Kategorie: Geschichte

Die Französische Revolution des Mai 1968

Vor 54 Jahren hätte die französische Arbeiterklasse den Kapitalismus in Frankreich stürzen können. Das hätte den Verlauf der Geschichte grundlegend geändert. Aber diese Möglichkeit ging verloren. Die Verantwortung findet sich bei der damaligen reformistischen und stalinistischen Führung. Warum das so ist und wie diese Revolution erfolgreich hätte sein können, erklärt Alan Woods in seinem Artikel vom 1. Mai 2008.

Bild: Wikimedia commons


Im Mai des Jahres 1968 fand der größte revolutionäre Generalstreik der Geschichte statt. Diese mächtige Bewegung ereignete sich auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Nachkriegsaufschwungs des Kapitalismus. Die Bourgeoisie und ihre Apologeten klopften sich damals, so wie sie es auch heute tun, selbst auf die Schulter, weil sie Revolutionen und den Klassenkampf als Dinge der Vergangenheit betrachteten. Dann kamen die französischen Ereignisse von 1968, die scheinbar aus heiterem Himmel heraus entstanden. Der Großteil der Linken wurde völlig überrascht, da sie alle die europäische Arbeiterklasse als revolutionäre Kraft abgeschrieben hatten.

Weitblick und Überraschung

Im Mai 1968 veröffentlichte The Economist anlässlich des zehnjährigen Bestehens der gaullistischen Regierung eine Sonderbeilage zu Frankreich, welche von Norman Macrae verfasst wurde. Darin sang er ein Loblied auf die Erfolge des französischen Kapitalismus. Er hob hervor, dass die Franzosen einen höheren Lebensstandard als die Briten gehabt haben, mehr Fleisch gegessen haben, mehr Autos besessen haben und so weiter. Außerdem führte er den „großen nationalen Vorteil“ Frankreichs über dessen Nachbar auf der anderen Seite des Ärmelkanals an: In Frankreich wären die Gewerkschaften „erbärmlich schwach“. Die Tinte von Macraes Artikel war noch nicht getrocknet, als die französische Arbeiterklasse die Welt mit einer in der modernen Zeit unvergleichlichen sozialen Erhebung überraschte.

Die Ereignisse des Mais wurden weder in Frankreich noch anderswo von den Strategen des Kapitals vorhergesehen. Auch die Stalinisten und die reformistischen Führungen hatten nicht damit gerechnet. Noch schlimmer stand es um die sogenannte revolutionäre Linke. Die intellektuellen Damen und Herren, die sich selbst als Marxisten betrachteten (wovon die meisten Jahrzehnte über „bewaffneten Kampf“, Revolte und so weiter diskutierten), hatten nicht nur nicht kommen gesehen, dass es eine Bewegung französischer Arbeiter hätte geben können. Sie verneinten explizit, dass dies überhaupt möglich sein könnte.

Nehmen wir uns einen der „Theoretiker“ der akademischen Marxisten, André Gorz, vor. Dieser schrieb in einem Artikel: „[I]n der absehbaren Zukunft wird es keine Krise des europäischen Kapitalismus geben, die dramatisch genug ist, um die Arbeitermassen zu revolutionären Generalstreiks oder bewaffneten Aufständen zur Durchsetzung ihrer grundlegenden Interessen zu bewegen.“ (A. Gorz, Reform and Revolution, in The Socialist Register 1968, eigene Übersetzung) Diese Zeilen wurden inmitten des größten revolutionären Generalstreiks der Geschichte veröffentlicht.

Gorz war nicht der Einzige, der die Arbeiterklasse abgeschrieben hatte. Lediglich einen Monat vor diesen gewaltigen Ereignissen sprach der „große Marxist“ Ernest Mandel auf einer Konferenz in London. Während seines Vortrags erzählte er über alles Mögliche, ohne jedoch ein einziges Wort über die Situation der französischen Arbeiterklasse zu verlieren. Als ihm diese Ungereimtheit von einem unserer Genossen vor Ort aufgezeigt wurde, antwortete er, dass die Arbeiter verbürgerlicht und „amerikanisiert“ wären, und dass es innerhalb der nächsten 20 Jahre keine Bewegung der französischen Arbeiter geben würde.

Der Hintergrund

Keiner dieser Herren verstand, dass die lange Periode des kapitalistischen Aufschwungs nach 1945 das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen verändert und die europäische Arbeiterklasse enorm gestärkt hatte. Vor dem Zweiten Weltkrieg versuchte die französische herrschende Klasse, sich auf Rückständigkeit zu stützen. Nach der Erfahrung der Pariser Kommune war die französische Bourgeoisie angesichts des wachsenden Proletariats extrem verängstigt. Deshalb entwickelte sie eine parasitäre Rentenökonomie, die stark auf Finanzkapital, das Bankwesen sowie die Kolonien gestützt war.

Die Entwicklung der Industrie sorgte dafür, dass das Proletariat deutlich stärker als in den 1930ern oder gar der Zeit der Pariser Kommune war, als praktisch alle Arbeiter in kleinen Handwerksbetrieben angestellt waren. Selbst im Jahr 1931 hatten fast zwei Drittel der Industrieunternehmen in Frankreich keinerlei Lohnarbeiter beschäftigt, während ein weiteres Drittel weniger als 10 beschäftigt hatte. Lediglich 0,5 % der Industrieunternehmen hatten mehr als 100 Lohnarbeiter eingestellt. Allerdings setzte nach dem Zweiten Weltkrieg eine bedeutsame Entwicklung der Industrie in Frankreich ein, welche zu einem schnellen Anwachsen des Proletariats und dem allmählichen Rückgang der Bauernschaft führte.

Zur Zeit der revolutionären Krise von 1936 verdiente die Hälfte der Bevölkerung Frankreichs ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft, während heutzutage die ländliche Bevölkerung weniger als 6 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Bis 1968 war die lohnarbeitende Klasse nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in Bezug auf ihr kämpferisches Potenzial gewachsen. Dieser grundlegende Wandel zeigte sich 1968 in der Schlüsselrolle, die riesige Fabriken wie beispielsweise die Renault-Werke in Flins, mit einer Arbeiterschaft von 10.500 Beschäftigten, gespielt hatten. Allein aus dieser Fabrik beteiligten sich 1.000 an Streikposten und mindestens 5.000 nahmen an täglichen Streiksitzungen teil.

Im Jahr 1936, als das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen weitaus weniger günstig war, in einer Situation, die nicht einmal zu einem Zehntel so fortgeschritten war, sagte Trotzki, dass die Kommunistische Partei (PCF) und die Sozialistische Partei (SP) die Macht hätten übernehmen können:

„Wäre die Partei Léon Blums wirklich sozialistisch, hätte sie die Bourgeoisie im Juni fast ohne Bürgerkrieg und mit einem Minimum an Unruhen sowie Opfern stürzen können, indem sie sich auf einen Generalstreik gestützt hätte. Allerdings ist die Partei Blums eine bourgeoise Partei, der jüngere Brüder des verfaulten Radikalismus“ (Leo Trotzki, On France, S. 178, eigene Übersetzung)

Das Kräfteverhältnis war 1968 bedeutend günstiger. Ein friedlicher Wandel wäre möglich gewesen, hätten die Anführer der PCF so gehandelt, wie es Marxisten tun sollten. Es ist unerlässlich, das zu betonen. Nur der Verrat der stalinistischen Anführer, die sich weigerten, die Macht zu ergreifen, als die günstigsten Bedingungen existierten, hinderte die französischen Arbeiter daran, die Macht zu ergreifen.

Die Rolle der Studenten

Die Studenten sind stets ein sensibles Barometer für die Spannungen, die sich im Inneren der Gesellschaft aufbauen. In den Monaten vor dem Mai gärte es in der Studentenschaft, was sich in einer Reihe von Demonstrationen und Besetzungen ausdrückte. Sie waren ein Vorbeben, das die Ereignisse im Mai anküdigte.

Mit der wachsenden Flut an Studentenprotesten konfrontiert, entschied sich der Rektor der prestigereichen Sorbonne Université, diese zu schließen. In der 700-jährigen Geschichte der Universität war das vorher nur ein einziges Mal geschehen, und zwar im Jahr 1940, als die Nazis Paris besetzten. Der Versuch der Polizei, am 3. Mai 1968 den Hof der Universität zu räumen, war der Funke, der das Pulverfass entzündete. Im Quartier Latin brach Gewalt aus, was zu über 100 verletzten und 596 festgenommen Personen führte. Am Tag darauf wurden Lehrveranstaltungen an der Sorbonne ausgesetzt. Die wichtigsten Studentenorganisationen, UNEF und Snesup, riefen zu unbegrenzten Streiks auf. Am 6. Mai kam es zu erneuten Zusammenstößen im Quartier Latin: 422 Festnahmen; 345 Polizisten und etwa 600 Studenten wurden verletzt. Die Repression führte zu einer Empörungswelle. Wütende Studenten rissen Pflastersteine aus dem Boden, um sie auf die Polizei zu werfen, und errichteten in guter, alter französischer Tradition Barrikaden. In ganz Frankreich solidarisierten sich Studenten mit ihnen.

In der Nacht vom 10. Mai kam es zu Massenunruhen im Quartier Latin. Die Protestierenden bauten Barrikaden auf, welche von der Polizei mit massiver Gewalt angegriffen wurden. Die Schlägertruppe der französischen Bereitschaftspolizei, CRS, brach in Privatwohnungen ein und verprügelte normale Leute und sogar eine schwangere Frau. Allerdings haben sie mehr zurückbekommen, als erwartet. Einfache Pariser bewarfen die Polizei mit Blumentöpfen und anderen schweren Gegenständen aus Fenstern heraus. Von den 367 Menschen, die ins Krankenhaus gebracht wurden, waren 251 Polizisten. Weitere 720 Leute wurden verletzt und 468 festgenommen. Autos wurden niedergebrannt oder beschädigt. Der Bildungsminister beleidigte die Demonstranten: „Ni doctrine, ni foi, ni loi“ (Kein Lernen, kein Glaube, kein Gesetz)

Während der ersten Woche belächelten die Anführer der PCF die Studenten und die Gewerkschaftsführungen versuchten sie zu ignorieren. L'Humanité veröffentlichte einen Artikel des zukünftigen Generalsekretärs der PCF, George Marchais, mit dem Titel „Falsche Revolutionäre demaskiert“. Angesichts der allgemeinen Empörung der Bevölkerung sowie des Drucks ihrer einfachen Mitglieder, war die Gewerkschaftsbürokratie dazu gezwungen, zu handeln. Am 11. Mai riefen die großen Gewerkschaften, die CGT, die CFDT sowie die FEN, für den 13. Mai zum Generalstreik auf. Etwa 200.000 Demonstranten skandierten Parolen wie beispielsweise „De Gaulle Mörder!“

Der damalige Premierminister George Pompidou kehrte schleunigst nach Paris zurück und verkündete, dass die Sorbonne bereits am selben Tag wieder öffnen würde. Das war als Geste des Kompromisses gedacht, um einer sozialen Explosion zuvorzukommen. Allerdings war es zu wenig und zu spät. Die Massen sahen es als ein Zeichen der Schwäche und bauten noch mehr Druck auf.

Generalstreik

Dass es in der Studentenschaft gärte, war lediglich das offensichtlichste Anzeichen für die Unzufriedenheit in der französischen Gesellschaft. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs übten die französischen Bosse einen gnadenlosen Druck auf die Arbeiter aus. Unter der Oberfläche des scheinbaren gesellschaftlichen Friedens brodelte eine enorme Ansammlung von Unzufriedenheit, Verbitterung und Frustration. Bereits im Januar gab es gewalttätige Auseinandersetzungen bei einer Demonstration von Streikenden in Caen.

Der Generalstreik vom 13. Mai war ein qualitativer Wendepunkt. Hunderttausende Studenten und Arbeiter strömten auf die Straßen von Paris. Wie man sich das vorzustellen hat, macht die folgende Beschreibung der mächtigen Demonstration, die mit einer Million Teilnehmenden am 13. Mai die Straßen von Paris übernahm, deutlich:

„Endlos zogen sie vorbei. Es gab ganze Blöcke von Krankenhausangestellten in weißen Kitteln, von denen manche Plakate trugen, auf denen ‚Où sont les disparus des hôpitaux?’, („Wo sind die fehlenden Verletzten?“) stand. Jede Fabrik und jeder größere Betrieb waren scheinbar repräsentiert. Es gab zahlreiche Gruppen von Eisenbahnern, Postangestellten, Druckereiarbeitern, U-Bahn-Personal, Metallarbeitern, Flughafenangestellten, Marktleuten, Elektrikern, Anwälten, Kanalarbeitern, Bankangestellten, Bauarbeitern, Glas- und Chemiearbeitern, Kellnern, Verwaltungsangestellten, Malern, Dekorateuren, Gasarbeitern, Ladenmädchen, Versicherungsvertretern, Straßenreinigern, Betreibern von Filmstudios, Busfahrern, Lehrern, Arbeitern aus der neuen Kunststoffindustrie, Reihe nach Reihe nach Reihe von ihnen, das Fleisch und Blut der modernen kapitalistischen Gesellschaft, eine unendliche Masse, eine Macht, die alles vor ihr hinwegfegen könnte, wenn sie dies so will.“ (zitiert in Revolutionary Rehearsals, S. 12, eigene Übersetzung)

Die Gewerkschaftsführungen hofften, dass dies genug sein würde, um die Bewegung aufzuhalten. Sie hatten nicht vor, dass der Generalstreik weitergehen und sich ausbreiten würde. Sie sahen die Demonstrationen als eine Möglichkeit, Dampf abzulassen. Aber sobald die Bewegung begann, verselbstständigte sie sich. Der Aufruf zum Generalstreik war wie ein schwerer Stein, der in einen ruhigen See geworfen wurde. Die Wellen breiteten sich in ganz Frankreich aus. Obwohl nur etwa 3,5 Millionen Arbeiter in den Gewerkschaften organisiert waren, streikten 10 Millionen Arbeiter und eine Flut von Fabrikbesetzungen brach über Frankreich herein.

Am 14. Mai, ein Tag nach der Großdemonstration in Paris, besetzten die Arbeiter Sud-Aviation in Nantes und das Renault-Werk in Cléon, gefolgt von den Renault-Arbeitern in Flins, Le Mans und Boulogne-Billancourt. Zusätzlich zu dem öffentlichen Verkehrswesen in Paris, RATP, und dem staatlichen Eisenbahnunternehmen, SNCF, brachen auch in anderen Fabriken in Frankreich Streiks aus. Zeitungen wurden nicht mehr verteilt. Am 18. Mai wurden die Arbeit in den Kohlebergwerken sowie der öffentliche Verkehr in Paris und anderen Großstädten gestoppt. Die staatlichen Eisenbahnen waren als nächstes dran, gefolgt vom Luftverkehr, den Häfen, den Gas- und Elektrizitätsarbeitern (die sich dazu entschieden, die Haushalte weiterhin zu versorgen), Postdienste und den Ärmelkanal-Fähren.

Die Arbeiter übernahmen die Kontrolle über die Treibstoffvorräte in Nantes und verweigerten allen Tankwagen, die keine Genehmigung des Streikkomitees hatten, die Einfahrt. Ein Streikposten wurde an der einzigen Tankstelle platziert, die sich in Betrieb befand, damit nur die Ärzte tanken konnten. Es wurde der Kontakt zu den Bauernorganisationen im Umland hergestellt und Lebensmittel besorgt, deren Preise von den Arbeitern und Bauern festgelegt wurden. Um Profitmacherei zu verhindern, mussten die Läden einen Aufkleber in den Schaufenstern haben, auf dem stand: „Dieses Geschäft hat die Genehmigung, zu öffnen. Seine Preise befinden sich unter permanenter Kontrolle der Gewerkschaften“. Der Aufkleber war von der CGT, der CFDT und der FO unterzeichnet. Ein Liter Milch wurde für 50 statt für die üblichen 80 Centimes verkauft. Ein Kilo Kartoffeln wurde von 70 auf 12 Centimes reduziert; ein Kilo Möhren von 80 auf 50 und so weiter.

Die Studenten, Lehrer, Berufstätigen, Bauern, Wissenschaftlicher, Fußballer, sogar die Mädchen der Follies Bergères zog es in den Kampf hinein. In Paris besetzten Stdenten die Sorbonne. Das Theatre de l'Odéon wurde von 2.500 Studenten und die Schulen wurden von den Schülern besetzt:

„Die Intellektuellen wurden vom Besetzungsfieber angesteckt. Radikale Ärzte besetzten die Räume des Ärzteverbands, radikale Architekten erklärten ihren Berufsverband für aufgelöst, die Schauspieler schlossen alle Theater der Hauptstadt, Schriftsteller besetzten unter Führung von Michel Butor die Societé des Gens de Lettres im Hotel de Massa. Selbst die Führungskräfte aus der Wirtschaft spielten mit, indem sie das Gebäude des Unternehmerverbands Conseil National du Patronat Français unter ihre Kontrolle brachten und sich anschließend zur Confederation Generale des Cadres weiterbewegten.“ (David Caute, Sixty-Eight, the Year of the Barricades, S. 203, eigene Übersetzung)

Da die Schulen geschlossen waren, organisierten die Lehrer und Studenten Kindertagesstätten, Spielgruppen, kostenlose Mahlzeiten und Beschäftigungen für die Kinder der Streikenden. Die Ehefrauen der Streikenden gründeten Komitees und spielten eine führende Rolle in der Organisierung von Lebensmitteln. Nicht nur die Studenten, sondern auch die gutverdienenden Schichten wurden vom Fieber der Revolution angesteckt. Die Astronomen besetzen eine Sternwarte. Im nuklearen Forschungszentrum in Saclay, wo die Mehrheit der 10.000 Angestellten Forscher, Techniker, Ingenieure oder promovierte Wissenschaftler waren, wurde gestreikt. Selbst die Kirche blieb nicht verschont. Im Quartier Latin besetzten junge Katholiken eine Kirche und forderten eine Diskussionsrunde anstelle der Messe.

Die Macht liegt auf den Straßen

Die Unruhen in Paris hielten an, wo die Arbeiter und Studenten Tränengas und Schlagstockeinsätzen standhielten. In einer einzigen Nacht gab es 795 Festnahmen und 456 Verletzte. Demonstranten versuchten, die Paris Bourse (Börse) niederzubrennen, das verhasste Symbol des Kapitalismus. In Lyon wurde ein Polizeikommissar von einem LKW überfahren.

Sobald sie sich im Kampf befanden, ergriffen die Arbeiter Initiativen, die weit über die Grenzen eines normalen Streiks hinausgingen. Ein Schlüsselelement der Gleichung war das Mittel der Massenkommunikation. Eigentlich sind das mächtige Waffen in den Händen des Staats. Allerdings sind sie auch von den Arbeitern abhängig, die die Rundfunk- und Fernsehstationen bedienen. Am 25. Mai gingen der staatliche Rundfunk sowie das Fernsehen – der ORTF – in den Streik. Die TV-Nachrichten um 8 Uhr abends fielen aus. Die Druckereiangestellten und die Journalisten übten eine Art Arbeiterkontrolle über die Presse aus. Bürgerliche Zeitungen mussten ihre Inhalte überprüfen lassen und sie wurden dazu gezwungen, die Bekanntgaben der Arbeiterkomitees zu veröffentlichen.

Die Nationalversammlung diskutierte die Universitätskrise und die Ausschreitungen im Quartier Latin. Allerdings waren die Debatten in den Sälen der Versammlung bereits irrelevant geworden. Die Macht war aus den Händen der Legislative auf die Straße übergegangen. Am 24. Mai kündigte Präsident De Gaulle im Radio und im Fernsehen eine Volksabstimmung an. Sein Plan wurde von den Arbeitern durchkreuzt. General De Gaulle schaffte es nicht einmal, die Stimmzettel für das Referendum gedruckt zu bekommen, da die französischen Druckereiarbeiter streikten und ihre belgischen Kollegen sich weigerten, den Streik zu brechen. Dies war nicht das einzige Beispiel internationaler Solidarität. Deutsche und belgische Lokführer stoppten ihre Züge an der französischen Grenze, um den Streik nicht zu brechen.

Die Kräfte der Reaktion, die sich bis jetzt im Schockzustand befanden und in die Defensive gezwungen worden waren, begannen sich zu organisieren. Die Komitees zur Verteidigung der Republik – CDR – wurden als Versuch geschaffen, das Kleinbürgertum gegen die Arbeiter und Studenten zu mobilisieren. Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ist nicht nur eine Sache der zahlenmäßigen Stärke der Arbeiterklasse in Relation zu den Bauern und dem Kleinbürgertum allgemein. Sobald das Proletariat beginnt, entschlossen zu kämpfen und zu zeigen, dass es eine gewaltige Macht in der Gesellschaft darstellt, zieht es schnell die ausgebeuteten Massen der Bauern und der kleinen Ladenbesitzer an, die von den Banken und Monopolen erdrückt werden. Dies zeigte sich 1968, als die Bauern Straßensperren rund um Nantes errichteten und kostenloses Essen an die Streikenden verteilten.

Der Mythos des „starken Staats“

Die Bewegung erwischte die herrschende Klasse und die Regierung völlig auf dem falschen Fuß. Sie waren angesichts der Studentenbewegung in Schrecken versetzt, wie der damalige Premierminister, Pompidou, in seinen Memoiren zugab:

„Manche Leute ... dachten, dass ich durch die Wiedereröffnung der Sorbonne und das Freilassen der Studenten Schwäche gezeigt und die Agitation wieder losgetreten hätte. Ich würde darauf einfach so antworten: Angenommen, am Montag, den 13. Mai, wäre die Sorbonne geschlossen und unter Polizeischutz geblieben. Wer könnte sich vorstellen, dass die sich Richtung Denfert-Rochereau bewegende Menge daran gescheitert wäre, wie ein Fluss bei Hochwasser alles vor sich herzuschieben und durchzubrechen? Ich habe es bevorzugt, den Studenten die Sorbonne einfach zu geben, anstatt zu sehen, wie sie sich diese mit Gewalt nehmen.“ (G. Pompidou, Pour Rétablir une Vérité, S. 184-5, eigene Übersetzung)

Später fügt er hinzu:

„Die Krise war unendlich ernsthafter und tiefgründiger; die Regierung würde überstehen oder gestürzt werden, aber sie konnte nicht durch eine einfache Neubesetzung des Kabinetts gerettet werden. Es war nicht mein Posten, der infrage stand. Es war General De Gaulle, die Fünfte Republik und, zu einem gewissen Ausmaß, die Republikanische Herrschaft selbst.“ (ebd., S. 197)

Was meinte Pompidou, als er sagte, dass die „Republikanische Herrschaft selbst“ in Gefahr war? Er meinte, dass der kapitalistische Staat selbst davon bedroht war, gestürzt zu werden. Und damit hatte er recht. Nachdem Pompidou versucht hatte, die Krise dadurch zu entschärfen, dass er die Sorbonne wiedereröffnete, gewann die Bewegung lediglich frischen Wind mit einer Demonstration von 250.000 Teilnehmern. Voller Angst, dass die Studenten sich mit den Arbeitern vereinigen und den Elysée stürmen würden, wurde der Präsidentenpalast evakuiert.

De Gaulle setzte seine Zuversicht in die stalinistische Führung, dass sie die Situation retten würde. Er sagte zu seinem Marineadjutanten, François Flohic: „Keine Sorge, Flohic, die Kommunisten werden sie zurückhalten.“ (Philippe Alexandre, L'Elysée en péril, S. 299, eigene Übersetzung)

Was beweist diese Aussage? Nicht mehr und nicht weniger, als dass das kapitalistische System nicht ohne die Unterstützung der reformistischen (und stalinistischen) Arbeiterführungen existieren könnte. Diese Unterstützung ist viel mehr wert als es eine beliebige Anzahl an Panzern und Polizisten je sein könnte. Präsident De Gaulle verließ das Land für einen Staatsbesuch in Rumänien, wo er mit offenen Armen vom „kommunistischen“ Ceausescu empfangen wurde, um zu versuchen, seine komplette Gleichgültigkeit über die Ereignisse in Frankreich zum Ausdruck zu bringen. Allerdings sollte das Selbstvertrauen des Generals nicht lange anhalten.

Der Kern einer Revolution ist, dass die Massen anfangen, aktiv am Geschehen teilzunehmen und ihr Schicksal in ihre eigene Hand zu nehmen. Die „kommunistischen“ Führungen in Frankreich verloren die Kontrolle. Rote Flaggen wehten über Fabriken, Schulen, Universitäten, Arbeitsvermittlungsstellen und sogar astronomischen Observatorien. Die Regierung war machtlos und verlor angesichts des Aufstandes den Boden unter den Füßen. Der gaullistische „starke Staat“ war gelähmt. Die Macht befand sich in den Händen in der Arbeiterklasse.

Die Berichte der sich rasch verschlechternden Situation in Paris schockierten De Gaulle. Angesichts der anwachsenden Flut der Revolte war Präsident De Gaulle gezwungen, seine gespielte Gleichgültigkeit aufzugeben, den präsidentiellen Besuch in Rumänien abzubrechen und schnellstens nach Frankreich zurückzukehren. Am Elysée-Palast sprach er die unvergesslichen Worte: „La réforme, oui; la chienlit, non“ (Reform, ja; Rotzbengel, nein!) Das Wort chienlit ist schwierig zu übersetzen, beschreibt allerdings ein Kleinkind, das noch nicht gelernt hat, auf Toilette zu gehen.

Indem er diese Sprache benutzte, drückte De Gaulle seine Verachtung für die „Bengel“ auf den Straßen aus. Allerdings war die Bewegung mittlerweile weit über die Stufe der Studentendemonstrationen hinausgeschritten. Sie war wie ein riesiger Schneeball, der einen steilen Berg herunterrollt und währenddessen an Masse und Momentum gewinnt. Die verschiedensten Schichten wurden in den Strudel des revolutionären Kampfes hineingezogen. Filmschaffende besetzen die Filmfestspiele von Cannes. Bedeutende französische Regisseure zogen ihre Filme aus dem Wettbewerb zurück und die Jury trat ab, was das Festival zur Schließung zwang.

Am 20. Mai befanden sich etwa 10 Millionen Arbeiter im Streik; Das Land war de facto gelähmt. Am 22. Mai schrammte ein Misstrauensvotum der Oppositionsparteien mit nur 11 Stimmen an der Mehrheit in der Nationalversammlung vorbei. Die Regierung wankte und De Gaulle war verzweifelt. Allerdings warfen die Führungen der Gewerkschaftsbünde zu genau diesem Zeitpunkt de Gaulle einen Rettungsring zu, indem sie ein Statement veröffentlichten, in welchem sie ihre Bereitschaft erklärten, mit dem Unternehmerverband und der Regierung zu verhandeln.

Die Nationalversammlung verabschiedete eine Amnestie für Demonstranten. Natürlich! Angesichts des Scheiterns, die Bewegung mit Gewalt zu zerschlagen, versuchte die Obrigkeit, ihr mit Zugeständnissen den Wind aus den Segeln zu nehmen und Zeit zu schinden. Und so arbeiteten die Regierung und die Gewerkschaftsführungen zusammen, um die revolutionäre Bewegung in sichere Bahnen umzulenken. Während der Staat den Studenten und den Gewerkschaftsführungen Zugeständnisse anbot, ging er weiterhin mit gezielter Repression gegen jene vor, die er als subversive Elemente betrachtete. Daniel Cohn-Bendit, dem anarchistischen Studenten, wurde die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Dies war eine dämliche Aktion, da sein Einfluss auf die Bewegung minimal war. Allerdings hat es das staatliche Handeln geschafft, eine Massendemonstration dagegen zu provozieren.

Demoralisierter De Gaulle

Der Biograph De Gaulles, Charles Williams, beschreibt bildhaft dessen Gemütszustand am Abend der Ansprache an die Nation am 24. Mai:

„Es gibt keinerlei Zweifel, dass der General nach der Heiterkeit Rumäniens extrem von dem schockiert war, was er bei seiner Rückkehr nach Frankreich vorgefunden hatte. Während der folgenden 3 Tage schien er für mindestens einen Besucher, der ihn einige Zeit lang nicht gesehen hatte, alt und unentschlossen zu sein, während sein Rücken gebeugter als sonst war. Es schien, als ob ihm das alles über den Kopf wachsen würde.“

„Die Radiosendung vom 24. Mai, war, als sie ausgestrahlt wurde, ein völliger Reinfall. Der General sah durchtrieben sowie verängstigt aus und hörte sich auch genauso an. Ja, er kündigte eine Volksabstimmung zur ‚Teilhabe‘ an, allerdings war es nicht klar, wie die Frage genau formuliert sein würde, und für seine Zuhörer klang es verdächtig wie ein Trick. Er sagte, es wäre die Pflicht des Staates, die öffentliche Ordnung durchzusetzen, allerdings fehlte es seiner Stimme an ihrer alten Resonanz und seine Ausdrücke waren zwar in derselben feierlichen Sprache gehalten, strahlten aber keine Überzeugung mehr aus. Er machte den Eindruck eines alten Mannes, müde und verletzt. Er wusste es selbst. ‚Ich habe das Ziel verfehlt‘, sagte er an diesem Abend. Das Beste, was Pompidou erwidern konnte war: ‚Es hätte schlimmer sein können.‘“ (C. Williams, The Last Great Frenchman. A life of General De Gaulle, S. 463-4, eigene Übersetzung)

„Allerdings war De Gaulles Stimmung am Morgen des 25. noch schlechter. Er war, um einen seiner Minister zu zitieren, ‚gebeugt und gealtert.‘ Er wiederholte andauernd ‚Es ist ein einziges Chaos‘. Ein anderer Minister fand einen alten Mann der ‚keinerlei »Gefühl« für die Zukunft hatte.‘ Der General ließ nach seinem Sohn Philippe schicken, der seinen Vater ‚müde‘ vorfand und bemerkte, dass er kaum geschlafen hatte. Philippe schlug vor, dass sein Vater es über den Atlantikhafen von Brest versuchen könne – Schatten von 1940 – allerdings wurde ihm gesagt, dass er nicht aufgeben würde.“

„Vom 25. bis zum 28. Mai verblieb De Gaulle in einem Zustand tiefer Trübseligkeit. Pompidous Verhandlungen mit den Gewerkschaften waren eine Farce. Er gab ihnen einfach alles, was sie forderten: umfassende Erhöhungen in Lohn und Sozialleistungen sowie einen 35-prozentigen Anstieg des Mindestlohns. Die einzige Schwierigkeit war, dass die CGT darauf bestand, dass der Deal, nachdem er unterschrieben worden war, erst noch von ihrer Mitgliedschaft bestätigt werden müsse. George Séguy, der Anführer der CGT, eilte nach Billancourt, einem Vorort von Paris, wo 12.000 Renault-Arbeiter streikten. Als ihnen die Vereinbarung aufgetischt wurde, blamierten sie Séguy, indem sie sie kompromisslos ablehnten. Das Abkommen von Grenelle, wie es genannt wurde, war eine Totgeburt.“

„Der Ministerrat traf sich kurz nach der Ablehnung des Abkommens von Grenelle durch die Renault-Arbeiter, am 27. Mai um 15 Uhr. Der General war zwar anwesend, allerdings fiel es auf, dass sein Herz und sein Kopf woanders waren. Er starrte seine Minister an, ohne sie zu sehen, seine Arme lagen flach auf dem Tisch vor ihm, er war gebeugt und scheinbar ‚völlig gleichgültig‘ gegenüber all dem, was um ihn herum passierte. Es gab eine Diskussion über die Volksabstimmung, von der der General scheinbar nur Bruchstücke mitbekam.“ (ebd., S. 464-5, eigene Übersetzung)

Diese Ausschnitte einer wohlgesonnenen Biographie zeichnen ein anschauliches Bild der Orientierungslosigkeit, Panik und Demoralisierung. Laut dem US-Botschafter sagte De Gaulle ihm, dass „das Spiel verloren ist und in ein paar Tagen die Kommunisten an der Macht sein werden.“ Bis zum 27. Mai hatte sich das Kräfteverhältnis massiv zugunsten der Arbeiterklasse verändert. Die Macht war in ihrer Reichweite. De Gaulle war völlig demoralisiert, aber er hatte ein Ass im Ärmel, das er noch nutzen konnte, die Führungen der Kommunistischen Partei sowie der Gewerkschaften.

Eingreifen des Militärs?

Die Situation war nun an einem Punkt angekommen, an dem das Problem nicht länger mit regulären parlamentarischen Mitteln hätte gelöst werden können. Was hätte getan werden müssen? Ein Eingreifen des Militärs war eine der Möglichkeiten, die De Gaulle seit Beginn des Generalstreiks in Betracht gezogen hatte. In den frühen Phasen des Streiks wurden Pläne geschmiedet, um über 20.000 linke Aktivisten festzunehmen und im Winterstadion zu inhaftieren, wo sie ein ähnliches Schicksal, wie 5 Jahre später chilenischen Linke, erlitten hätten.

Das wurde allerdings nie in die Tat umgesetzt. Diese Pläne der französischen Regierung waren den Plänen jeder Herrscherklasse der Geschichte, die sich einer Revolution gegenübersah, ähnlich. Die Regierung von Zar Nikolaus („der Blutige“, wie er genannt wurde) hatte keinen Mangel an militärischen Notfallplänen vor dem Februar 1917. Ob man solche Pläne überhaupt in die Tat umsetzen kann, ist eine ganz andere Sache, wie Nikolaus zu seinem Nachteil herausfinden musste. Was in einer Revolution ausschlaggebend ist, sind nicht die Pläne der Regierung, sondern das tatsächliche Kräfteverhältnis innerhalb der Gesellschaft.

De Gaulle schritt bis zur Klippe vor, blickte in den Abgrund und entschied sich um. Angesichts des massiven Ausmaßes der Bewegung war der General eingeschüchtert und völlig pessimistisch. Er war davon überzeugt, dass die kommunistischen Anführer an die Macht kommen würden. Unzählige Zeugen bestätigen, dass De Gaulle vollständig geschlagen und demoralisiert war sowie zu mindestens zwei Zeitpunkten darüber nachgedacht hat, aus dem Land zu fliehen. Sein eigener Sohn drang ihn dazu, über Brest zu fliehen, während andere Quellen sagen, dass er überlegte, in Westdeutschland zu bleiben, wo er den General Masseu besuchen ging. De Gaulle war ein kluger und berechnender Politiker, der nie aus einem Impuls heraus handelte und nur selten die Nerven verlor. Wenn er dem US-Botschafter sagte, dass „das Spiel verloren ist und in ein paar Tagen werden die Kommunisten an der Macht sein“, dann tat er das, weil er es wirklich glaubte. Damit war er nicht alleine, sondern die Mehrheit der herrschenden Klasse tat es ihm gleich.

Auf dem Papier hatte De Gaulle einen beeindruckenden Repressionsapparat zur Verfügung. Es gab um die 144.000 bewaffnete Polizisten verschiedener Kategorien, inklusive 13.500 der berüchtigten CRS-Bereitschaftspolizei, sowie 261.000 Soldaten, die in Frankreich oder Westdeutschland stationiert waren. Betrachtet man diese Frage von einer rein quantitativen Perspektive, müsste man nicht nur einen friedlichen Wandel, sondern die Möglichkeit einer Revolution insgesamt ausschließen, und das nicht nur im Frankreich des Jahres 1968. Aus dieser Perspektive hätte es keine Revolution in der gesamten Weltgeschichte je schaffen können, erfolgreich zu sein. Allerdings darf man die Frage nicht auf diese Art und Weise betrachten.

In jeder Revolution gibt es solche Stimmen, die die unterdrückte Klasse mit dem Schreckgespenst der Gewalt, des Blutvergießens und der „Unumgänglichkeit eines Bürgerkriegs“ Angst machen wollen. Kamenew und Sinowjew sprachen auf die genau gleiche Art und Weise am Vorabend des Oktoberaufstands. Heinz Dieterich und die Reformisten in Venezuela nutzen heutzutage die gleiche Argumentation, um die Venezolanische Revolution auszubremsen.

Die Feinde des Aufstands in den Reihen der bolschewistischen Partei fanden jedoch ausreichende Gründe für pessimistische Schlussfolgerungen vor. Sinowjew und Kamenew warnten vor einer Unterschätzung der gegnerischen Streitkräfte:

„Es entscheidet Petrograd, in Petrograd aber besitzen die Feinde … bedeutende Kräfte: fünftausend Junker, vorzüglich bewaffnet und im Schlagen geübt, dann der Stab, dann die Stoßbrigadler, dann die Kosaken, dann ein bedeutender Teil der Garnison, dann eine sehr beträchtliche, fächerartig um Petrograd gruppierte Artillerie. Ferner werden die Gegner bestimmt versuchen, mit Hilfe des Zentral-Exekutivkomitees Truppen von der Front heranzubringen...“

Trotzki antworte auf die Einwände Kamenews und Sinowjews folgendermaßen:

„Die Aufzählung klingt imposant, es ist aber nur eine Aufzählung. Ist die Armee als Ganzes ein Abbild der Gesellschaft, so stellen, tritt der Fall ihrer offenen Spaltung ein, beide Armeen Abbilder der kämpfenden Lager dar. Die Armee der besitzenden Klasse trug in sich den Wurmstich der Isoliertheit und des Zerfalls. (Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution)

Panisch verschwand De Gaulle plötzlich. Er reiste nach Deutschland, wo er General Masseau, dem Kommandeur der in Badem-Württemberg stationierten französischen Soldaten, einen Geheimbesuch abstattete. Der genaue Inhalt dieser Gespräche wird womöglich nie an die Öffentlichkeit gelangen, allerdings benötigt man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was er gefragt hat. „Können wir uns auf die Armee verlassen?“ Die Antwort ist aus offensichtlichen Gründen in keiner schriftlichen Quelle enthalten. Jedoch schickte die The Times ihren Korrespondenten nach Deutschland, um die französischen Soldaten zu interviewen, die zum größten Teil eingezogene Jugendliche der Arbeiterklasse waren. Einer der Befragten antwortete auf die Frage, ob er auf die Arbeiter schießen würde, folgendermaßen: „Niemals! Ich denke, dass ihre Methoden etwas grob sind, allerdings bin ich selber ein Kind von Arbeitern.“

In ihrem Leitartikel fragte die The Times die Schlüsselfrage: „Kann De Gaulle die Armee benutzen?“ und beantwortete sie selbst, indem sie sagte, dass er sie vielleicht ein Mal einsetzen könnte. Anders formuliert wäre eine einzige blutige Auseinandersetzung genug, um die Armee in ihre Einzelteile zu zerlegen. Das war die Beurteilung der dickköpfigsten Strategen des internationalen Kapitals zu dieser Zeit. Es gibt keinen Grund, sie bei dieser Gelegenheit anzuzweifeln.

Krise des Staats

Am 13. Mai deklarierte ein Gremium der Polizeigewerkschaft, das 80 Prozent des uniformierten Personals repräsentierte, dass es „... das Statement des Premierministers als Anerkennung dessen versteht, dass die Studenten im Recht waren, während die Handlungen der Polizeibeamten, die die Regierung selbst angeordnet hatte, vollständig verleugnet werden. Unter diesen Umständen ist es überrascht, dass ein wirksamer Dialog mit den Studenten nicht gesucht wurde, bevor es zu diesen bedauerlichen Konfrontationen kam.“ (Le Monde, 15. Mai 1968, eigene Übersetzung)

Wenn das die Position der Polizei war, dann muss die Auswirkung der Revolution auf die breite Masse der Armee noch größer gewesen sein. So war es auch. Trotz mangelnder Informationen, gab es Berichte über Unzufriedenheit in den Streitkräften und sogar eine Meuterei in der Marine. Der Flugzeugträger Clemenceau, der in den Pazifik für einen Atomtest fahren sollte, drehte plötzlich um und kehrte ohne Erklärung nach Toulon zurück. Es gab Berichte über eine Meuterei an Bord und mehrere Seeleute sollen „im Meer verloren gegangen sein.“ (Le Canard Enchainé, 19. Juni, ein ausführlicherer Bericht wurde am 14. Juni in Action veröffentlicht, aber von den Behörden konfisziert)

Gemäß des berühmten Ausspruchs Maos, „wächst die Macht aus dem Gewehrlauf.“ Allerdings müssen Gewehre von Soldaten benutzt werden und diese leben nicht im Vakuum, sondern werden von der Stimmung der Massen beeinflusst. In jeder Gesellschaft ist die Polizei rückständiger als das Militär. Trotzdem „brodelte es vor Unzufriedenheit“ in der französischen Polizei, um die Schlagzeile von The Times vom 31. Mai zu zitieren.

„Sie brodelt vor Unzufriedenheit über ihre Behandlung durch die Regierung“, steht im Artikel, „und die Abteilung, die sich mit Informationen über Studentenaktivitäten befasst, hat der Regierung bewusst Informationen über ihre Anführer vorenthalten, um einem Kostenerstattungsantrag Nachdruck zu verleihen.“

„... Die Polizei war auch nicht begeistert über das Verhalten der Regierung, seitdem die Unruhen ausbrachen. ‚Sie haben Angst, unsere Unterstützung zu verlieren‘, sagte ein Mann.“

„Derartige Unzufriedenheit ist einer der Gründe für die scheinbare Inaktivität der Pariser Polizei in den vergangenen Tagen. Letzte Woche verweigerten Männer an mehreren lokalen Polizeistationen den Dienst an Kreuzungen und Plätzen in der Hauptstadt anzutreten.“ (The Times, 31.5.1968, unsere Hervorhebung.)

Ein Flugblatt, das Mitglieder des RIMECA (mechanisiertes Infanterie-Regiment) veröffentlichten, die bei Mutzig nahe Straßburg stationiert waren, zeigt, dass Teile der Armee bereits von der Stimmung der Massen beeinflusst waren. Es beinhaltet folgenden Abschnitt:

„So wie alle Wehrdienstleistenden, sind wir in unseren Kasernen eingesperrt. Wir werden dazu vorbereitet, als Repressionstruppen zu intervenieren. Die Arbeiter und die Jugend müssen wissen, dass die Soldaten dieser Abteilung NIEMALS AUF ARBEITER SCHIESSEN WERDEN. Wir Aktionskomitees stehen, was immer es kostet, gegen die Umstellung von Fabriken durch Soldaten.“

„Morgen oder Übermorgen sollen wir eine Waffenfabrik umstellen, die 300 der dortigen Arbeiter besetzen wollen. WIR WERDEN UNS VERBRÜDERN.“

„Soldaten dieser Abteilung, bildet eure Komitees!“ (zitiert in Revolutionary Rehearsals, S. 26., eigene Übersetzung)

Die Produktion eines solchen Flugblattes war offensichtlich ein außergewöhnliches Beispiel der revolutionärsten Elemente unter den Wehrpflichtigen. Aber ist es inmitten einer Revolution von solch massivem Ausmaß möglich, anzuzweifeln, dass die breite Masse der Armee rasch vom Virus der Revolte „infiziert“ worden wäre? Die Strategen des internationalen Kapitals zweifelten dies nicht an. Ebenso wenig taten dies ihre französischen Gegenstücke.

Wer rettete De Gaulle

Es war weder die Armee noch die Polizei (die so demoralisiert war, dass selbst die reaktionären Geheimdienste, wie wir gesehen haben, die Zusammenarbeit mit der Regierung gegen die Studenten verweigerte), die den Tag für den französischen Kapitalismus retteten. Es war das Verhalten der Stalinisten und der Gewerkschaftsführer. Diese Schlussfolgerung ist nicht nur unsere, sondern findet ihre Unterstützung in einer äußerst überraschenden Quelle. In der Encyclopaedia Britannica lesen wir im Eintrag zum Mai 1968 folgendes:

„De Gaulle schien unfähig, mit der Krise umzugehen oder gar ihren Charakter zu verstehen. Jedoch gaben ihm die kommunistischen und gewerkschaftlichen Führungen Atemluft; sie waren gegen weitere Unruhen, da sie offenkundig Angst hatten, ihre Anhänger an ihre extremistischsten und anarchistischsten Konkurrenten zu verlieren.“

Mit dem Rücken zur Wand stehend, war Premierminister Georges Pompidou bereit, mit jedem zu verhandeln. Wenn der herrschende Klasse droht, alles zu verlieren, ist sie immer bereit, große Zugeständnisse zu machen. Um die Arbeiter aus den Fabriken zu bekommen, waren sie mehr als bereitwillig, den Gewerkschaftsführungen weit mehr anzubieten, als sie in der vorherigen Periode gefordert hatten: Der Mindestlohn würde erhöht, die Arbeitsstunden verkürzt, das Rentenalter gesenkt und das Recht zur Organisierung wiederhergestellt werden. Als Versuch, die Studenten zu besänftigen, akzeptierte Pompidou den Rücktritt des Bildungsministers.

Sowohl die Regierung als auch die Gewerkschaftsführungen waren angesichts des Ausmaßes der Bewegung alarmiert und entschlossen, diese zu stoppen. Am 27. Mai wurde eine Vereinbarung zwischen den Gewerkschaften, den Unternehmerverbänden sowie der Regierung erreicht. Allerdings war es für die Gewerkschaftsführungen nicht leicht, den Arbeitern dies schönzureden. Trotz großer Zugeständnisse weigerten sich die Arbeiter bei Renault und anderen großen Firmen, an die Arbeit zurückzukehren. Ich war während dieser turbulenten Ereignisse in Paris und erinnere mich daran, wie ich in einer Pariser Kneipe mit vielen anderen Leuten stand und die im Fernsehen übertragene Vollversammlung in der riesigen Renault-Fabrik anschaute. Dort war eine gigantische Masse an Arbeitern versammelt, von denen manche auf den Kränen und Gerüsten saßen, und die dem Generalsekretär der CGT, George Ségui, zuhörten, wie er eine Liste der Zugeständnisse der Bosse verlas: große Lohnerhöhungen, Renten, Arbeitszeitverkürzungen und so weiter. Mitten in seiner Rede wurde er von den Arbeitern übertönt, die skandierten: „Gouvernement populaire! Gouvermenent populaire!“ Ich erinnere mich, dass er seine Rede nicht einmal beendet hat.

Zu dieser Zeit hatten die Arbeiter bereits ein Bewusstsein für ihre eigene Stärke entwickelt. Sie erkannten, dass sie die Macht innehatten und waren nicht willens, diese loszulassen. Um 17 Uhr marschierten 30.000 Studenten und Arbeiter von Gobelins zum Charléty-Stadion, wo sie eine Versammlung abhielten, an der Pierre Mendés-France teilnahm. Eine Demonstration, zu der von der CGT aufgerufen wurde, brachte mindestens eine halbe Million Arbeiter und Studenten auf die Straßen von Paris. Wieder war es das Ziel der Führungen der Gewerkschaften und der kommunistischen Partei, der Bewegung, deren Kontrolle ihnen entglitt, eine Möglichkeit zu geben, Dampf abzulassen.

Die Initiative geht über in die Hand der Reaktion

Am 30. Mai gab Präsident De Gaulle die Auflösung der Nationalversammlung bekannt und sagte, dass die Wahlen im regulären Zeitplan stattfinden würden. Georges Pompidou würde Premierminister bleiben. Er machte außerdem Andeutungen, dass zur Aufrechterhaltung der Ordnung Gewalt eingesetzt werde, falls dies notwendig sei. Das war eine Nachricht, die an die Führungen der Gewerkschaften und der kommunistischen Partei gerichtet war. Er bot ihnen die verlockende Chance von Wahlen und zukünftiger Ministerposten unter der bourgeoisen Regierung an, während er sie gleichzeitig warnte, dass die Bourgeoisie die Macht nicht ohne Kampf abgeben würde.

Das Kabinett wurde neu besetzt und Wahlen wurden für den 23. sowie den 30. Juni angekündigt. Gleichzeitig versuchte De Gaulle, seine Kräfte außerhalb des Parlaments zu mobilisieren. Zehntausende Unterstützer der Regierungen marschierten von Concorde zum Étoile. Ähnliche Demonstrationen zur Unterstützung der Regierungen wurden in ganz Frankreich veranstaltet. Ein Blick auf die Bilder in den Zeitungen genügte allerdings, um sofort die wahre Natur dieser Demonstrationen zu erkennen: pensionsierte Bürgermeister, geschmückt mit Trikolore-Schärpen, Kleinbürger mit Wohlstandsbäuchen, alte Rentner und sonstiges heruntergekommenes Treibgut der Gesellschaft.

Diese Bilder mit den massiven proletarischen Demonstrationen wenige Tage zuvor zu vergleichen, war genug, um das wahre Kräfteverhältnis der Klassen zu enthüllen. Alles Lebendige, Starke und Strahlende der französischen Gesellschaft versammelte sich unter dem Banner der Revolution, während alles Verbrauchte, Tote und Verfallende auf der anderen Seite der Barrikaden stand. Ein fester Schubs hätte genügt, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Alles was nötig war, war der finale Gnadenstoß. Dieser kam allerdings nie. Die starke Hand, die die Macht hielt, wankte und fiel.

Die Arbeiterklasse kann sich nicht permanent in einem Zustand glühenden Begeisterung befinden. Sie kann nicht einfach wie ein Wasserhahn auf- und zugedreht werden. Sobald die Arbeiterklasse für die Veränderung der Gesellschaft mobilisiert ist, muss sie es bis zum Ende durchziehen oder scheitern. Es ist das gleiche in jedem Streik. Anfangs sind die Arbeiter enthusiastisch und nehmen bereitwillig an den Vollversammlungen teil. Sie sind bereit, zu kämpfen und Opfer zu bringen. Zieht sich der Streik jedoch in die Länge, ohne dass ein Ende in Sicht ist, wird die Stimmung kippen. Beginnend bei den schwächeren Elementen wird sich Müdigkeit breit machen. Die Teilnahme an den Vollversammlungen wird zurückgehen und die Arbeiter werden an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Die Gewerkschaftsführungen nutzten die Zugeständnisse gut aus, die ihnen hastig von den Kapitalisten gemacht wurden, so wie ein verzweifelter Mann einen Rettungsring von einem sinkenden Schiff wirft. Der Mindestlohn stieg auf 3 Francs pro Stunde, die Löhne wurden erhöht und andere Verbesserungen wurden gemacht. Aufgrund einer fehlenden alternativen Perspektive, akzeptieren viele Arbeiter das, was die Gewerkschaftsführungen als Sieg darstellten. Am Dienstag, nach dem Wochenendurlaub Anfang Juni, wurden die Streiks schrittweise abgebrochen und die Arbeiter nahmen die Arbeit wieder auf.

1968 war eine Revolution

Was ist eine Revolution? Trotzki erklärte, dass seine Revolution eine Situation ist, in der die Massen an sonst teilnahmslosen Männern und Frauen anfangen, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, wenn sie sich ihrer Stärke bewusst werden und dazu übergehen, ihr Schicksal in ihre eigene Hand zu nehmen. Das ist es, was eine Revolution ausmacht. Und das ist es, was 1968 in gewaltigem Ausmaß in Frankreich passiert ist.

Die französischen Arbeiter spannten ihre Muskeln an und wurden sich der enormen Macht in ihren Händen bewusst. Hier sahen wir die immense Stärke der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft: Nicht eine Glühbirne leuchtet, kein Rad dreht sich und kein Telefon klingelt ohne die Erlaubnis der Arbeiter. Der Mai 1968 war die endgültige Antwort auf all die Feiglinge und Skeptiker, die die Fähigkeit des Proletariats, die Gesellschaft zu verändern, anzweifeln.

Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen fand hier seinen Ausdruck nicht nur als ein abstraktes Potenzial oder als Statistik, sondern als eine tatsächliche Macht auf den Straßen und den Fabriken. In Wahrheit befand sich die Macht in den Händen der Arbeiter, auch wenn sie das nicht wussten. Aber wie jede andere Armee auch, braucht die Arbeiterklasse eine Führung. Das war es, was im Mai 1968 gefehlt hat. Diejenigen, die eine Führung hätten darstellen sollen – die Anführer der Massenorganisationen der Arbeiterklasse, die Gewerkschaften sowie die Kommunistische Partei – hatten keine Perspektive auf die Machtübernahme. Ihr Anliegen war es lediglich, den Streik so schnell wie nur möglich zum Erliegen zu bringen, der Bourgeoisie die Macht zurückzugeben und zur „Normalität“ zurückzukehren.

Ein Generalstreik unterscheidet sich von einem regulären Streik darin, dass er die Machtfrage stellt. Die Frage ist nicht, ob sich dieser oder jener Lohn erhöht, sondern wer der Herr im Haus ist. Während des Kampfes nahm das Bewusstsein der Arbeiter in schwindelerregender Geschwindigkeit zu. Sie kamen zu der Erkenntnis, dass dies nicht nur ein normaler Streik für ökonomische Forderungen, sondern etwas viel Größeres war. Sie wurden sich der Macht in ihren Händen bewusst und sahen die Schwäche derer, die die gesamte Macht des Staats repräsentieren sollten. Alles das, was notwendig war, wäre gewesen, in jedem Betrieb Delegierte zu wählen sowie die Streikkomitees in jeder Stadt und jeder Region zu verknüpfen und somit ein Nationales Komitee zu schaffen, welches die Macht übernehmen und die alte Staatsgewalt auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen hätte können.

Allerdings wurde nichts davon getan und das enorme revolutionäre Potenzial der Bewegung löste sich so wie Wasserdampf auf, der sich harmlos verflüchtigt, sofern er nicht in einem Kolbenkasten konzentriert wird. Letztendlich nahmen die Arbeiter ihre Arbeit wieder auf und die herrschende Klasse konsolidierte die Macht wieder in ihren Händen. Sobald die Bewegung abebbte, begann der Staat damit, Rache zu nehmen. Insbesondere am 11. Juni gab es gewalttätige Zusammenstöße, bei denen 400 Menschen verletzt und 1.500 festgenommen wurden. Außerdem wurde ein Demonstrant bei Montbéliard erschossen. Am nächsten Tag wurden Demonstrationen in Frankreich verboten. Einen Tag später wurden Studenten aus dem Odéon und noch zwei Tage später aus der Sorbonne geräumt.

Dann begannen die Schikanen. 102 Journalisten des staatlichen Rundfunks und Fernsehens – dem ORTF – wurden für ihre Aktivitäten während der Ereignisse gefeuert. Die Polizei wurde in die Universitäten von Nanterre und Sorbonne geschickt, um die Studentenausweise zu kontrollieren, und wurden erst am 19. Dezember abgezogen. Die Nationalversammlung verabschiedete am 28. November ein Paket an Sparmaßnahmen. Der Staat, der nicht zögerte, demonstrierenden Studenten und Arbeitern die Schädel einzuschlagen, zeigte sich gnädig gegenüber den Faschisten und Mitgliedern der rechtsterroristischen OAS. Während Cohen-Bendit aus Frankreich ausgewiesen wurde, durfte Georges Bidault zurückkehren und wurde Raoul Salan aus dem Gefängnis entlassen.

Die reformistischen und stalinistischen Anführer wurden für ihre Feigheit dadurch bestraft, dass ihnen die Vorzüge der Ämter, die sie so sehr begehrten, verweigert wurden. Der Wahlkampf begann am 10. Juni. In der ersten Wahlrunde verloren die Föderation Linker Parteien sowie die Kommunisten an Stimmen. In der zweiten Runde, eine Woche später, gewannen die rechten Parteien eine überwältigende Mehrheit. Die Linken verloren 61 und die Kommunisten 39 Sitze. Pierre Mendés-France wurde in Grenoble nicht wiedergewählt. Die Kommunistische Partei, die 1968 noch die Hauptpartei der französischen Arbeiterklasse gewesen war, begann, zu verfallen, und wurde letztlich von der Sozialistischen Partei überholt, die mit lediglich 4 Prozent der Stimmen scheinbar tot gewesen war. Die kommunistische Gewerkschaft, die CGT, verlor gegenüber der CFDT an Boden, die 1968 eine kämpferischere Position einnahm.

Diese grandiose Bewegung der französischen Arbeiter endete also in einer Niederlage. Allerdings leben die Traditionen des Mai 1968 im Bewusstsein der Arbeiter in Frankreich sowie der ganzen Welt weiter. Heute, nach einer langen Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs, geht der Kapitalismus erneut in eine Krise über, in der all die Widersprüche, die sich in den vergangenen 20 Jahren angestaut haben, hervortreten werden. Große Klassenkämpfe stehen in ganz Europa auf der Tagesordnung.

Wir haben keine Zeit für diese kleinbürgerlichen Ex-Revolutionäre, die über 1968 auf eine solch sentimentale und nostalgische Art und Weise reden, als ob es Teil antiker Geschichte ohne praktische Relevanz für die Welt, in der wir leben, wäre. Früher oder später werden die Ereignisse von 1968 sich wiederholen, und zwar auf einem sogar noch höheren Niveau. Welches Land ist der wahrscheinlichste Kandidat für dieses Szenario? Es könnte durchaus Frankreich sein, allerdings ist es auch möglich, dass es Italien, Griechenland, Portugal, Spanien oder irgendein anderes von einer Vielzahl an Ländern wird, die auch nicht nur in Europa liegen. Wir freuen uns darauf. Wir sehnen uns danach und wir bereiten uns darauf vor. Wir streben danach, die revolutionäre Vorhut vorzubereiten, damit das nächste Mal erfolgreich sein wird. Und an diesem glorreichen proletarischen Jahrestag sagen wir: Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!


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