt.

Diese allgemeine Entwicklung verschonte auch die Frauenbewegung nicht. In den letzten Jahren ist diese de facto nicht mehr durch Massenaktivitäten, sondern vielmehr durch eine zunehmende Institutionalisierung gekennzeichnet. Der Kampf um Frauenbefreiung sollte über schrittweise Reformen im Rahmen des herrschenden Systems und seiner Institutionen zum Erfolg geführt werden.

Damit einher ging eine schwere ideologische Krise der Frauenbewegung und all ihrer Strömungen. Hatten in den 1960er und 1970er Jahren viele Theoretikerinnen der Frauenbewegung den Anspruch, Marx weiterzuentwickeln und an den positiven Aspekten seiner Theorie, wenn auch kritisch, anzuknüpfen, so wurde mit dem Ende der Sowjetunion und der damit verbundenen Krise der Linken in fast allen Schattierungen des Feminismus der Marxismus endgültig entsorgt. Auch in der Frauenbewegung wurde die theoretische Debatte der 1990er Jahre sehr stark von postmodernen Konzepten bestimmt. Dies drückt sich in einer generellen Skepsis gegenüber der Möglichkeit einer allgemein gültigen Erklärung der Ursachen für Frauenunterdrückung basierend auf historischen, ökonomischen, sozialen und politischen Analysen aus. Es wird überhaupt bezweifelt, dass es eine objektiv zu erfassende materielle Wirklichkeit gibt und dass sich diese durch einen kollektiven Kampf verändern ließe. Diese postmodernistischen Ansätze sind wiederum die passende Antwort für die Überbleibsel einer politisch schwer in die Defensive geratenen Bewegung.

Zusehends hat sich in den letzten Jahren im feministischen Spektrum eine Haltung breit gemacht, welche die Situation der Frauen in erster Linie auf ihre individuellen Entscheidungen zurückführt. Oftmals wird wieder davon ausgegangen, dass es an der einzelnen Frau liegt, ob sie sich unterdrücken lässt oder nicht. Denn schließlich gibt es ja auch die Topmanagerinnen, die Millionärinnen und Spitzenpolitikerinnen. Selbst die SJ macht Aktionstage zum Internationalen Frauentag, bei denen die Siemens-Managerin Brigitte Ederer als Vorbild dargestellt wird, weil sie sich als erfolgreiche Managerin in der Wirtschaft durchsetzen konnte. Diese Tendenz, Frauenunterdrückung den einzelnen Frauen selbst zuzuschreiben, ist unter Feministinnen weit verbreitet. Susan Faludi, die Anfang der 1990er noch gegen den konservativen Wind ankämpfte, schreibt heute im Stile der damaligen Anti-Feministen aus dem bürgerlichen Lager: Wenn die Frau Rechte in Anspruch nehmen wolle, dann müsse sie endlich aufhören, sich als Opfer zu betrachten und Verantwortlichkeit für ihr Leben übernehmen. Diese neueste Ausformung des Feminismus, der Powerfeminismus, geht auch an deutschen Feministinnen nicht vorbei. In der EMMA schreibt Alice Schwarzer: „Aber der Griff der Frauen zur Macht ist zunehmend entschieden. Heute erben Frauen gleichberechtigt und verdienen immer öfter mehr, als sie zum Leben brauchen. So ist inzwischen jeder dritte Aktionär eine Frau, verdient jede zwölfte Ehefrau mehr als ihr Mann und gehört jede neunte EMMA-Leserin mit über 5000 DM netto im Monat zu den Spitzenverdienerinnen der Nation.“ Gleichberechtigung ist für diese Powerfeministinnen erreicht, wenn auch Frauen für Entlassungen und Lohnkürzungen verantwortlich sind.

Sharon Smith erklärt in „What ever happened to Feminism?“ wie es zu einer solchen Ausprägung des Feminismus kommen konnte: „Hat sich der Feminismus geändert – oder verraten die Feministinnen der 1990er die grundlegenden Prinzipien des modernen Feminismus? Es stimmt: Die Gloria Steinman (eine US-amerikanische Feministin) von heute ist eine völlig andere als 1970 – die Veränderung im Feminismus ist aber keine quantitative... der Mainstream-Feminismus hat nie eine andere Klasse von Frauen vertreten als die der oberen Mittelklasse ... „The Feminine Mystique“, das Buch von Betty Friedan, das 1963 die Tür des modernen Feminismus öffnete, gab dem Fluch von Mittelstandsfrauen mit guter Schulbildung aus den Vorstädten eine Stimme, die sich in ihren Häusern gefangen fühlten ... Der neue Feminismus der Naomi Wolfs und Susan Faludis bezieht sich auf genau dieselbe Klasse von Frauen – nur sind sie die nächste Generation, die aus der Falle der Vorstadthausfrauen ausgebrochen und ins Management aufgestiegen sind. Feminismus, damals wie heute, spricht nur für diese Klasse von Frauen (einer Minderheit), die in der Lage sind, vergleichsweise gleichberechtigt innerhalb des Rahmens des Kapitalismus zu sein.“ Die Bedürfnisse der großen Mehrheit der Frauen spielen hier keine Rolle.

… und ihre Institutionalisierung

Sichtbarster Ausdruck der Krise der autonomen Frauenbewegung ist zweifelsohne ihre Institutionalisierung, was ihr jede Form der Radikalität genommen hat. Von einer autonomen Organisierung mit einer Fähigkeit zu Massenaktionen kann heute nicht mehr gesprochen werden. Die Reste der Frauenbewegung haben mit dem System letztlich ihren Frieden geschlossen. Das gilt, mit wenigen Ausnahmen, für all ihre Strömungen.

Die materielle Basis dafür boten die vielen Bereiche, in denen sich die Frauenbewegung in der Vergangenheit zunehmenden Einfluss erkämpft hat. Dies trifft vor allem auf den universitären Wissenschaftsbereich zu, wo die Frauen- und Genderforschung heute ihren fixen Platz hat. Die bereits angeführte Johanna Brenner schreibt dazu: „Frauen- und Genderforschung wird akzeptiert, solange sie den akademischen Normen entspricht. Feministische Fakultäten brauchen nicht länger eine Verbindung mit studentischem Aktivismus oder der Frauenpolitik außerhalb des akademischen Raumes zu haben, um sich zu verteidigen. Mittlerweile haben sich der Lohn für akademische Anerkennung, die Möglichkeiten für institutionellen Einfluss und damit die Bedürfnisse nach einer Karriere exponentiell erhöht.“ Die Frauen, die am stärksten Ausbeutung und Unterdrückung ausgesetzt sind, nämlich Arbeiterinnen oder farbige Frauen würden mehr als Studienobjekte – und nicht als Kampfgenossinnen – gesehen. Der universitäre, akademische Bereich ermöglichte vielen Feministinnen eine Karrierechance. Selbst in den traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung gibt es für diesen etablierten Feminismus mittlerweile gewisse Nischen, die einigen wenigen Frauen einen persönlichen Aufstieg ermöglichen. Die Bürokratie dieser Organisationen schmückt sich dabei mit einem feministischen Mascherl, ohne aber den Kampf für Frauenbefreiung aktiv zu führen. Frauen, die sich in diesen Bereichen etabliert haben, müssen sich an die herrschenden Normen halten. Mangels einer Bewegung, die von unten bzw. außerhalb der Institutionen Druck erzeugen kann, sind diese Frauen dem Druck der herrschenden Verhältnisse vollständig ausgesetzt und müssen sich diesem unterordnen. Andernfalls riskieren sie, ihre Position zu verlieren.

Die Erstarrung zeigt sich zum Teil auch in der Überbewertung von genderisierter Sprache – einer Auffassung, wonach Sprache ein entscheidender Hebel zur Veränderung des Bewusstseins der Gesellschaft sein könne.

Die Institutionalisierung der Bewegung hatte zweifelsohne auch positive Aspekte, wie die Reformen zur rechtlichen Gleichstellung von Frauen, die Einrichtung von Frauenhäusern, Frauennotrufen usw. oder eben teilweise die Förderung der Frauen- und Genderforschung. Dies darf aber nicht über den eigentlichen Charakter dieser Entwicklung hinwegtäuschen. Die Frauenbewegung ist heute nicht mehr als politische Bewegung wahrnehmbar. Die wenigen Nischen, die einer Minderheit von Frauen im herrschenden System, die großteils aus der herrschenden Klasse oder aus dem Kleinbürgertum stammen, gewährt wurden, sind fern der Lebensrealität der Masse der (lohnabhängigen) Frauen, die von dieser Institutionalisierung wenig bis gar nicht profitiert haben und im Gegenteil die reaktionäre Gegenoffensive der letzten beiden Jahrzehnte verschärft zu spüren bekommen.

Zusammenfassung: Marxismus versus „sozialistischer“ Feminismus

Jeder Feminismus, so auch der „sozialistische“ Feminismus, geht von einem Kampf von Männern gegen Frauen aus, der erstens wie der Klassenkampf auf einem unversöhnlichen Interessensgegensatz beruht und zweitens eigenständig neben dem Klassenkampf existiert. An der prinzipiell unabhängigen Existenz des Geschlechterkampfs neben dem Klassenkampf ändert sich bei diesen Theorien auch dann nichts, wenn einzelne Punkte zugestanden werden, in denen sich diese Kämpfe überschneiden. Auf diese Weise gibt es sog. „sozialistische“ Feministen, die der Meinung sind, dass der Kampf der Frauen um die Befreiung von der Männerherrschaft nur im Sozialismus endgültig gewonnen werden kann. Nichtsdestotrotz gehen diese sozialistischen Feministen davon aus, dass es einen Geschlechterkampf gibt, der auf unversöhnlichen Interessensgegensätzen beruht und parallel zum Klassenkampf existiert.

Daraus folgern „sozialistische“ Feministen, es müsse einen gemeinsamen Kampf von Männern und Frauen gegen das Kapital geben, und einen Kampf der Frauen gegen die Männerherrschaft in der eigenen Organisation. Diese Theorie spiegelt sich in eigenen „Frauenstrukturen“ wider, die so etwas wie der Kampfplatz für diese Auseinandersetzung sein sollen. Der genaue Platz der Männer in diesem Kampf gegen den Sexismus ist nicht ganz klar. Manche sagen, Männer könnten niemals Feministen sein. Andere sagen, das sei durchaus möglich, die Männer könnten an sich selbst arbeiten. Gleichzeitig werden aber die Männer vom statutarisch vorgesehenen Kampfplatz gegen den Sexismus – den „Frauenstrukturen“ – ausgeschlossen. Anstatt Frauen in einen gemeinsamen Apparat, in einen gemeinsamen sozialistischen Kampf gegen Kapital und Sexismus zu integrieren, wird ein eigener Frauenapparat geschaffen, der in erster Linie dem Kampf gegen Frauenunterdrückung geweiht ist. Auf diese Weise werden Frauen tendenziell aus dem gemeinsamen sozialistischen Kampf hinausgedrängt, die Frauenunterdrückung wird zum Frauenproblem erklärt und die Rollenstrukturen mehr einzementiert als bekämpft.

Männer werden aus dem Kampf gegen den Sexismus ausgeschlossen. Sie können lediglich an sich selber arbeiten, daher einen eigenen Kampf gegen ihren eigenen Sexismus führen. Die gemeinsame Diskussion über die Rollenbilder in der Organisation, das gemeinsame Durchbrechen dieser Rollenstrukturen kommt dabei meist zu kurz.

Die Rolle des Mannes im Kampf gegen den Sexismus ist beim „sozialistischen“ Feminismus ungeklärt. Dies ist auch nicht verwunderlich. Der Mann wird tendenziell als reiner Ausbeuter der Frau gesehen, der ein Interesse an Frauenunterdrückung hat. Er kann also höchstens aus ethischen Gründen dazu kommen, seinen Sexismus aufzugeben, den Kampf der Frauen zu unterstützen, wie einE humanEr KapitalistIn aus Gnade den Arbeiteren Almosen geben mag. Der Mann kann jedoch in dieser Theorie nicht selbst zum Träger, zum Subjekt des antisexistischen Kampfes werden. Die Frau könne ihm nie so weit vertrauen, dass sie ihn in den antisexistischen Kampf der Frauenstrukturen wirklich einbinden könnte.

Was will der Marxismus?

Marxisten hingegen gehen davon aus, dass der antisexistische Kampf untrennbar verbunden werden muss mit dem sozialistischen Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals. Geschlechterwiderspruch und Klassenkampf lassen sich weder in zwei parallele Kämpfe trennen noch in Haupt- und Nebenwiderspruch, sie bilden ein untrennbares Ganzes. Oder in der Sprache der Dialektik: Einheit und gegenseitige Durchdringung der Widersprüche.

Der Marxismus sieht keinen unversöhnlichen Interessensgegensatz zwischen Mann und Frau, in dem der Mann den Ausbeuter bildet und die Frau die Unterdrückte. Er geht davon aus, dass der Sexismus Rollenbilder schafft, in die sowohl Männer als auch Frauen oft entgegen ihren wahren Eigenschaften, Wünschen und Bedürfnissen hineingezwängt werden.

Männer sind zwar in diesem Verhältnis meist der besser gestellte, unterdrückende Teil, sind aber auch in vielerlei Hinsicht Opfer des Geschlechterverhältnisses. Sie sind jedenfalls nicht reine Profiteure des Geschlechterverhältnisses oder der sozialen Beziehungen im Kapitalismus. Zum einen kann jemand, der einen anderen Menschen unterdrückt, selbst nie frei sein. Zum anderen sind die sozialen Beziehungen insgesamt in einer kapitalistischen Gesellschaft verrottet und barbarisch im Vergleich zu einer Gesellschaft, die nicht das Profitmotiv, sondern die sozialen Beziehungen selbst in den Mittelpunkt stellt.

Beim Kampf gegen Frauenunterdrückung und Sexismus muss es sich um einen gemeinsamen Kampf sozialistischer Männer und Frauen handeln. Träger des Kampfes gegen Kapital und Sexismus sind in beiden Fällen sozialistische Männer und Frauen. Allein aus der Identität des revolutionären Subjekts leitet sich bereits die untrennbare Verbundenheit dieser beiden Kämpfe ab.

Marxisten betrachten den Sexismus daher nicht als bloße Ideologie der Minderwertigkeit der Frau, als bloße Frauenunterdrückung. Sexismus ist das Hineinzwängen von Männern und Frauen, die an sich gleich sind, in ein soziales Geschlecht, das beide daran hindert, sich ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen gemäß zu entfalten.

Die feministische und die marxistische Haltung zum Patriarchat

Der Unterschied zwischen Feminismus und Marxismus zeigt sich auch im Verständnis des Patriarchats. Feministen sehen im Patriarchat eine über alle historischen Epochen reichende Herrschaft der Männer über die Frauen, der Marxismus interpretiert das Patriarchat konkret-historisch. Konkret-historisch ist aber das Patriarchat keine bloße Männerherrschaft, sondern eine komplexe soziale Organisation an der Schwelle zwischen der Urgesellschaft und der Entwicklung des Privateigentums. Bereits in seinem Entstehen richtete sich das Patriarchat nicht gegen die Frauen allein, sondern auch gegen die Mehrheit der Männer.

Dadurch, dass einige männliche Stammesobere die Frauen zum Privatbesitz erklärten, wurde das Patriarchat für die meisten Männer vor allem als eklatanter Frauenmangel sichtbar. In vielen Fällen erhoben sich Männer und Frauen gemeinsam gegen diese neuen Strukturen. Der Kampf zwischen Sparta und Athen kann in diese Richtung interpretiert werden – als Kampf der spartanischen Krieger- und Kriegerinnengesellschaft gegen das attische Patriarchat.

Die moderne bürgerliche Klein- und Kleistfamilie enthält viele Relikte des Patriarchats und ist zum Teil noch ein Relikt der Barbarei. Beispielsweise ist die Hausarbeit der Frau als Frühform der Sklaverei ein patriarchalisches Relikt. Der Mann ist der klar besser gestellte Teil in diesem Verhältnis. Gleichzeitig ist aber die moderne Kleinfamilie generell ein Gefängnis – sowohl für den Mann als auch für die Frau. Die sozialen Beziehungen in einer Gesellschaft, geprägt von der Degradierung der Verhältnisse zwischen Menschen zu Verhältnissen zwischen Sachen (Geld, Kapital, gekaufte Arbeitskraft), sind an sich deformiert und entfremdet.

Es gibt heute nicht nur Millionen von Frauen, sondern auch Millionen von Männern, die keinen Zugang finden zu dem, was im Kapitalismus das Ideal der Partnerschaft ist. Es ist kein Wunder, dass sich heute unglaublich viele Paare im Internet kennen lernen, da dadurch viele Konventionen und Rollenschemen der Gesellschaft bei der Partnerwahl zum Teil umgangen werden können. Dieses Umgehen versuchen nicht nur Frauen, sondern auch Männer.

Das Patriarchat war weder in der Urgesellschaft noch im modernen Kapitalismus eine reine Männerherrschaft. In der Urgesellschaft war das Patriarchat Ausdruck der entstehenden Herrschaft des Privateigentums. Im modernen Kapitalismus ist das Patriarchat ein vom Kapitalismus instrumentalisiertes Relikt, ein Teilelement der allumfassenden Herrschaft des Kapitals. Männer sind in der großen Mehrzahl genauso wie Frauen Opfer und Betroffene dieser barbarischen sozialen Beziehung. Sie werden jedoch in dem Verhältnis Patriarchat bessergestellt. Durch diese Besserstellung gibt es eine Tendenz der Korrumpierung des Mannes, eine Tendenz, dass der Mann zum Verbündeten der eigentlich Herrschenden gemacht wird – zum Verbündeten des Kapitals.

Tatsächlich besteht aber eine Interessensgleichheit zwischen der Masse der Männer und der Masse der Frauen – sowohl im Kampf gegen das Kapital als auch im Kampf gegen den Sexismus. Durch diese Einschätzung unterscheidet sich der Marxismus vom Feminismus in all dessen Spielarten.

Ein Vergleich mit der Imperialismustheorie

Um freier von eigenen Vorurteilen an die Frage der Frauenunterdrückung herangehen zu können, wollen wir die marxistische Haltung zu imperialistischer Unterdrückung heranziehen. Die Analogie zwischen moderner patriarchaler Familie und Imperialismus ist durchaus reichhaltig – wenn sie natürlich auch ihre Grenzen hat. Sexismus ist viel schwerer zu bekämpfen und viel tiefsitzender als Rassismus oder Nationalismus. Es gibt jedoch gewisse Parallelen.

Genau wie der Imperialismus ist auch die patriarchale Familie ein Verhältnis, in dem es besser gestellte und doppelt Unterdrückte gibt. In der Familie gibt es die doppelt unterdrückte Frau und den besser gestellten Mann, der zwar unterdrückt vom Kapital ist, in der Familie aber auch ein bisschen „Ausbeuter“ spielen darf. Im Imperialismus gibt es den/die weißeN ArbeiterIn des Industrielandes, der am Ausbeutungskuchen mitnascht und den/die doppelt ausgebeuteteN ArbeiterIn der „Dritten Welt“.

Was ist die Aufgabe der Marxisten in Bezug auf den Imperialismus? Die Herstellung der Aktionseinheit zwischen Arbeitern der Industrieländer und Arbeitern der ausgebeuteten Länder im Kampf gegen den Imperialismus! Und was ist die Basis dieser Aktionseinheit? Der/die weiße ArbeiterIn profitiert zwar im Vergleich zum/r vom Imperialismus unterdrückten ArbeiterIn. Er/sie ist aber sehr wohl in der Lage zu erkennen, dass der Imperialismus sein/ihr eigentlicher Gegner ist, zu dessen Niederschlagung der gemeinsame Kampf notwendig ist. Niemals würden Marxisten behaupten, der Kampf der Arbeitern gegen das Kapital erfolge unabhängig vom Kampf der Ausgebeuteten gegen die Kolonialherren. KeinE MarxistIn würde behaupten, es gäbe einen grundsätzlichen Interessensgegensatz zwischen weißen und schwarzen Arbeitern in den USA. Wer so etwas behaupten würde, der rechtfertigt indirekt den Rassismus, der/die gesteht ein, dass der Rassismus nicht nur ein ideologisches Werkzeug – ein Gift des Kapitals zur Spaltung der Unterdrückten ist – sondern Ausdruck eines unversöhnlichen Gegensatzes. Ähnlich argumentierten etwa auch reaktionäre imperialistische Theoretikern wie Samuel P. Huntington. Dieser behauptet, dass sich verschiedene Kulturen unversöhnlich gegenüberstehen. Zu Ende gedacht ergibt sich daraus ein rassistisches Weltbild.

Marxismus und Frauenbefreiung

Marxisten charakterisieren Gesellschaftsformationen entsprechend der vorherrschenden Produktionsweise. Der Kapitalismus ist aber wie jede andere Gesellschaftsform vor ihm nicht nur ein ökonomisches Produktionssystem. Dieses Produktionssystem kann dauerhaft nur bestehen, wenn es imstande ist die Produktivkräfte weiterzuentwickeln. Außerdem muss es durch ein politisches Herrschaftssystem abgesichert werden – den bürgerlichen Staat. Die Aufrechterhaltung der bürgerlichen, wie auch jeder anderen Klassengesellschaft kann aber nicht rein durch Unterdrückungsmaßnahmen geschehen. Jede Klassengesellschaft hält sich eine Vielzahl an Institutionen, welche durch die Ideologieproduktion die Stellung der herrschenden Klasse zu legitimieren versucht. Soziale Unterdrückungsformen sind dabei ein zentrales Instrument zur Spaltung der beherrschten Klasse. Der Kapitalismus braucht die Ideologie zum Überleben wie einen Bissen Brot. Im Kapitalismus stellt die Frauenunterdrückung neben der Unterdrückung von anderen Nationen und ethnischen Gruppen einen der Stützpfeiler der ideologischen Herrschaftssicherung dar. Ein von Frauenunterdrückung gekennzeichnetes Geschlechterverhältnis ist dabei kein konstitutives Element des Kapitalismus. In ihrer konkreten historischen Ausformung stützt sich die kapitalistische Produktionsweise jedoch sehr wohl auf Frauenunterdrückung bzw. auf patriarchale Unterdrückungsformen, die die bürgerliche Gesellschaft von früheren Gesellschaftsformen übernommen hat. Die herrschende Klasse profitiert von der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Frauenunterdrückung im Allgemeinen und wird freiwillig nicht darauf verzichten. Umgekehrt wäre ein erfolgreicher Kampf gegen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ein schwerer Schlag gegen die kapitalistische Herrschaft, weil mit der Vergesellschaftung wesentlicher Bereiche der Reproduktionsarbeit und dem Wegfall der gratis verrichteten Hausarbeit und der Überausbeutung von Frauen in der Produktion dem Kapital ein wichtiges Element zur Sicherung profitabler Kapitalverwertungsbedingungen abhandenkäme.

Dies setzt eine im Kampf geeinte Arbeiterklasse voraus. Die Überwindung der Spaltung in Jung und Alt, Inländer und Ausländer und nicht zuletzt in Frauen und Männer ist eine Grundvoraussetzung, damit die Arbeiterklasse den Kapitalismus überwinden kann.

Aber gibt es nicht auch Interessen, die allen Frauen aufgrund ihres Geschlechts gemein sind? Zweifelsohne gibt es biologische Gemeinsamkeiten, wie etwa die Fähigkeit, Kinder zur Welt zu bringen, oder soziale Zuschreibungen in Bezug auf die Rolle als Frau. In einer Klassengesellschaft treten diese gemeinsamen Interessen jedoch im Vergleich zu den widersprüchlichen Interessenslagen in den Hintergrund. „Die Frauen“ spalten sich entlang von Klassenlinien. Dies ist damit zu erklären, dass die Produktionsverhältnisse die materielle Basis für die Entwicklung des Bewusstseins und die Herausbildung einer sozialen Identität darstellen. Die Interessen einer Fabrikarbeiterin oder einer Hausangestellten und jene einer Kapitalistin stehen sich antagonistisch gegenüber und sind unüberbrückbar. Die Kapitalistin profitiert von billigen Frauenlöhnen und von der illegalisierten Putzfrau aus Ex-Jugoslawien, die ihre Wohnung in Schuss hält. Will sie ihre Stellung als Kapitalistin halten, muss sie entsprechend den Gesetzmäßigkeiten der Profitwirtschaft vorgehen. Das ist auch die Schranke für jede Form der Frauensolidarität. Doch selbst die Betroffenheit von Gewalt, Sexismus oder die Art und Weise, wie eine Geburt erlebt wird, wird in einem nicht unbeträchtlichen Ausmaß von den materiellen Möglichkeiten einer Frau bestimmt.

All das bedeutet nicht, dass Marxisten eine Gewichtung zwischen Frauenunterdrückung oder anderen sozialen Unterdrückungsformen und der Ausbeutung aufgrund der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse vornehmen. Der revolutionäre Kampf für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung hat eine Vielzahl von Ebenen, wie es Friedrich Engels einst dargelegt hat. Es gibt den ökonomischen Kampf um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, Sozialleistungen usw. Es gibt den politischen Kampf um demokratische Grundrechte – für Männer und Frauen. Und es gibt die ideologische Dimension des revolutionären Kampfes, was den Kampf gegen Sexismus einschließt. Eine revolutionäre Bewegung, die diese drei Ebenen nicht zu verbinden vermag, ist zum Scheitern verurteilt. Nicht umsonst lautet eine der zentralen Losungen des Marxismus: „Keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus – kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung!“ Dazu kommt das Verständnis, dass mit der Überwindung der kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse nicht automatisch alle rückständigen Ideologien der Vergangenheit verschwinden werden. Erst auf der Grundlage einer entwickelten sozialistischen Planwirtschaft können die materiellen Bedingungen für das Absterben von Sexismus, Rassismus oder anderen reaktionären Ideologien geschaffen werden. Und selbst dann braucht es eine bewusste politische Kampagne gegen „den Schrott der alten Gesellschaft“ (Marx).

Für Marxisten ist die Arbeiterklasse die zentrale gesellschaftliche Kraft mit dem Potential zur Erringung einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Eine revolutionäre Perspektive setzt voraus, dass es gelingt, die Arbeiterklasse auf einem sozialistischen Programm zu vereinen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist reich an Beispielen, dass es nicht gelungen ist, die verschiedenen Spaltungstendenzen zu überwinden. Gerade im Bereich der Frauen lag das nicht zuletzt auch an der offen sexistischen Kultur in großen Teilen der organisierten Arbeiterbewegung bzw. an ihren programmatischen Defiziten. Letztere sind vor allem darin zu sehen, dass die proletarische Frau nicht in ihrem gesamten Lebenszusammenhang gesehen wurde und die Arbeiterbewegung auf viele für Frauen wichtige Fragen keine adäquaten Antworten geben konnte oder wollte bzw. den Kampf um Frauenrechte nur zu oft einem angeblichen übergeordneten Klasseninteresse opferte. Der zweiten Frauenbewegung (die eigentlich die dritte genannt werden müsste, siehe oben) und dem Feminismus muss zugutegehalten werden, dass sie viele dieser Fragen zumindest öffentlich thematisierten und bewusst machten.

Ganze Generationen von Frauen sahen sich angesichts der real existierenden Arbeiterbewegung gezwungen, eine politische und organisatorische Alternative zu suchen. Die Radikalität der autonomen Frauenbewegung schien eine derartige Alternative zu sein. Als Marxisten lehnen wir es natürlich nicht ab, wenn Frauen sich in Vereinen, Kampagnen usw. organisieren, um gegen Sexismus und Frauenunterdrückung zu kämpfen. Wie jeder politische Kampf erfordert aber auch dieser Kampf eine weitergehende Perspektive. Aus marxistischer Sicht kann diese nur darin liegen, dass der Kampf gegen Frauenunterdrückung als organischer Bestandteil des Klassenkampfes gesehen wird. Dies setzt letztlich voraus, dass sich die Arbeiterbewegung unter der Führung einer revolutionären Massenpartei an die Spitze des Kampfs gegen Frauenunterdrückung, gegen offenen wie latenten Sexismus, stellt. Und dieser Kampf muss auch in den eigenen Reihen aktiv geführt werden. Nur so wird ein Klima geschaffen, in dem Frauen sich organisieren wollen und die Organisationen der Arbeiterbewegung als ihr Werkzeug zur Veränderung der Gesellschaft verstehen.

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