Kategorie: Geschichte

Weder Indien noch Pakistan. Für eine sozialistische Föderation

Ted Grant zum Krieg zwischen Indien und Pakistan im Herbst 1965.

 


Kämpfe in Kaschmir mit pakistanischen Eindringlingen endeten in einem Krieg zwischen Indien und Pakistan, zumindest an der westpakistanischen Grenze zwischen den beiden Ländern. Pakistan wurde vom britischen Imperialismus gezielt zu der Zeit geschaffen, als der Imperialismus Unabhängigkeit gewähren musste. Wie immer, hoffte der britische Imperialismus, aus der Politik des „Teile und Herrsche“ zu gewinnen, die er jahrhundertelang profitabel genutzt hat. Aber der ständige Niedergang in der Stärke des britischen Kapitalismus hat den Zugriff, den er auf den ganzen Subkontinent hatte, untergraben.

Das in zwei Hälften geteilte Pakistan, das durch die ganze Breite Indiens getrennt wird, blieb weiterhin ein wackeliger Staat, wo die pakistanischen Großgrundbesitzer und Kapitalisten ihre Herrschaft durch die Ausnutzung der religiösen Vorurteile und Ängste der BäuerInnen und Stammesangehörigen aufrechterhalten konnten. Pakistan ist ein moslemischer theokratischer Staat mit einer großen Hinduminderheit in Ostpakistan, dem bengalischen Teil des Staates. Nachdem der Staat in kommunalen Krawallen und Massakern von Millionen Hindus und Moslems zur Zeit der Teilung Indiens geschaffen worden war, gab es während der letzten 20 Jahre eine Massenflucht von Moslems nach Pakistan und Hindus nach Indien nach kommunalen Krawallen in einem der beiden Länder, auf die dann ähnliche Krawalle im jeweils anderen Land folgten.

 

Auch Indien war wegen der Herrschaft der indischen Großgrundbesitzer und Kapitalisten unfähig, eine Lösung für die Probleme zu finden, die es aus dem britischen Radsch [=Herrschaft] erbte. Die Nahrungsmittelproduktion im Verhältnis zur Bevölkerung ist tatsächlich zurückgegangen. Die Masse der Bevölkerung bleibt AnalphabetInnen.

 

Indien bleibt nach Bevölkerung, Industrie und Ressourcen die stärkere der zwei Nationen. So war es vorläufig mit Hilfe aus Britannien und Amerika in der Lage, eine zerbrechliche Form von Demokratie zu bewahren.

 

In Pakistan ersetzte ein bonapartistischer Militär- und Polizei- oder diktatorischer Staat die schwächliche Demokratie, mit der der Staat sein Bestehen begann.

 

Zwischen den zwei Ländern gab es einen verschärften Konflikt um Kaschmir. Als von den früheren Herrschern vermachtes „Geschenk“ hat Kaschmir eine überwiegende moslemische Mehrheit in seiner millionenstarken Bevölkerung. Mit wichtigen Ressourcen und einer strategischen Lage. Daher wurde Kaschmir trotz seiner kleinen Bevölkerung eine Schlüsselfrage.

 

Unabhängigkeit

 

Zur Zeit der Teilung war Kaschmir einer der künstlichen Fürstenstaaten, die von den Briten aufrechterhalten wurden. Sein hinduistischer Herrscher stand im Gegensatz zum kaschmirischen Kongress, der ohne Unterschied von Hindus und Moslems den indischen Kongress unterstützte, mit dem Moslem Scheikh Abdullah als seinem Chef. Ein Übernahmeversuch durch die Pakistanis endete in Panik, der Herrscher schloss sich Indien an. Der damalige Kampf zwischen indischen und pakistanischen Truppen endete in der Schaffung einer „Waffenstillstands“linie, die die Grenze zwischen dem indisch- und dem pakistanisch-gehaltenen Teil Kaschmirs bis zum Ausbruch der gegenwärtige Kämpfe blieb.

 

Die Bevölkerung Kaschmirs verlor nach und nach ihre Illusionen in die indischen Herrscher. Scheikh Abdullah, der unter dem Druck der Bevölkerung in Opposition ging, wurde abgesetzt und eingesperrt. Es wurde praktisch ein Militärregime errichtet Wir auf dem Rest des Subkontinents nahmen Unzufriedenheit und Opposition zu. Eine Tendenz zu Unabhängigkeit von sowohl Indien als auch Pakistan begann sich auszudrücken, besonders mit der Freilassung und Wiedereinsperrung von Scheikh Abdullah.

 

Innerer Druck

 

Der innere Druck in beiden Ländern ließ den bonapartistischen Herrscher von Pakistan, Ajub Khan, ein Abenteuer beginnen. Tausende von bewaffneten Eindringlingen aus Pakistan wurden nach Kaschmir geschickt. Ajub Khan hoffte, dass er einen Aufstand auslösen würde. Als dies nicht klappte, schalteten die in den indisch gehaltenen Teil Kaschmirs geschickten Kräfte auf Guerillataktiken um. Dies sollte die Inder schrittweise entkräften, bis sie es nicht mehr für der Mühe wert halten würden, Kaschmir zu behalten.

 

Für die pakistanischen Großgrundbesitzer und Kapitalisten war dies eine schwere Fehlkalkulation. Die indische herrschende Klasse konnte in dieser Frage keinen Rückzieher machen, ohne fatale Folgen für ihren Staat und für sich zu provozieren. Ihre Armee hatte schon eine vernichtende und schändliche Niederlage durch die Chinesen 1962 erfahren. Folglich mussten sie sich auf die Hinterbeine stellen. Es hat schon den Zusammenstoß der zwei Staaten wegen der Grenze des Rann von Kutsch gegeben, der durch einen unbefristeten Waffenstillstand geklärt wurde.

 

Dieser Krieg hat auf beiden Seiten reaktionäre Ziele. Er wird von den schwächlichen herrschenden Klassen beider Länder geführt, die für ihren Nachschub an Flugzeugen und Panzern von den imperialistischen Mächten Britannien und Amerika abhängig waren. Er ist gegen die Interessen der Völker beider Länder. Sie haben die selbe Herkunft, sprechen in vielen Fällen die selbe Sprache, Pandschabi, Bengalisch und so weiter.

 

Das unmittelbare Ergebnis war ein Sieg der indischen herrschenden Klasse, die in Teile des Gebiets eingedrungen ist, das vorher pakistanisch besetzt und zur Zeit des letzten Waffenstillstands eingenommen war.

 

Finanzmacht

 

Im schmutzigen Spiel der Machtpolitik haben sowohl die russische als auch die chinesische Bürokratie miteinander gewetteifert. In den „Vereinten“ Nationen, die jetzt seit einer ganzen Periode durch den Kampf zwischen dem russischen Block und den Block des westlichen imperialistischen Lagers gelähmt sind, haben sich die Russen und Amerikaner vereinigt und ein Ende de Kämpfe gefordert. Dies war völlig anders als die Situation bezüglich des Kongo und anderer Gebiete, vom Koreakrieg ganz zu schweigen.

Der Humor der westliche Presse, die den Indern und Pakistanis Vorträge über die Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit von Krieg hält, wird am besten deutlich, wenn man die selben Zeitungen umblättert und die Berichte über den brutalen Interventionskrieg des amerikanischen Imperialismus in Vietnam liest.

 

Die vorherrschende Macht der Industriegiganten wird durch die Drohung veranschaulicht, den einander bekriegenden Nationen allen Nachschub anzuschneiden. Dies war entscheidend. Pakistan und Indien mussten sich der überlegenen industriellen und finanziellen Macht dieser Länder beugen. Wenn der Krieg weitergegangen wäre, wären ihnen die Panzer, Flugzeuge und entscheidenden Waffen in einer Periode von ein paar Monaten ausgegangen. Noch wichtiger: ohne die Wirtschafts“hilfe“ wären ihre Wirtschaften zum Stillstand gekommen.

 

Fehlende Klassenpolitik

 

Für den britischen Imperialismus stehen ungeheure Interessen auf dem Spiel, besonders in Indien. Dies war der Grund für ihre Besorgnis. Wegen der asiatischen und Weltentwicklungen war die Stellung Indiens und Pakistans anders als sie 1947 berechnet hatten. Folglich würden sie so oder so verlieren, besonders bei der Fortsetzung des Krieges.

 

Die russische Bürokratie, die jedes Vorspiegeln einer Klassenpolitik aufgegeben hat, bot „Schlichtung“ zwischen Indien und Pakistan an, das heißt zwischen ihren Herrschenden. Was für ein Kommentar über die Degeneration der Erbschleicher der Traditionen der Oktoberrevolution. Wenn man eine Analogie machen will, könnte man sich kaum vorstellen, dass die Konzerne ICI und Courtaulds in einem Konflikt eine „Schlichtung“ durch die Gewerkschaften bekommen oder annehmen würden! Bei einem Arbeiterstaat im Verhältnis zu kapitalistischen Staaten ist es genau das gleiche.

 

Die chinesische Bürokratie spielte auch das Spiel der Machtpolitik und schlug sich auf die Seite des verachteten theokratisch-diktatorischen Staats gegen Indien. Mit verschiedenen Vorwänden drohten sie mit Krieg, um indische Truppen an der gemeinsamen Grenze festzuhalten. So haben sie binnen Tagen mit Aktion gedroht, um den Pakistanis zu helfen, denen in den Schlachten übel mitgespielt wurde.

 

Furcht vor Revolution

 

In dieser nichtswürdigen Pantomime sehen wir, wie sich die beiden bürokratischen Arbeiterstaaten Russland und China gegeneinander positionieren und manövrieren. Die Folgen des chinesischen Spiels sind zum Nachteil von China ausgegangen, weil es Indien abhängiger vom Imperialismus machte und sowohl Indien als auch Pakistan den guten Rat der russischen Bürokratie suchten.

 

Für Russland und Amerika war dies eine zweitrangige Frage, vor allem standen ihre Interessen nicht im Konflikt, daher ihre untereinander vereinbarte Herangehensweise. Aber dies zeigte keineswegs die Wirksamkeit der Vereinten Nationen, es zeigte nur die Supermacht der beiden gigantischen Mächte. Beide fürchteten revolutionäre Folgen, wenn der Krieg weitergehen würde, in Form des Aufstands sowohl der ArbeiterInnen als auch BäuerInnen von Pakistan und Indien. Daher ihre Vereinbarung. Sie wollten den Status Quo bewahren.

 

Die Chinesen interessierten sich nur für ihre eigenen engstirnigen nationalen Ziele. Sie sorgten sich nicht im mindesten um die Wirkung ihrer Politik auf die indische Arbeiterklasse. Indem sie die indischen ArbeiterInnen und BäuerInnen von sich entfremdeten, stärkten sie nur die herrschende Klasse.

 

Wirklicher Friede

 

Aber das Aufhetzen der ArbeiterInnen und BäuerInnen, selbst in der kurzen Periode des Krieges, kann nur das Wachstum der Widersprüche sowohl in Indien als auch in Pakistan weiter beschleunigen. Selbst die kapitalistische Presse spricht von der Möglichkeit des Sturzes von Ajub Khan als Ergebnis der Niederlage, die die pakistanische Diktatur erlitten hat. Es wird auch in Indien Desillusionierung geben. Das Aufhetzen der indischen Massen wird auch eine Wirkung auf den indischen Staat haben. Eine tiefgreifende Änderung auf dem indischen Subkontinent hat begonnen.

 

Die indischen MarxistInnen und die von Pakistan werden die bösartigen Berechnungen der Geldverleiher von Karatschi und Delhi angegriffen haben. Sie werden ein unabhängiges sozialistisches Kaschmir ohne Großgrundbesitzer und Kapitalisten mit gleichen Rechten für alle in einem säkularen Staat fordern. Sie werden den Sturz sowohl der indischen als auch der pakistanischen herrschenden Klasse fordern und die wirklichen Kriegsziele beider Seiten entlarven. Sie werden eine sozialistische Föderation der Völker des gesamten Subkontinent mit Autonomie für alle Teile der Bevölkerung, die dies wünschen, fordern. Nur so kann es wirklichen Frieden in diesem Teil Asiens geben.

 

Mit vielen Stürmen und Kämpfen, die jetzt nach innen gerichtet werden, werden die Völker dieser Region verstehen, dass nur eine sozialistische Föderation, die auf der Unterstützung durch die Weltarbeiterklasse beruht, zu Frieden und Wohlstand führen kann.

 

Militant, Oktober 1965

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