Kategorie: Asien

Der marxistische Standpunkt zum Kaschmir-Konflikt

In den letzten 54 Jahren wurde die Kaschmirfrage von den Machthabern Indiens und Pakistans immer wieder für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert. Es gab bereits drei Kriege. Trotz endloser Verhandlungsrunden, Dialoge, Debatten ist eine Lösung des Konfliktes jedoch nicht in Sicht.

Im Gegenteil. Man kann sogar sagen, dass die Lage heute schlimmer ist als zur Zeit der Unabhängigkeit. Der Konflikt schaukelt sich immer mehr hoch und gerät außer Kontrolle. Für Teile der herrschenden Eliten ist die Fortsetzung der Kampfhandlungen in Kaschmir und die Behandlung des Ganzen als einen außenpolitischen Konflikt eine Überlebensfrage, d.h. eine Frage des Machterhalts.

Fakten

Kaschmir ist zu fast zwei Dritteln von Indien besetzt, der Rest ist unter pakistanischer Kontrolle. "Groß-Kaschmir" erstreckt sich auf eine Fläche von ca. 220 000 km, davon sind fast 90 % Berge. In der kaschmirischen Sichtweise gibt es eigentlich drei Kaschmirs: das indisch besetzte Kaschmir mit ca. 100.000 km, das pakistanisch besetzte mit etwa 80 000 km und das chinesisch besetzte Kaschmir mit ca. 42.000 km. China hat Indien 1962 im Chinesisch-indischen Krieg auch noch Teile der Ladaq-Region in Ost-Kaschmir abgenommen. Von den 80 Mio. Einwohnern Kaschmirs leben fast 80% im indischen Teil (wo auch der größte Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen liegt), nur etwa 3 Mio. leben in Azad-Kaschmir, das von Pakistan kontrolliert wird.

Die sogenannten "Vereinten Nationen" waren bisher nicht in der Lage, einen Ausweg aus der Kaschmir-Krise zu finden. Die wichtigsten "Lösungsvorschläge" sollen im folgenden kurz dargestellt werden.

Variante eins: Kaschmir zu Pakistan

Die kaschmirischen Kämpfer besiegen die indische Armee und befreien Indisch-Kaschmir. In diesem Fall würde eine Volksabstimmung stattfinden, in der sich die (mehrheitlich moslemische) Bevölkerung für Pakistan aussprechen würde. Kaschmir würde als fünfte Provinz an Pakistan angeschlossen werden.

Dieses Szenario ist ein Wunschtraum der pakistanischen herrschenden Klasse und ihrer Marionetten auf kaschmirischer Seite. Es wird von Tag zu Tag klarer, wie utopisch und absurd diese Idee ist. Erstens ist dieser Krieg so einfach nicht zu gewinnen, und zweitens wurde die Befreiungsbewegung durch den Einfluß des islamischen Fundamentalismus und durch die Flirts mit dem ISI (pakistanischer Geheimdienst) geschwächt und beeinflußt. Die internen Konflikte in der kaschmirischen Bewegung sind nicht minder heftig als die mit dem indischen Militär.

Variante zwei: Kaschmir zu Indien

In diesem Szenario greift Indien mit voller Kraft an und erobert das pakistanisch besetzte sogenannte Azad-Kaschmir. Damit würde Indien der pakistanischen Armee eine entscheidende Niederlage zufügen (wie schon 1971 in Bengalen) und ganz Kaschmir würde dem indischen Staat angeschlossen werden.

Ein solcher Verlauf der Dinge ist aber vollkommen unwahrscheinlich. Erstens würde ein richtiger Krieg sich ausbreiten. Selbst ohne Atomwaffen birgt das Arsenal der sogenannten konventionellen Waffen ein ungeheures Zerstörungspotential in sich. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die pakistanischen Generäle (besonders die Fundamentalisten unter ihnen), wenn sie vor der militärischen Niederlage stehen, ihre Atomwaffen einsetzen würden.

Ein offener Krieg würde die ohnehin schon anfälligen Volkswirtschaften der Region vollständig ruinieren. Völkermord und ökonomische Schäden würden über Generationen hinaus ihre Spuren hinterlassen.

Heute kommt in Kaschmir auf fünf Einwohner ein indischer Soldat. Trotz des massiven Militäreinsatzes konnte der Widerstand der Kaschmiris nicht gebrochen werden. Die Unzufriedenheit und Demoralisierung in den indischen Truppen ist groß, es gibt viele Fälle von Desertion. Wie sollte es da erst möglich sein, das gesamte Kaschmir zu kontrollieren? Die Geschichte hat immer wieder bewiesen, dass brutale militärische Gewalt, wie mächtig sie auch sein mag, nicht im Stande ist, ein aufständiges Volk zu besiegen.

Variante drei: Balkanisierung Kaschmirs

Das dritte diskutierte Szenario beinhaltet die "Balkanisierung" Kaschmirs. Damit ist eine Aufteilung Kaschmirs in drei oder mehr Stücke gemeint. Die mehrheitlich hinduistischen Gebiete würden Indien zugeschlagen werden, Azad-Kaschmir käme an Pakistan, und das von kaschmirischen Moslems bewohnte Tiefland würde zum unabhängigen Gebiet unter dem Schutz der UN erklärt werden.

Eine solche Balkanisierung Kaschmirs würde die Situation nur noch weiter verschlimmern und mehr Unheil und Blutvergießen bewirken, als es verhindern könnte. Dafür hat Jugoslawien das beste Beispiel geliefert. Die Menschen, die seit Generationen mit diesem ungelösten Problem leben, würden eine solche Aufspaltung niemals akzeptieren. Das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht werden. Der Ausweg für Kaschmir kann nur in einer höheren Form menschlichen Zusammenlebens liegen, nämlich in Einheit und Solidarität.

Ein unabhängiger Staat Kaschmir?

Die beliebteste Variante einer Lösung der Kaschmir-Frage ist die totale Unabhängigkeit und Bildung eines selbständigen Staates. Diese Idee übt eine stark sentimentale und nostalgische Anziehungskraft auf die Kaschmiris aus. Für Marxisten ist es natürlich klar, dass die Bewohner Kaschmirs, wie jede andere unterdrückte Nationalität, ein Recht auf Selbstbestimmung haben - inklusive das Recht auf Bildung eines eigenen Staates. Aber damit ist das Problem natürlich noch nicht gelöst.

Wirkliche Emanzipation einer unterdrückten Volksgruppe muss mit einem sozialen und ökonomischen Wandel einhergehen. Unter halb kapitalistischen und halb feudalen Bedingungen ist die Bildung eines modernen Staates nicht möglich. Einem solchen System fehlen die wirtschaftlichen Vorraussetzungen zur Einheit. Es ist keine Infrastruktur vorhanden, um eine ethnisch, religiös, kulturell, traditionell und sprachlich so verschiedene Bevölkerung - noch dazu auf unwegbarem Terrain - wirklich zu vereinigen.

Eine Abspaltung Kaschmirs würde auch drastische Auswirkungen auf Indien und Pakistan haben und die ideologischen Grundfesten beider Staaten erschüttern. Auf dem gesamten Subkontinent gibt es ethnische und nationale Konflikte. Durch eine Abspaltung Kaschmirs würden die Befreiungsbewegungen von Belutschistan bis Assam und Sindh neue Motivation erhalten. Daher ist ein solches Szenario für die herrschende Klasse in den bürgerlichen Staaten der Region schlichtweg unakzeptabel.

Entscheidend ist die Frage, auf welchen sozialen und ökonomischen Grundlagen ein solcher Staat errichtet werden würde.

Unter kapitalistischen Bedingungen würde Kaschmir mit Sicherheit ein Opfer des Imperialismus werden und sich im Würgegriff von IWF und ähnlicher Institutionen wiederfinden. "Hilfe" von außen in Form von Krediten würde letztendlich zu einer Verschärfung der Armut im Land führen. Daraus würden notwendigerweise neue Konflikte (vordergründig) ethnischer, religiöser oder sprachlicher Natur entstehen.

Allein im indisch besetzten Teil des Landes gibt es offiziell acht verschiedene Sprachen. Kaschmir besteht aus drei Hauptregionen, dem Tiefland, Jammu und Ladakh. Ladakh ist mit seinen 200.000 Einwohnern, die hauptsächlich in Leh wohnen, vom Rest des Subkontinents abgeschnitten. Die einzige Verbindung ist der Zojila-Pass (3.450 m üdM). Dieses Gebiet wird hauptsächlich von tibetisch-mongolischen Volksgruppen bewohnt. Zusätzlich gibt es enorme religiöse und sonstige Unterschiede. Eine so unterschiedliche Bevölkerung auf derart zerklüftetem Terrain zu vereinen ist eine wahre Herkulesaufgabe, zu deren Erfüllung eine gewaltige Entwicklung auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet und riesige Investitionen vonnöten wäre. Wenn in Indien und Pakistan, die reicher an natürlichen Ressourcen sind, eine solche Entwicklung nicht möglich war, wie sehen dann erst die Perspektiven für ein kapitalistisches Kaschmir aus?

Eine andere Idee einiger nationalistischer Führer in Kaschmir ist eine Art Osloer Vertrag. Aber was haben die Verträge von Oslo und Madrid für den Nahen Osten erreicht?. De facto ist die Lage der Palästinenser zur Zeit schlimmer als vor der Unterzeichnung dieser Verträge. Bisher hat noch jedes Abkommen der Konfliktparteien, das unter Aufsicht der UN oder des US-Imperialismus zustande kam, im Desaster geendet.

Für ein sozialistisches Kaschmir. Es gibt keinen anderen fortschrittlichen Ausweg

In den Grenzen des jetzigen Systems können weder Krieg, noch Frieden, noch Diplomatie noch Verhandlungen das Problem lösen. Hier sind weitaus radikalere Schritte nötig. Um Kaschmir aus dem Würgegriff des Imperialismus zu befreien, um seine Bevölkerung von Armut und Elend zu erlösen, ist eine Revolution nötig. In der Vergangenheit hat die Bevölkerung des Landes trotz ihres heroischen Einsatzes relativ wenig erreicht. Daran trägt die ideologische und programmatische Verwirrung seitens der Anführer der Bewegung schuld.

Der Befreiungskampf des kaschmirischen Volkes muss von den unterdrückten Klassen Indiens und Pakistans sowie des gesamten Subkontinents unterstützt werden. Gleichzeitig bedarf es aber auch der Unterstützung der Arbeiter in den entwickelten Ländern und auf der ganzen Welt, das heißt es ist ein internationales Bündnis auf Klassenbasis. Das Prinzip heißt internationale Klassensolidarität. Schließlich sind die Leiden und der Kampf für Emanzipation auf der ganzen Welt die gleichen. Der Kampf um nationale Befreiung muss in einem sehr frühen Stadium in Klassenkampf verwandelt werden. Nur auf dieser Basis ist der Aufbau eines unabhängigen, sozialistischen Staates Kaschmir möglich.

Ein sozialistisches Kaschmir kann unmöglich in den engen Grenzen seiner geographischen Lage überleben. Noch nicht einmal in der Sowjetunion, auf einem Fünftel der Erdoberfläche, konnte das Modell des Sozialismus in einem Land funktionieren. Insofern ist es objektiv notwendig, die Revolution in Kaschmir über den gesamten Subkontinent auszubreiten (und natürlich auch umgekehrt). Eine sozialistische Revolution in Kaschmir kann zur Flamme der Hoffnung für die arbeitenden Klassen und unterdrückten Völker in der gesamten Region werden. Sie legt damit die Grundlage für die Bildung einer sozialistischen Föderation des indischen Subkontinents, als ersten Schritt zu einer sozialistischen Welt.

Lal Khan

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