Kategorie: Europa

Europa könnte das schaffen, will aber nicht!

Unser Autor berichtet über die Lage der ankommenden Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos und seinen Einsatz als Helfer.


Das Meer glänzt in der Sonne, der Wind rauscht. Das ist Griechenland auf Lesbos, eigentlich. Doch spätestens seit Beginn diesen Sommers ist Lesbos zu einem der vielen Brennpunkte europäischen Versagens, aber auch ehrenamtlichen Engagements geworden. Von überall her kommen Leute, um zu helfen. Die einen brachen ihren Urlaub ab, verlängerten ihn des Helfens wegen, andere reisten extra an. Wie wir. Als Gruppe von acht Freiwilligen reisten wir im Oktober 2015 aus Braunschweig und Ostfriesland nach Lesbos, um gemeinsam mit vielen anderen Engagierten aus vielen verschiedenen Ländern die Situation der Flüchtlinge vor Ort zumindest etwas erträglicher zu machen. Die dort gemachten Erfahrungen sprechen eine deutliche Sprache. Insbesondere wurde deutlich: Ehrenamtliches Engagement ist wichtig, aber staatlich geschaffene Strukturen und eine bessere Finanzierung müssen auch vorhanden sein. Nicht nur das. Die tödliche und schon in ihrer Intention unmenschliche Abschottungspolitik der EU gehört abgeschafft. Das Tragen des Friedensnobelpreis der EU ist purer Zynismus. Die Politik muss sich ändern, derzeit läuft einiges schief. Ein Grund mehr, zu helfen.

Wir hatten die Möglichkeit, innerhalb einer Woche die Situation der Flüchtlinge kennenzulernen und auch ganz konkret zu helfen. Auf Lesbos kommen täglich mehrere hundert Flüchtlinge, teilweise auch Tausende, nach ihrer Überfahrt von der Türkei an. Der erste europäische Boden. An einer Stelle beträgt die Entfernung zwischen Griechenland und der Türkei lediglich neun Kilometer. Dort, an einem 11 Kilometer langem Strand, erreichen die Schiffe Griechenland. Jubelschreie sind so gut wie immer zu hören. Von dort aus werden die Menschen, meist ausgestiegen aus einem Schlauchboot, mit Bussen zum Camp ,,OXY“ transportiert. Dort angekommen reiht man sich in eine Schlange ein. Mensch stellt sich für Bustickets zur Weiterfahrt und Essensgutscheine an. Eine offizielle Registrierung findet noch nicht statt. In jenem Camp warten die Menschen auf ihren Bus zur Weiterfahrt, um in die Nähe des Hafen zu gelangen, von wo sie nach der ersten offiziellen Registrierung nach Piräus weiter fahren.

Wir waren meist rund um das Lager ,,OXY“ eingesetzt. Unsere Aufgaben waren stets verschieden und wirklich zu Planen ist wenig. Jeden Tag aufs Neue muss geschaut werden, wie viele Flüchtlinge tatsächlich ankommen und welche Aufgaben anstehen. Zu Beginn unseres Engagements trafen wir uns mit einigen anderen Freiwilligen im ,,Captains Table“, ein lokales, teilweise zur Verfügung gestelltes Restaurant, um kurz in die Abläufe der Flüchtlingsversorgung eingeführt zu werden. Aufgrund mangelnder staatlicher Strukturen gab es an manchen Stellen der Organisation Defizite, wenngleich die Leistung der Organisatoren und HelferInnen beeindruckend gewesen sind. Täglich gab es vier verschiedene Schichten, in die mensch eingeteilt wurde. Die erste ging von 00:00-07:00 Uhr, die zweite von 07:00-13:00 Uhr, die dritte von 13:00-17:00 Uhr und die letzte des Tages von 17:00-24:00 Uhr. Seine Einteilung erfuhr mensch über den Schichtplan, welcher jede Nacht verschickt wird. Absprachen und Nachfragen liefen oft über eine WhatsApp Gruppe, das zentrale Kommunikationsmittel der Helfer*innen vor Ort.

Am Strand wurden die Boote empfangen. Unüberhörbar waren die Jubelschreie und die damit verbundene Hoffnung auf ein besseres Leben. Aufgabe der Helfer*innen dort war meist, zum einen die Boote in Empfang zu nehmen, eine Erstversorgung mit zu gewährleisten und den Bustransport hin zu ,,OXY“ zu organisieren. Oftmals waren diese Aufgaben mit starken Emotionen verbunden.

Anschließend wurden die Menschen zu ,,OXY“ transportiert. Die Aufenthaltsdauer dort betrug zwischen einigen Stunden und bis hin zu zwei Tagen. Dort sind die meisten Helfer*innen eingesetzt. Die dortigen Aufgaben sind vielfältig. Am ersten Tag hatten wir die Aufgabe, Milch an Kinder und Jugendliche unter 13 wie auch an schwangere Frauen zu verteilen. Eine ganz banale, aber ebenso wichtige Aufgabe. War die Milch ausgegeben, lächelten die meisten Kinder. Anfangs war es wirklich schwierig, emotional nicht so gerührt zu sein, als dass mensch Tränen in den Augen hatte. Der erste Tag verging unglaublich schnell. Wir waren ständig in Bewegung, um im ganzen Camp die Milchversorgung sicherzustellen. Der erste Eindruck des Camps war leider nicht wirklich positiv. Die sanitären Einrichtungen reichen mitnichten aus. Eine Dusche für täglich durchschnittlich bis zu tausend Menschen, einige komplett dreckige Toiletten. Das war alles.

Im Camp haben wir gemeinsam mit anderen Freiwilligen wie auch Flüchtlingen stetig Decken und Müll gesammelt. Wir haben uns teilweise geekelt, da, bedingt durch mangelnde Mülleimer, der hygienische Zustand des Lagers schlecht gewesen ist und sich durch viele Bettenlager teilweise Müllschichten gebildet haben. Dem wollten wir vorbeugen und haben verlassene Bettdecken sortiert und gestapelt. Im Anschluss konnten wir dann endlich den Müll aufsammeln. So war die weitere Benutzbarkeit des Lagers nach wie vor sichergestellt. Für uns war es eine der eher schwierigeren Aufgaben. Wir mochten uns gar nicht vorstellen, wie es für Menschen ist, umringt vom Müll zu schlafen.

Ein weiterer Einsatzort war die Essensausgabe direkt im Camp. Jeder Flüchtling erhielt Essensgutscheine. Pro Gutschein wurden ein Sandwich, eine Banane oder ein Apfel und eine Flasche Wasser ausgegeben. Das Essen war rationiert, Wasser gab es nach Belieben. Die Aufgaben rings um die Essenausgabe bestanden zum einen darin, die Schlange zu organisieren. Drängeleien und so weiter sollten so gut wie möglich verhindert werden. Die anderen waren im Essenszelt tätig, um die Versorgung stattfinden zu lassen. Auch war es wichtig, jederzeit für Nachschub zu sorgen.

Die Eindrücke und Erfahrungen sind einprägsam. Das Lager, die allgemeine Flüchtlingsversorgung und der politische Rahmen rund um Lesbos sind derzeit in keinem guten Zustand. Die Menschen in OXY müssen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Die Hygiene des Lagers, die vorhandenen sanitären Strukturen wie auch die Unterbringung sind katastrophal. Nicht einmal Liegen gab es vor Ort. Glücklicherweise halten sich die Flüchtlinge nur bis zu zwei Tage in OXY auf, so dass mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten und Perspektivlosigkeit weniger zum Tragen kommen. Wenn die Familien in den Bus in Richtung Hafen steigen, haben sie eine Etappe gemeistert. Ein weiterer schwieriger und kaum vorstellbarer Weg liegt aber noch vor ihnen.

Da wir das Leid und den Zustand insbesondere des Lagers und daran hängender Strukturen gesehen haben, beschäftigten wir uns selbstverständlich auch mit der europäischen Flüchtlingspolitik. Die Erfahrungen gaben einen guten Anstoß.

Mit der Europäischen Union und ihrer Flüchtlingspolitik werden meistens die Worte ,,Festung Europa“ und Abschottungspolitik verbunden. Zu Recht! Die EU nimmt bewusst viele Tausend Tote in Kauf, nur um Symbolpolitik zu betreiben. Dass die EU den Friedensnobelpreis trägt, ist eine Schande. Die EU macht sich auf verschiedenste Art und Weise schuldig. Getarnt als „Kampf gegen Schleuserbanden“ werden täglich Flüchtlingsboote gerammt oder einfach wieder zurückgeschickt. Oft mit tödlichen Folgen. Indem sich die EU abschottet und damit sichere Fluchtwege verhindert, fliehen nicht weniger Menschen, nein, sie suchen sich nur andere Wege und sind auf Schlepper angewiesen. Der andere Weg heißt meistens Mittelmeer. Es ist augenscheinlich: Dieser Fluchtweg ist um einiges gefährlicher. Das Mittelmeer wird nicht ohne Grund als Massengrab Europas bezeichnet, in dem jedes Jahr mindestens 36.000 Menschen kentern und ertrinken. Die Schlussfolgerung daraus könnte jetzt sein, eine Mission wie ,,Mare Nostrum“, welche in einem Jahr über hunderttausend Menschen aus Seenot gerettet hatte, in Gang zu bringen. Doch die Situation der Seenot könnte auf das Minimalste verringert werden, sofern die EU endlich sichere und legale Einreisewege schaffen würde. Fähren statt Schlauchboote! Solche Rettungsmissionen wären gar nicht mehr nötig. Der Massentod an Europas Außengrenzen könnte gestoppt werden.

Die Überschrift meines Berichts ist mit ,,Europa kann, will das aber nicht schaffen“ betitelt. Dahinter steht zum einen das direkte Resultat unserer Erfahrungen, aber auch eine hochpolitische Erkenntnis. Die Leistungen der Ehrenamtlichen auf Lesbos haben eine große Wirkung gezeigt, ohne dass der griechische Staat oder die EU irgend etwas außer der Kriminalisierung der Helfenden unternommen hätten. Wenn auch von staatlicher Seite etwas käme, dann ließen sich die Probleme tatsächlich lösen. Auch in ganz Europa kann die Flüchtlingskrise gelöst werden. Das Geld ist vorhanden, die Aufgabe muss nur angepackt werden. Doch Europa will und wird es nicht schaffen, egal wie menschlich die Rhetorik von Frau Merkel etc. auch sein mag. Wer rassistische Gesetze verabschiedet und der kapitalistischen Profitlogik anhängt, zeigt sein wahres Gesicht. Das kapitalistische Europa scheint die Verantwortung für die von seiner Politik ausgehenden Fluchtursachen nicht tragen zu wollen. Kapitalismus und Imperialismus schaffen weltweit durch Ausbeutung und destabilisierende militärische Interventionen Fluchtursachen. Hier müssen wir ansetzen. Unsere Solidarität gilt der Arbeiterklasse und den unterdrückten Menschen und ihrem Widerstand weltweit.

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