Kategorie: Afrika

Piraten vor Somalia: Wer sind die Verbrecher?

Somalia ist ein gebeuteltes Land. Imperialismus, Stalinismus, Krieg und Bürgerkrieg haben es gemeinsam ruiniert. Zwar versuchen noch immer rund 70% der Bevölkerung von der Landwirtschaft zu „leben“. Doch offensichtlich wirft diese nicht genug Erträge ab, um die Familien des Landes ernähren zu können. Also sucht man nach anderen Möglichkeiten für die Erwirtschaftung einer Existenz. Wie konnte es dazu kommen, dass manche (ca. 1.500 Mann) Somalis dabei zu Piraten wurden? Unser Bild zeigt das Denkmal für den niederdeutschen Piraten Klaus Störtebeker (1360-1401) im ostfriesischen Marienhafe.



Kapitalistisch-industrielle Nahrungsmittel-Produktion

Die Älteren unter uns erinnern sich noch sehr gut an die „Butterberge“ und „Milchseen“ der Europäischen Gemeinschaft (seit 1992 EU). Das war in den 1980er Jahren. Schon damals wurde die Landwirtschaft Europas dermaßen übersubventioniert, dass man Bauern und Molkereien dafür bezahlte, landwirtschaftliche Waren und Vorprodukte wieder zu vernichten. An dieser Stelle wurde auch uns Europäern einmal klar, dass auf dem landwirtschaftlichen Wirtschaftssektor keinesfalls das freie Spiel von Angebot und Nachfrage, sondern eine offensichtlich perverse Form künstlicher Überproduktion am Werk ist. Durch Düngemitteleinsatz, die stetige Verbesserung der Effizienz von Düngemitteln, Flurbereinigungen, Massenanbau, Massentierhaltung und durch die industrielle Schlachtung von Lebewesen wurde die landwirtschaftliche Produktion in Europa im Laufe des 20. Jahrhunderts immer effektiver.

Europäische und nordamerikanische Konzerne und Staaten hatten immer genug Geld bei der Hand, um die Erforschung, Entwicklung und Anwendung neuer Produktionstechnologien bzw. Produktionsverfahren voranzutreiben. Kleine und mittlere Bauern in Europa und Nordamerika blieben bei diesem Prozess letztlich ebenso auf der Strecke, wie die landwirtschaftlichen Produktionskapazitäten und die Menschen in anderen Teilen der Welt. Auch bei uns kennt man – bis in die Gegenwart hinein – das „Höfesterben“ und den „Niedergang der Dörfer“. Wo der relativ freie Bauer des mittleren 19. Jahrhunderts zufrieden war, wenn er über den Eigenbedarf hinaus einen kleinen Gewinn auf dem Markt der nahegelegenen Stadt erwirtschaften und diesen sinnvoll in die Verbesserung seines Hofes investieren konnte, da muss der bürokratisch-total-verwaltete Bauer unserer Tage schlichtweg vor der Macht der Großmolkereien, Großmästereien und Lebensmitteldiskounter kapitulieren. Gnadenlos spielen die Handelsketten und Molkereien mit den Preisen. Doch selbst wenn diese gelegentlich einmal steigen, wird der höhere Umsatz nicht an die kleinen Bauern weitergegeben.

Diese „Markt“-Macht der Großbetriebe beruht auf ihrer Fähigkeit zur Aufrechterhaltung der Überproduktion von Waren und Vorprodukten. Wie überall in der kapitalistischen Wirtschaft ist Kapitalkonzentration zugleich eine Bedingung der Möglichkeit für innovative Produktions-Schübe einerseits und die Bedingung der Möglichkeit für die Verdrängung von Kleinbetrieben durch die große Konkurrenz andererseits. Es ist die im Interesse weniger Profiteure künstlich hochgeschraubte und mit reichlich Steuergeldern aufgepäppelte landwirtschaftliche Überproduktion, warum sogar bei uns in Deutschland weiterhin Höfe und Dörfer „sterben“. Gelegentlich kippen deutsche Bauern – die einstige „Milchsee“-Rhetorik ironisierend – ihre Milch vor LIDL oder ALDI aus. Damit wollen sie gegen das ruinöse Preisdiktat protestieren. Ein paar Cent mehr für den Liter Milch verlangen sie. Damit auch sie von der landwirtschaftlichen Produktion, die sie tätigen, wenigstens schuldenfrei leben können. Überall in der EU ist das so. Während ich diesen Aufsatz überarbeite, lese ich von einer anhaltenden Protestbewegung griechischer Landwirte: „Die griechischen Bauern protestieren seit fast zwei Wochen und blockieren dabei Grenzübergänge und Autobahnen. Sie kritisieren die niedrigen Preise für ihre Produkte und fordern Finanzhilfe von der Regierung.“ (yahoo! Deutschland. Nachrichten vom 2.2.09: Protestzug griechischer Bauern mit Tränengas gestoppt) Worum geht es hier wie dort? „Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu retten.“ (Kommunistisches Manifest 1848, Abschnitt 1)

Wenn die Verhältnisse schon bei uns so sind – wie mag es erst in Afrika aussehen? Dort, wo nirgends genügend eigenes bzw. frei investierbares Kapital vorhanden ist oder gebildet werden kann, um auch nur ansatzweise eine kleine Parzelle Land gegen die Marktmacht des großen Kapitals behaupten zu können? Vielleicht kann man hierzulande mit einem Kredit von der Sparkasse oder Genossenschaftsbank seine Produktion so umstellen, dass man als Landwirt dazu fähig wird, im Bereich z.B. der „Ökolandwirtschaft“ eine Existenz-Nische zu finden. Das wird nicht vielen Bauern gelingen. Einigen ist es möglich. Doch wer sollte in Afrika solche Produkte in ausreichender Menge nachfragen können? Da ist niemand.

Imperialistischer Nahrungsdeal

Man möchte gegen meinen Gedankengang vielleicht einwenden, dass die Kapitalkonzentrationsprozesse in Europa und anderen nördlich gelegenen Weltprovinzen nichts zu haben mit Vorgängen in Afrika. Schließlich gibt es dort kaum große Kapitalbesitzer und folglich ist nur die ewige Hitze mit ihren der Landwirtschaft nun einmal abträglichen Trockenzeiten an der Nichtentfaltung von funktionierenden einheimischen Märkten für Nahrungsmittel schuld, so möchte man einwenden. Glauben Sie wirklich, dass sich „Globalisierung“ nur dann ereignet, wenn Sie im Internet surfen, wenn deutsche Banken Probleme aufgrund mieser Anlagegeschäfte im US-Häusermarkt bekommen, oder wenn es der deutschen Autoindustrie aufgrund von weltweiter Nachfrageschwäche gerade einmal schlecht geht? Auf allen Produktionsfeldern verhält es sich so: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnten Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen (! KF), überall Verbindungen herstellen.“ (Komm. Manifest, Abschnitt I) Das klingt erst einmal gar nicht schlecht. Die Welt wächst zusammen, sie „globalisiert“ sich: „Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.“ (Komm. Manifest, Abschnitt I)

Leider ist das nur die Hälfte der Wahrheit, jene Hälfte, die auf Möglichkeiten verweist, die in den kapitalistischen „Globalisierungsprozessen“ schlummern und welche nur ansatzweise realisiert werden, solange ihnen nicht das Tor in Richtung einer sozialistischen „Globalisierung“ aufgestoßen wird. Der Prozess kapitalistischer Globalisierung jedenfalls ist eben kein Geschehen unter Freien und Gleichen und kein inter-kulturelles Fest. Im Gegenteil. Marx und Engels sprachen es schon 1848 aus: „Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle (wohlhabenden, KF) Nationen wird (…). An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander“ (ebenda) Das erzeugt erstens Konflikt und zweitens ist und bleibt diese Abhängigkeit höchst einseitig gestaltet. Wer die Initiative zur Stiftung von Abhängigkeiten ergreift und dazu noch die nötigen finanziellen Mittel mitbringt, dieses tatsächlich realisieren zu können, der wird das Geschehen diktieren.

Was heißt das konkret? Um sich dieser Frage annähern zu können, muss man eine weitere Frage stellen: Wohin mit den überschüssigen Nahrungsmitteln, die auf der Nordhalbkugel unserer gemeinsamen Erde seit Jahrzehnten (!!!) produziert werden? Der Landwirt Martin Häusling (DIE GRÜNEN, MdEP-Kandidat) fasst die Sachlage dermaßen gekonnt zusammen, dass ich seine Worte einfach wiedergebe (Frankfurter Rundschau vom 2.1.09, Historische Chance im Kampf gegen den Hunger verpasst, S. 18): „Während man bei den Finanzmärkten erkannt hat, dass ein enthemmter Markt ohne Regeln in das Fiasko führt, setzen Bundes- und Europapolitiker bei der Nahrung auf den ‚freien Welthandel’ (mal sehen, Herr Häusling, ob die das nicht auch bei den Finanzmärkten in Wirklichkeit weiter tun werden, KF). Dabei herrscht aber keine Chancengleichheit. Wir kaufen gigantische Mengen von hochwertigem Eiweiß in Form von Soja aus dem Süden, werfen es bei uns in die Futtertröge (der Massentierhaltung, KF), während selbst in Ländern wie Brasilien Millionen Menschen hungern. Die Kleinbauern werden von ihren Feldern gedrängt, um Platz zu machen für die Multis. Eine subventionierte europäische Agrarindustrie liefert Fleisch und Milch nach Indien und China für die wohlhabende Mittelschicht. (…) Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Industriestaaten, aufbauend auf bestehenden Strukturen, eine Form des modernen Kolonialismus betreiben. Rohstoffe werden in Entwicklungsländern abgeschöpft und nach der Weiterverarbeitung teuer weiterverkauft. Und unsere Überschüsse und Reste werden zu Dumpingpreisen dank Exportsubventionen genau denen, denen die Rohstoffe genommen wurden, wieder angedreht.“ Vielen Dank, Herr Häusling, für die vortreffliche Beschreibung des Zustandes. Aber gerade Sie dürften wissen, dass die kleinen Bauern auch hierzulande so gut wie nichts vom Subventionskuchen abbekommen und sich das was sie davon erhalten – gerade auch in der letzten Zeit - erstreiten müssen. Deshalb, so meine ich, sollten Sie genauer bestimmen, wen Sie mit dem Wort „wir“ wirklich meinen. Ihr Hinweis auf die „Multis“ geht dabei, denke ich, durchaus in die richtige Richtung.

Wie Hunger gemacht wird

Ich habe neulich eine zweiteilige ZDF-Dokumentation aus dem Jahr 1984 (!) gesehen. Hier und da finden sich zum Glück noch alte Video-Kassetten aus einer Zeit, in der es noch eine Menge seriösen Journalismus in Deutschland gab. Heutzutage hingegen werden schon vor dem entsprechenden Bundestagsmandat „embedded journalists“ (natürlich weibliche Reporter) auf Fregatten der Bundesmarine stationiert, die leicht und locker von der sexy Piratenjagd berichten. Hätte nicht der Krieg im Gaza-Streifen das Interesse an anderen Gewaltschauplätzen dieser Welt so massiv überrannt, so würden wir mit den Berichten dieser Damen inzwischen regelmäßig bombardiert worden sein. Wie auch immer: Titel der journalistischen Höchstleistung aus längst vergangenen Tagen: „Wie Hunger gemacht wird“. Anhand verschiedener Länder Afrikas, u.a. Somalias, wurde detailliert erläutert, wie der von Marx und Engels allgemein-historisch und von Herrn Häusling konkret für unsere Tage skizzierte Prozess vor einem Vierteljahrhundert abgelaufen ist. Das muss man wirklich wissen, um überhaupt bewerten zu können was heute dort passiert. Es handelt sich um die Geschichte eines großangelegten Verbrechens bzw. um verbrecherische Geschichte.

Und die geht so: (Die im Folgenden beschrieben Vorgänge liegen teilweise (!) 20, 30, 40 Jahre in der Vergangenheit, aus stilistischen Gründen entscheide ich mich dennoch für die durchgängige Verwendung der Gegenwartsform) Man bindet die lokalen landwirtschaftlichen Grundnahrungsproduzenten in die globale Nahrungsmittel-Erzeugung ein. Dazu müssen deren Ertragsflächen zunächst einmal produktiver werden. Wir kennen das schon aus Europa: Flurbereinigung, intensiver Einsatz von Düngemitteln, also Massenproduktion vor Selbsterhaltungswirtschaft. Sonst würden sich die Investitionen für die Konzerne des Nordens nicht lohnen. Schließlich gibt es ja schon in Europa selbst genügend und sogar noch viel mehr Grundnahrungsmittel-Produktion (s.o.). Da, aufgrund sehr geringer Niederschläge, die Böden in vielen Regionen Afrikas nicht genug anzapfbares Wasser enthalten und die periodischen Überschwemmungen, die manche Flüsse mit sich bringen, für eine effektive Landwirtschaft nicht ausreichen, werden in manchen Gebieten dazu noch riesige Stauseen errichtet. Auf diese Weise kann man, so hofft man jedenfalls (nicht selten funktionieren Staudamm-Projekte weniger gut als erhofft), selbst in diversen Steppen- und Wüstengebieten ganzjährig eine künstlich produktiv gehaltene „Landwirtschaft“ zum Wohl der ausländischen Profiteure der Überschussproduktion von Nahrungsmitteln betreiben.

Der „uralten nationalen Industrie“ (Komm. Manifest) wurde also im wahrsten Sinne des Wortes der Boden entzogen. Sie wurde verdrängt durch „neue Industrien“ (ebenda). Das ist durchaus kein Spiel mit Worten. Konkret: Die Eigenbedarfslandwirtschaft wird auf industrielle Massenproduktion von Grundnahrungsmitteln für auswärtige Interessen umgestellt. Oder es wird gleich jede landwirtschaftliche Produktion durch die absolute Preis- und Mengendiktatur „des Nordens“ ganz lahmgelegt. Stellt sich nicht auch Ihnen die Frage, wovon die Einheimischen nun leben? Was essen sie, wenn sie keinen Acker mehr haben auf dem sie täglich vollwertige Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf herstellen können? Luft vielleicht oder Gras? Ja, manchmal tun diese Menschen sogar das. Aber ganz so fies ist der Kapitalismus nur selten. Meistens zeigt er sein menschliches Antlitz. Wenigstens früher (z.B. 1984) war das so. Denn damals gab es noch eine „Systemkonkurrenz“ und „der Norden“ bzw. „der Westen“ wollte nicht seine letzten Sympathien bei den Menschen „des Südens“ verspielen. Darf ich ihre Bemerkung, Herr Häusling, „es drängt sich der Eindruck auf, dass die Industrienationen, aufbauend auf alten Strukturen, eine modernen Form des Kolonialismus betreiben“ (s.o.) so verstehen, dass Sie der Auffassung sind, die Ausbeutungsverhältnisse würden sich zurzeit – also nach dem Ende der Konkurrenz für das westliche Wirtschaftssystem - sogar eher verschärfen? Bitte präzisieren Sie auch diesen Punkt Ihrer Argumentation. Wundern würde mich da nichts.

Die Frankfurter Rundschau berichtet am 4.2.2008 (S.13: Neokolonialismus. Daewoo kauft Madagaskar auf): „Was viele Madegassen besonders empört, ist ein Deal, den (ihr Präsident, der Unternehmer) Ravalomanana erfolgreich mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo eingefädelt hat. Ende 2008 sicherte sich das Handelsunternehmen die Rechte an 1,3 Millionen Hektar Land – etwa die Hälfte der fruchtbaren Fläche der Insel. Daewoo, das die Ländereien für 99 Jahre pachtete, will Mais und Palmöl anbauen und die Ernte nach Südkorea verschiffen. Die Firma (so ein Daewoo-Manager) wolle die Hälfte des südkoreanischen Maisbedarfs aus Madagaskar beziehen. Die Insel selbst ist auf Reisimporte angewiesen und rangiert im Welthungerindex auf einem der hinteren Plätze.“ UN-Beobachter sprechen (ebenda), den Agrarsektor charakterisierend, von einer „Form von Neokolonialismus“. Die Umwelt- und Agrar-Nichtregierungsorganisation Grain (ebenda) bezeichnet den Vorgang als besonders schlimmes Beispiel für die neue „globale Landnahme“, die die Ernährungssicherheit der einheimischen Bevölkerung schwächt und welche gerade durch die aktuelle Lebensmittelkrise und auch durch die Finanzkrise noch zugespitzt wird.

Meistens ist „der Norden“/„der Westen“ (inklusive „Schwellenländer“, z.B. Südkorea) „nett“. Das hat vermutlich vor allem damit zu tun, dass z.B. die EU, wie systemfunktional funktionierenden Intellektuelle „des Nordens“ heutzutage gerne behaupten, die Menschenrechte über die Welt verbreitet. Das geht dann z.B. so: Natürlich lassen „wir“ die Menschen des Südens nicht verhungern. „Wir“ haben ja genug überschüssiges Essen. In so einer Situation kann man kulant sein. „Wir“ exportieren also die bei uns weiterverarbeiteten Grundnahrungsmittel aus dem Süden als fertige Nahrungsmittel zurück in den Süden dieser Welt. Da die Menschen dort nicht viel Geld haben, stapeln „wir“ „unsere“ Produkte dort zu Spottpreisen in die Regale.

Dass die letzten eigenständigen, echten Lebensmittelproduzenten vor Ort mit diesem Angebot nicht mithalten können, tut „uns“ leid. Aber sollen „wir“ die Mehrheit der Menschen dort wegen so ein paar „traditionell orientierter“ Leute, die nicht begreifen wollen, dass die „uralte, nationale Industrie“ keine Chance mehr hat, etwa verhungern lassen? Wie kann man, um einmal chick-akademisch daherzureden, dieses Dilemma divergierender kultureller Perspektiven auf den Prozess transnationaler Globalisierungsphänomene kommunikativ und möglichst auf Grundlage der „Einbeziehung des Anderen“ in den Griff bekommen? Heerscharen von Intellektuellen des Nordens sind damit beschäftigt, „Diskurse“ über solch schwierige, ja „komplexe“ moralische Fragen zu führen und die Möglichkeiten der Herstellung einer sittlich akzeptablen liberalen Welt-Ordnung auszuloten. Eine Epoche der „Weltinnenpolitik“ soll über uns kommen just in einer Zeit, da gerade fleißig klassischer Protektionismus wieder einmal auf die Agenda der Weltpolitik gesetzt wird. Da wird man skeptisch bleiben dürfen.

Hoffen wir einmal, dass wir MarxistInnen unrecht haben und dass unsere gewiss wohlmeinend-liberalen Intellektuellen auf den trojanischen Wegen gewisser, (sozialtechnologischer) Kommunikationsverfahren die Regierungen der „G 20“ einmal dazu bringen werden, einen direkten Verhandlungsweg hin zu einer gerechten Welt(wirtschafts)ordnung zu beschreiten, ohne den Umweg der Revolutionen gehen zu müssen. Sehr unwahrscheinlich ist das, meine ich. Vermutlich wird die Menschheit am Ende uns MarxistInnen brauchen, um in einen moralischen angemessenen Zustand zu sich selbst treten zu können. Mal sehen wie der Hase laufen wird: „Let history decide!“ (Ted Grant) Wir nennen den moralisch angemessenen, sehr wohl möglichen Real-Zustand der Menschheit „Sozialismus“. Man könnte ihn jedoch auch als einen Prozess der fortlaufenden Kommunikation unter Freien und Gleichen jenseits vermachteter Zwänge bezeichnen. Einen Vorschlag dazu werde ich am Ende dieses Aufsatzes skizzieren.

Das System des globalisierten, vermachteten und gänzlich diskussionslosen Kapitalismus funktioniert derweil jedenfalls in der Regel ganz gut. Zu gut, um darauf – wie auch immer „reformiert“ - viel Hoffnung setzen zu können. Hier und da ein „Schwellenland“, ein „Tigerstaat“ - das macht die Welt nicht wirklich anders. Die Profiteure im Norden haben ihre Kohle; einige „Fat Cats“ in den „Schwellenländern“ inzwischen allerdings auch. Die Mehrheit der Menschen im Süden – auch in den „Schwellenländern“ - hat zwar keine ertragreichen Felder mehr, dafür aber - manchmal wenigstens - leckere Produkte aus dem Norden im Regal stehen. Mein Gott ist das „Manifest“ veraltet, Du kannst das wirklich für nix mehr gebrauchen, denn schließlich ist alles „komplexer“ (Luhmann) bzw. „unübersichtlicher“ (Habermas) geworden: „Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. (…) Die uralten Industrien sind vernichtet oder werden noch täglich vernichtet (…) An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen.“ (Komm. Manifest, Abschnitt I) Manchmal aber bricht diese Welt“handels“struktur ein. Ein Krieg, ein Bürgerkrieg, ein Börsenkrach, eine Umorientierung der EU-/US-Agrarpolitik, was auch immer. Dann kommen die Produkte aus Deutschland nicht mehr in die Regale Afrikas. Wie man ein Feld selbst bebaut und Fertigprodukte herstellt, das weiß auch niemand mehr. Wenn dann noch eine Dürre hinzukommt, dann sieht es finster aus für die Menschen. Aber „wir“ bleiben auch dann noch moralisch! Schließlich betreiben „wir“ Entwicklungshilfe. Wenn „unsere“ Überschuss-Produkte nicht auf gewöhnlichen Handelswegen dort hingelangen, dann wirft eben die Bundeswehr Säcke mit Lebensmitteln aus der Luft ab, und dann machen die Kirchen – hochchristlich – eine Spendenkampagne: „Brot für die Welt“. Denn daran fehlt es auf unserem Planeten, der Rest ist letztlich ok.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat auch in Afrika viele Dörfer „sterben lassen“. Auf Afrika bezogen muss man diese Aussage sehr viel wörtlicher nehmen als bei uns. Wenn einem das hierzulande passiert ist und passiert, so suchte oder sucht man sich einen anderen Job, heiratet irgendwen mit Kohle für zwei oder geht aufs Arbeitsamt. Das nervt vielleicht alles, hilft aber schon dabei zu überleben. Passierte oder passiert (siehe z.B. aktuell Madagaskar) einem Bauern das irgendwo in Afrika, so gestaltete bzw. gestaltet sich die Suche nach neuen Perspektiven für diesen Menschen nicht ganz so „leicht“. Wissen Sie, warum es in Afrika, und gerade auch in Somalia, heute so viele Steppen und Wüsten gibt? Sie glauben das ist so „wegen der Sonne“? Das war womöglich schon immer so?

Pustekuchen! Die „freigesetzten“ Menschen müssen sich neue Unterkünfte bauen. Und auch in Afrika brauchen die Menschen Brennmaterial: kalte Wüstennächte, Essenszubereitung. Wo Gas- und Ölleitungen fehlen, da greift man eben auf Holz zurück. Das war auch in den alten Zeiten schon so, doch nun wird das zum Problem. Zumal es nicht nur diese steigende Nachfrage seitens den von ihren Schollen vertriebenen „Neu-Häulebauer“ gibt, sondern ebenso ein Überangebot an geschlagenem Holz und an Holzkohle. Denn jeder holzt nun mit. Was willst Du machen? Ganze Landstriche werden in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren abgeholzt, um brauchbares Holz für die Weiterverarbeitung einerseits und für die kargen „Gewinn“-Erwartungen der vielen, vielen Klein-Rohdungs-„Unternehmer“ andererseits zu finden. Auf der verzweifelten Suche nach einer neuen Scholle für die Wideraufnahme der Eigenwirtschaft dringen neben verzweifelten Gelegenheitsholzfällern und Gelegenheitsköhlern auch viele andere Menschen brandrodend in den Busch bzw. in den Urwald vor. So ein niedergebrannter Boden wirft jedoch nicht lange gute Erträge ab. So geht es immer weiter bis … z.B. in Somalia ... kaum noch ein Baum steht.

Folgen des bürokratischen Imperialismus

In ihrer verrückt-verzweifelten Lage kommen die Menschen auch politisch gelegentlich auf abwegige Gedanken, die sie nur noch stärker ins Unglück reißen. Auch die Moskauer und Pekinger Bürokraten wollen sich Einflusssphären sichern. Hier und da baut der Bürokratische Imperialismus („Sowjetimperialismus“) ihm geneigte bzw. gefällige Staaten auf. Nur allzu gerne möchten viele Menschen, so auch anfangs in Somalia, der Perspektive Vertrauen entgegen bringen, dass man auch bei sich daheim einen „Sozialismus in einem Land“, unterstützt mit Infrastrukturmaßnahmen und Technologietransfer aus „dem Osten“, aufbauen kann. Warum sollte es nicht gelingen können, das „russische Wunder“ bzw. das „chinesische Wunder“ – den Aufstieg eines Landes vom rückständigen Armenhaus zu einem Industrieland durch dessen Abkoppelung vom „kapitalistischen Weltsystem“ (I. Wallerstein) – noch viele andere Male schaffen zu können? Und die Antwort (wenn auch nicht die einzige) ist: Weil auch für den Imperialismus der Ost-Bürokratien galt, dass, wer den Takt vorgibt und das Kapital mitbringt, das Spiel zu seinem Vorteil und eben nicht zum Vorteil der hoffnungsvollen Menschen in fernen Gestaden bestimmt.

Der Stalinismus und sein Statthalter am Horn von Afrika, Siad Barre (1969-1991 Präsident Somalias), haben nicht zuletzt gerade auch Somalia den Todesstoß versetzt. Folge des Ausbleibens von Geldflüssen und Kooperationen seitens der bürokratisch nieder gewirtschafteten Sowjetunion war die Abdankung des Moskauer Statthalter-Regimes in Somalia. Damit war das Land endgültig zum Wüsten-„Staat“ verdammt. Ohne jede normale Überlebensperspektive waren die Menschen seit Anfang der 1990er-Jahre gezwungen, sich Schleichwege zur Sicherung einer höchst bescheidenen eigenen Existenz zu suchen.

Der Versuch islamischer Hardliner in den Jahren 2005 und 2006, der Idee des Staates wieder zu materieller Geltung zu verhelfen, wurde unter dem Beifall „des Westens“ durch eine kriegerische Invasion Äthiopiens sogleich zunichte gemacht. „Irgendeine Ordnung muss herrschen“, so schrieb der in Vergessenheit geratene, antifaschistische Philosoph Helmuth Plessner einmal. Der Mensch (als Individuum, als Volk und als Gattung) ist als „weltoffenes“, d.h. perspektivisch handelndes (nicht instinktgesteuertes) soziales Wesen ohne eine legale Struktur, die das Zusammenleben regelt, einfach nicht lebensfähig. Wer Ordnungen beseitigt bzw. durch Stellvertreter-Regimes beseitigen lässt, ohne gleichzeitig alternative Ordnungs-Konzepte einrichten zu können, der handelt in Somalia ebenso wie in Afghanistan gegen alle Menschenwürde; von Menschenrechten und „Good Governance“ will ich hier noch gar nicht sprechen. Anscheinend hat das auch „der Westen“ inzwischen ansatzweise verstanden. Anfang Februar 2009 wird der einst verfemte Anführer der somalischen „Islamisten“ in Mogadishu als Chef einer neuen „nationalen Regierung“ installiert, deren Einfluss vermutlich ebenso „groß“ ist, wie jener der Kabuler Regierung über Afghanistan.

Der Zerfall des staatlichen Überbaus vor dem Hintergrund einer bereits zerstörten ökonomischen Basis hat sehr konkrete menschliche Folgen. Darum wird es mir im Folgenden gehen. So versuchen zwar noch immer rund 70% der Bevölkerung, durch Landwirtschaft ihre Existenz zu sichern. Doch diese hohe Zahl zeigt nur, wie verzweifelt die Menschen sind. Jede noch so wenig bebaubare Fläche versuchen somalische Familien zu beackern. Wem das irgendwann nicht mehr reicht, der muss auf anderen Wegen zu Geld, Kleidung, Nahrung und zu einem Dach über dem Kopf kommen. Warlords und später auch islamische Fundamentalisten gaben und geben nach 1990/91 Essen und ein Dach über dem Kopf für die Beteiligung an Beutezügen, Anschlägen und anderen kriminellen Aktivitäten. Eine Gruppe Menschen gab es allerdings vorerst noch, die in der Lage dazu war, sich auf der Grundlage gewöhnlicher Geschäfte eine Überlebens-Existenz zu sichern: Fischer. Ähnlich wie die Gruppen der Holzverarbeiter und Brandroder wuchs auch diese zivile Personengruppe zahlenmäßig an. Das Meer vor Somalia ist (oder besser war) reich an Fischgründen. Viele Familien konnten so zunächst ertragreich ihre Netze auswerfen.

Albtraum Somalia / Über Barbarei

Doch der Imperialismus kennt kein Erbarmen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Diskouter-Fischstäbchen so billig sind (wenn Sie IGLU-Produkte kaufen und nun behaupten sollten, ich erzählte hier gerade Unfug, dann kann ich auch nichts dafür, dass Sie sich freiwillig abzocken lassen)? Und sind Sie sich wirklich sicher, dass Ihr Alaska-Seelachs vor Grönland oder in anderen EU-Gewässern gefangen wurde? Dann glauben Sie lieber daran, dass irgendwo hinter dem Mond ein Typ mit einem Bart sitzt und unsere Sünden für den Tag des Jüngsten Gerichts aufschreibt. So ein Glaube ist nämlich erheblich gerechtfertigter bzw. rationaler. Besser jedoch ist es, Sie lesen den STERN (Ausgabe vom 27.11.08, S. 30-44). Auf den ersten beiden Seiten sieht man ein ärmliches einstiges Fischerboot, darin sitzen sieben Kerle mit Maschinengewehren und mit einer Panzerfaust: „Früher waren wir ehrliche Fischer“, so ließt sich der Titel über der unheimlichen Szene.

Von Seeräubern…

Als die Warlords um 1991 herum das Regiment über die Landstriche Somalias übernahmen, als es keine legitime staatliche Ordnung mehr gab, da übernahmen jene die Geschäfte staatlicher Außenpolitik natürlich gleich mit. Da im Land selbst nur wenig Güter zu rauben sind, mit denen man die eigenen Leute zufriedenstellen und damit seine Herrschaft legitimieren (Max Weber) bzw. diese durch die Erzeugung von materiell bedingter Loyalität absichern kann, muss man – neben aggressiven Beutezügen gegen rivalisierende Warlords – nach anderen Finanzquellen suchen. Nachdem sie die Meere Europas, Amerikas und Ostasiens so gut wie leer gefischt hatten, begaben sich die Fangflotten aus „dem Norden“ unserer gemeinsamen Erde auf die Suche nach neuen, lukrativen Fischgründen. Vor ein paar Jahren schoss die kanadische Marine einmal Warnschüsse auf EU-Trawler ab, die kanadische Hoheitsgewässer leer fischten. So etwas Wildes ist natürlich kein Zustand unter „zivilisierten Staaten“. Und jetzt raten Sie mal was geschah. Ahnen Sie es?

Die Warlords vergaben Fischfangkonzessionen gegen Cash. Das hatte Konsequenzen: „Begonnen haben die See-Gangster als kleine Selbsthilfegruppe. Vor knapp 20 Jahren, als in Somalia die staatliche Ordnung zusammenbrach, tauchten Fangflotten aus aller Herrn Länder auf und bedienten sich ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz in somalischen Hoheitsgewässern. ‚Nachts sah es draußen auf dem Meer aus, als schwämme da die Skyline von Manhattan’, sagt ein einheimischer Fischer. Hell erleuchtet und mit riesigen Schleppnetzen ausgerüstet hätten die Kutter die Fischgründe geplündert und mit schwerem Gerät auf die Korallenbänke eingehämmert, um Krustentiere aufzuscheuchen. Wie Donner hallte der Krach übers Wasser. ‚Mit fetter Beute’ seien die Schiffe aus Norwegen und ‚sogar aus dem fernen Japan’ davongefahren, die Fischer aus Eyl oder Hoboyo hingegen seien immer öfter mit leeren Netzen zurückgekommen. Widerstand leisteten anfangs einfache Fischer. Mit Kalaschnikows aus den Arsenalen der einstigen Sowjetunion fuhren sie hinaus, beschlagnahmten Kutter der Eindringlinge und kassierten zu ihrer eigenen Überraschung meist relativ problemlos bis zu 500.000 Dollar Lösegeld.“ (ebenda)

…und Zolleintreibern

Auf diese Weise entstand über die Jahre hinweg ein seltsamer Wirtschaftssektor in Somalia, der zwar wenig Beschäftigte (etwa 1.500 Mann) umfasst, den verarmten Familien des seit Jahrzehnten gebeutelten Landes aber das zum Leben notwendige Geld erwirtschaftet. Die Somalis haben gelernt das Ausbeutungsverhältnis ein Stück weit schlicht umzukehren. Es ist die Logik kapitalistischer Profitmaximierung, die sich vor der Küste Somalias (und im Übrigen auch vor den Küsten Südostasiens) gegen sich selbst kehrt. Ganze Häfen haben somalische Bürgermeister dafür freigegeben, gekaperte Schiffe und deren Mannschaften bis zur Zahlung des Lösegeldes durch die Reeder der Nordhalbkugel „zwischen zu lagern“. Was bleibt ihnen auch übrig? Für die Somalis ist diese (aufgezwungene) Form des Wirtschaftens allemal lebenswerter als alle anderen, ihnen ebenfalls aufgezwungenen Wirtschaftsweisen.

Dass es ihnen Spaß macht so zu leben, darf bezweifelt werden. Es sind keine „Wilden“, die sich nicht zu benehmen wüssten, die sich so verhalten. Es sind ganz normale Menschen, an den Rand gedrängt von den heiligen Prinzipien kapitalistischer Kapitalvermehrung, die sich gegen die Wild-West-Methoden „des Nordens“ zur Wehr setzen um sich und ihre Familien mühsam über Wasser halten zu können. Die liberale Theoriebildung der Vergangenheit kannte einmal, ausgehend von John Lockes Überlegungen zur „Zweiten Phase des Naturzustandes“, so etwas wie das von Natur aus gegebene Widerstandsrecht gegen unterdrückerische, ausbeuterische Herrschaft. Damit meinte man seinerzeit, dass das Bürgertum das naturgegebene Recht haben sollte, gegen ausbeuterische Feudal-Fürsten vorzugehen. Das war eine durchaus gut begründete Form der Normen-Bildung. Die heutige liberale Theoriebildung hingegen kennt dieses Widerstandsrecht nicht mehr. Denn die Herrschaften bürgerlichen Intellektuellen gehen inzwischen davon aus, dass mit „dem Fall der Mauer“ die Prinzipien der liberalen Freiheit und Mitmenschlichkeit irgendwie die Welt durchdringen. Wo sie es noch nicht tun wird, so glauben sie, nach dem Niedergang des böse-aggressiven US-Imperialismus, nun die segensreiche EU ihre Durchsetzung erzwingen. Ganze wissenschaftliche Stäbe sind inzwischen damit beschäftigt, entsprechende Argumentationsmuster zu kreieren.

In Somalia sieht man das naturgemäß anders. Wo die „Zweite Phase des Naturzustandes“ (und eben keine Ordnung, kein Recht) wirklich herrscht, mithin also der Mensch des Menschen Wolf ist, da ist das „Widerstandrecht“ kein Spezialgegenstand der rechtshistorischen Selbstvergewisserung liberal daher redender Nord-Intellektueller, sondern eine praktische Überlebenslosung. Der Titel des STERN-Aufsatzes ist ein Zitat des Piratenanführers Abdullah Hassan. Er „hat (sich) ein altes Sweatshirt wie einen Turban um seinen Kopf gewickelt, an seiner Schulter hängt eine verrostete Panzerfaust (…). Er ist 39 Jahre alt. ‚Früher waren wir ehrliche Fischer, aber seit Fremde unsere Meere leer fischen, müssen wir nach anderen Wegen suchen, um zu überleben’, sagt der Mann. Er ist Chef einer Bande, die sich ‚Küstenwache’ nennt und aus 350 ehemaligen Fischern und Milizsoldaten besteht.“ (ebenda, S. 38) Sugule Ali, Sprecher der selbsternannten „Küstenwache der Zentralregion“, ergänzt (ebend, S. 39): „Es geht uns nur ums Geld. (…) Wir sind keine Seeräuber, sondern Küstenwächter. Piraten sind für uns diejenigen, die illegal unser Meer leer fischen, ihren Müll hier verklappen und Waffen durch unsere Gewässer transportieren.“ Wenn Ausländer das eigene Land gleich mehrfach ruiniert haben, weiterhin damit fortfahren und wenn es noch nicht einmal mehr einen Staat gibt, der die verzweifelten Menschen vom Mundraub an den Ausländern abhalten kann, dann kapern eben selbsternannte „Küstenwachen“ ausländische Schiffe und verlangen mit Waffengewalt ziemlich übertriebene Zölle für das Passieren der eigenen Gewässer. Klar. Das sichert das Überleben, wenn es sonst nicht mehr geht. Was willst Du machen?

Moralisch werden die Mitglieder solcher Piratengruppen sicherlich keine Schande bei ihrem Handeln empfinden. Zumal bei den Übergriffen auf Schiffe nur selten Ausländer zu schaden kommen. Das wiederum liegt nicht am heldenhaften Kampfeinsatz ausländischer Kriegsschiffe, sondern an der Haltung der somalischen Piraten selbst: „Ein knappes Dutzend solcher Banden mit insgesamt 1.500 Mann soll es in Somalia geben. Ihre Namen lauten ‚Somalia Maries’, ‚National Volunteer Coast Guard’ oder ‚Puntland Group’. Alis (s.o.) Gruppe war auch beteiligt an der Entführung des ukrainischen Frachters ‚Feina’, der nach Kenia unterwegs war. Mit 33 Panzern (…), 150 Raketenwerfern, sechs Boden-Luft-Raketen sowie tausenden Artilleriegranaten (beladen) – offenbar Nachschub für den Bürgerkrieg im Sudan. ‚Faina’-Kapitän Wladimir Kolobkow starb kurz nach dem Überfall an Herzversagen. Die Leiche verwahrten die Somalier in einem Kühlfach. Seine Angehörigen sollen ihn später einmal mit Würde bestatten können. Die Waffen vom Frachter zu entladen komme nicht infrage: ‚Wir wollen ja niemanden töten’, beteuert (Sugule Ali), ‚unser Land leidet schon genug unter der Zerstörung und den vielen Waffen. Wir wollen unsere Küste schützen und weiteres Leid verhindern.“ (ebenda, S. 39f.)
Ein Imperialistenfrachter voll mit Waffen für Bürgerkriege in Afrika wurde von den somalischen „Piraten“ aufgebracht. Am 4.2.2009 hieß es „Leinen los“. Ohne Kommentar dazu die Frankfurter Rundschau (Ausgabe vom 6.2.09): „Nach gut vier Monaten haben somalische Piraten den mit Dutzenden Panzern beladenen Frachter ‚Feina’ freigegeben. Wie die Präsidentschaft in Kiew mitteilte, wurde das Schiff (...) nach einer Geheimdienstaktion befreit. Es sei ein Lösegeld von 3,2 Millionen Dollar (2,5 Millionen Euro) gezahlt worden, sagte ein Sprecher der Piraten am Donnerstag (...). Die Rederei bestätigte die Zahlung.“ Macht was gutes daraus, liebe Somalis! Und wir hoffen, der Frachter macht kehrt gen Norden und wirft vorher seine Ladung ins Meer.

Lewwer duad üs Slaav! / Gruß von Küste zu Küste!

Als geborenem Friesen erzählt mir hier kein Binnenländer irgendeinen verständnislosen Schnack von der Piraterie und von ihren wirklichen Hintergründen. Ich bin in einem alten friesischen Piratennest aufgewachsen und weiß sehr wohl, dass der Name „Klaus Störtebeker“ (geboren 1360, hingerichtet 1401) noch heute in Norddeutschland einen durchaus sehr sympathischen Unterton genießt. Noch heute entlockt es den Menschen ein ehrlich-offenes Lachen und manchmal einen gewissen Glanz in den Augen, wenn man irgendwo hinterm Deich auf Deutschlands berühmtesten Freibeuter zu sprechen kommt. Die offizielle Homepage des Landschaft Brookmerland schreibt zur Aufstellung der Störtebeker-Statue in Marienhafe (siehe unser Bild, oben): „1992, knapp 600 Jahre nach der gastlichen Aufnahme der Vitalienbrüder (s. u.), hat der Flecken Marienhafe seinem berühmtesten Anführer Störtebeker ein (2,40m hohes) Denkmal (aus Bronze) gesetzt.“ Ob man Sugule Ali in 600 Jahren in der gleichen Weise ehren wird? Das hängt vom Wohlstandniveau ab, das die Somalis dann erreicht haben werden. Aber einer Sache kann man sich ganz sicher sein: Ein ehrlich-offenes Lachen und einen gewissen Glanz in den Augen wird das Aussprechen seines Namens noch über viele Generationen hinweg bei den BewohnerInnen der somalischen „Zentralregion“ hervorrufen.

Jedes Volk hat seinen „Robin Hood“. Störtebeker war lange Zeit der unbestrittene Anführer einer Piratengruppe mit der plattdeutschen Selbstbezeichnung „De Likedeeler“, was auf hochdeutsch „Die Gleichteiler“ heißt. Lange Zeit kämpften sie erfolgreich gegen die Hanseatisch-Hamburgischen „Pfeffersäcke“. Die Gruppe war nur ein Haufen unter mehreren Freibeuter-Gemeinschaften, die im Spätmittelalter an der Nord- und Ostseeküste aus solchen durch die Einheimischen geschützten Verstecken heraus irgendwelchen „Pfeffersäcken“ auflauerten. „Vitalienbrüder“ nennt man sie zusammenfassend, und wie unser Bild und die zitierte Internetbemerkung oben zeigen, erinnert man sich ihrer an den niederdeutschen Küstenstreifen noch heute in durchaus sehr geneigter Art und Weise. Das Wort „Vitalien“ leitet sich aus dem Französischen ab und bedeutet „Lebensmittel“ (Viktualien). Wer diese dem Volk bringt und sie womöglich auch noch fair bzw. like teilt, der hat die Herzen der Menschen auf seiner Seite. Klar. Wie heute die Somalis, so stellten die Dorfbevölkerungen an der Unterelbe, in Dithmarschen, an den ost- und nordfriesischen Küsten sehr gerne ihre Häfen, Watten und Priele den Likedeelern und anderen Vitalienbrüdern als Ankerplätze, Zwischenlager-Orte für Beute und als Verstecke vor der polizeilich-militärischen Verfolgung durch die „Pfeffersäcke“ zur Verfügung.

In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, sah es im Mittelalter und in der frühen Neuzeit so aus: Die Leute waren Bauern oder Fischer. Das war wenig ertragreich. Im Spätmittelalter machte sich die „Hanse“ breit. Reiche Kaufmanns-Städte hatten sich von ihren einstigen Feudalherrn gelöst und betrieben nun erfolgreichen Handel auf eigene Faust. Die „Pfeffersäcke“ stellten sogar eigene Kriegsflotten auf; gerade auch gegen die weiterhin tonangebenden Feudalherren. Den einfachen Bauern und Fischern der norddeutschen Tiefebene brachte das alles nichts. In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, brachten salziger Flugsand, Wanderdünen und windiges Wetter die landwirtschaftlichen Erträge immer wieder gegen Null. Die Herzoge von Schleswig verlangten unbarmherzig Abgaben, die Kirche den „Zehnten“ (die sie übrigens im Mittelalter oft nicht bekamen, denn wollte ein Schleswiger Steuereintreiber nach Freesland vordringen, so „verschwand“ er merkwürdigerweise nicht selten in den Fluten der Nordsee).

Das war wirklich kriminell: Eines Tages kamen die Dörfler auf die Idee, man könnte falsche Seezeichen setzen, um die Hanse-Schiffe auf Sandbänke zu lotsen und, nachdem die Besatzungen im „Blanken Hans“ ersoffen waren, fette Beute machen. Das ganze Dorf lebte davon. Man ließ die Besatzungen in der woogenden See oft tagelang verrecken und sammelte derweil in aller Ruhe alle sechs Stunden, mit auflaufender Flut, das vom Strand auf, was der Kahn geladen hatte. Alles sehr viel brutaler, unmoralischer und krimineller als heute vor Somalia. Die Menschen dort sind, verglichen mit den alten Friesen, geradezu Engel.

Die Boxer von Somalia

Die gegenwärtige Situation am Horn von Afrika erinnert den historisch belesenen Menschen an die Lage in China Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Alle imperialistischen Mächte waren mit von der Partie, als es darum ging die Schwäche der traditionellen Monarchie des Landes dazu zu nutzen, um sich jeweils ein noch größeres Stück dessen unter den Nagel zu reißen. Auch das Deutsche Reich war mit dabei. Im Jahr 1900 sagten sich die Chinesen: Genug ist genug! Massenhaft schlossen sie sich der antikolonialen Untergrundbewegung der „Boxer“ an um gemeinsam - und mit erheblich mehr Gewalt als heute in den Gewässern vor Somalia - gegen die ausländischen Invasoren vorzugehen. Der „Boxeraufstand“ (Sommer 1900 – Sommer 1901) brach los. Ausnahmsweise zogen die konkurrierenden imperialistischen Mächte an einem Strang und schlugen mit einem vereinigten Truppenaufgebot – 14 Jahre vor Ausbruch des innerimperialistischen Krieges – die aufständischen Massen nieder. „Vereinigte Acht Staaten“ nannte sich die gnadenlose Imperialistenkombo, bestehend aus Italien, den USA, Frankreich, Österreich-Ungarn, Vereinigtem Königreich, Japanischem Kaiserreich, Deutschem Reich und Russischem Reich. Wilhelm II. zu seinen nach dem fernen Osten abziehenden Truppen: „Gefangene werden nicht gemacht!“ Nach einem Jahr waren die „Boxer“ geschlagen, die chinesische Monarchie am Ende und das Land endgültig zur Beute für ausländische Geschäftemacher geworden. Wer waren die Verbrecher?

Erstaunt zeigen sich manche Kommentatoren angesichts der Tatsache, dass zurzeit russische, diverse europäische, US-amerikanische, indische und chinesische Kriegsschiffe gemeinsam vor Somalia gegen die Piraten vorgehen. Ob in der Krise vielleicht eine Chance liegen könnte, fragen auch bezüglich der Lage am Horn von Afrika Journalisten unserer Tage? Und die Antwort ist: Aber sicher, meine Herrschaften: Die Summe von Acht Staaten werden „wir“ dieses Mal sicherlich zu übertreffen in der Lage sein! Anderer Ort, andere Zeit, gleiche Problemlage: Über den Köpfen der ausgebeuteten Völker reichen sich die Herren Imperialisten jene Hände, mit denen sie bereit bleiben ihre eigenen Völker sich gegenseitig erschlagen zu lassen.

Mögliche Zukunft / Über Sozialismus

Gewisse Demagogen behaupten gerne, SozialistInnen würden dem Gemüsehändler seinen kleinen Laden enteignen oder dem Kleinbauern seine Kühe und Felder sozialisieren wollen. Ok, in der DDR hat man das gemacht. Aber die DDR wollen wir MarxistInnen gewiss nicht zurück! Wir wollten sie, so wie sie war, nie. Wollte man diesen Demagogen etwas entgegenhalten, so müsste es vor allem diese Wahrheit sein: Es ist das Großkapital, dass auch hierzulande die kleinen Bauern und Gewerbetreibenden ruiniert (s. o.). Echte Märkte werden erst dann zum Wohle der kleinen Gewerbetreibenden und zum Wohle der Gesundheit der Menschen funktionieren können, wenn man die Oligopole und Monopole entmachtet. Sie, nicht der kleine Bauernhof oder Gemüseladen, gehören sozialisiert, damit jene ordentlich laufen können. Es macht Sinn, dass Produkte des täglichen Bedarfs – soweit dieses realistischerweise möglich ist - auf Märkten fair getauscht werden. Niemand hier bestreitet das. Und wer ein bisschen schmackhafter produziert, der oder die soll gerne ein wenig mehr am Verkauf seiner Kartoffeln und Rinderhälften verdienen dürfen. Niemand hier bestreitet das.

Bestritten wird diese Sache von einer ganz anderen Seite her und dieses auch noch höchst praktisch. Fairness fällt nicht vom Himmel, sondern sie muss organisiert werden. Nur Demagogen werden behaupten wollen, dass dieses Prinzip unter heutigen Bedingungen tatsächlich praktiziert wird. Das gilt für die Lage in Somalia ganz genauso wie für die Situation in Deutschland. HEUTE kämpfen hierzulande, in Griechenland und überall in Europa die bäuerlichen Kleinproduzenten um jeden Cent mehr für ihre Milch. HEUTE sind die Krabben-Kutter aus den norddeutschen Häfen fast verschwunden. HEUTE werden anderswo Menschen dazu gezwungen Piraten zu werden, weil man es ihnen verwehrt anständige Bauern und Fischer zu bleiben! HEUTE werden die kleinen Eigentümer von den Großen ihrer jeweiligen Branche gewinnbringend und eben nicht „zum Wohle der Allgemeinheit“ (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, s. u.) enteignet. HEUTE sind wir regelmäßig mit ekligen „Lebensmittel“-Skandalen konfrontiert und der Produzent bzw. die Produzentin schmackhafter Nahrungsmittel muss um seine bzw. ihre Existenz nicht weniger kämpfen als der Industriearbeiter, anstatt für bessere Arbeit auch besseres Geld verdienen zu können! Es ist eine perverse Welt, in der wir derzeit leben müssen! Die Perversion geht soweit, dass man die Schuld von den wahren Enteignern der kleinen Menschen und damit von den Profiteuren der organisierten Perversität demagogisch auf jene Kräfte abzuwälzen versucht, die jenen Leuten und ihren Profitmechanismen einen Riegel vorschieben möchten!

Erst wenn die durch interessierte Kreise künstlich hoch gehaltenen landwirtschaftlichen Produktionsmengen massiv gesenkt werden, kann sich ein faires und sinnvolles Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage national, grenzüberschreitend und international einstellen. Auf dem Lebensmittelsektor ist, anders als z.B. in der Automobilwirtschaft, eventuell wirklich darüber zu diskutieren, ob man nicht auch unter sozialistischen Produktionsbedingungen auf industrielle Herstellungsmethoden verzichten und den KleinproduzentInnen die Angelegenheit überlassen sollte. Desto mehr man darüber nachdenkt, desto spannender, meine ich, wird die Angelegenheit.

Um eine solche Debatte aber überhaupt mit praktischer Absicht – und nicht als intellektuelle Fingerübung zwecks Erlangung des alternativen Wirtschaftsnobelpreises - führen zu können, muss man jene „Machtmacht“ berechen, die die Fairness, ja welche die Entfaltung von „Marktwirtschaft“ geradezu verhindert. Doch man kann nicht kontrollieren und regulieren was man nicht besitzt. Deswegen müssen die Diskounter-Ketten, Molkereien, Großmast- und Großgrundbetriebe in der Tat enteignet werden, damit sich ein sinnvolles und nachhaltiges Wirtschaften überhaupt erst entfalten kann: regional, national, international! Gewählte Gremien von insbesondere kleinen und mittleren Produzenten, Verbrauchervertretern, Wissenschaftlern, Umweltverbänden und Tierschützern, zusammengesetzt mit Menschen aus verschiedenen Weltprovinzen, sollen sich überlegen und planen, wie man die enormen finanziellen und technisch-wissenschaftlichen Kapazitäten der sozialisieren Monopol- und Oligopolbetriebe zum Wohle der Allgemeinheit produktiv entfalten kann. Hochsee-Fischfang-Flotten gehören im Interesse von Mensch und Umwelt schlichtweg verboten - damit Somalias Familien wieder leben können und damit die kleine Nordseefischerei wieder die Existenz der Büsumer Fischer sichern kann. Über die Rahmenbedingungen dieses Handelns muss frei und demokratisch gesprochen und beschlossen werden. MarxistInnen nennen diesen Zustand permanenter rationaler Selbstverständigung der Gesellschaft über sich selbst „Sozialismus“.

Die Haupt-Piraten sitzen im eigenen Land!

Für den Aufstand der Vernunft!

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